Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Referenzstrukturen



Die an Beispielen der Konkreten Poesie veranschaulichten Annahmen über die Bedingungen fremdkulturellen Lesens lassen sich - mit einiger Vorsicht - auch auf andere literarische Texte übertragen. Ganz sicherlich spielt es für den nichtmuttersprachlichen Deutschlerner eine beträchtliche Rolle, wieviel spezifisch deutsches Kulturwissen, wie viele Details einer speziell deutschen Traditionsreihe einem Text in der Weise eingeschrieben sind, daß sie als ,zu wissende' Elemente im Leseprozeß fungieren. Sicherlich läßt sich von den bisher vorgestellten Texten sagen, daß die von ihnen vorausgesetzte Menge kulturhistorischen Wissens verhältnismäßig eng umschrieben ist, daß darüberhinaus die Perspektivierung dieser referen-ziellen Details im Text sehr übersichtlich angelegt ist. Das läßt sich durchaus nicht von allen literarischen Texten vergleichbarer Kürze sagen. Ja, gerade für die Lyrik des 20. Jahrhunderts gilt, daß nicht nur die Referenzstruktur eine äußerste Komplexität annehmen kann, sondern daß auch die Darstellungsschemata, mittels derer das referenzielle Details seine Perspektivierung erfährt, den Leser oft vor Schwierigkeiten ganz eigentümlicher Art stellen. So wird eben oft gerade nicht deutlich, wann die Präsentationen von Außenwelt und Innenwelt abwechseln, wann ein Figurenbewußtsein und wann ein umfassendes Erzählerbewußtsein als Subjektszentrum anzunehmen ist. Die sich für den Leser hieraus ergebenden Schwierigkeiten könnte man textsyntaktische Schwierigkeiten nennen. Diese sind im Prinzip für den muttersprachlichen und den fremdkulturellen Leser gleich. Allerdings dürften sich die textsyntaktischen Probleme für einen fremdkulturellen Leser immer dann akut verschärfen, wenn er gegenüber den referentiell aufgegriffenen Elementen von Vor-Erfahrung Unsicherheit empfindet, wenn er einen Namen, ein zitiertes literarisches Vorgängerwerk nicht kennt, wenn er einen Bildzusammenhang nicht fassen kann, wenn metaphorischen Zusammenhängen gegenüber seine konnotative Unsicherheit ihm zu Bewußtsein kommt. Wie oben bereits angedeutet, dürfte die tatsächliche oderauch nur die aus dem Bewußtsein der eigenen Fremdkulturalität entstammende und somit nur projektive Schwäche des nichtmuttersprachlichen Lesers im Bereich der Textsemantik auch auf den textsyntaktischen Aspekt übergreifen und womöglich zu einer Hemmung oder gar Blockierung beim Auffüllen der Anschlußstellen kraft eigenen Vorstellungsvermögens führen.
      Um das abstrakt Vorgetragene zu veranschaulichen, möchte ich einen Text einführen, der an einer universalen Frage menschlicher Kulturentwicklung referentiell ansetzt und der zugleich eine sehr übersichtliche innertextliche Perspektivierung zeigt:
Bertolt Brecht

Die Frage, ob es einen Gott gibt
Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: 'Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott."
Diese zu den Keunergeschichten gehörende Minimalerzählung von einem nur ganz schwach bezeichneten auktorialen Erzähler vorgetragen, besteht aus einer Frage und einer Antwort, die Frage ist in indirekter Rede gegeben, die Antwort in direkter. Die Antwort freilich besteht nicht in einer inhaltlichen .Antwort auf das Gefragte', sondern aus einer Antwort insofern, als die Ã"ußerung des Fragers eine Gegenrede des Antwortenden hervorruft. Diese antwortverweigernde Antwort besteht aus zwei Teilen, und diese Teile stellen zwei Aufforderungen an den Fragenden dar, die Umstände und Motive seines Fragens noch einmal zu überdenken. Insofern ist dieser Text, wie man leicht sehen kann, gar nicht leicht zu ,verstehen'. Seine Deutung, seine Auslegung verlangt schon einige Mühe. Aber er ist, so möchte ich behaupten, leicht zu lesen. Diese Lese-Leichtigkeit bringe ich einerseits mit der Universalität der 'Frage ob es einen Gott gibt" zusammen, also dem referentiellen Aspekt, andererseits mit der kommunikativen Ãobersichtlichkeit und Vertrautheit des Frage-Antwort-Schemas. Die Schwierigkeit, die der Text gleichwohl behält, ist im wesentlichen eine der Konsistenzbildung: Daß die Antwort auf die erste der beiden angenommenen Möglichkeiten von Fragemotivation hin verweigert wird, mag noch relativ glatt verständlich sein; aber warum wird eine inhaltliche Beantwor-tung auch für den zweiten angenommenen Fall verweigert? Wieso braucht für diesen angenommenen Fall der Fragende einen Gott? Wie hängt die Verweigerung der inhaltlichen Antwort mit dieser Schlußfolgerung zusammen? Ist einer, der einen Gott braucht, kein Gesprächspartner? Was macht ihn einer Antwort unwürdig? Seine Autoritätsfixiertheit? Dann wäre schon die Frage, ob es einen Gott gibt, Ausdruck von solcher Autoritätsfixiertheit? Dann wäre gerade diese Frage keine wirkliche Frage"! Dann sähe sich der Befragte womöglich der Zumutung ausgesetzt, selbst als Autorität zu fungieren, als Gott zu fungieren? Dann wiese also der die Frage nicht beantwortende Antworter darauf hin, daß er nicht bereit sei, in ein unsymmetrisches Kommunikationsverhältnis einzutreten? Was für eine Beziehungsform der Kommunikation wünscht er dann? Eine solche Fragereihe, das soll hier betont werden, ergibt sich dann, wenn der Text erst einmal gelesen ist. Seine Lese-Struktur in dem oben angedeuteten Sinn hat mit den in meiner Fragenreihe entfalteten Problemen nichts zu tun. Ich halte daher diesen Text für lohnend einsetzbar im Unterricht des Deutschen als Fremdsprache.
      An einem weiteren Textbeispiel möchte ich nun zeigen, wie komplex die Referenzstruktur eines literarischen Textes sein kann. Obgleich dieser Text auch muttersprachlichen Lesern gewisse Leseschwierigkeiten bieten dürfte, dann nämlich, wenn diese nicht über eine ganze Menge literarhistorischen Detailwissens verfügen, möchte ich durchaus nicht dafür plädieren, auf eine interkulturelle Vermittlung dieses oder ähnlicher Texte zu verzichten. Allerdings meine ich, daß sehr genau überlegt werden muß, was vor der Lektüre dieses Textes für die jeweilige Rezipientengruppe an Vorausinformation zu liefern ist. Nun, diese Erwägungen sind auch bisher schon in der fremdkulturellen Literaturdidaktik jeweils angestellt worden. Darüberhinaus möchte ich aber vorschlagen, zu prüfen, ob es nicht angebracht sein könnte, gerade bei der Komplexität der Referenzstruktur einzusetzen, diese als ein bedeutendes Charakteristikum dieses Textes, dieser Epoche, nämlich der deutschen Klassik zu sehen.

      Johann Wolfgang Goethe
Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
      Hier befolg' ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß. 5 Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd' ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
      Und belehr' ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busen
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab? Dann versteh' ich den Marmor erst recht: ich denk' und vergleiche, 10 Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand. Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin. Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen; Ãoberfällt sie der Schlaf, lieg' ich und denke mir viel. 15 Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer,
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust. Amor schüret die Lamp' indes und denket der Zeiten, 20 Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.
      Obgleich dieser lyrische Text von einem rasch ausmachbaren Blickpunkt aus Ã-rtlichkeit, Zeit, Umstände und Ablauf des Geschehens perspektiviert und übersichtlich macht, gehen doch die Darstellungsschemata mehrfach ineinander über: Ansage von Gefühl, Befinden, Ereignisbericht, Reflexion, szenische Ausmalung usf... Ãobergänge zwischen den Darstellungsschemata markieren auch die Anschlußstellen der ganz verschiedenartigen Bezugnahmen auf Welt. Folgende Referenzschemata lassen sich im einzelnen unterscheiden:a Die Autorenvita in der Tendenz der Individuierung: Der Bezug auf den Autor als Individualität ergibt sich nicht so sehr aus der Verwendung des Personalpronomens 'ich", welches auch in typisierender Tendenz den Umriß des lyrischen Ichs allgemein, also des Textsprechers, ja vielleicht sogar den Typus des Dichters anzeigen könnte; sie ergibt sich vielmehr aus der expliziten Bezugnahme auf mühelos wiedererkennbare Details der Autorenvita: Ort- und Zeitangaben weisen auf eine räumliche Veränderung im Leben hin.b Das Werk des Autors:
In Zeile 15 f. wird in einer Art reflexiver Schleife der Darstellung auf das Entstehen der Elegietexte, vielleicht sogar des vorliegenden individuellen Elegie-Textes selbst Bezug genommen: so ist dieses Gedicht entstanden! Daß dieser Hinweis wieder fiktiven Charakter hat, daß die Elegietexte erst nach der Rückkehr aus Italien niedergelegt worden sind, ist ein Wissenselement, das dem Leser dieses Textes nicht notwendig abverlangt wird.c Die kulturgeschichtliche Reihe
Ãober den Gattungsbegriff,Elegie', über die im Text explizit angesprochene Versform des Hexameter, mithin über den Wechsel von Hexameter und Pentameter, die Form des Distichons also, wird der Text als Nachfolgertext, als literaturhistorisches Gattungszitat charakterisiert. Damit tauchen über die Begrifflichkeit des poetologischen Inventars auch die literaturgeschichtlichen Vorgängergestalten auf: Catull, Tibull, Properz, die drei in der letzten Zeile sogenannten 'Triumvirn" der Elegiedichtung sind genannt. Und von diesen wenigen Fäden gezogen, taucht das ganze Netz römischer Klassik und deren Renaissance in der deutschen Kultur im 18. Jahrhundert vor uns auf: der Marmor, die Plastik also, die, auch wenn sie nun in Rom steht und in Rom zu besichtigen ist, zuallererst griechische Plastik ist; die Vatikanischen Museen, Winckelmann!d Lebenspragmatik, das menschliche Universale der Liebe: In ihrer schematisierten Aufnahme in den Text klingen eine Reihe von Motiven an, die auch ihrerseits wieder über ihre Zitathaftigkeit in die literarische Reihe der elegischen Vorgängertexte rückordenbar wären; ja, man könnte sogar die Topik der sinnlich erfüllten Liebe, vielleicht sogar der ,niederen Minne' in dem Gedicht wiederfinden. Aber in einer bemerkenswerten Resistenz gegen die literarhistorisch vorgegebene Typik der Darstellung des Universals ,Liebe' beharrt der Text auf der unmittelbaren Anschaulichkeit der Le/Ã"erfahrung und setzt somit die Tendenz der Individuierung der dargestellten Vorgänge bis in das Bewußtsein dieser Individualität fort .
      Ich stelle es mir schwierig vor, all dies vorher zu Wissende einer Gruppe fremdkultureller Leser sozusagen nebenbei zu vermitteln. Wenn die Vorausinformationen, die notwendig sind, einmal einen solchen Umfang annehmen, besteht die Gefahr, daß der Text selbst von ihnen erdrückt wird. Daher mein Vorschlag: Man sollte von vornherein darauf abheben, das für einen interkulturellen Vermittlungsprozeß Wesentliche an diesem Text eben in der komplexen Ausformung einer Referenzstruktur aufzusuchen, gerade diese auf den epochalen Hintergrund der Klassik, die in dieser Zeit geleistete enorme Synthetisierung aller nur denkbaren Erfahrungsweisen des Menschen zu spiegeln.
     

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