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Die Position des fremdkulturellen Lesers



Konkrete Poesie im Anfangsunterricht Deutsch als Fremdsprache - und danach?
Meine literaturdidaktische Urszene hatte ich bei meinem ersten Auslandsaufenthalt in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Eine meiner Aufgaben bestand darin, einer Gruppe von Studenten, die sich für das Deutsche als Hauptfach entschieden hatten, die Geschichte der deutschen Lyrik nahezubringen. Das sollte innerhalb eines Semesters und bei zwei Stunden pro Woche geschehen. Als ich einmal angefangen hatte, über die Auswahl der Texte nachzudenken, die ich als Exempla benutzen wollte, geriet ich in akute Schwierigkeiten. Das galt nicht so sehr für Epochen, in denen verhältnismäßig wenig Lyrik produziert worden war, wie z.B. im 16. Jahrhundert; es galt besonders für die Epochen, von denen uns eine Überfülle von lohnend erscheinenden Texten überliefert worden ist, also besonders für die Zeit der deutschen Klassik, besonders für das Werk Goethes. Um die Entwicklung von Goethes Naturlyrik zu demonstrieren, hatte ich mich unter anderem für das Gedicht Auf dem See entschieden, dessen Anfang lautet:
Und frische Nahrung, neues Blut

Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,

Die mich am Busen hält!'
Wie auch immer meine Studenten die vorher behandelten Gedichte in meinem Lyrikkurs gelesen haben mögen, dieses Gedicht lasen sie offenbar mit wenig Verständnis, sprachen darüber mit deutlichem Widerwillen. Sie fanden, daß das Gedicht eigentlich gar nichts sage. Obwohl ich davon ausgegangen war und sicherlich auch zu Recht davon ausgehen konnte, daß die Busen-Metapher sich interkulturell gut vermitteln würde, war die Verherrlichung der Natur als nährender Mutter von meinen Studenten offenbar nicht angenommen worden. Was war geschehen? Erst allmählich wurde mir klar, daß die Vorerfahrung meiner Partner im Lesergespräch sich gegen den vorstellungshaften Nachvollzug der Bilder von Natur in einembuddhistischen Tropenlande sich von der Goetheschen Naturerfahrung entschieden trennte.
Hatte ich also, indem ich einen für Epoche und Autor "repräsentativen" Text ausgewählt hatte, den falschen Text gewählt? Hätte sich die markante Fremdheit des Textes, die er gegenüber einem buddhistischen Leser in einem Tropenlande entfaltete, vermeiden lassen? Also: Hätte ich die Erfahrung von Fremde durch entsprechende Vorauserklärungen entschärfenkönnen und sollen?
Indem ich dieser letzten Frage nachging, wurde mir klar, daß auch noch so ausführliche und noch so gut gewählte Erklärungen diesen Zweck nicht erfüllt hätten. Selbst wenn ich Goethes Naturbegriff bis auf Spinoza zurückverfolgt hätte, wäre die emotive, an den Bildungsvorstellungen hängende Distanz meiner Studenten auf den Text geblieben.
      Ähnlich verwirrende Erfahrungen machte ich bei meinem zweiten Auslandsaufenthalt, in Japan. Dort verlegte ich den Schwerpunkt meiner Literaturvermittlung auf solche Texte, in denen sich deutsche Wirklichkeit im lebenspraktischen Detail, in ihrer gesellschaftlich-historischen Bedingtheit abbildete. Ich versuchte insbesondere solche Texte zu finden, in denen das Verhältnis des Individuums zur gesellschaftlich strukturierten Allgemeinheit sich abbildet: denn mir war klar geworden, daß sich gerade unter diesem Aspekt markante Unterschiede zwischen Japan und Deutschland ergeben würden. Dabei hielt ich das realistische Detail für interkulturell vergleichsfähiger als die Abstraktionen des sogenannten kulturellen Überbaus. Aber auch diese meine Annahmen erwiesen sich als problematisch. Meine japanischen Gesprächspartner sagten mir, daß gerade die konkreten Texte, wie etwa Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Heinrich Böll sie geschrieben haben, ihnen die schlimmsten Leseschwierigkeiten bereiteten; daß sie sich viel lieber in den Höhen der Abstraktion bewegten, wie sie sich etwa - dieses Beispiel wurde mir explizit genannt - in dem Tagebuch der Griechenlandreise Hugo von Hofmannsthals auffinden ließen. Offenbar, so mußte ich mir sagen, vermitteln sich begriffliche Abstraktionen auch zwischen sehr entfernten Kulturen doch leichter als die Darstellung konkreten kulturhistorischen Details. Aber sollte die Vermittlung denn leicht, sollte sie denn glatt sein? Kam es nicht darauf an, die konkrete Fremde zu sichern, den Anspruch und die Chance des sehr Anderen aufrecht zu erhalten? Sicherlich, auch!, sagte ich mir. Aber bestand meine Aufgabe als eines Kulturvermittlers durch Literatur nicht gerade darin, solche Texte als Bei-spiele auszuwählen, die einerseits die Fremde in sich trugen, die eine große, ja extreme Distanzerfahrung möglich machten, die andererseits den fremdkulturellen Lesern doch eine gute Chance boten, diese Fremde für sich zu entdecken, sie im Leseakt selbst zu realisieren. Wie aber waren solche Texte auszumachen? Unter welchen Prämissen war die Auswahl solch geeigneter Exempla der Vermittlung zu reflektieren?
Während meines Japanaufenthaltes in der zweiten Hälfte der 60er Jahre erschienen einige Arbeiten, die einen markanten Methodenwechsel in der Philologie signalisierten. Ich meine den Übergang vom produktions-zum rezeptionsorientierten Deuten der Texte. Zu der Herbeiführung dieses Umschwungs haben viele Wissenschaftler und Wissenschaftsschulen beigetragen. Zu nennen sind der russische Formalismus, der sogenannte tschechische Strukturalismus, vor allem die Arbeiten von Jan Muka-fowsky, zu nennen ist die Texttheorie Roman Ingardens, vor allem aber die Arbeiten zweier deutscher Wissenschaftler - bemerkenswerterweise beides Fremdkulturwissenschaftler -, des Romanisten Hans Robert Jauß und des Anglisten Wolfgang Iser. Mir wurde rasch klar, daß die sogenannte Rezeptionsästhetik einen theoretischen Hintergrund für die Reflexion der Probleme einer interkulturellen Literaturvermittlung abgeben konnte. Denn indem sie an einem literarischen Text gerade das herausarbeitete, wie der Text die Aktivitäten des Lesers im Leseakt steuert, legte sie auch die Strukturen frei, innerhalb deren Grenzen sich die je subjekthafte Vorstellungsenergie des Lesers zu entfalten hat. Und die Position des Lesers ist es ja, von der im Prozeß der interkulturellen Vermittlung von Literatur die Erfahrung von Andersheit, ja von noch unbegriffener Andersheit, also von Fremde, gemacht wird. Bei der Differenz zwischen dem muttersprachlichen und dem nicht-muttersprachlichen Leser ist also einzusetzen, wenn man ein Konzept der interkulturellen Hermeneutik entwickeln will.
      So beschäftigte ich mich denn während meines Japanaufenthaltes und in den Jahren danach mit der sogenannten "Appellstruktur" der Texte, den Unbestimmtheitsbeträgen im literarischen Text, die sich einerseits aus der schon von Ingarden beschriebenen semantischen Unbestimmtheit der Texte ergeben, die Wirklichkeit nur "in schematischer Hinsicht" abbilden, wie sie andererseits in Realisierung und Füllung der sogenannten Schnittstellen, Leerstellen oder auch Anschlußstellen im literarischen Text zur Geltung kommen. Ich verzichte hier auf eine detailliertere Theoriediskussion, halte für meinen folgenden Gedankengang nur dieses fest: Offenbar kommt gerade den textsyntaktisch relevanten Schnitt- oder Anschlußstellen bei der interkulturellen Vermittlung eines literarischen Textes insofern

Bedeutung zu, als gerade durch sie das - je verschiedene - Vorstellungspotential des Lesers auf den Plan gerufen wird. Diese Leseraktivität, die den Text im Leseakt erst konkretisiert, kann aber nur dann wirksam werden, wenn - auch - der fremdkulturelle Leser auf den Appellcharakter des Textes zu reagieren wagt, wenn er seine eigenen Vorerfahrungen und Vorstellungsgewohnheiten ins Spiel zu bringen verlockt wird, wenn er, kurz gesagt, von dem hemmenden Zweifel befreit ist, er lese den Text womöglich durch Fremdheit falsch! Dieses latente ,fremde Gewissen' spielt bei jedem Versuch, kulturelle Distanz lesend zu überwinden eine beträchtliche Rolle. Die Fragen, die ihm zugrunde liegen, lauten: Lese ich nicht, auch wenn ich sprachlich den Text verstehe, anders als ein muttersprachlicher Leser? Lese ich damit nicht anders, als der vom Text intendierte Leser? Verstehe ich das vom Text Angedeutete richtig? Weiß ich im Hinblick auf den Text genug? Weiß ich im Hinblick auf den Text das Richtige? Diese skrupulösen Fragen dürften umso virulenter sein, je gebildeter der fremdkulturelle Leser ist, je tiefer er sich mithin schon aus Anlaß von geringen Irritationen im Verstehensprozeß seiner Fremdkulturalität bewußt wird.
      Daß so skizzierte Lese-Problem weist auf eine charakteristische Verknüpfung hin: auf das dialektische Verhältnis von Bestimmtheit und Unbestimmtheit im literarischen Text. Unsere ganzheitliche, entschiedene, auch unsere Phantasie zulassende Beteiligung am Text ergibt sich nur dann, wenn wir uns dessen hinreichend sicher sein können, daß unser Zugriff auf das vom Text als Bestimmtheit Eingeführte angemessen ist, wenn wir unseren eigenen Erfahrungshorizont, und sei es noch so schemenhaft, als auch dem Text eingezeichnet wiederfinden können. Die Elemente im literarischen Text, die dem Leser die Chance bieten, seinen eigenen Erfahrungshorizont darin wiederzuentdecken will ich im folgenden die Referenzstruktur des Textes nennen. Soweit ich mich auf diese "sachlichen Bezogenheiten" als außertextliche Entitäten beziehe, nenne ich sie Referenzbereiche; soweit ich mich auf Repräsentationen referentieller Elemente innerhalb des Textes beziehe, nenne ich diese Referenzschemata.
      Die Aufgabe, die ich mir nun für meinen weiteren Argumentationsgang stelle, ist: Lassen sich solche Referenzschemata und darüberhinaus Referenzstrukturen finden, die dem fremdkulturellen Leser eine besonders gute Chance geben, seine eigenen Vorerfahrungen mit ins Spiel zu bringen und zugleich die vom Text nahegelegte ästhetische Erfahrung zu vollziehen, der allemal auch etwas an kulturhistorischer Spezifik, kulturhistorischer Kon-tingenz, d.h. an gewachsener Fremde innewohnt?

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Die  Position  fremdkulturellen  Lesers    


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