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Der Zwiespalt des Begriffs «Kultur»



Kultur ist dem Wort und der Sache nach entstanden aus der Pflege des Landes beim Ackerbau. Colo, colui, cultum sind Flexionsformen des lateinischen Verbs mit der Bedeutung ; heißt die Landwirtschaft im englisch- und französischsprachigen Raum. Auch wir reden davon, unfruchtbaren Boden zu . Kultur ist ihrem Ursprung nach der sorgsame Umgang des Menschen mit der Natur. Hieraus folgt: Kultur ist der Natur in gewisser Weise entgegengesetzt . Die kulturelle Tätigkeit deckt sich mit alltäglichen Beschäftigungen des Menschen.
      Neben diese nicht übertragene Bedeutung des Worts tritt bei Cicero der bildliche Ausdruck für die Philosophie: cultura animi . Die Sorge für das Geistige ergänzt die materielle um eine geistige Kultur. In der gepflegten Umgangssprache verstehen wir unter auch heute oft etwas Wertbeladenes: «Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung» definiert der Große Duden. In diesem Sinn ist von Dichtern und Musikern, von Philosophen und Gelehrten als «Kulturträgern» die Rede, tritt die Kultur der «Unkultur», dem «Ungebildetsein» oder auch der «Zivilisation» gegenüber.
      Wer begreifen will, wie es zum Zwiespalt des einmal unbildlich, einmal bildlich gebrauchten Worts gekommen ist, wieso der relativ neutrale Ausdruck auf Gewöhnliches verweist, das stolze Wort auf Besonderes und das Schimpfwort auf Negatives verweisen kann, muss den Blick in die Geschichte wenden. Zwei Erzählungen haben das Wissen der alten Völker von Herkunft, Inhalt und Ziel der Kultur bewahrt und das Denken der Menschen über ihr eigenes Tun als Kultur geprägt: die hebräische Geschichte über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und der griechische Mythos des Prometheus.
      Die Erzählung vom Sündenfall gründet im ersten Buch Mose die Kul-turentstehung auf das Ãobertreten des göttlichen Verbots, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Im Zugriff auf Wissen und Lust reißt der Mensch sich demnach schuldhaft los von paradiesischer Natur. Im Horizont ge-wusster Endlichkeit vereint die Ãobertretung als Kulturtat, der schuldige und wissende Umgang des Menschen mit der eigenen und der fremden Natur, Lust mit Mühsal.
      Dieser hebräische Text war und ist für den gläubigen Juden zugleich religiöse Botschaft über die Vorgeschichte zu Gottes Bund mit dem auserwählten Volk und historische Nachricht über die jüdische Geschichte. Den Christen dient sie dagegen als Schlüsselerzählung von der Ursün-de des Menschen, die erst getilgt wird durch den in den Kreuzigungsgeschichten des Neuen Testaments überlieferten Opfertod Christi. Auch wenn wir den biblischen Text als literarische Ur-Erzählung über die Entfremdung des Menschen von der heilen Natur und die Stiftung menschlicher Kultur lesen, bleibt er beherrscht vom unbezweifelbaren Wert und der nicht hintergehbaren Wahrheit göttlicher Schöpfung. Er ist Ausdruck einer monologischen Kultur: Adam und Eva kennen und behaupten keine andere Wertordnung als Gott. Die Erzählung vom Sündenfall ist zudem Teil einer oralen Kultur, die durch Erzählen als kultische Handlung das Gedächtnis an die Vergangenheit, an die Gesetze, ihre Verletzung und ihre Strafe aufrechterhält. Gemeinsam erinnernde Wiederbelebung der eigenen, vom Propheten autorisierten Geschichte, stiftet sie kulturelle Identität der Sprecher und Hörer.
      Den Prometheus-Mythos erzählt u.a. Protagoras im gleichnamigen Dialog des griechischen Philosophen Piaton aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert. Als die Götter die Tiere und Menschen erschaffen haben, tragen sie den Brüdern Epimetheus und Prometheus auf, alle Lebewesen den natürlichen Erfordernissen gemäß auszustatten. Der Titan Prometheus muss am Ende aber feststellen: Aus Unachtsamkeit hat Epimetheus alle verfügbaren Gaben an die Tiere verteilt und den Menschen nackt und schutzlos gelassen. Prometheus mindert diesen Mangel, indem er den Göttern Athene und Hephaistos Weisheit und Feuer stiehlt und die Menschen damit versieht.
      Mit den Gütern des Wissens und des Feuers gerüstet, erkennt der Mensch zwar die Götter und lernt, sie zu verehren, es mangelt ihmaber an der Gabe zur Staatskunst. Angesichts der Verbrechen, die mit den Stadtgründungen einhergehen und das Fortleben des Menschengeschlechts gefährden, lässt Zeus allen Sterblichen durch Hermes die Güter der Scham und des Regierens überbringen. Wem es künftig an Gewissen und Gerechtigkeit gebricht, der soll sein Leben verwirkt haben. Die kulturellen Vermögen, Wahrheit zu erkennen und Feuer zu beherrschen, werden ergänzt um die Fähigkeiten, Recht von Unrecht zu scheiden und die Stadt, die Polis, zu lenken.
      Anders als Protagoras werden wir den Mythos von Prometheus heute nicht mehr als Beleg für die Richtigkeit der Herrschaftsform Demokratie und die Lehrbarkeit der Tugend anführen. Wir lesen ihn vielmehr als Quellentext zur Rekonstruktion griechischer Mythologie.
      Der russische Kulturphilosoph Michail Bachtin hat in Piatons somatischen Dialogen eine Quelle des modernen dialogischen Romans entdeckt. Tatsächlich ist der Dialog des Sokrates mit Protagoras kunstvoll angelegte Schriftprosa. Der von Protagoras erzählte Mythos wird in die Erzählung des Sokrates eingebettet und mit dieser wiederum in ein Rahmengespräch, das in Piatons Komposition Sokrates selber als Erzähler überhaupt erst einführt.
      Aus literaturwissenschaftlicher Sicht dient dieser einleitende Dialog als unverzichtbare Einführung des Gesprächspartners und Erzählers Sokrates. Zieht er zunächst die These des Protagoras von der Lehrbarkeit der Tugend in Zweifel, so gelangt er durch das Gespräch zum Schluss: Tugend ist lehrbar, weil sie Wissen ist. Protagoras kommt umgekehrt durch den Disput zur ursprünglich sokratischen Einsicht, Tugend sei nicht lehrbar, weil sie kein Wissen darstelle. Die Gesprächspartner wechseln ihren Standpunkt zwar, da sie ihn aber nur tauschen, stehen wie am Beginn so auch am Ende beide Positionen unversöhnt neben- und gegeneinander. Das Gespräch trägt die kulturelle Kernfrage, ob Menschen durch Einsicht zu bessern sind, im gleichzeitigen Ja und Nein einer hochgradig dialogischen Schriftkultur aus.
     

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