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Der Nutzen der Literaturgeschichte



Legt man einem Kenner ein unbekanntes Musikstück vor, so wird er es historisch ungefähr zuordnen können. Das Gleiche gilt für Literatur. Dieser Einbettung von Texten in Geschichte und von Geschichte in Texten widmet sich die Literaturgeschichtsschreibung.

     
Wissenschaftliche Darstellungen wie Literaturgeschichten müssen aus der unüberschaubaren Fülle der Fakten diejenigen herausgreifen, die für relevant gehalten werden: Nur indem weggelassen wird, kann die Literaturgeschichte dem so unmöglichen wie sinnlosen Versuch einer Verdopplung der Wirklichkeit entgehen, die in der Parabel «Von der Strenge der Wissenschaft» des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges vorgeführt wird:
«In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des Reichs, die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überließen sie, nicht ohne Verstoß gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des Westens überdauerten zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern, im ganzen Land gibt es keine anderen Ãœberreste der geographischen Lehrwissenschaften.»
Wie sinnvolle Karten von Kartographen im Hinblick auf ihre Funktion entworfen werden - eine Wanderkarte muss andere Elemente in kleinem Maßstab miteinander verknüpfen als eine Autobahnkarte -, so sind Literaturgeschichten Orientierungsinstrumente. Sie können kein vollständiges Bild der Vergangenheit bieten und brauchen es auch nicht.
      Literaturgeschichten stehen spätestens seit ihrer Blütezeit im 19. Jahrhundert am Ende eines immer enger werdenden Trichters: Nur ein Teil aller geschriebenen Texte erscheint als Buch, nur ein geringer Teil der Neuerscheinungen wird von der Literaturkritik und anderen Vermittlern beachtet, und eine noch geringere Zahl geht schließlich in die Literaturgeschichten ein. Damit ist die Frage nach den Kriterien der Auswahl aufgeworfen.
      Ãœber diese wird gestritten, etwa immer dann, wenn von bestimmten literarischen Werken behauptet wird, sie seien unterrepräsentiert oder gar aus der Literaturgeschichte ausgeklammert worden - man denke an die Kritik der feministischen Literaturwissenschaft oder ethnischer Gruppen am literaturgeschichtlichen Kanon. Streit über die Auswahlkriterien findet auch statt, wenn neue ästhetische oder wissenschaft-liehe Maßstäbe eine andere Auswahl nahe legen. Das führt dazu, dass wir gegenwärtig kein verbindliches Standardwerk haben, sondern den Studierenden raten, kritisch zu überprüfen, was in den Vorwörtern der jeweiligen Literaturgeschichten oder auch in einschlägigen Rezensionen über die Auswahlkriterien der Verfasser gesagt wird.
      Das Problem der Auswahl bezieht sich nicht nur auf Texte oder Autoren, sondern auch auf die Frage, ob und, wenn ja, welche außerliterarischen Faktoren der Geschichtsschreiber für literarhistorisch wichtig hält. Er muss entscheiden, welche Art der Verknüpfungen zwischen den Elementen der Kultur er vornehmen will:
- die Determinierung der Literatur durch die Sozialgeschichte,
- die gleichberechtigte Wechselwirkung zwischen Literatur und Geschichte,
- die eigengesetzliche Parallelentwicklung der Literatur. Dazu kommt die Wahl der Art der historischen Darstellung:
- Aufzählung nach Art von Chroniken in der Reihenfolge der Kalenderdaten,
- als geschlossene Erzählung eines organischen Zusammenhangs der Entwicklung von Literatur und Geschichte,
- anekdotische Schilderung vieler, nur locker miteinander verbundener Geschichten, die nicht beanspruchen, zusammengefügt die Geschichte zu sein,
- in der Form eines synchronen Schnitts durch alle Literaturen z. B. des Jahres 1926.
      Zieht man diese Gestaltungsmöglichkeiten in Betracht, dann leuchtet ein, dass bei aller Unterschiedlichkeit Literaturgeschichten eines gemeinsam haben: Sie sind immer Konstruktionen, wie eben die Karten der Kartographen.
      Worin liegt nun der Nutzen von Literaturgeschichten? Lehnt man sich noch einmal an die zitierte Parabel an, dann liegt es nahe, den Aspekt der Orientierung im fremden Gelände aufzugreifen. Literaturgeschichten vermitteln Kenntnisse über Texte und literarische Zusammenhänge, die in fast allen Lehrplänen - schulischen und universitären - als Teil der literarischen Kompetenz angesehen werden. Literaturgeschichtliche Grundkenntnisse erlauben die grobe historische Zuordnung von Einzeltexten und liefern umgekehrt Informationen, die beim Umgang mit

Texten aus vergangenen Zeiten für wichtig gehalten werden. Welche Art der Information kann der Leser dabei erwarten? Dies soll anhand eines Beispiels erörtert werden:
«Ãœber dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.»
Die Passage ist der Anfang von Der Mann ohne Eigenschaften des österreichischen Schriftstellers Robert Musil . Je nach der Ausgabe, die man liest, wird man belehrt werden, dass dieser Text - laut Titelseite ein Roman - ab 1930 erschien und trotz eines Umfangs von weit über tausend Seiten unvollendet blieb. Als Romananfang ist die zitierte Passage in gewisser Weise konventionell. Der Erzähler wählt das traditionelle «es war», er bestimmt den Zeitpunkt der folgenden Handlung und reiht sich in die Tradition des Natureingangs ein: «Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.» Zugleich befremdet das Zitat jedoch, da der traditionelle Erzählanfang erst am Ende des einleitenden Absatzes steht. Ihm gehen sechs Sätze voraus, die zwar den Anspruch auf Präzision erheben, indem sie Fachtermini der Meteorologie zitieren , aber in ihrer ironischen Anspielung auf Naturbilder, die häufig am Beginn eines großen «realistischen» Romans des 19. Jahrhunderts stehen, eher zu einer Verunsicherung des Lesers führen.
      Wenn man nun die Lektüre unterbricht und sich Rat bei Literaturgeschichten holen will, was können diese zur Erhellung der Passage beitragen? Schlägt der Leser z.B. in der einbändigen, von Wolfgang Beutin und anderen herausgegebenen Deutschen Literaturgeschichte nach, so findet er Musil im Abschnitt Literatur der Weimarer Republik. Diese
Literaturgeschichte bietet also zunächst einmal ein umfassendes Muster zum Ordnen von Texten und Autoren, indem sie diese einer bestimmten Periode zuordnet - sie . Nimmt man die Bezeichnung anderer Abschnitte hinzu - etwa «Literatur des Barock», «Aufklärung», «Vormärz» oder «Realismus und Gründerzeit» —, dann zeigt sich hier auf einen Blick, welche Schwierigkeiten das Periodisieren mit sich bringt: Kunsthistorische Begriffe stehen bei der Epochenbezeichnung neben philosophischen und politischen . Dem Bedarf an übergeordneten Begriffen zur Orientierung begegnet die Literaturgeschichte mit einem Epochenkonzept, das bei der Abgrenzung über keine einheitlichen und eindeutigen Maßstäbe verfügt und deswegen nicht sein kann. Auch die Epochen - ob dies in Bezug auf Musil nun die wird - etwa im Briefroman. Darstellungen von einem anderen historischen System mit anderen oder einer anderen Bewertung des - ob älteren oder neueren Datums - müssten diese «Evolution» innerhalb der literarischen Reihe verfehlen. Damit ist aber evident, dass jeder Literaturgeschichte eine bestimmte Auffassung davon zugrunde liegt, «was und wie Literatur sei, sein könne, sein solle», und sie in diesem Sinn Partei ergreift. Das ist kein Argument gegen Literaturgeschichten, sollte aber zu Vorsicht mahnen, wo vom die Rede ist: Dies bezeichnet nicht das , sondern muss auf die Kriterien des jeweiligen Literarhistorikers zurückbezogen werden.
      Neben der evolutionierenden literarischen Reihe gibt es bei Tynjanovandere, außerliterarische Reihen, mit denen die literarische «in Korrelation steht, durch sie bedingt ist». Damit knüpft Tynjanov an eine Tradition an, die seit der enormen Verbreitung von Literaturgeschichten im 19. Jahrhundert bis heute von Bedeutung ist: die Verknüpfung der Geschichte der Literatur mit der allgemeinen Geschichte. Auch dieser Aspekt findet sich in der bereits zitierten Literaturgeschichte in Bezug auf den Mann ohne Eigenschaften:
«Thema Musils ist die Identitätskrise und der gesellschaftliche Orientierungsverlust des bürgerlichen Intellektuellen in der Umbruchzeit von Krieg und Revolution. [... ] Das Bewußtsein von Entfremdung der Gesellschaft und der eigenen Subjektivität gegenüber, das Musil als Folge der arbeitsteiligen, hochorganisierten Industriegesellschaft begriff und das er in der ironischen Formel vom

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