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Der Buchdruck ermöglicht einen neuen Denkstil



Es ist nicht leicht, Prozesse, die sich den Gewohnheiten unserer Wahrnehmung tief eingeprägt haben, zu beobachten. Seit ca. sechs Jahrhunderten gehören maschinell gedruckte Texte zur Welt, und wir haben vergessen,auf welche Weise das Medium des Buchdrucks unseren Denkstil, die Art unserer Orientierung und unseren Wissensstand beeinflusst .

      Die Medienwissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten erforscht, welch tiefgreifenden Umbruch in Denkstil und Mentalität die Erfindung des maschinellen Drucks mit beweglichen und wieder verwendbaren Metall-Lettern zur Folge hatte. Diese Erfindung setzte eine Umwälzung der Schriftkultur in Gang, die bis in unser Jahrhundert reicht.
      Es ist bemerkenswert, dass die Diskussionen über die Auswirkungen des Buchdrucks erst in dem historischen Augenblick in Gang kamen, als die Ablösung der Setz- und Druckmaschinen durch elektronische Techniken begann. Der «Untergang der Gutenberg-Galaxie», den der kanadische Medienforscher Marshall McLuhan in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ankündigte, war Anlass, zu erforschen, auf welche Weise der Buchdruck Sprache, Denkstil und gesellschaftliches Verhalten veränderte .
      Zunächst kann man festhalten, dass der Buchdruck die Standardisierung förderte. Mithilfe der Druckmaschinen und des Kupferstichs wurde es möglich, identische Bilder und Wortlaute, Karten und Diagramme an verschiedenen Orten zu studieren. Durch die präzise Wiederholung von Notaten, Karten, Abbildungen aus der Anatomie, Flora und Fauna entstanden allmählich normierte Orientierungssysteme. Lehrbücher und praktische Ratgeber, ABC-Fibeln, Katechismen, Kalender und Andachtsbücher wurden tausendfach verbreitet, Kataloge wurden zum ersten Mal alphabetisch geordnet. Die großen Informationsmengen machten es nötig, genauere Einteilungen der beobachteten Phänomene der Tier- und Pflanzenwelt, der fremden Völker und Staaten vorzunehmen: Statistiken tauchen auf. Die Standardisierung der Landessprachen bereitete den Weg für ihre Kodifizierung, die Normierung der Orthographie konnte in Angriff genommen werden.
      Des Weiteren brachten die gedruckten Bücher einen Individualisierungsschub zuwege. Die nicht in Klosterbibliotheken verborgenen kostbaren Handschriften, sondern die im Umlauf auf dem Markt befindlichen Bücher erleichterten die Möglichkeit des Selbstunterrichts. Findigen Studenten stand jetzt die Aussicht offen, den Horizont ihrer Lehrer zu überschreiten. Sobald innerhalb ihrer Studierzimmer ver-schiedene alte Texte zusammenkamen, konnten verschiedene Ideen und Wissenschaftszweige kombiniert werden. Der von Lehrern kontrollierte mündliche Gedankenaustausch ließ sich durch stilles Studieren ersetzen, die Kontrollinstanzen konnten so unterlaufen werden. Das hatte merkwürdige Folgen: Die Möglichkeit des isolierten Lesens förderte sowohl die private Frömmigkeit als auch den Tabubruch in der einsamen Lektüre von Pornographie. Dieselbe Stille und Einsamkeit, die man mit der Versenkung in göttliche Texte verband, herrschte nun auch bei der Lektüre von lasterhaftem Zeug und verbotenen Geschichten.
      Oft betont die Medientheorie die Gefahren, die von der Tendenz zur Standardisierung ausgingen. Dabei wird ein Nebeneffekt übersehen. Die neuen Formen der Standardisierung ermöglichten erst das Gefühl für ein eigentümliches persönliches Selbst, sie förderten individuellen Schreibstil. Elizabeth L. Eisenstein hat am Fall der Essais von Michel de Montaigne eindrucksvoll beschrieben, wie dieser den vereinzelten Leser durch das Buch hindurch spüren ließ, dass ein Einsamer sich ihm mitteilte .
      Die vor dem Gutenberg-Zeitalter in Schatzkammern aufbewahrten Handschriften, die in Truhen eingeschlossenen Testamente und Urkunden scheinen haltbarer zu sein als die brennbaren Drucksachen, Landkarten, Küchenkalender und Flugschriften, die jetzt in Umlauf kommen. Die Dauerhaftigkeit der neuen Trägerschicht der Texte übertraf keineswegs die der alten. Dass trotz des leicht brennbaren Papiers Drucksachen den Vorteil haben, dauerhaftere Speicher des Wissens zu sein, ist nicht sofort einsichtig. Das Geheimnis ihrer Dauer liegt zum Ersten in der Massenhaftigkeit ihrer Herstellung, zum Zweiten in der Ã-ffentlichkeit, für die sie zugänglich sind. Wertvolle Daten können am besten gesichert werden, indem sie publik gemacht statt geheim gehalten werden.
      Seit dem 18. Jahrhundert wurden die gedruckten Texte in zunehmendem Maße verdächtigt, unfähig zu sein, die «Stimme des Herzens» aufzubewahren, Nuancen und Extremen der Leidenschaft gerecht zu werden. Natürlich werden auch diese Klagen der Schrift anvertraut und gedruckt. So lässt sich behaupten, dass «Empfindsamkeit eine Schriftkultur ist» . Attitüden, Sensibilitäten, Ohnmächten, Reizbarkeiten, Intimitäten, kurz, die Sprache des Herzens wurde im neuen Genre des Briefromans in England, Frankreich und Deutschland vor-geprägt. Die gedruckten Texte suggerierten, eine Wiedergabe der echten Handschrift zu sein, sodass Leserinnen und Leser die industrielle Herstellung und kommerzielle Verbreitung der Texte vergessen durften und sich der Illusion hingeben konnten, zusammen mit dem Personal ihres Buchs in einer Nische außerhalb der Welt der Standardisierungen und Konventionen zu existieren.
     

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