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Die Funktion literarischer Texte im Fremdsprachenunterricht



Der Erfolg des Fremdsprachenunterrichts hängt weitgehend davon ab, daß die neuen sprachlichen Erfahrungen durch neue Wirklichkeitserfahrungen im Medium der neuen Sprache ergänzt und getragen werden. Anders ausgedrückt: es kommt darauf an, daß der enorme Aufwand, den das Fremdsprachenlernen verlangt, sich lohnt. Dabei spielt natürlich eine beträchtliche Rolle, welche speziellen Interessen den einzelnen Lerner bei seinem Fremdsprachenlernen leiten. Heutzutage ist dieses Interesse oft kein allgemeines Bildungsinteresse, sondern ein ganz enges berufliches, ein Ausbildungsinteresse. Bei einer solchen Ausgangslage kann, wie schon er-wähnt, gerade die Fachsprachlichkeit bestimmter Wissenssektoren innerhalb der neuen Sprache diese 'lohnenden Inhalte" bereitstellen. Oft aber ist das Interesse an der Fremdkultur weniger gezielt, weniger eng und damit gleichsam für die Besonderheiten der fremden Kultur insgesamt offener. Bei einer solchen Interessenlage will der Lerner das, was ihn an der fremden Sprache und Kultur fesseln wird, erst noch herausfinden. Geht man von solch einer indifferenten Interessenlage aus, wie sie ja gewöhnlich bei Lernern in den höheren Bildungsanstalten gegeben ist, dann muß sich die zu lernende Kultur in den angebotenen Texten konkretisieren.
      Eine entscheidende Rolle bei der Aneignung der neuen Sprache spielt die Bedingung des Lesens. Gerade an dieser Bedingung sprachlicher Realisation läßt sich nun die Funktion, welche die Literatur im Fremdsprachenunterricht haben kann, demonstrieren.
      Fremdsprachliches Lesen ist vor allem verlangsamtes Lesen. Diese Verlangsamung wird durch die Summe all der Defizite erzwungen, die der Lerner an Vorwissen und Einübung in der neuen Sprache hat. Wichtig ist dabei, daß diese beträchtliche Verlangsamung sowohl bei trivialen als auch bei anspruchsvollen Texten in der Fremdsprache gleichermaßen erzwungen wird; denn der Grund für diese Verlangsamung kann unter Umständen das genaue Wissen eines einzelnen Wortes sein. Nun ist aber vom Umgang mit der eigenen Sprache her die Verlangsamung des Lesens mit einer ganz bestimmten Erwartung auf Seiten des Lesenden verbunden: er erwartet nämlich eine der Verlangsamung der Rezeption entsprechende Komplexität der Inhalte. Macht man sich diesen Zusammenhang klar, dann wird man als Lehrbuchautor darauf sehen, daß inmitten der Texte, die über Alltagswirklichkeit informieren, immer wieder auch literarische Texte auftauchen, in denen Fremde in besonderer Intensität gespeichert ist.
      In der Tat können literarische Texte im Prozeß des Sprachelernens überraschend viele Funktionen übernehmen. Folgende mögliche Lernziele seien genannt:
A) Hinführung zu einem sprachlichen Problem;

B) Wiederholung/Aktivierung/Erweiterung von Wortschatz;
C) Abbau von Sprachangst durch Spielen mit Worten der fremden Sprache;

D) Auslösung einer Entspannungsphase im Unterricht.
      Es liegt auf der Hand, daß die genannten Lernziele durch ganz bestimmte Texte günstig erreicht werden können, nämlich durch relativ knappe, gut überschaubare, dafür aber poetisch aufgeladene Texte. Was die Hinführung zu sprachlichen Problemen angeht, so eignet sich ein sol-eher poetischer Text sicherlich nicht als Korpus, anhand dessen das sprachliche Problem in seiner Gesamtheit erarbeitet werden kann. Aber er eignet sich dazu, das jeweils ins Auge gefaßte Problem anzureißen, in seiner Dimension und Bedeutung in der Sprache zu demonstrieren. Daraus ergibt sich, daß poetische Texte vor allem in der Eröffnungsphase einer jeweiligen Stundeneinheit ihre Funktion finden. Es hat sich erwiesen, daß insbesondere Texte der 'konkreten Poesie" sich als Sprachlehrbuchtexte eignen. Außerdem möchte ich als in Frage kommende Gattung poetischer Texte folgende nennen: die Kurzgeschichte, die Anekdote, die Fabel, die Parabel, den Witz. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf eine Erfahrung des Fremdsprachenlehrens im Fach Deutsch als Fremdsprche, die kürzlich auch durch eine interessante wissenschaftliche Untersuchung überprüft worden ist. Es hat sich herausgestellt, daß fremdsprachliche Leser auf ganz bestimmte ästhetische Signale eines Textes vorzugsweise reagieren; diese Signale bestehen in all den ästhetischen Elementen eines Textes, welche sich aus Phonologie und Syntax der Sprache ergeben: Reime und Assonanzen; alle Formen der Inversion, der Parallelisierung, der Wiederholung, der chiastischen Gliedverschränkung usw. Dagegen wird ein fremdsprachlicher Leser auf die ästhetischen Merkmale, die sich aus semantischen Möglichkeiten der Sprache ergeben, weniger bzw. verzögert reagieren. Allen Formen also der metaphorischen Rede, des Bildes gegenüber wird seine Sprachunsicherheit sich hemmend auswirken: Er wird zurückhaltend sein in der Identifizierung eines solchen Elementes als eines ästhetischen. Diesen Besonderheiten der Rezeption ist dadurch Rechnung zu tragen, daß das 'Leser-Gespräch", das der 'Deutung" eines Textes vorausgehen sollte, den ihm gebührenden Raum erhält. Eine besondere Funktion kommt innerhalb des Sprachunterrichts, zumal dann, wenn er literarische Texte mitaufnimmt, dem interkulturellen Stereotyp zu. So kann sich der Unterricht in Deutsch als Fremdsprache all die Annahmen über die Deutschen zunutze machen, die in dem jeweiligen Lande, wo Deutsch gelernt wird, herrschen. Diese Fragmente von Bildern des Deutschen sind in jeder Kultur, die jemals mit Deutschland in Berührung gekommen ist, so unvermeidlich wie vage, trivial und in sich widersprüchlich. Sie ergeben sich aus der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Kulturen, sie sind ein Produkt ihrer gemeinsamen Geschichte. Gerade in diesen Stereotypen aber verfestigen sich die Ã"ngste und Hoffnungen, die sich auch mit dem Erlernen der fremden Sprache und mit der Aussicht auf ein näheres Kennenlernen des Landes und seiner Kultur insgesamt verbinden. Es lohnt sich nicht, gegen diese allgemeinen Vorurteile, zu kämpfen. Es empfiehlt sich aber auch nicht, sie vollständig zu negieren.

     
Literarische Texte bieten die Möglichkeit, diese Stereotype aufzunehmen, um sie dann abzuwandeln, zu variieren, zu differenzieren, zu bearbeiten. Ein Beispiel: In Heinrich Bölls Satire Es wird etwas geschehen sehen wir als Leser unter anderem auch einige Typen, welche dem Bild des rastlos tätigen Deutschen vollständig entsprechen. Die Erzählerfigur selbst allerdings entspricht diesem Bild in gar keiner Weise; vielmehr handelt es sich bei ihm um einen Träumer, der alle Tätigkeit nur vortäuscht und schließlich in der Rolle des 'berufsmäßigen Trauernden" sein Glück findet. Da es gerade diese Figur ist, die zum Schluß der Erzählung vor den Augen des Leser bleibt, wird das Bild des typischen Deutschen dahingehend erweitert, daß er eben auch zur Untätigkeit, zum Träumen, zur Kontemplation neigt; ja, das Bild des typischen Deutschen wird dadurch geradezu überstiegen, daß es den Anschein hat, als sei dieser Typus der eigentlich deutsche. Unterstrichen wird diese Tendenz, die den Deutschen gleichsam in seiner Nachdenklichkeit und seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion zeigt, noch durch den Ablauf der Handlung in dieser Erzählung. So wird der ewig rastlose Fabrikbesitzer von einem plötzlichen Tod ereilt, während dem Kontemplativen offenbar ein langes zufriedenes Leben beschieden ist. Die Mittel der Satire schließlich, mit denen dieser Text arbeitet, richten sich vorzugsweise auf die besinnungslose Hast und den besinnungslosen Fleiß der anderen Figuren darin. Das läßt sich besonders an der Gestalt der Sekretärin des Fabrikdirektors deutlich machen. Die Schlußpointe besteht schließlich darin, daß der Erzähler, obgleich er doch vorübergehend effektiv in der Fabrik mitgearbeitet hat, überhaupt nicht weiß, was eigentlich das von der Fabrik Produzierte war - Seife?!
Dieser nur scheinbar harmlose Text macht zugleich deutlich, daß Literatur Wirklichkeit nicht nur in ihrer Komplexität angemessener abbildet als vergleichbare Texte der Pragmadidaktik, sondern, daß Literatur immer mit Geschichte zu tun hat. So wird in der genannten Satire Heinrich Bölls ein Deutscher einer bestimmten Zeit, nämlich der Zeit des Wirtschaftswunders, karikiert. Der Typus des besinnungslos und ohne Rücksicht auf eigene Gesundheit arbeitenden Deutschen wird in der Zeit seines Entstehens vorgeführt; damit wird er relativiert. Diese Fähigkeit literarischer Texte, bestimmte Geschichtsmomente der zu vermittelnden Kultur in sich aufzunehmen und anschaulich werden zu lassen, prädestiniert sie dazu, Bestandteile auch von sprachlichen Lehrwerken zu werden - vorausgesetzt, diese begreifen sich selbst als Werkzeuge der Kulturvermittlung.
     

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