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Kontextualisierung und analyse -zur literatur der goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. jahrhunderts

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Zwischen Wiesental und Weltliteratur - Zu Goethes Sprachkonzeption



Sprache und Identität
Der Fußwanderer, der den "Wäschtweg" von Pforzheim nach Basel auf den Höhenkämmen des Schwarzwalds begeht, wird eine Tagesetappe auf dem Sattel des Feldbergs beenden und im Feldberger Hof einkehren, einem häss-lichen Betonklotz, der aber in seinem Inneren eine kulturhistorische Überraschung bereithält: Die holzvertäfelten Wände der Gaststube sind mit großen Wandmalereien im altdeutschen Stil geschmückt, die Gedichtzeilen in der kehlig-archaischen hochalemannischen Mundart illustrieren. Sie sind den Alemannischen Gedichten des Wiesentäler Lehrers, Theologieprofessors und Volksdichters Johann Peter Hebel entnommen. Der Einheimische braucht keine sprachlichen Erläuterungen, die Texte entsprechen der bis heute gesprochenen Mundart, die bis weit über die Landesgrenze hinaus in die Schweiz hineinreicht. Goethe hat 1805 Hebels Gedichte als "Volkspoesie" lobend rezensiert, ihre bodenständige idyllische Art mit dem Personal von "Bauern und Nachtwächtern" charakterisiert und ihre didaktische Absicht hervorgehoben, mit der sie "vom Unsittlichen ab- und zum Sittlichen hinleiten sollen". Am Ende der Rezension kommt Goethe zu einigen grundsätzlichen sprachtheoretischen Überlegungen, von denen dieser Beitrag ausgehen soll. Zunächst rühmt er die "behaglich naive Sprache":
Man findet mehrere sinnlich bedeutende und wohlklingende Worte, teils jenen Gegenden selbst angehörig, teils aus dem Französischen und Italienischen herübergenommen, Worte von einem, von zwei Buchstaben, Abbreviationen, Kontraktionen, viele kurze, leichte Silben, neue Reime, welches, mehr als man glaubt, ein Vorteil für den Dichter ist. Diese E-lemente werden durch glückliche Konstruktionen und lebhafte Formen zu einem Stil zusammengedrängt, der zu diesem Zwecke vor unserer Büchersprache große Vorzüge hat.
      Die Empfehlung des rustikalen Dialekts "vor unserer Büchersprache'' muss aus dem Munde eines Autors überraschen, der sich noch kurz vorher als Vertreter einer rigiden klassizistischen Kunstübung mit äußerster formaler und sprachlicher Disziplin in das Bewusstsein der Zeitgenossen eingeschrieben hatte. Goethes Parteinahme hat allerdings Ursachen, die teils in seiner Biographie und seiner eigenen dichterischen Entwicklung, teils in einer umfassenden sprachpolitischen Konzeption begründet sind.
      In Dichtung und Wahrheit berichtet Goethe aus der leicht ironischen Distanz des Alters, durch die doch noch immer die tiefe Betroffenheit hindurchscheint, wie er in Leipzig, der damals kulturell führenden und die sprachliche Norm bestimmenden Universitätsstadt, als junger Student mit seinem heimischen Frankfurterisch Anstoß erregte, das sowohl in Klangfärbung als auch im Sprachgebrauch als abweichend, unmodern und damit defizitär betrachtet wurde.
      Was ein junger lebhafter Mensch unter diesem beständigen Hofmeister ausgestanden habe, wird derjenige leicht ermessen, der bedenkt, daß nun mit der Aussprache, in deren Veränderung man sich endlich wohl ergäbe, zugleich Denkweise, Einbildungskraft, Gefühl, vaterländischer Charakter sollten aufgeopfert werden. [...] Mir sollten die Anspielungen auf biblische Kernstellen untersagt sein, sowie die Benutzung treuherziger Chro-nistenausdrücke. Ich sollte vergessen, daß ich den Geiler von Kaisersberg gelesen hatte, und des Gebrauchs der Sprüchwörter entbehren, die doch, statt vieles Hin- und Herfa-ckelns, den Nagel gleich auf den Kopf treffen; alles dies, das ich mir mit jugendlicher Heftigkeit angeeignet, sollte ich missen, ich fühlte mich in meinem Innersten paralysiert [...].
      Es ist deutlich, dass es hier nicht in erster Linie um sprachliche Konventionen geht, sondern um den drohenden Identitätsverlust, der für den jungen Goethe an die heimische Region und die kulturelle Tradition geknüpft ist. Sie, und nicht etwa der politische Leichnam des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, werden als "vaterländisch" etikettiert, Resultat der politischen und kulturellen Zersplitterung nach 1648. Goethes Schilderung reflektiert den dreihundertjährigen Prozess der Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache, dem die gesprochene Sprache bis heute nicht völlig gefolgt ist. Der aufklärerischen Forderung der Leipziger Universität, vertreten etwa durch Christian Fürchtegott Geliert, die gesprochene Sprache der schon weitgehend vereinheitlichten Schriftsprache anzugleichen, setzt Goethe trotzig entgegen, dass "mir Reden und Schreiben ein für allemal zweierlei Dinge schienen".
      In der Straßburger Zeit vertiefen sich diese Auffassungen durch die Begegnung mit Herder. Goethe wird mit dessen kulturtheoretischen Auffassungen vertraut, von denen zwei in unserem Zusammenhang wichtig sind. Erstens: Die Volkspoesie sei etwas Ursprünglicheres und daher Wertvolleres als die etablierte geregelte Kunstpoesie; sie sei Eigentum der Nation, nicht nur der Gebildeten. In diesem Sinne - und ganz im Geiste Herders - formuliert Goethe noch 1825 anlässlich der Übersetzung serbischer Volkslieder von There-se von Jakob:
Betrachtet man aber diese Sprache des Volkes genauer, so erscheint sie in ursprünglicher Eigentümlichkeit, von jener [Gelehrtensprache] im Grunde verschieden und in sich selbst lebendig, allem Ausdruck des tätigsten Wirkens und ebenso poetischer Darstellung genügend. Die in derselben verfaßten Gedichte sind es, von denen wir sprechen, die wir loben, die aber von jenem vornehmern Teil der Nation gering geschätzt werden; deswegen sie auch niemals aufgeschrieben, noch weniger abgedruckt worden.
      Und zweitens: Kulturphänomene, also auch die Sprache, seien wie Organismen dem Rhythmus von Jugend, Blüte und Alter unterworfen. Noch spät, 1817, formuliert Goethe in dem grundsätzlichen Aufsatz Deutsche Sprache in diesem Zusammenhang eine lebenslange Überzeugung:
Wenn eine gewisse Epoche hindurch in einer Sprache viel geschrieben und in derselben von vorzüglichen Talenten der lebendig vorhandene Kreis menschlicher Gefühle und Schicksale durchgearbeitet worden, so ist der Zeitgehalt erschöpft und die Sprache zugleich, so daß nun jedes mäßige Talent sich der vorliegenden Ausdrücke als gegebener Phrasen mit Bequemlichkeit bedienen kann."
Von daher wird der kulturrevolutionäre Gestus des Sturm und Drang inspiriert, die etablierte und in seinen Augen vergreiste Literatur der Aufklärung mit Hilfe der Volkspoesie und der Volkssprache aufzumischen und damit aufzufrischen. Goethe zeichnet im Elsass mündlich überlieferte Volkslieder auf und schickt sie an Herder. Er ahmt die Volksliedtradition nach und bedient sich in Werken wie Götz von Berlichingen oder Die Leiden des jungen Werthers archaischer, dialektaler und umgangssprachlicher Wendungen; die Syntax wird durch Anleihen bei der gesprochenen Sprache bzw. der des 16. Jahrhunderts gegenüber den rationalistischen Regeln des 18. Jahrhunderts aufgelockert. Goethe tut also in den siebziger Jahren das, was er in den sechziger Jahren in Leipzig nicht hatte tun dürfen, und er tut es mit einem auffallend national getönten Pathos, das aus der Reaktion auf den Überlegenheitsanspruch der französischen Kultur gespeist wird.
     

   Sprache und Nationsbildung
Seit der Jahrhundertwende knüpfte Goethe an diese Traditionen seiner Jugend an; vorher waren sie zurückgetreten, wohl wegen des Bezuges des "Volkes" zur von Goethe abgelehnten Französischen Revolution und wegen der Fixierung der Weimarer Klassik auf das Antikeparadigma." Nunmehr konnte sich auch Goethe den Fragen nach den nationalen Traditionen und ihrer Rolle als Konstitutionsbedingungen der deutschen Nation nicht mehr entziehen, die von der Romantik angesichts der politischen Misere gestellt wurden. Es überrascht daher nicht, in der Hebel-Rezension den Bezug auf die "Nation" zu finden: Hebel möge Goethes Einwänden, die sich auf Einzelheiten beziehen, "noch einige Aufmerksamkeit schenken, damit sie [Hebels "reimfreie Verse"] immer vollkommener und der Nation angenehmer werden mögen!"12, und auch an anderen Stellen wird die "Nation" als Rezipient genannt. Das ist um 1800 alles andere als eine Phrase. Goethe stand den politischen Forderungen der National bewegung ferne, reflektierte aber über Deutschland als Kultumalion, die sich über Kunst, Literatur, Sprache und Traditionen definierte. Am bündigsten hat Schiller 1797 diesen Begriff der Kulturnation umschrieben:
Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupt s.[einer] Fürsten. Abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist. [...] Das köstliche der deutschen Sprache, die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voller Sinn ist [...]." Unsre Sprache wird die Welt behersehen. Die Sprache ist der Spiegel einer Nation, wenn wir in diesen Spiegel schauen, so kommt uns ein großes treffliches Bild von uns selbst daraus entgegen.

     
   Goethes Blick war insofern skeptischer und wohl auch realistischer, als er vielfach gerade die kulturelle Zersplitterung Deutschlands betonte und diese, durchaus ambivalent, sowohl als Mangel als auch als Chance verstand. In der Hebel-Rezension wird die Gedichtsammlung des Wiesentä-lers als Beitrag zur Nationsbildung verstanden, also zu einem fortschreitenden Assimilierungs- und Integrationsprozess ständisch und regional getrennter Bevölkerungsgrappen einer Kulturnation, die aber doch in ihrer Eigenheit kenntlich bleiben sollen; Goethes Identitätsproblem der Leipziger Zeit schimmert hier durch.
      Goethes quasi-soziologischer Begriff von "Volk" und "Volksliedern", der sich deutlich von dem etwas mystischen der Romantik unterscheidet16, kam diesem Integrationsprogramm entgegen. In Goethes Besprechung von Des Knaben Wunderhorn heißt es:
Diese Art Gedichte, die wir seit Jahren Volkslieder zu nennen pflegen, ob sie gleich eigentlich weder vom Volk noch fürs Volk gedichtet sind, sondern weil sie so etwas Stämmiges, Tüchtiges in sich haben und begreifen, daß der kern- und stammhafte Teil der Nationen dergleichen Dinge faßt, behält, sich zueignet und munter fortpflanzt - dergleichen Gedichte sind so wahre Poesie, als sie nur irgend sein kann.

     
   Wie ist dieses ziemlich abstrakte Postulat der Nationsbildung nun in der Praxis zu verstehen? In Goethes Darlegungen über die alemannischen Gedichte liegt der Schwerpunkt auf der Vermittlung aus der und in die Regionalsprache, aber wenn solche Sprachschwierigkeiten wegfallen, kann ein Prozess einsetzen, den Goethe in seiner Wunderhorn-Besprechung beschrieben hat:
Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel, oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augenblick der Stimmung oder Un-stimmung [...].
      Goethe schlägt Vertonungen vor: so kehlten sie allmählich belebt und verherrlicht zum Volke zurück [...], so könnte man sagen, das Büchlein habe seine Bestimmung erfüllt [...], weil es in Leben und Bildung der Nation übergegangen.

     
   Es ist dies ein ganz aufklärerisches Konzept der Volkserziehung, pragmatisch auf den ,,tüchtige[n] Gehalt mehr als die Form" vertrauend und damit sehr unterschieden vom Schillerschen Konzept der ästhetischen Erziehung. Bei den alemannischen Gedichten liegen die Verhältnisse wegen der Sprachbarriere komplizierter. Es ist allerdings evident, dass Goethe diese e-her als produktive Chance denn als Hindernis versteht. Nationsbildung wird nach Goethes Meinung u. a. durch die Kenntnis des "ganzefn] deutsche[n] Sprachschatzfes]" erreicht, diese wiederum eher durch "Gedichte und Schrift sehr viel schneller und lebendig eingreifender" befördert als durch "ein allgemeines Wörterbuch". Der zentrale Begriff ist hier der der Übersetzung:
Vielleicht könnte man sogar dem Verfasser zu bedenken geben, daß, wie es für eine Nation ein Hauptschritt zur Kultur ist, wenn sie fremde Werke in ihre Sprache übersetzt, es ebenso ein Schritt zur Kultur der einzelnen Provinz sein muß, wenn man ihr Werke derselben Nation in ihrem eigenen Dialekt zu lesen gibt. Versuche doch der Verfasser, aus dem sogenannten Hochdeutschen schickliche Gedichte in seinen oberrheinischen Dialekt zu übersetzen. Haben doch die Italiener ihren Tasso in mehrere Dialekte übersetzt.
      Goethe betrachtet offensichtlich das Verhältnis von Regionalsprache und Standardsprache nicht als Einbahnstraße; das entspräche eher dem Denken des 19. Jahrhunderts, das die Zurückdrängung der Regionalsprachen als Korrelat der faktischen Vereinheitlichung der Standardsprache sah. Diese Vereinheitlichung war auch um 1800 schon so weit fortgeschritten, dass rein technisch betrachtet eine Übersetzung aus der Standardsprache in die Regionalsprachen unnötig war. Wenn Goethe aber diese Option hervorhebt, ist offensichtlich auch die affektive und emotionale Komponente des Sprachgebrauchs mit im Spiel, die Goethe in seiner Schilderung der Leipziger Zumutungen in Dichtung und Wahrheit anspricht. Aber auch der umgekehrte Weg, der Transfer aus der Regionalsprache wird erwogen:
So wünschen wir nun auch, daß jenes Hindernis einer für das mittlere und niedere Deutschland seltsamen Sprech- und Schreibart einigermaßen gehoben werden möge, um der ganzen Nation diesen erfreulichen Genuß zu verschaffen. Dazu gibt es verschiedene Mittel, teils durch Vorlesen, teils durch Annäherung an die gewohnte Schreib- und Sprechweise, wenn jemand von Geschmack das, was ihm aus der Sammlung am besten gefällt, für seinen Kreis umzuschreiben unternimmt.

     
   Diese - möglicherweise bewusst unscharfe - Aussage nennt als Zielgruppe sowohl die "ganze Nation" als auch kleinere Sprachgemeinschaften; das würde die Übersetzung sowohl in die Standardsprache als auch in andere Regionalsprachen implizieren.

      Die transnationale Dimension
Goethes bisher beschriebene Verhältnisbestimmung von Region und Nation, von deren Sprache und Literatur, hat ihren Horizont im deutschen Sprachraum, hat aber doch auch schon gelegentlich eine transnationale Dimension, etwa wenn Goethe 1808 im Plan eines lyrischen Volksbuches die Einflüsse "von außen" auf die deutsche Nationalkultur erwägt:
Mit dem rein Eigenen würde Angeeignetes, es wäre durch Übersetzung oder durch innigere Behandlung unser geworden, aufzunehmen sein; ja man müßte ausdrücklich auf Verdienste fremder Nationen hinüberweisen [...].
      Solche Ausblicke erweitern sich am Ende von Goethes Leben, dem Begriff nach seit 1827, der Sache nach schon früher, zum Konzept der Weltliteratur, zu dem es zahlreiche Gelegenheitsäußerungen Goethes gibt. Goethe entwickelt das Konzept einer internationalen Kommunikationsgemeinschaft, in der, analog zum Verhältnis Region und Nation, die einzelnen Nationen füreinander in der unabgeschlossenen Dialektik von Austausch und Bewahrung des Eigenen verbleiben. Hinsichtlich einer "gehofften allgemeinen Weltliteratur", heißt es 1828:
Die Nationen [...] sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen, und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, sich einander wenigstens dulden lernen.

     
   Dieses Konzept steht am Ende eines Lebens, das von Jugend an von Interna-tionalität, also von Fremdsprachen, Reisen, Lektüre, Übersetzungen usw. bestimmt war. Der Teutomanie im Umfeld der Freiheitskriege gegen Napoleon brachte Goethe allergrößtes Misstrauen entgegen. Dazu mag, vor allem in den zwanziger Jahren, das Bewusstsein gekommen sein, dass er seine Anerkennung als Exponent der Weltliteratur nicht bei seiner eigenen, überaus goethekritischen Nation erhoffen konnte, sondern eher und vor allem in den Nachbarländern. Die inhaltliche Füllung des Konzepts ist nicht widerspruchsfrei: Einerseits die teleologische Vorstellung von der Durchsetzung einer Literatur, der offensichtlich das Weimarer Humanitätsideal zugrunde liegt:
Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besonderen [...] wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hin jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchscheinen sehen. [...] so ist zwar nicht zu hoffen, daß ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch, daß der unvermeidliche Streit nach und nach läßlicher werde, der Krieg weniger grausam, der Sieg weniger übermütig.

     
   In der Praxis dagegen die ernüchternde Bekanntschaft mit der modernen, romantischen westeuropäischen Literatur, die gerade die Entzweiungen der modernen Subjektivität unversöhnt thematisierte.

     
   Goethes Theoriebildung orientierte sich weitgehend an den Werken, zu deren Produktion, Rezeption oder Reproduktion er selbst beigetragen hatte. In ihr spielt die Wesens- und Funktionsbestimmung der deutschen Sprache eine zentrale Rolle. Grundlegend ist die Vorstellung von der besonderen Vermittlungsfunktion der deutschen Sprache im Entstehungsprozess der Weltliteratur:
Zu einer solchen Vermittelung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen seit ianger Zeit schon bei Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten, er spielt den Dolmetscher, in dem er sich selbst bereichert.

     
   Voraussetzung hierfür ist nach Goethes Meinung eine besondere Flexibilität und Innovationskraft der deutschen Sprache. Goethe formuliert anlässlich der Übersetzung serbischer Lieder:
Die deutsche Sprache ist hiezu [zur Übersetzung] besonders geeignet; sie schließt sich an die Idiome sämtlich mit Leichtigkeit an, sie entsagt allem Eigensinn und fürchtet nicht, daß man ihr Ungewöhnliches, Unzulässiges vorwerfe; sie weiß sich in Worte, Wortbildungen, Wortfügungen, Redewendungen und was alles zur Grammatik und Rhetorik gehören mag, so wohl zu finden, daß, wenn man auch ihren Autoren bei selbsteigenen Produktionen irgend eine seltsamliche Kühnheit vorwerfen möchte, man ihr doch vorgeben wird, sie dürfe sich bei Übersetzung dem Original in jedem Sinne nahe halten.
      Aus diesen Ausführungen Goethes ergeben sich die folgenden Fragen:
Erstens: Wie sind Flexibilität und Innovationskraft des Deutschen konkret zudenken?
Zweitens: Welche konkreten Sachverhalte beschreibt das Bild vom "Markt",auf dem der Deutschsprachige als "Dolmetscher" auftritt?
Drittens: In welchem Zusammenhang stehen Goethes Überlegungen zum

Sprachtransfer mit der Globalisierung?
Zum ersten: Goethe betrachtet das Deutsche als historisches, d. h. dem Wandel unterliegendes Phänomen. Dem Kampf gegen die Vergreisung war Goethes jugendliche Sprache des Sturm und Drang verpflichtet. Im Alter, 1817, schaut er auf das Erreichte zurück: Die beispiellose literarische Blütezeit seit Lessing und Klopstock hat ihre Spuren auch beim breiten Publikum hinterlassen:
Wir geben gerne zu, daß jeder Deutsche seine vollkommene Ausbildung innerhalb unserer Sprache ohne irgendeine fremde Beihülfe hinreichend gewinnen könne. Dieß verdanken wir einzelnen vielseitigen Bemühungen des vergangenen Jahrhunderts, welche nunmehr der ganzen Nation, besonders aber einem gewissen Mittelstand zugute gehn [...] Hiezu gehören die Bewohner kleiner Städte [...], alle Beamten und Unterbeamten daselbst, Handelsleute, Fabricanten, vorzüglich Frauen und Töchter solcher Familien, auch Landgeistliche, insofern sie Erzieher sind. Diese Personen sämmtlich [...] alle können ihr Lebens- und Lehrbedürfniß innerhalb der Muttersprache befriedigen.
      Aber: Die erreichte Vollkommenheit ist relativ, sie taugt für die Alltagsbedürfnisse des "Mittelstandes":
Die Forderung dagegen, die in weiteren und höhern Regionen an uns, auch in Absicht einer ausgebreiteten Sprachfertigkeit gemacht wird, kann niemand verborgen bleiben, der sich nur einigermaßen in der Welt bewegt.

     
   Mit dieser Argumentation bewegt sich Goethe in die Richtung des Kultur-und Informationsaustausches, der dem Konzept der Weltliteratur zugrunde liegt; es wird an dieser Stelle von ihm nicht weiter verfolgt; stattdessen diskutiert er zwei Varianten des Umganges mit fremden Sprachen im Deutsehen: negativ beurteilt Goethe die Bestrebungen der Sprachreiniger, die schon wegen ihres politischen Ausgangspunktes, eines engen, antinapoleo-nisch grundierten Nationalismus, vor Goethes Augen keine Gnade finden konnten.
      Der geistlose [Mensch] hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches kümmerliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte.

     
   Der geistlose Teutomane steht hier gegen die transnationale Intellektuellenrepublik, der Goethe sich zugehörig weiß. An anderer Stelle spricht Goethe noch prägnanter von den "traurigen Mißgriffen [...], durch welche die deutsche Nation ihre Sprache von Grund aus verdirbt; ein Unheil, das man erst in dreißig Jahren einsehen wird." Als Gegenposition präsentiert Goethe, hier nur andeutend, die Formel "zugleich reinigen und bereichern"36. Was hiermit gemeint ist, lehrt eines der Paralipomena des Aufsatzes Deutsche Sprache. Neben den offensichtlich drucktechnischen Anweisungen "Schutztitel. Fr. Vortitel. Schutztitel" steht "Stängeln perche"37. Dieses zunächst rätselhafte Stichwort nimmt Bezug auf einen Brief Goethes an seinen philologischen Berater Friedrich Wilhelm Riemer vom 30. Juni 1813. Dort heißt es:
Eine fremde Sprache ist hauptsächlich dann zu beneiden, wenn sie mit Einem Worte ausdrucken kann, was die andere umschreiben muß [...]. Mir aber kömmt vor, man könne gar manches Wort auf diesem Wege gewinnen, wenn man nachsieht, woher es in jener Sprache stammt, und alsdann versucht, ob man aus denselben etymologischen Gründen durch ähnliche Ableitung zu demselben Worte gelangen könnte. So haben zum Beispiel die Franzosen das Wort perche, Stange, davon das Verbum percher. Sie bezeugen dadurch, daß die Hühner, die Vögel sich auf eine Stange, einen Zweig setzen. Im Deutschen haben wir das Wort stängeln. Man sagt: ich stängle die Bohnen, das heißt, ich gebe den Bohnen Stangen, ebenso gut kann man sagen: die Bohnen stängeln, sie winden sich an den Stangen hinauf, und warum sollten wir uns nicht des Ausdrucks bedienen: die Hühner stängeln, sie setzen sich auf die Stangen.

     
   Dass dies mehr ist als nur ein hübsches Gedankenspiel, beweist die Tatsache, dass Goethe selbst das Wort "stängeln" im Westöstlichen Divan gebraucht; dort heißt es: "Einer [Vogel] sitzt auch wohl gestängelt. Auf den Ästen der Zypresse f...]." Man sieht hieran, wie Goethe sich die Flexibilität und Innovationskraft der deutschen Sprache für sein eigenes Schaffen zunutze macht; wohl zu Recht kann man darin den Versuch sehen,der Konventionalisierung zu entgehen. Formelhaftes und Stereotypes, teilweise mit verdeckten semantischen Prägnanzen, durchdringt sich mit erneuter kühner Wort- und Metaphernschöpfung, mit Elementen aus fremden Sprachen und Kulturen, Verfremdungseffekten überhaupt, in der Poesiesprache oftmals strukturiert in harten Satzfügungen - eine beispiellose Altersform von höchst individueller Prägung.
      Zum zweiten: Goethes Rede vom Markt sei zunächst nur metaphorisch verstanden. Goethe stand selbst auf diesem Markt, sozusagen als Marktkaufmann; er hat um sich herum, vor allem in den letzten Lebensjahrzehnten, ein Kommunikationsnetzwerk aufgebaut, das aus eigenen Zeitschriften, unzähligen Besuchern in Weimar und hauseigenen Gesprächspartnern und Briefpartnern bestand; hier wurden literarische Neuerscheinungen angekündigt, beurteilt und der Nation ans Herz gelegt. Als Fallstudie kann der Kontext der Äußerung über den "Markt" dienen, "wo alle Nationen ihre Waren anbieten". Sie steht in der Besprechung einer Anthologie von Thomas Carlyle, German Romance , mit der dieser dem britischen Publikum die zeitgenössische deutsche Literatur nahe bringen wollte; mit der gleichen Absicht hatte Carlyle schon 1825 The Life of Friedrich Schiller veröffentlicht. Diese Vermittlung der deutschen Literatur nach Großbritannien erfährt nun durch Goethes Besprechungen eine Rückkopplung nach Deutschland. Die deutsche Übersetzung des Schillerbuches begleitete Goethe darüber hinaus mit einer Einleitung .
      In diesen Texten stellt Goethe die hier schon mehrfach zitierten Überlegungen zum Sprach- und Kulturtransfer an. Der "mehr oder weniger freie geistige Handelsverkehr", als welcher die "allgemeine Weltliteratur" beschrieben wird43, führt einerseits zu einer verspäteten und damit erneuten Rezeption im Nachbarland, so z. B. in bezug auf Schiller oder auf die französische Übersetzung von Herders Ideen. Andererseits dient eine solche Übersetzung auch kulturpolitischen Zielen: Goethe erhofft sich, im Lichte unserer Erfahrangen utopisch, von solchen Übersetzungen die Überwindung der inneren sprachlichen und kulturellen Gegensätze in Großbritannien:
Nun aber bin ich überzeugt, daß, wie die deutsche ethisch-ästhetische Literatur durch das dreifache Britannien sich verbreitet, zugleich auch eine stille Gemeinschaft von Philo-germanen sich bilden werde, welche in der Neigung zu einer vierten, so nah verwandten Völkerschaft auch untereinander als vereinigt und verschmolzen sich empfinden werden.

     
   Heißt das nun, am deutschen Wesen werde die Welt genesen? Sicher nicht: Die Utopie verrät sich als solche durch das Ausklammern von Fragen der Realpolitik und der Macht; der Nationalstaat sollte im 19. Jahrhundert erst noch kommen. Goethe denkt eine Gemeinschaft des Geistes, nicht Gesellschaften mit Konflikten und deren Pazifizierung.
      Zum dritten: Und doch wird von Goethe auch die politische Dimension der transnationalen Kommunikation mitbedacht. Auffallend ist die Rede vom "Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten"46, von dem "mehr oder weniger freien Handelsverkehr"47, beides im Zusammenhang mit dem Konzept der Weltliteratur. Diese wirtschaftswissenschaftliche Terminologie hat neben der metaphorischen durchaus auch eine konkrete Dimension. Goethe war über die zeitgenössischen ökonomischen Theorien durchaus unterrichtet, und von da aus bot es sich an, den Kulturbereich auch in bezug auf den politischökonomischen Kontext zu betrachten. Goethe schreibt am 6. Juni 1825 an Zelter, seinen intimsten Briefpartner des Alters:
Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde, dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lancastersche Lehrmethode, und was nicht alles. Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Laß uns so viel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen, wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt.

     
   Goethe beschreibt hier die sich anbahnende Globalisierung, die Imperative eines sich entfesselnden Kapitalismus und ihre Auswirkung auf das elitäre Bildungsideal einer Individualkultur des 18. Jahrhunderts, in der Goethe letztlich doch wurzelte. Die "mittlere Kultur" - das ist die Kultur des "Mittelstandes" -, der Goethe das Reservat der Nationalsprache zugewiesen hatte und deren Grenzen er überschreiten wollte; und die Bibelgesellschaften haben für Goethe ein doppeltes Gesicht: einerseits sind sie Garant einer internationalen Kommunikation, indem sie "das Evangelium einem jeden Volke, in seine Sprache und Art gebracht [...| überliefern"49, andererseits schleifen sie die Klassenschranken, in denen allein Goethes Eliten zu Hause sind. Der tiefe Kulturpessimismus, der sich im geschützten Raum des Privatbriefs artikuliert, steht in unauflösbarer Spannung zu den transnationalen Sprach- und Kulturkonzepten der exoterischen Äußerungen Goethes.
      Mit Goethe ins 21. Jahrhundert?
Wäre es möglich, Goethes Sprachkonzepte in bezug auf das Deutsche auf die Situation zu beziehen, in der sich diese Sprache jetzt in einem Vereinten Europa befindet? Schauen wir noch einmal zurück auf die historische Situation, in der Goethe seine Gedanken formulierte.
      "Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause ist." Das scheint ein nobles Ziel, das Klassen- und Bildungsschranken überschreitet und im Rahmen der Europäischen Union sicher einleuchtet. Goethe entwirft einen Sprachbenutzer, der in seiner Regional spräche ebenso zu Hause ist wie in der Standardsprache und in den wichtigen westeuropäischen Kultursprachen. Er koppelt den Sprachgebrauch an Identität und Intersubjek-tivität. Aber er zeigt auch, dass die Imperative der modernen Wirtschaft, "Reichtum und Schnelligkeit" jenes kontemplative Bildungsideal Goethes ausschalten. Die bürgerliche Emanzipation hatte sich in Deutschland im 18. Jahrhundert mit der allmählichen Ablösung des Latein durch die Nationalsprache vollzogen. Hierin konnten die neuen bürgerlichen Eliten das ausdrücken, was sie dachten, wollten und hofften. Der Prozess bezog Regional-und Standardsprache mit ein. Das Theater sollte die Nation zusammenschmieden51, und hier war nach Meinung des Theaterdirektors Goethe kein sprachlicher Provinzialismus erlaubt.
      Im 20. und 21. Jahrhundert sind die Verhältnisse verwickelter. In Deutschland ist die Standardsprache als überregionales Kommunikationsmedium durchgesetzt, die Regionalsprachen funktionieren in ihrem Bereich auch un ter den Gebildeten. Sie haben in Rundfunk und Fernsehen, Theater und Kirche ihre Reservate. Anders in der deutschsprachigen Schweiz: Hier verdrängt das Schwyzerdütsch, also die Hebels Alemannischen Gedichten eng verwandte Sprache, mehr und mehr das Hochdeutsche, auch im offiziellen Gebrauch. Dieser Prozess der "Mundartisierung" lässt sich als sprachlichkultureller Kompensationsversuch gegenüber dem großen Nachbarn erklären.
      Außerhalb der Schweiz steht in West- und bald auch in Osteuropa nicht mehr die Ausbildung von Nationalstaat und Nationalkultur auf der Agenda, sondern die einer Europäischen Union, die ihrerseits wieder in größere Verbände integriert werden soll. Die Kulturen und Sprachen speisen sich noch immer aus den Nationen, werden aber durch die Dominanz der englisch-amerikanischen Kultur und Sprache gefährdet. Das Englische als neues Latein entspricht sowohl den praktischen Bedürfnissen einer transnationalen Kommunikation als auch einer globalisierten Massenkultur . Das braucht man nicht zu beklagen. Aber: Legt man die Ausgleichskonzeptionen Goethes zugrunde, die zwischen Wiesental und Weltliteratur, zwischen Regionalsprache und sich öffnender Nationalsprache vermitteln will, dann ist es einleuchtend, den Nationalsprachen mehr als bisher gezielte Förderung zuteil werden zu lassen. Das dürfte im Bildungswe-sen, also in Kindergarten, Schule und Hochschule seinen Ausgangspunkt haben und auch in der Brüsseler Verwaltungs- und Regierungspraxis einen größeren Niederschlag als bisher finden müssen. Das ist zwar unter dem Gesichtspunkt von "Reichtum und Schnelligkeit" nicht effizient, wohl aber für die Entwicklung einer europäischen Kultur, die sich aus der Spannung von Identität und Alterität entwickeln müsste.
     

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