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Kontextualisierung und analyse -zur literatur der goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. jahrhunderts

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Vom Nutzen und Nachteil des Geckos für das Leben



Der nicht-integrierte Eros in Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl und George Saikos Die Statue mit dem Gecko

1. Eros
Eros gilt als Gott, dessen Macht schwerlich zu bezweifeln ist - gewiss ist, dass er den meisten olympischen Göttern gegenüber sich in der 'Geschichte" als der mächtigere und zeitlosere, unverwüstlichere erwies. Seine Energien sollen nicht zu bannen, allenfalls umzulenken sein; er kriecht in jedes moralische Bedenken, um sich dieses zu Nutzen zu machen, die Scham macht er zum 'erotischen Reiz"1, wie Günther Anders in seinem Text Luder schreibt. Die Sexualitätals die Totalkundgebung ist es, die alle gesonderten Organe in seine [des Eros, M. H.] Aufregung mit hineinreißt. Das gelingt [...] auch ganz leicht. Stammen sie doch sämtlich, sozusagen, aus der gleichen Kinderstube wie die Bewohner der Sexualorgane, hätte doch schließlich jedes von ihnen .Geschlechtszellchen' spielen können, wenn nicht der Hochmut sie in eine so weitgehende Differenzierung hinein verstrickt hätte.
      Anders als in Andreas-Salomes Text sei hier nicht in Abrede gestellt, dass in den Umwegen, worin Eros gelenkt wird, etwas womöglich Substanzielles geschieht, nämlich Kultur; dass sich allgemein das 'Akzidentielle" als 'wesentlich" erweisen kann.
      Die Frage besteht dennoch: Wie kann man jemand integrieren, der/das seinerseits so effizient zu integrieren versteht? Diskussionswürdige Modelle der Aneignung oder aber Abweisung des Eros bieten die Schriften Schnitzlers und Saikos, die darum hier verglichen werden sollen.
      2. Um Leutnant Gustl
Zur Zeit der Jahrhundertwende bot Wien ein ambivalentes Bild: Die Schwäche des Kaisers führte zwar zu einer Blüte des Bürgertums, doch schon das Nebeneinander erstarkter Nationalkulturen ist nicht nur als Fortschritt zu verstehen - die reaktionäre Ideologie eines geeinten Ã-sterreichs hatte auch für eine lange Zeit Oasen der Völkerverständigung ermöglicht. Der Aufbruch, der jedenfalls unübersehbar war, wurde in Wien zusätzlich durch einen Schritt in Richtung Urbanisierung verstärkt: Die Mauern der Wiener Stadtbefestigung wichen mit einem Entscheid von 1857 der Ringstraße, die zentrale Kärntner Straße wurde stark verbreitert, der Karlsplatz entstand als Verkehrsknotenpunkt; durch sein Entstehen wurde - ohne Intention, und doch ist es symbolisch - die Achse 'Hofburg-Karlskirche" zunichte gemacht. In dieser Stadt, die zwischen Historismus und Modernität hin und her pendelt, befindet sich nicht zuletzt die Moral im Umbruch. Ein auf Konvention beruhender Ehrbegriff, wie ihn das Militär und der Hof kennen, wird mit einer liberalen Bürgerlichkeit konfrontiert, die ihn abklopft und für hohl befindet - so Sigmund Freud, so der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler. Das Bürgertum hat nicht nur die Person in ihrer Individualität und in ihrem Bemühen um ein authentisches Erleben geprägt, sondern auch die Ironie neu geschärft, die sicherstellen soll, ob, was sich 'schön" ausnimmt, nicht zuweilen bloß 'kitschig" sei, was originell erscheint, nicht beliebig. Bald wird das Bürgertum die Rolle der dezidiert nicht liberalen feudalen Strukturen übernehmen, Familien wie die Wittgensteins akkumulieren bereits im Austausch mit dem Hof Kapital und Macht, doch noch gilt die Antithese, ist das 'Cafe Central" es, wo Hermann Bahr, Alfred Polgar, Peter Altenberg und Karl Kraus sehr 'bürgerlich" gegen die 'bürgerlichere" Zeitung Neue Freie Presse polemisieren, in der Schnitzlers Leutnant Gustl publiziert wird.
      In der Kurzgeschichte Leutnant Gustl wird die prekäre Frage nach der Mora-lität gestellt, die einem Sittenkodex eignen könne, der - gültig für das Heer vom Offizier aufwärts - vor allem dies ist: ein unreflektiertes Arrangement von Ge- und Verboten. Sie zu durchdenken ist nicht vorgesehen, die Interna-lisierung der strafenden, ja: 'sadistischen Instanz", die statt des Ichs entscheidet, was gut, was böse ist, dagegen sehr wohl. Schnitzler erzählt in einem inneren Monolog die Krise eines Mannes, der an seinen Offiziersehren fast zugrunde geht. Von einem 'nicht satisfaktionsfähigen" Mann beleidigt, ist er entschlossen, sich zu töten. Seine moralischen Ansprüche erschöpfen sich darin, der Konvention zu genügen, er ist sozusagen sein Rock , was ihn zur kopflosen Marionette zu machen droht, wie sie dem Leser auch im Spiel im Morgengrauen entgegentritt, hier freilich mit bitterem Ende, kann doch Willi ebenso wie Gustl nicht anders denn als Vertreter einer Standesehre agieren. Er wird aber anders als dieser nicht wundersam und makaber 'erlöst". Mit Freud ließe sich von einem blindwütigen 'Ãober-Ich" sprechen, das der 'ichlosen" Person, welche die moralischen Ansprüche erst zu solchen machte, längst entglitten ist, denn an der rücksichtslosen Umtriebigkeit der hohen Herren ist in keinem der Texte zu zweifeln. Da Moral und Trieb hier unvermittelt nebeneinander bestehen und keine Integration in die Persönlichkeit der Person erfahren, gestalten sie sich ungehemmt - wie im Katholizismus, der hier freilich nicht vorrangig attackiert wird, die Aufspaltung in 'reine" und 'böse" Gefühle 'Klöster Treibhäuser der Perversionen" werden lässt, während der aufgeklärte Nacktbadestrand es nicht zu dieser sexuellen Aufladung bringt.
      Gustls Geschichte endet zuletzt komisch, denn der dem Spott preisgegebene Gustl wird errettet; jener Bäcker, der ihn tödlich beleidigt hat, stirbt unerwartet, worauf die Hauptperson freudig weiterleben kann, jedenfalls bis zum Duell, zu dem sie beflügelt aufbricht. Immerhin besteht - und das zu übersehen täte dem Protagonisten Unrecht - Hoffnung, er könne sich einmal bessern und entwickeln. Denn auch andere Herren sprechen bei Schnitzler so geistfeindlich, antisemitisch und borniert, wie er es tut: 'Wissenschaft ist das, was ein Jud vom andern abschreibt."
So hatte das Militärgericht, das sich angegriffen fühlte, da sein Repräsentant ein widerwärtiger Kerl sei, doppelt Unrecht: Es fühlte sich in Gustl attackiert, von dem 'Schnitzler selbst [...] nicht so schlecht gedacht haben "9, und sah - darum? - nicht, dass es auf einer ganz anderen Ebene in Misskredit gerät: Das Schlechteste an Gustl, und das ist seine Verblendung durch Voreingenommenheit, ist tatsächlich Resultat seiner Zugehörigkeit zu seiner 'Kaste". Gustl ist eine 'mindere Ausgabe des Dandys"10, aber sein Unvermögen, sich seiner Person zu versichern, dämmert ihm, etwa, wenn er von seinem Begräbnis phantasiert, er fühlt, dass seine moralischen Ansprüche ihn nicht zum geschichtlichen Wesen machen, sondern zu einem Abhängigen, der etwas, das beliebig ist, an sich als absoluten Maßstab anzulegen und anlegen zu lassen bereit ist. Diese Brechung von Schnitzlers Gustl lässt beide entstehen: den Mann und den 'Ungustl"; den, der das Ungenügen seiner Maßstäbe fühlt und weiß, wie wenig seine Sprache ausreicht, sich über sich selbst aufzuklären und seine Existenz verbindlicher zu gestalten; aber auch den, der den Ressentiments freien Lauf lässt. Sie ist nur möglich im inneren Monolog, der den Helden in seiner psychischen Befindlichkeit zur Tragikomödie macht, den Blick von außen mit dem von innen, der die tragische Bedingtheit des Lachhaften zeigt, kombinierend. Die Komödie besteht ungebrochen nur im Ignorieren dieser Vor- zur Fallgeschichte. Die Tragödie beginnt, wo die Figur ahnt, dass sie nur 'Salonsprache"" plappert; groteskerweise wurde genau dies wie die Ãoberbetonung der Sexualität, die im Text nur in den von Schnitzler psychologisch erforschten Protagonisten so seltsame Blüten treibt, dem Analytiker vorgeworfen. Was sein Eigentliches sei, wird Gustl wohl nicht zu ergründen wissen - vielleicht ist es als Menschsein 'die Dislozierung des Eigentlichen überhaupt"13, was die Antwort nicht eben erleichterte -, doch schließt Schnitzler es eben nicht aus, dass die Krise, die den Herrn Leutnant gehörig beutelt, ihn reifen und im besten Sinne 'nicht unbeschadet" lässt.
      Gustl wird so schließlich zur Fallgeschichte, wie sie Freud erzählt haben könnte. Umgekehrt wird ja bei Freud nicht nur der Mythos - etwa Ã-dipus -zur Aufschlüsselung, sondern diese wiederum zum Mythos, der als heuristisches Modell gerade hier fasslich wird: Gustl spricht und sagt, was ihn sozusagen therapiebedürftig macht, therapiert sich aber eben damit auch schon selbst. Im Mythos erzählt das Individuum von der Unausweichlichkeit der Konfrontation mit der Realität und der Gefahr des Regresses, der Nar-ziss, Ã-dipus und fast auch Leutnant Gustl ins Unheil stürzt. Doch Gustl erzählt von den Mächten, die ihn bedrücken - und jede 'Geschichte macht der blanken Macht eine Achillesferse." Er erzählt, und keine Deutung wird diese Stimme ersetzen: 'Im Mythos geschieht das Totale und das Endgültige nicht"17. Das liegt daran, dass sich in diese Erzählung die Deutung verstrickt, wie die Erzählung ja in eine Deutung eingeflochten zu sein scheint - der 'Mythos ist immer schon in Rezeption übergegangen, und er bleibt in ihr"18, schreibt Blumenberg. Es liegt ferner daran, dass Gustl wie jeder Mensch uneigentliche Züge nicht nur hat, sondern auch haben muss. Das letzte Wort hierzu soll Gustl selbst haben: Nicht jener Satz, worin er sich über des Bäckermeisters Tod freut, sondern ein scheinbar, aber eben nur scheinbar seinen Charakter weniger gut treffender muss es sein: '... mir ist immer, als wenn ich mir eine Geschichte erzählen möcht'.. ."
3. Das Ich als Instanz des glücklichen Vollzugs
Man ahnt, was Schnitzler als Mediziner - und Mann - nachhaltig bezweifelte: Würde Gustl diesem Drang zur Geschichte nachkommen, sozusagen ein geschichtliches, sich als geschichtlich begreifendes Wesen werden, so wäre damit das Ende der Zerrissenheit denkbar, die sein Fatum ist. Angedeutet wurde, dass nicht nur eine nicht-sadistische Moralität diesem Umschlag folgen könnte; zu verstehen ist aber vor allem, dass dieses Ich in der Verbindlichkeit seiner Ansprüche auch von einer anderen Sexualität sein sollte. 'Ob so ein Mädchen Steffi oder Kunigunde heißt, bleibt sich gleich"22, behauptet Gustl, was auf ein friktions-, weil kontaktfreies Nebeneinander der Ansprüche des Triebs und jener des Gegenübers hinweist; indes ist bezeichnend, wie sich Gustl vom Unglück dieses Anspruchs, der zugleich der Liebe eine andere Qualität gäbe, distanziert: 'Ist doch ein Glück, das ich nicht in sie verliebt war ..., das muss traurig sein, wenn man eine gern hat und so ..." Trauriger ist es, so zu sprechen, wie Gustl, der ja offenbar doch wünschte, das richtige Mädchen nicht verlassen zu haben, und das im Grunde auch zu wissen scheint. Den Schnitzlerschen Mädchen - als Verlassene wie Gehaltene Opfer der Konvention - kommt es nicht zuletzt zu, den erotischen Leerlauf zu markieren, der sich so entfaltet. So sind sie die Wahrheit, die sich in ihnen abzeichnet wie ein Schrapnell. Oder aber sie zeigen die Lächerlichkeit des maskulinen Ansinnens, ein 'Mäderl" entweder 'verlassen" oder 'haben" zu können: 'Sie lächelte [...] und erklärte ihm, daß nicht sie es sei, die sich irrte, sondern er. Sie dürfe nämlich, sie dürfe alles, was sie wolle"26, so heißt es von einer Dame, der ihr Ehemaliger erklärt, sie irre: sie dürfe ihn nicht verlassen. Ein Mädchen entgegnet dem Liebhaber, der seine Passion als ihre Aktivität darstellt und darum mit der Vorstellung ihres Gewissens spielen will:
Der Gatte: Und da möchtest du dir gar kein Gewissen machen, daß du einen Ehemann zur

Untreue verführst?
Das süße Mädel: Ah was, deine Frau macht's sicher nicht anders als du.
      Der Gatte : Du, das verbiet ich mir."
Der für den desintegrierten Sexus prototypische Gustl leidet jedenfalls an einem Defizit an Sprache und Gefühl, das erst in seinem Ausdruck es selbst wird, ein Mangel, der Gustl einfällt, als er seine eigentlich lächerliche Zwickmühle bedenkt. 'Am liebsten lag' ich auf dem Steinboden und tat' heulen ... Ah nein, das darf man nicht tun! Aber weinen tut manchmal so gut ..." So irrt die Figur durch ein selbsterschaffenes Labyrinth von Ansprüchen, die ein Ganzes nicht zulassen wollen, doch da die Ansprüche offenbar negociable sind, ist stets die Vision eines anderen Lebens zugegen. Die Frage aber drängt sich auf: Ist das andere Leben illusorisch? Ist eventuell schon die Bigotterie das, was aus dem eigentlichen Leben sich als möglich ergeben soll? Behauptet wurde doch, dass die Narbe der Existenz zugehöre; der uneigentliche, entfremdete Mensch ermangelt einer Gegenfigur, welche eigentlich wäre.2"
Und wenn ihn heut nacht der Schlag trifft, so weiß ich's, ... ich weiß es ..., und ich bin nicht der Mensch, der weiter den Rock trägt und den Säbel, wenn ein solcher Schimpf auf ihm sitzt!

   Gustl lässt am Ernst des rigiden Anspruchs scheinbar keinen Zweifel. Als er später erfährt, dass es genau so kam, sagt er sich dagegen - und das weist auf ein 'Wegstück": 'Keiner weiß was, und nichts ist g'scheh'n!" Schon zuvor spricht Gustl zu sich, es sei 'unglaublich, weswegen sich die Leut' totschießen"32. Am Status quo als einem Unglück ist zwar nicht zu zweifeln, doch ist die Ironie im Umgang mit den unvereinbaren Ansprüchen gegeben, welche vielleicht die reife Persönlichkeit in nuce ausmacht. So, wie die Moral abweisbar bleibt, ist auch der Sexus eine Größe, dessen Rumoren leicht zu verkennen ist. Schnitzlers Leutnant ist eine fragmentierte Persönlichkeit, ein 'ignotum x" mit vielerlei Masken, die als 'Ich" erscheinen. Einzig die Existenz des Gegenstücks - eben jenes Mannes, der sich aus nichtigen Gründen tötet - lässt die Souveränität Gustls ernstlich bezweifeln. Gelänge es Gustl, nicht nur, nach Freud, das Ich expansiv in die Bereiche der Partialtriebe hineinzutragen, sondern das Ich auch insgesamt aus sich auszustreichen und keine Persönlichkeit zu haben, so entspräche das der von aller Limitation befreiten, souveränen Existenz, die Friedrich Nietzsche oder auch Emile Cio-ran skizzierten:
Saugt eure Lebenslagen und Zufälle aus - und geht dann in andere über! Es genügt nicht, Ein Mensch zu sein, wenn es gleich der nothwendige Anfang ist! Es hieße zuletzt doch, euch aufzufordern, beschränkt zu werden! Aber aus Einem in einen Anderen übergehen und eine Reihe von Wesen durchleben!

   Nur 'Besessene [...] geben ihr eigentliches Ich" preis, vielleicht sind nur sie 'beschränkt genug, um überhaupt eines zu besitzen." Neben Nietzsches und Ciorans Ich-Aufsplitterung wäre freilich auch auf Robert Musil zu verweisen, von dessen Mann ohne Eigenschaften gilt, 'daß er mit alledem ja doch ein Charakter sei, auch ohne einen zu haben"35. Bei Schnitzler ist von 'Gedanken, für die ich mich, weder im Guten noch im Bösen, als verantwortlich empfinden konnte"36, die Rede.

      4. Eros und Integrität
Fraglich ist, ob Gustl sich zu seiner Moral als einem Empfinden frei verhalten kann, ebenso, welche Freiräume ihm sein Sexus - von Strategien seiner unmittelbaren Umsetzung abgesehen - lässt. Wurde eingangs die Sexualität 'als die Totalkundgebung"37, der nicht zu entrinnen sei, bezeichnet, so stellt sich nun die Frage, ob der Sexus nicht der immer schon von der ratio aufgesogene Schatten seiner selbst sei - ein 'Gecko", der, da nicht leicht zu handhaben, auch abgewiesen werden kann.
      Hermann Broch skizzierte in Die Schuldlosen, vereinfacht gesprochen, ein Menuett der Uneigentlichen, die das, was ihnen eine intrigante Magd implantiert, für ihre Herzenswünsche halten. Darüber werden alle Triebe vergessen, sogar der Selbsterhaltungstrieb - von der ungebrochenen Macht des Eros ist kaum mehr zu sprechen. Bei George Saiko, der Broch schätzte, ist es ein kleines Reptil, eben ein Gecko, womit der exilierte Eros bildlich wird. In Die Statue mit dem Gecko erscheint der geschuppte Statthalter Eros' 'wunderbar, [...] geradezu obszön'"", doch ist von Eros und Gecko gleichermaßen zu sagen: Ein 'bequemes Gepäckstück wäre er nicht gewesen." Und wo er nicht mehr denn ein 'Gepäckstück" sein kann, wird die in ihrer Intensität etwas siech erscheinende Obsession rasch beiseite geschafft; der Gecko, der schon zu Beginn 'feindselig" wirkt, findet in der Tat keine neue Heimstätte, er ist hinreichend, um die Brüchigkeit der vom Ich zuvor beschlossenen Beziehung offenbar werden zu lassen, aber desgleichen von jenem untergrabenen Ich als unzureichend fundierte Sehnsucht abgetan worden; er endet wie ein vergilbtes Bild in einem Photoalbum. Der eben noch bedeutende Gott ist also ein Souvenir geworden.
      Ist Schnitzlers Darstellung jener Freuds einigermaßen kompatibel, so ist Saiko in dieser Sichtweise am ehesten mit Michel Foucault zu vergleichen, der desgleichen den Eros von dem Ansinnen, rational zu werden, bedroht sieht. Sich ihm nähern zu wollen, ist allenfalls 'vom Unwahrscheinlichen zu singen, [...] das erscheinen zu lassen, was nicht erscheint"43, wie Foucault schreibt. Tritt aber der Eros nach den Regeln vor, gegen die er seine Ansprüche verteidigen zu können glaubt, erfährt er, dass die Form seines Widerstandes schon vorgezeichnet ist:
Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht.
     
   Das heißt, dass die Klage über die Unterdrückung des Eros und eben die Unterdrückung verweisen aufeinander und verstärken einander. Die analytisch sich gerierende ' ,Entproblematisierung' hat [...] viele Motive"46. Das 'Projekt einer ,Diskursivierung' des Sexes" ist Krönung seiner Negation, denn er selbst tritt als Lüstchen vor, das sich ungelenk beschreibend durch eben diese Rede, die ihre Beliebigkeit preisgibt, aufgelöst wird; es ist ein 'Ab-schirm-Diskurs"48, der zu verstehen ist. Die 'ars erotica" verblasst, die 'scientia sexualis" tilgt die Singularität, die dem Begehren innewohnt. Im 'Archiv der Lüste" ist der Anlass der Erotik nicht vorzufinden. Eros ist in der Umkehr der letzten Behauptung das Objekt, welches als solches nicht wahrgenommen werden kann, insofern er sich in diesem findet; er ist bedroht und auf eine Betrachtung angewiesen, die eigentlich aus ihm zu kommen scheint.
      Es handelt sich um ein 'Vervielfältigen" und 'Knospentreiben" des Körpers, um eine gewissermaßen autonome Steigerung seiner kleinsten Partien, der geringsten Möglichkeiten eines seiner Bruchstücke. Dabei vollzieht sich eine Anarchisierung des Körpers, in der die Hierarchien, die Verortungen und Benennungen in Auflösung begriffen sind."
Wenn Eros das ist, was er hervorbringt, wenn der aus ihm abgeleitete Blick erst gebiert, woran er sich entzündet und Eros wird - so ist Eros so gefährdet, weil er Schrift ist. Wie Hermes oder Thot ist er ein exponierter Gott, der nun beides ist: mächtig und peripher. Er kann sagen, was ihn wiederum prägen wird: 'Ich philosophiere [...] im eingestandenen Schrecken, wahnsinnig zu sein"52, wahnsinnig, unstatthaft, inadäquat, unabweisbar.
      5. Gustl & Gecko
Das Ich hat den Trieb - nicht der Trieb hat das Ich. Eros als prägende Instanz ist an das Ich gebunden, welches ihn 'schreibt", ihn prägt. Wie erscheint er dann 'wesentlich"? Es ist vielmehr so, dass sein unreines Erscheinen sich als das reinste erweist, das möglich ist; dass tatsächlich Eros sich bei Schnitzler wie bei Saiko dort zeigt, wo man zunächst einen bloßen Anschein vermutete.
      Abweisbar ist er nicht, annehmbar ist er nicht, sein Ort ist die Krise. Gustl kann in verschiedenen Graden den Trieb in das, was sich zum Ich formt, integrieren, doch nicht völlig. Ebenso kann, wer den Gecko gesehen und berührt hat, diesen zwar abweisen, doch nicht, ohne der kleinen Echse zu gewähren, eine Spur in seinem Leben zu hinterlassen.
      Eros scheint in der sozialen und psychischen Mechanik ein kleiner, nichts-destotrotz nicht impotenter Störfall zu sein; überspitzt könnte man seine Authentizität als das, was jede Beziehung ihrer Basis beraubt, betrachten. Freud verweist darauf, dass die Heilung des Ichs mit der Neurose zuweilen den Partner, der nur 'unter der Bedingung der Neurose zu ertragen war", beseitigt. Die Aggression gegen ihn ist 'der erste Schritt zu einer Emanzipation"55, jener des Ichs, jener seiner Wünsche. Einen letzten Schritt der Emanzipation aber gibt es nicht, die Wut hat das letzte Wort, fast will es scheinen, als sei die Denkbarkeit der 'Glatzenwatschen" das, was als 'emanzipatorische Minimalutopie" geblieben ist. Es scheint, dass Gustl und ähnliche Figuren Schnitzlers in der Tat an einer Schwelle stehen: Werden sie, was sie sind, geht ihr scheinbar suboptimales psychisches Interieur in Wahrheit in das über, was ein so völlig 'anderes" reifes Menschsein gar nicht ist, dann ist zweifelhaft, ob Eros - sogar, indem er kein wenig 'bequemes Gepäckstück"5* wird - kraft der Ironie beherrschbar ist. 'Diese Tiger und sonstigen Bestien waren eine Tatsache, die sich nicht wegleugnen ließ"59, heißt es bei Saiko vom Animalischen nur scheinbar nebenher.
      6. Vorletzt
Es ist immer wieder behauptet worden, dass Schnitzler sein Personal in Bezug auf Eros als ein Unheiles, aber zu heilendes umschreibe. Die Therapie und das Resultat aber sollten Freud'scher Prägung sein. Das ist womöglich zu einfach. Ebenso suggeriert Saiko in seiner Erzählung vom Gecko nur scheinbar, das integre Subjekt könne über seine Triebenergien nach Belieben verfügen.
      Die Wahrheit ist wohl eher, dass die Passion nie von einer getriebenen, inaktiven Person ausgeht, dass das Verhältnis des Ichs zu seinen an es gestellten Ansprüchen aber auch nicht souverän ist. Beide - Ich und Trieb - funktionieren nicht ohne Stottern, bleiben sich und insgesamt 'unrein". Beide verlangen Geduld, gerade auch in ihrer Exegese. Freilich: 'Die Maschine hat die Geduld ausgerottet"; und damit das, was nur als Schatten 'Ich" oder 'Trieb" wahrhaft ist oder wäre.
     

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