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Kontextualisierung und analyse -zur literatur der goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. jahrhunderts

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» 'Einer, der das Weltbild seiner Zeit verändert - Zur Gestalt Hermann Oberths in Rolf Hochhuths Tragödie Hitlers Dr. Faust

'Einer, der das Weltbild seiner Zeit verändert - Zur Gestalt Hermann Oberths in Rolf Hochhuths Tragödie Hitlers Dr. Faust



Ãober kaum einen anderen deutschsprachigen Gegenwartsautor herrscht in der literaturwissenschaftlichen Diskussion so wenig Konsens wie über den Dramatiker, Dichter, Prosaisten und Essayisten Rolf Hochhuth. Man kann an Rolf Hochhuths Schreibmodus die provokante Mixtur aus archivalischer Faktizität und thesenhafter Fiktionalität monieren, die seinen Geschichtsbildern eine künstlich erzeugte Sprengkraft verleiht. Diese Sprengkraft entfaltet zwar eine spektakuläre Wirkung, sie entpuppt sich jedoch oftmals ästhetisch als fragwürdig und politisch als irrelevant. Man kann an Rolf Hochhuths Schreibmodus die didaktisch gefärbte Diskursivität seiner dramatischen Werke beanstanden, die sich auf Kosten ihrer theatralischen Dynamik entfaltet, die ungezügelte Freude an aufklärerisch intendierten, jedoch nicht immer rigoros recherchierten Exkursen kritisieren, die seine Prosa wie seine Bühnentexte aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. Als problematisch können bei Rolf Hochhuth der auktorial erhobene Zeigefinger des Moralisten und der dilettantische Diskurs des historisch ambitionierten Autodidakten betrachtet werden, der sich mit einem eher rudimentären analytischen wie ästhetischen Instrumentarium immer wieder an Diffiziles heranwagt, mit Vorliebe an die Psychopathologie des Nationalsozialismus. Andererseits kann man bei Rolf Hochhuth das sichere Gespür für politisch brisante Themen hervorheben, die geistige Energie bewundern, die er zu mobilisieren vermag, um gesellschaftliche Tabus zu brechen, das Pathos seines künstlerischen und sozial-politischen Engagements rühmen, das - an die Schillersche Forderung nach der Bühne als moralischer Anstalt anknüpfend - im Medium der Moderne ein Ideal der traditionellen Ã"sthetik verwirklicht. Seit 1963, dem Jahr, in dem Rolf Hochhuths inzwischen zum 'Klassiker" der Dokumentarliteratur avanciertes Bühnenwerk Der Stellvertreter unter der Regie von Erwin Piscator an der 'Freien Volksbühne" in Berlin uraufgeführt wurde, hört sein schriftstellerisches Werk nicht auf, heftige literaturwissenschaftliche Kontroversen auszulösen und zugleich unmittelbare politische Konsequenzen zu haben. Der Sturz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, dessen blutbefleckte nationalsozialistische Vergangenheit als eines Marinerichters Rolf Hochhuth in seinem Drama Juristen entlarvt hatte, belegt als das vielleicht bekannteste Beispiel die unmittelbare politische Wirkung des Hochhuthschen Werkes.
      Am Schreibmodus Rolf Hochhuths hat sich seit der Uraufführung des 'christlichen Trauerspiels" Der Stellvertreter vor nunmehr 40 Jahren kaum etwas geändert. Man begegnet demselben Schreibmodus sowohl in den Prosawerken Die Berliner Antigone , Eine Liebe in Deutschland und Atlantik-Novelle als auch in den Bühnenwerken Guerillas , Lysistrate und die NATO , Tod eines Jägers , Ã"rztinnen , Judith und Wessis in Weimar . Auch das jüngste Bühnenwerk Rolf Hochhuths, die Tragödie Hitlers Dr. Faust , bildet hinsichtlich seines Kompositionsprinzips keine Ausnahme. Der seit dem Stellvertreter zu einer 'Formel" erstarrte Schreibmodus Rolf Hochhuths hat auch dieses Werk als eine polarisierende Mixtur aus Faktizität und Fiktionalität entstehen lassen, die einerseits durch die politische Brisanz ihres Sujets die Aufmerksamkeit der Literaturkommentatoren auf sich zu ziehen vermag, sich andererseits durch defizitäre Recherchen zu disqualifizieren droht. 'Neu" an einem neuen Werk Rolf Hochhuths war nie der Schreibmodus, die 'ecriture", die Ã"sthetik seiner Provokationen, neu war lediglich die politisch relevante Zielscheibe des Angriffs: 1963 diente Papst Pius X

II.

als Zielscheibe5, 1973 die NATO6, 1979 war es der Ministerpräsident Baden-Württembergs Hans Filbinger, 1980 die deutsche Pharmaindustrie7, 1993 die im Osten Deutschlands wirkende Treuhand und ihr ermordeter Präsident Detlev Carsten Rohwedder8; im Jahre 2000 war es der Pionier der Weltraumfahrt Hermann Oberth. Der im Verletzen von sozialen Tabus, im vehementen Zuweisen von historischer Schuld und im aufklärerischen Enthüllen der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands geübte Autor hat mit seinem neuen Bühnenwerk, der Tragödie Hitlers Dr. Faust, deren Protagonist das Siebenbürger Forschergenie Hermann Oberth ist, ein Opus vorgelegt, dessen politische Thesen auch das Selbstverständnis Rumäniens mit tangieren.
      Der Physiker und Raumfahrtpionier Hermann Oberth, am 25. Juni 1894 in Hermannstadt als Untertan des Kaisers Franz Joseph zur Welt gekommen, Forscher an den Universitäten in Wien und in Dresden, ab 1941 an der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde tätig, wo er die von Goebbels so getauften Vergeltungsraketen VI und V baute, weltberühmt durch sein Buch Die Rakete zu den Planetenräumen, in dem er 1923 die wesentlichen Elemente heutiger Großraketen beschrieb, erfreut sich im heutigen Rumänien und, als Genius loci, besonders in seinem Geburtsort Hermannstadt einer uneingeschränkten Bewunderung und eines tiefen Respekts. Die Titulierung Hermann Oberths als 'Hitlers Dr. Faust" kommt, zumindest auf den ersten Blick, einer ungeheuren Verurteilung des Forschergenies gleich, die in rumänischen, vor allem aber in rumäniendeutschen Kreisen innerhalb und außerhalb des Landes als verletzend und empörend empfunden werden mag. Die Auseinandersetzung mit Rolf Hochhuths Tragödie Hitlers Dr. Faust hat sich jedoch als literaturwissenschaftlicher Akt jenseits ethnisch bedingter, emotionaler Reaktionen abzuspielen. Es gilt, bevor man Hitlers Dr. Faust als Beleidigung des siebenbürgischen Geistes zurückweist, Rolf Hochhuths dramatische Argumentationsstrategie auf ihre Logik und Kohärenz hin zu prüfen, Schwächen wie Stärken der Hochhuthschen GeschichtsVisionen zu analysieren, sich dem literarischen Bild Hermann Oberths vorurteilsfrei zu nähern und es mit dem Bild der historischen Person Hermann Oberths zu konfrontieren. Erst durch eine nüchterne und vor allem vorurteilsfreie Gegenüberstellung der Realität mit dem Artefakt sind der ästhetische Wert und die politische Relevanz des Bühnenwerkes Hitlers Dr. Faust von Rolf Hochhuth herauszudestillieren. Im Folgenden gilt es, diese 'Destillierung" zu wagen.
      Wenigen Gestalten seiner der nationalsozialistischen Vergangenheitsbewältigung gewidmeten Werke gegenüber hat Rolf Hochhuth eine solch offene Sympathie gezeigt wie der Gestalt Hermann Oberths. Eigentlich galt diese Sympathie sonst immer nur den Widerstandskämpfern des 'Dritten Reiches"' und dessen Opfern10. Die Täter des nationalsozialistischen Regimes hingegen werden in den Werken Rolf Hochhuths immer mit bitterem Sar-kasmus und tiefer Verachtung gezeichnet." Während die Widerstandskämpfer und die Opfer der braunen Diktatur im Hochhuthschen Gesamtwerk als edle Identifikationsfiguren fungieren, werden die nationalsozialistischen Verantwortungsträger, die 'Täter", entweder karikiert und dem dichterischen Spott preisgegeben, oder sie werden auf ihre 'Geisteskrankheiten" hin untersucht, menschlich als unzurechnungsfähig abgestempelt und politisch für untauglich erklärt. Hermann Oberth gegenüber, den Rolf Hochhuth im Titel wie auch im Verlauf seiner Tragödie als 'Hitlers Dr. Faust" bezeichnet, was eine Verurteilung des siebenbürgischen Wissenschaftlers als eines mit dem nationalsozialistischen Diktator paktierenden 'Täters" vermuten lässt, zeigt Rolf Hochhuth große Sympathie, ja tiefes Mitleid, gepaart mit einer echten Bewunderung. Die im Prolog des Bühnenwerkes zitierten Worte Wernher von Brauns: 'Hermann Oberths einsamer Genialität, [..] verbunden mit seiner menschlichen Größe [...], gilt meine rückhaltlose Bewunderung" , bringen auch die Haltung Rolf Hochhuths seinem Helden gegenüber zum Ausdruck. Hermann Oberth ist bei Rolf Hochhuth 'ein genuin Friedfertiger" , ein frühreifes 'Forscher-Genie" , ein Visionär, den seine Siebenbürger Landsleute als den 'verrückten ,Mond-Oberth'" bezeichnen, und der - vom Berliner Kriegsministerium verkannt und wegen seiner epochemachenden Visionen belächelt - 'irgendwo in Siebenbürgen als Gymnasiallehrer für Mathematik unterkriechen mußte" . Rolf Hochhuth spricht von seinem Siebenbürger Helden stets in Superlativen. Hermann Oberth ist bei ihm ,jener im deutschen Sprachgebiet früheste und daher genialste aller Raketen-Verwirklicher" , 'der denkbar sympathischste aller Wissenschaftler" , schließlich ein in den Vereinigten Staaten etwas museal wirkender 'k. u. k.-Kavalier" . Solche superlativischen Töne sind in Rolf Hochhuths Gesamtwerk verständlicherweise nie für die 'Täter" des nationalsozialistischen Regimes reserviert, stets nur für die Opfer. Hermann Oberths geniale Zerstreutheit und Weltfremdheit , seine sanfte Natur , seine für den Physiklaien skurril anmutenden Experimente mit dem Spazierstock in der Badewanne , deren Komik an die Stummfilme Charlie Chaplins erinnert, schließlich seine körperliche Schönheit und seine Willensstärke verleihen der Bühnengestalt Hermann Oberth eine zur Identifikation einladende Liebenswürdigkeit und eine gewisse Aura und Faszination. Das Gegenporträt Hermann Oberths, so wie es seine künftige Braut Tilla entwirft, die sich empört zeigt über die 'verwerf-liche[n]" militärischen Forschungspläne ihres angeblich 'herzlosten]" und 'abgebrüht[enj" Verlobten, die sie als 'kriminell" apostrophiert , vermag nicht die Sympathie und die Bewunderung zu kaschieren, mit der sich Rolf Hochhuth dem Forschergenie Hermann Oberth zu nähern versucht. Vielmehr fungiert das Gegenporträt Hermann Oberths als eines 'gigantische[n] Heuchler[s]" , der einerseits Waffen verabscheut , sie andererseits baut, als Beweis dafür, dass das Siebenbürger Forschergenie sogar von ihm sehr nahe stehenden Menschen verkannt und missverstanden wurde, was dem Dramatiker einen weiteren Grund dafür liefert, Hermann Oberth nicht ohne Mitgefühl zu zeichnen. In subtiler Art und Weise gehört Hermann Oberth, entgegen dem Eindruck, den der Titel der Tragödie erweckt, zu den Opfern des Hitlerregimes. Er ist ein Opfer 'der dauernden Mißachtung, die seinem Genius in Friedenszeiten jeden Weg zum Ziel verlegt hat, seine Raum-Fahrt-Visionen" anders als durch 'einen Teufelspakt, erst durch den Hitler-Krieg" zu realisieren. ,Der Täter als Opfer' wäre die dialektische 'Formel", die Rolf Hochhuth im Schicksal des Forschergenies Hermann Oberth zu erblicken meint, eine Formel, die Oberths individuelle Lebenstragik enthält, zugleich aber auch der allgemeinen Tragik eines jeden Genieschicksals Ausdruck zu verleihen vermag. Auf diese doppelte Tragik, die sich im Privaten wie im Ã-ffentlichen, im Individuellen wie im Allgemeinen, im Physischen wie im Metaphysischen simultan abspielt, wird im Untertitel des Theaterstückes hingewiesen, der nur vordergründig als Gattungsbezeichnung fungiert, in Wahrheit jedoch einen Schlüssel zum Verständnis des Schicksals des Genies Hermann Oberth und - über sein individuelles Schicksal hinaus - des Schicksals des Genies im Allgemeinen bietet. Diese doppelte Tragik Hermann Oberths gilt es, im Folgenden ausführlich zu analysieren.
      Dass der Untertitel Tragödie nur vordergründig als Gattungsbezeichnung fungiert, lässt sich unschwer durch die Analyse des Kompositionsprinzips des Werkes Hitlers Dr. Faust beweisen. Das zwischen Wahrheit und Fiktion stets pendelnde Werk stellt sich als ein Bündel von essayistischen Prosafragmenten und dramatischen Szenen dar, gespickt mit kommentierten Passagen aus Goethes Faust und mit Zitaten aus den Werken Heraklits, Friedrich Nietzsches und Jacob Burckhardts. Genau datierte politische Meldungen aus der Tages- und Wochenpresse , Auszüge aus den Bekenntnissen und den Lebenserinnerungen verschiedener Wissenschaftler - vorzugsweise sind es Physiker, wie Niels Bohr, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Wernher von Braun und der 'Vater" der Atombombe, Robert J. Oppenheimer, die herangezogen werden -, Fragmente aus den Memoiren diverser Politiker bereichern und nuancieren den aufklärerischen Diskurs Rolf Hochhuths. Dieses bunte, zuweilen etwas überladen wirkende Mosaik von Textsorten verschiedenster Provenienz, das Reales und Fiktives, Authentisches und Imaginiertes, Wahres und Wahrscheinliches, Belegtes und Hypothetisches ineinander fließen lässt, kann man einerseits als 'dejä vu" in der Ã-konomie des Hochhuthschen Gesamtwerkes apostrophieren, andererseits ist die Stringenz seiner Struktur wie die Brisanz seiner Aussage unübersehbar. In knapper Form liefern die ein bis zu fünf Motti - meistens literarische Zitate oder Pressemeldungen -, die dem Prolog und den jeweiligen drei Akten vorangestellt sind, kritische Reflexionsimpulse, die zuerst in essayistischer Prosaform entfaltet werden, um dann in dialogischer Form szenisch illustriert und ergänzt zu werden. Diese dreifache Strukturierung des Diskurses - als Motto, Essay und Dialog - im Umkreis solcher Reflexionsthemen wie Geist und Macht, Genie und Staat, Fremdbestimmung und Eigenverantwortung, Freiheit und Schicksal, entzieht sich einer präzisen Gattungszuordnung und lässt den Text als postmodernes Werk par excel-lence erscheinen. Die doppelte Tragik des Schicksals von Hermann Oberth, die im Untertitel des Werkes verschlüsselt enthalten ist, wird dabei erst im intertextuellen Dialog des Hochhuthschen Werkes mit Goethes Faust als dem überragenden 'Prä-Text" sichtbar.
      Aus einer Aussage Goethes, die der Weimarer Dichterfürst am 16. Dezember 1816 während der Arbeit am zweiten Teil des Faust diktiert hatte, leitet Rolf Hochhuth in einer stark politisierenden Interpretation die fundamentale These seines eigenen Faust-Dramas ab, eine anfechtbare These, die viel von Goethes Autorität profitiert, um hieb- und stichfest zu wirken. Es ist dies ein alter Kunstgriff Rolf Hochhuths, Autoritäten verschiedenster Kulturen und Epochen zu bemühen, wenn es darum geht, Anfechtbares zu behaupten oder dort einen kategorischen Ton anzuschlagen, wo Nuancierungen der Wahrheit eher näher kämen. Die Hochhuthsche These lautet:
Denn nicht nur sind die Herrscher nichts ohne die Genies an ihrer Seite. Auch Genies -zuweilen sogar die musischen, wie Wagner nicht ohne seinen König Ludwig - gelangen nicht zum Ziele ohne staatliche Hilfe. Jedenfalls die technischen Genies, der enormen Kosten wegen, fast niemals ... Doch kein Staat hat ihnen je im Frieden auch nur annähernd so bereitwillig Geld gegeben wie im Krieg. [...] Seit Heraklits ausnüchternder Feststellung: ,Der Krieg ist der Vater aller Dinge' [hat sich] nichts geändert [...].
Die Kultur und Zivilisation des antiken Ã"gyptens und Chinas oder die der italienischen Renaissance, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, würden genügend Gegenargumente gegen diese so kategorisch formulierte These Rolf Hochhuths liefern. Technische Genies, wie die anonym gebliebenen Architekten der pharaonischen Pyramiden, die unbekannten Erbauer der chinesischen Mauer, vielseitige künstlerische und technische Genies wie Michelangelo und Leonardo konnten sich in Zeiten des Friedens viel mehr als in Zeiten des Krieges entfalten. Wenn schon nach einem primum movens des technischen wie des künstlerischen Fortschritts gesucht werden muss, was sicherlich nur durch naive wie grobe Vereinfachungen möglich wäre, dann scheint mir eher der Glaube an eine göttliche Transzendenz als der Krieg dazu geeignet zu sein, diese quasi 'mythische" Funktion zu erfüllen. Doch die Autorität eines Goethe-Zitats, das dieser polarisierenden These zugrunde liegt, potenziert durch die Maxime Heraklits, lässt im Hoch-huthschen Reflexionsgeflecht kaum noch Nuancen zu. Der Schwäche seiner Argumentationsstrategie wird sich Rolf Hochhuth im Laufe der Tragödie allmählich, jedoch fast zu spät bewusst. Gegen Ende der Tragödie lässt er Tilla Oberth, die Ehefrau des Hermannstädter Forschergenies, sagen: 'Die Erfindung / von Eisenbahn und Auto und Computer / setzte doch auch k e i-n e Verbrechen voraus und zog keine nach!" . Hätte Tilla das bereits im Prolog der Tragödie sagen dürfen, so hätte wahrscheinlich Rolf Hochhuth nicht mehr Hitlers Dr. Faust, sondern ein Bühnenwerk im Schatten der Dürrenmattschen Physiker geschrieben! Doch die Tragödie Hitlers Dr. Faust stellt gerade den Gegenentwurf zu Dürrenmatts Komödie Die Physiker dar, deren Utopie von dem freiwilligen, verantwortungsvollen Verzicht des Wissenschaftlers auf die Verwirklichung persönlicher beruflicher Ambitionen zugunsten der Menschheit und ihrer Rettung mit Mitteln der Doku-mentarliteratur widerlegt wird.
      Ebenso problematisch scheint mir in Hitlers Dr. Faust die Hochhuthsche These, 'daß die Macht das Teuflische ist, ohne etwas Persönliches zu sein. Und folglich auch der Teufel gar keine Gestalt hat, sondern die Macht ist" . Diese These leitet der Autor aus J. Burckhardts berühmter Einsicht ab, dass 'die Macht an sich böse [sei], gleichviel wer sie ausübt" . Auch hier mobilisiert Rolf Hochhuth eine fremde Autorität, um Anfechtbares im kategorischen Ton zu formulieren und dabei diskussionswerte Nuancen spektakulären Wirkungen zu opfern. Die Dämonisierung der Macht, die Rolf Hochhuth betreibt, ist ebenso irrational wie kontraproduktiv. Die nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung, die Rolf Hochhuth in seiner Tragödie anstrebt, ist vom Scheitern bedroht, wenn sie von der Macht als der historischen Verkörperung des ewig bestehenden, metaphysischen Bösen ausgeht. Wer Hitler, den 'Installateur von Auschwitz" , den ,Auschwitzer" nicht etwa metaphorisch, sondern 'allen Ernstes" als den 'Teufel" bezeichnet, mit dem das Forschergenie Hermann O-berth einen 'Faust-Teufel-Pakt" abschließt, hat Hitler, den 'verworfensten aller Tyrannen" , bereits diskulpiert. Selbstkritisch kommentiert zwar Rolf Hochhuth: 'eine gefährliche These auch dies, weil sie dazu verführen könnte, schlechte Menschen von ihren Teufeleien freizusprechen" . Diese luzide Einsicht hindert ihn jedoch nicht, an seiner anfechtbaren These von der Dämonie der Macht festzuhalten und dem Verhältnis zwischen Geist und Macht, Wissenschaftler und Staat eine metaphysische Dimension zu verleihen, die der angestrebten nationalsozialistischen Vergangenheitsbewältigung eher hinderlich als förderlich ist.
      Spätestens seit Sophokles' Antigone ist man sich der Freiheit bewusst, die man als Mensch hat, zwischen Gut und Böse zu wählen. Dürrenmatts weltberühmte Physiker optieren für das Gute, indem sie auf den persönlichen Ruhm, auf die berufliche Selbstverwirklichung verzichten - dies allerdings im Rahmen einer utopischen Komödie. In der Tragödie Hitlers Dr. Faust, dem realistisch intendierten Gegenentwurf zum besagten Werk Friedrich Dürrenmatts, optiert der weltberühmte Physiker Hermann Oberth für die berufliche Selbstverwirklichung, die nur mit Hilfe des Bösen, durch den Pakt mit dem politischen Geldgeber, dem 'Teufel" Hitler, erreichbar ist. Hermann Oberth wird zum 'Handlanger der Macht" , die nach Rolf Hochhuths Ansicht per definitionem böse ist, indem er sich von der Macht den Bau seiner Raketen finanzieren lässt, mit denen er bereits als Kind zum Mond zu fliegen geträumt hatte. Dem Kommentator des Hochhuthschen Opus drängen sich an diesem Punkt der Analyse zahlreiche Fragen auf: Was bewegt Hermann Oberth als literarische Gestalt in Rolf Hochhuths Tragödie dazu, 'Handlanger der Macht zu werden ? Etwa purer Egoismus, dessen ihn seine Verlobte beschuldigt? Sie wirft ihm vor:
Alles - allein für dich!
Du bist nicht einmal daran interessiert,wer diesen Krieg gewinnen wird - du willst Raketen zum Mond bauen, weiter nichts!

Paktiert er mit der Macht im Bewusstsein, dass Wissen ohne Macht nichts ist, nichts 'ohne die, / die entscheidet, ob man auch in die Welt setzen kann, / was man am Reißbrett ausheckt" ? Ist sich Hermann Oberth als literarische Gestalt etwa der Wirkung seiner Erfindung nicht bewusst, der Rakete, mit der die 'Preußen [...] London [...] vernichten" könnten, der Wirkung der Waffe, 'die Zahllosen den Tod bringt" ? Rolf Hoch-huths weltfremd wirkendes Forschergenie ist doch luzide genug zu behaupten: 'Waffen probiert man nicht am Schreibtisch" . Entpuppt sich folglich 'der scheinbar - nur scheinbar - / so weltfremde [...] Spinner / [...] als höchst raffinierter geschäftstüchtiger Krimineller" , wie ihn Tilla nennt, indem sie ihn mit Faust vergleicht, der 'sich mit dem Teufel zusammentut] / um seine Ziele zu erreichen" ? Welche Gründe hat Hermann Oberth, scheinbar so gewissenlos zu handeln? 'Allein aus finanziellen Gründen" ? Wissend, 'daß der Krieg / - wie verflucht auch immer - / doch der Vater aller Dinge ist, /jedenfalls ihr Finanzier" ? Ist es die verletzte Eitelkeit des verkannten Raumfahrtpioniers, dem ein 'Militär-Fachmann" aus 'Berlin, Seiner Majestät Kriegsministerium" schrieb: 'Wie die Erfahrung lehrt, können Raketen nicht weiter fliegen als sieben Kilometer" -, ist es die verletzte Eitelkeit, die nach Vergeltung schmachtet? Ist es das Selbstbewusstsein eines Giordano Bruno, die in Hermann Oberths entsetztem Ausruf: 'Doch meine [Rakete] fliegt dreihundert!" mitschwingt? All diese Fragen, welche die verborgenen Beweggründe Hermann Oberths als literarischer Gestalt tangieren, bleiben in der Tragödie Hitlers Dr. Faust mehr oder weniger offen. Anstatt eine plausible Antwort darauf anzustreben, bringt Rolf Hochhuth einen unkontrollierbaren, der Instanz der analytischen Vernunft sich entziehenden Faktor ins Spiel, ein Movens, das sich als entscheidend für den Lebensweg seines Tragödienhelden erweisen wird: die metaphysisch bedingte, höhere 'Bestimmung" des Genies Hermann Oberth, auf die der Autor im Verlauf der Tragödie mehrmals zu sprechen kommt. Nach Rolf Hochhuth war es seinem Helden 'bestimmt, [...] die Ã"ra der Raumfahrt zu eröffnen" . Die Rakete zum Mond zu bauen ist das, 'wofür [er] geboren wurde" ; 'es ist ja nicht meine Schuld, / so wenig wie es mein Verdienst ist", reflektiert der im Prolog der Tragödie erst 23-jährige Hermann Oberth, 'daß ich ein Kopernikus werden muss!" , d. h.: 'Einer, der das Weltbild seiner Zeit verändert." Wie sehr dieses Bekenntnis an den berühmt-berüchtigten Satz aus Robert Wienes Stummfilm Das Cabinet des Dr. Caligari : 'Du mußt Caligari werden!" erinnert, braucht kaum noch hervorgehoben zu werden. Im Munde eines 'icherfüllte[n] Jüngling[s]" , dessen Eitelkeit durch einen ablehnenden Brief aus Berlin tief verletzt wurde, klingt diese Zwangsvorstellung durchaus plausibel. Jemand, der Kopernikus werden muss, macht sich jedoch der Hybris schuldig! In einer antiken Tragödie wäre die Hybris die Ursache des tragischen Untergangs des Helden. In einer modernen Tragödie lässt sie alle Optionen offen. Die Zwangsvorstellung ,Du musst Kopernikus werden!' verliert an Plausibilität im Munde des im 2. Akt der Tragödie von Hitler mit dem 'Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse" ausgezeichneten, erfolgreichen 50-jährigen Physikprofessors Hermann Oberth, der am irrationalen Glauben an seine 'Bestimmung" unerschütterlich festhält: 'Ich hatte keine Wahl. Denn ich bin - nur dazu auf der Welt, / [...] Raketen zum Mond bauen zu müssen" . 'Ich hatte keine Wahl" - mit diesem Satz entzieht Rolf Hochhuth seinem Helden die Entscheidungsfreiheit und gibt ihn obskuren Mächten preis, als wäre Hermann Oberth der Held einer antiken Tragödie, dem blinden, unabwendbaren Fatum bedingungslos unterworfen! Als Greis ist Hermann Oberth im letzten Akt der Tragödie immer noch der Ãoberzeugung, dass die mörderische Rakete gebaut werden musste, wenn nicht von ihm und seinem Schüler Wernher von Braun, dann bestimmt von einem anderen, da für solche Erfindungen 'die Zeit gekommen war" . Dieser Behauptung ist mit Skepsis zu begegnen. Liegt hier nicht so etwas wie eine Mythisierung der Geschichte vor, die sich angeblich unabhängig von den Menschen, ja gegen die Menschen abspielen würde? Die These von der Fatalität der 'höheren Bestimmung", vom unausweichlichen Schicksal des Genies, von der unpersönlichen Kraft des Fatums, das sich im genialen Individuum als dem Auserwählten erfüllen muss, stellt eine folgenreiche Schwäche des Hochhuthschen Diskurses dar, der sich zwar rational, analytisch, aufklärerisch gibt, de facto jedoch in die Mythisierung der Macht, der Geschichte, des Schicksals und des Genies mündet. Diese Mythisierung wird im primären Beweggrund der Uterarischen Gestalt Hermann Oberths klar sichtbar, dessen Lebensweg sich nicht im Zeichen eines moralischen Prinzips entfaltet, wie etwa der Lebensweg der Dürrenmattschen Physiker, sondern im Zeichen eines unkontrollierbaren, jenseits moralischer Prinzipien blind agierenden 'Eros zur Wissenschaft" :
Und der Eros zur Wissenschaft, wenn ein Genie ihn im Leib hatte von Kindesbeinen an wie Hermann Oberth: wie könnte der sich zeitlebens unterdrücken lassen? Hätte der Genius, dem bestimmt war, die Ã"ra der Raumfahrt zu eröffnen, jemals der Versuchung widerstehen können, selbst mit einem Hitler zu paktieren, wenn erst dessen Drittes Reich ihm die Chance gab, sich zu verwirklichen?
Hermann Oberths Arbeit in Peenemünde an der Vergeltungsrakete V für Hitler, sein ,Pakt mit dem Teufel', erscheint in dieser Perspektive eher als Erfüllung einer obskuren Fatalität denn als die luzide getroffene Entscheidung eines verantwortungsbewussten Wissenschaftlers. Die Tragödie verliert dadurch an Aufklärungskraft und droht zum Gedankenspiel und zu purer literarischer Spekulation zu werden. Dieser Gefahr ist sich Rolf Hoch-huth völlig bewusst. Der Autor ist daher auch bemüht, die Irrationalität des 'Eros zur Wissenschaft" als Movens zu relativieren, indem er den literarischen Helden Hermann Oberth mit einem ansatzweise konturierten Ethos ausstattet, d. h. seine Beweggründe rational, jenseits des mythischen Movens zu erfassen versucht. Der 23-jährige Hermann Oberth, loyaler Untertan seiner k. u. k.-Majestät, fühlt sich moralisch im Recht, zerstörerische Pläne gegen die Engländer zu hegen: 'Sie haben meinem Kaiser und Vaterland den Krieg erklärt" . Seine Loyalität gegenüber der Macht problematisiert der vielleicht noch naiv denkende 'k. u. k. österreichisch-ungarische[...] Sanitäts-Feldwebel[...]" kaum. Vielmehr schätzt er sich glücklich, 'mit einem Heimatschuß davongekommen]" zu sein, während Gleichaltrige, sogar sein eigener Bruder, 'lebendig verbrennen in ihren Zeppelinen" . Eine etwas infantil anmutende Gewissensprüfung lässt ihn vorschnell zur Schlussfolgerung kommen, dass Gewalt allein durch Gewalt bekämpft werden kann, weswegen er keine Bedenken hat, ja es sogar für seine moralische Pflicht hält, seinen Genius für den Bau von Massenvernichtungswaffen zu mobilisieren:
Denn ich versuche weiter,diese Waffe zu bauen ... weil ich, jawohl,es für meine Pflicht halte.
      Denn wer eine solche Waffe zuerst und als einziger hat,der beendet den Krieg!
Und wer ihn abkürzt, wie die Rakete ihn abkürzte,der spart Blut - auch das der Feinde,die nicht mehr kämpfen können.wenn meine Raketen über sie kommen -keine Kanone könnte sie abschießen.

      Das ist klar.
Klar ist es dem jungen Forschergenie noch nicht, dass, 'wer eine solche Waffe zuerst und als einziger hat", nicht den Krieg beendet, sondern zum 'Herrn der Welt" wird, der 'allen anderen [Ländern] seinen Willen aufzuzwingen" vermag. Dass er, der Logik der Gewalt folgend, sich in einen Circulus vitiosus begibt, wird dem Helden erst im 2. Akt der Tragödie deutlich, als seine eigene Tochter Ilse während der Arbeit an der V-Rakete durch eine Explosion ums Leben kommt. Der Wunsch, Waffen zu bauen, die so 'monströs bösartig" sind wie die Menschen selber, dass sie nie zum Einsatz kommen können , zeigt, wie sehr der literarische Held Hermann O-berth von seinem Ethos durchdrungen ist:
Was man a n stellt - sich auch vor stellen:das allein erhält dem Forscher, sofern er's hat, sein Ethos.
Dass dieses Ethos den Missbrauch technischer Erfindungen nicht auszuschließen imstande ist, erfährt Rolf Hochhuths Tragödienheld zu spät, als seine Tochter Ilse, 'chemisch technische Assistentin" mit 21 Jahren in der Vöcklabrucker Versuchsanstalt bei Linz ums Leben kommt:
OBERTH: Fluch der bösen Tat - weil ich zuließ, mitmachte, anbot, ja ihnen aufdrängte,meine Rakete als Waffe zu benutzen.
      TILLA [...] Nie stand in deiner Macht, das zu verhindern.
      OBERTH: Doch. Weiß das aber erst jetzi, jetzt seit Ilseauch noch...
      Die Toten sind's, die uns Lebenden die Augen öffnen.
Als Träger eines völlig anderen Ethos, 'sofern er's hat", wird hingegen der historische Hermann Oberth zitiert, der im Fernsehfilm, den Dieter Oeckl anlässlich seines 90. Geburtstags 1984 drehte, in die Kamera gesprochen hat:
,Wenn man mich rechtzeitig zugezogen hätte, so hätte Deutschland den Krieg gewonnen.' Die Kamera verriet: Oberth erschrak so sehr über dieses Bekenntnis, daß er es relativieren wollte - doch in der Hast verschlimmerte: ,Oder vielleicht wäre der Krieg überhaupt nicht ausgebrochen, wenn Deutschland so stark gerüstet war.'
Nach einer solch eindeutigen Verurteilung des Siebenbürger Forschergenies sucht man im literarischen Porträt Hermann Oberths vergeblich. Hier folgt Rolf Hochhuth dem in Faust II formulierten Prinzip, wonach der Dichter ein Recht auf die Fiktionalisierung realer Begebenheiten hat: 'Den Poeten bindet keine Zeit" , behauptet Rolf Hochhuth mit Goethe, und, von dessen Autorität profitierend, fügt er hinzu: 'Und bindet auch kein Raum" . Indem der Moralist, der Aufklärer und Historiker Rolf Hochhuth die unbegrenzte Freiheit des Poeten in Anspruch nimmt, gibt er sein ursprüngliches Vorhaben auf, Enthüllendes über den historischen Hermann Oberth auf der Bühne zu zeigen und Vergangenheitsbewältigung zu betreiben; statt dessen begibt er sich auf der Suche nach dem adäquaten literarischen Modus, den Faust-Stoff auf der Bühne zu vergegenwärtigen, da 'Faust eine Figur auch des 20. Jahrhunderts" ist:
Jedenfalls, wenn ein Faust-Teufel-Pakt heute noch zu dramatisieren ist, dann anhand Hitlers und Hermann Oberths, der mit so einzigartiger Ehrlichkeit zugegeben hat, wie bereitwillig er sich mit dem Auschwitzer verbunden hätte.
Die Dramatisierung des Faust-Teufel-Pakts aus heutiger Perspektive impliziert eine intensive Auseinandersetzung mit Goethes Faust. Sie setzt ein literarisches Gespräch mit dem klassischen 'Prä-Text" voraus, das Rolf Hochhuth überzeugender gelingt als die Porträtierang des historischen Hermann Oberth. Aufschlussreich für die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung sind vor allem die betont polemischen Abweichungen vom klassischen 'PräText". In der Hochhuthschen Tragödie gibt es nicht nur eine, sondern gleich drei explizit so bezeichnete Faust-Gestalten, alle weltberühmte Physiker des 20. Jahrhunderts: neben Hermann Oberth auch den 'Vater" der Atombombe, Robert J. Oppenheimer , und Wernher von Braun . Von den drei Faust-Gestalten, die mit dem 'Teufel", der Finanzmacht, paktiert haben, um ihre beruflichen Ambitionen jenseits aller ethischen Skrupel zu verwirklichen, hat Rolf Hochhuth den Siebenbürger Hermann Oberth ausgewählt, dessen Lebensgeschichte ihm als tragisches exemplum diente. Doch die Literarisierung der Gestalt Hermann Oberths, der in Rolf Hochhuths Tragödie zu 'Faust-Oberth" wird, lässt einen fiktiven Helden entstehen, dessen Geschichte lediglich subjektiv den Lebensweg des historischen Hermann Oberth zu reflektieren vermag.
      Das Verhältnis zwischen Hitler und dem historischen Hermann Oberth wird in Rolf Hochhuths Tragödie mit dem Verhältnis zwischen dem Teufel und Faust parallelisiert: 'Du dienst Hitler, der den Krieg begonnen hat, / dienst i h m als sein Techniker an vorderster Front, / bist Hitlers Dr. Faust - ob mit, ob ohne von Braun" , wirft die im Hochhuthschen Bühnenwerk immer luzide und sehr realistisch denkende Tilla ihrem Gatten vor. Die Initiative des teuflischen Pakts geht im Bühnenwerk Rolf Hochhuths, anders als in Goethes Tragödie, vom menschlichen Pol aus. Es ist Hermann Oberth und sein geistiger Sohn Wernher von Braun, die 'sich dem Hitler schon angedient [haben], als niemand ihn oder Deutschland angreifen wollte, er aber schon kenntlich war als Aggressor." Anders als in Goethes Tragödie ist es in Rolf Hochhuths Werk nicht der 'Teufel", der Faust zur Weltherrschaft verhilft, sondern Faust, der sich bereit erklärt, dem Teufel zur Weltherrschaft zu verhelfen. Diese Umkehrung der Goetheschen Machtverhältnisse stellt eine Konsequenz der Historisierung des Faust-Stoffes dar, den Rolf Hochhuth im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands dramatisiert. Die Raketen Hermann Oberths, 'vereint zu Atom-Raketen" mit der Erfindung Robert J. Oppenheimers, einer weiteren Faust-Gestalt, 'hätten [Hitler] zum Herrn des Planeten gemacht" . Dass es dazu nicht kam, 'verdankt" die Menschheit nach Rolf Hoeh-huth dem Antisemitismus Hitlers, der die Göttinger Physiker jüdischer Herkunft, unter ihnen auch Robert J. Oppenheimer, ins amerikanische Exil trieb, wo sie für eine andere, genau so 'böse", dämonische Macht die Atombombe bauen durften: 'Hitlers Ur-Verlangen, das jüdische Volk auszurotten, hat die Welt gerettet [...] um den entsetzlichen Preis, der Auschwitz heißt" -diese These wird im Verlauf der Hochhuthschen Tragödie obsessiv wiederholt. Sie begegnet sowohl in den essayistischen Passagen des Werkes als auch in den szenisch gestalteten Fragmenten, und zwar nicht nur als Reflexion Hermann Oberths , sondern auch als Gedanke Niels Bohrs und später als Kommentar des amerikanischen Astronauten Aldrin . So sagt Niels Bohr über die von Hitler aus Göttingen vertriebenen jüdischen Physiker, allesamt 'Faust-Gestalten":
Hätten die in Deutschland weiterarbeiten dürfen - hättensie dem Hitler Atomwaffen gebaut.
      Und da Oberth und Braun ihm Raketen bauen,hätte er nicht nur d i e heute, sondern die A t o m rakete ...womit er Herr des Planeten wäre.
Diese im irrealen Konjunktiv II formulierte, geschichtlich nicht verifizierbare These bildet die Grundlage einer Verurteilung des 'Teufelspakts" des historischen Hermann Oberth mit Hitler. Sie vermag sich jedoch lediglich als Gedankenspiel zu entfalten, das sich in das fiktive, literarische Porträt Hermann Oberths einfügt, ohne zur Aufklärung des historischen Falls von Hermann Oberth beizutragen. Solche im Konjunktiv II verfassten, effektvollen Thesen sind charakteristisch für Rolf Hochhuths Schreibstrategie. Sie verfehlen ihre spektakuläre Wirkung nicht, doch vermögen sie einer genaueren Ãoberprüfung kaum standzuhalten.
      Als eine weitere bedeutungsschwere Abweichung vom Goetheschen 'PräText" ist das Detail zu bewerten, dass der in der Hochhuthschen Tragödie vergegenwärtigte Teufelspakt eine planetarische Dimension hat, deren politisches Potential Rolf Hochhuth nicht ohne Raffinement ausbeutet. Die 'Ausbeutung" erfolgt allerdings auf Kosten des Goetheschen Helden, dessen Tragödie durch die starke Politisierung zum individuellen Drama eines 'geschäftstüchtige [n] Kriminellefn]" bagatellisiert wird. Rolf Hochhuth kaschiert in der Historisierung des Teufelspakts die universale Dimension der Goetheschen Tragödie, indem er Tilla behaupten lässt:
Doch was Faust dem Teufel gibt,daran ist erstens keinem Menschen außer ihmetwas gelegen - es geht nur Faust allein an,daß er dem Teufel seine Seele verpfändet
Wie viele aber würden büßen,die durch deine Rakete massakriert werden?
Faust opfert zwei unschuldige Geschwister seiner Lust,aber du? Du verkaufst, um zum Ziel zu kommen,dem Teufel nicht nur deine Seele, was keinem weh tut,sondern eine Waffe,die Zahllosen den Tod bringt.
Offensichtlich fallen in diesem Kommentar zahlreiche Nuancen der politisierenden Allgemeintendenz Hochhuthscher Diskurse zum Opfer, was den aufklärerisch intendierten Duktus seines Werkes einerseits offensiver und radikaler gestaltet, andererseits aber auch angreifbarer macht.
      Die Faust-Gestalten in Goethes und in Rolf Hochhuths Werken begegnen sich am Horizont der Utopie. Beide Helden entwerfen utopisch anmutende Visionen von Urbarmachung und Landgewinnung, Faust als fast erblindeter Hundertjähriger, Hermann Oberth bereits als ,,icherfüllte[r] Jüngling[...]" . Beider Utopien weisen planetarische Dimensionen auf. Mit Fausts visionärem Satz: ,'Eröffn' ich Räume vielen Millionen'" wird Goethe in Rolf Hochhuths Tragödie zitiert. Hermann Oberth träumt im Hochhuthschen Bühnenwerk davon, durch einen Weltraumspiegel, der die 'Fernsteuerung der Sonnen-Energie" ermöglicht, 'für 6 Milliarden Menschen / zusätzlich Lebensraum [zu] schaffen" . Während Faust seine Vision von Landgewinnung durch einen Doppelmord, die Ermordung Philemons und Baucis', verwirklicht, wird Hermann Oberth seine Vision von dem Weltraumspiegel, wenn überhaupt, erst durch einen planetarischen Massenmord, erst durch einen pessimistisch angekündigten Dritten Weltkrieg, verwirklichen können:
Der Weltraumspiegel [...] wird allenfalls finanziert als Abfallprodukt von SDI15, wie wir eben hörten: also nach dem dritten Weltkrieg, den Braun und ich verschuldet haben, weil wir zwei, mit der Mondlandung die Voraussetzungen anzettelten, aus einer Raumstation Krieg zu führen.
Rolf Hochhuths Tragödienheld versteht erst gegen Ende seines Lebens, dass Utopie und Gewalt unzertrennlich miteinander verbunden sind, dass 'ohne Gewalt das Gute nie durchzusetzen ist" . Zeit seines Lebens war er, der Visionär, das Genie, tragischerweise ein Verblendeter und ein Verdummter: Er war geblendet vom 'Eros zur Wissenschaft", geblendet von seiner metaphysischen Bestimmung, ein Kopernikus werden zu müssen, 'einer, der das Weltbild seiner Zeit verändert" , verdummt vom Zeitgeist des Nationalsozialismus, der ihn als Neunzigjährigen vor der Kamera beteuern ließ, 'seine Großmutter sei keine Jüdin gewesen" . Der literarische Held Hermann Oberth ist ein Opfer der Dämonie der Macht, ein bedauernswertes Opfer des Irrsinns, der, so Nietzsche, 'in Individuen höchst selten vorkommt; doch ,in Völkern und Zeitaltern [...] die Regel' [ist]" .I6 Wie Goethes Faust gelangt auch der literarische Held Hermann O-berth zu einer Form der absoluten Erkenntnis: 'Daß Gutes, was man in die Welt setzte - genau wie Böses / zum Bösen ausschlägt" . Das absolute Wissen, das Goethes Faust rettet, 'zerreißt" Rolf Hochhuths literarischen Helden Hermann Oberth: das Wissen, 'daß die Schöpfung selber als Schiffbruch enden muß" . Was den historischen Hermann Oberth innerlich bewegte, wie er seine Beziehung zu Hitler und dem nationalsozialistischen Regime bewältigt hat, mit welchen Augen er den Gebrauch wie den Missbrauch seiner genialen Erfindungen durch die Macht verfolgte, all dies zu erforschen bleibt Zeithistorikern vorbehalten, die sich -anders als der Schriftsteller Rolf Hochhuth - dem Logos, nicht dem Mythos verschrieben haben. Als Schriftsteller muss sich Rolf Hochhuth mit der Erkenntnis begnügen,daß es für ewig ein ethisches Problem ersten Ranges bleibt, ob man dem Mann Raketen bauen durfte, der als der Auschwit/.er von sich mit vollem Recht wie Napoleon hätte sagen können: ,So lange man von Gott redet, wird man auch von mir reden!' Man wird.
Dieses ethische Problem im Medium der Literatur zu lösen, steht nicht in Rolf Hochhuths Macht. Vor seiner Komplexität muss er - um bei der 'kriegerischen" Terminologie seines Werkes zu bleiben -, 'kapitulieren". Einer eindeutigen Verurteilung des historischen Forschergenies Hermann Oberth zieht Rolf Hochhuth die Selbstverurteilung seines literarischen Helden vor. Rückblickend auf seinen Lebensweg lässt er den Protagonisten der Tragödie sagen:

Raketen für Hitler,um dann mit der V zum Mond zu kommen.
      Jetzt Weltraumkrieg, um den Weltraumspiegel zu installieren.
      Dieses Wissen zerreißt mich ... [...]
Wüßte ich nicht, da die Zeit gekommen war, hätte ein andererebenso wie ich die Weichen zu dieser Katastrophe gestellt:

Ich müßte wünschen, nie geboren zu sein.
Diese Maxime Nietzsches hat Rolf Hochhuth bereits in seinem Roman Eine Liebe in Deutschland zitiert.
      Durch die Dämonisierung der nationalsozialistischen Macht, durch die My-thisierung des Geniefatums erreicht Rolf Hochhuth Paradoxes: die persönliche Tragik Hermann Oberths als historischer Gestalt so zu zeichnen, dass sie das Individuelle, Persönliche, Historische transzendiert und Allgemeingültigkeit gewinnt. Inwiefern Allgemeingültiges, Transhistorisches, Unpersönliches zur Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands beizutragen vermag, bleibt angesichts der brisant wirkenden, jedoch im irrealen Konjunktiv II verfassten Behauptungen Rolf Hochhuths offen.
     

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