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Von der künstlerischen Kritik zur Kritik als Institution



Das Bedürfnis, auf Kunst zu reagieren und sich über die Erfahrung von Kunst auszutauschen, ist sicher so alt wie diese selbst. Wir wissen wenig darüber, wie die Zuhörer der homerischen Epen, die Zuschauer der attischen Tragödie oder das Publikum des höfischen Romans im Mittelalter ihre Erlebnisse artikuliert haben. Doch ist unvorstellbar, daß sie nicht darüber gesprochen haben sollen. Die neuzeitliche höfische Gesellschaft und der aristokratisch-bürgerliche Salon waren immer auch die Bühnen kritischer Auseinandersetzungen über Kunst und Literatur. Polis, Hof und Salon sind Stätten vormoderner literarischer Ã-ffentlichkeiten, die an konkrete Lebensformen auf Sichtweite gebunden waren. Autoren und Publikum kannten einander und teilten wesentliche ästhetische Erfahrungen und Ãoberzeugungen. Produktion und Rezeption von Literatur war dort auf vielfache Weise - religiös, rituell, repräsentativ - in die von Autoren wie Zuhörern und Lesern geteilten Lebensformen eingebunden. Diese vormodernen literarischen Ã-ffentlichkeiten müssen zumindest der Möglichkeit nach als mündlich gedacht werden. Die schriftlich kommunizierende Gelehrtenrepublik - in den aus dem höfischen Leben hervorgegangenen Akademien organisiert - ist eine Ãobergangsform zur modernen literarischen Ã-ffentlichkeit . Solche frühen,an überschaubare Lebenskreise und ein oft ausgewähltes und hochtrainiertes Publikum gebundene literarische Ã-ffentlichkeiten zeichnen sich in der Regel durch ein stark normatives und traditionales Kunstverständnis aus, was reale ästhetische Kühnheiten und Freiheiten keineswegs ausschließt, da solche elitären Kulturen oft einen entsprechend verfeinerten Kunstverstand ausbilden. Nur wird Kunst noch nicht als autonome Sphäre verstanden. Ihr Regelwerk ist teils allgemein moralisch, teils materiell und technisch . In diesen Welten wird der Fortschritt der Künste nicht geschichtsphilosophisch-dynamisch begriffen, sondern technisch-akkumulativ.
      So enthalten etwa die »Frösche« des Aristophanes bereits wichtige Vorformen literarkritischen Argumentierens, doch sind sie noch ganz bezogen auf den politisch-moralischen Rahmen der Polis. Euripides erscheint als Verderber der Sitten und hysterischer Neu-töner, Aischylos als schwerfälliger Rhetor einer altväterlichen Religiosität, Sophokles hält die klassische Mitte zwischen diesen Extremen; er vertritt ein überzeitliches Ideal in einer im übrigen als moralische Dekadenz verstandenen Kunstentwicklung, die dazu tendiert, immer extravagantere Reize bei einem immer verwöhnteren Publikum auszulösen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, daß diese Gründungsurkunde der europäischen Literatur- und Theaterkritik selbst von einem Autor stammt, in der Form des Theaters daherkommt und sich an ein Publikum wendet, das die kritisierten Werke so gut kennt, daß es für die Wiedererkennungswerte der Stilparodien empfänglich ist. Letztes Kriterium dieser Literaturkritik sind die moralisch-religiösen Werte, die eine Polis tragen, denen Kritiker, Kritisierte und Publikum gleichermaßen verpflichtet sind. Eine solche Einheit von Kunst, Publikum und Kritik ist später oft erträumt und angestrebt worden, in der Neuzeit am spektakulärsten vom musikdramatischen Gesamtkunstwerk Richard Wagners, das sich seine eigene Ideologie und Kritik und sein eigenes Publikum schaffen wollte; doch realisiert wurde sie in neueren Zeiten an keiner Stelle. Aus der Trennung der Sphären aber entspringen die Vielfalt literaturkritischer Möglichkeiten und der Reichtum, den die Geschichte der Literaturkritik dem heutigen Betrachter zeigt.
      Kritische Elemente sind also in jeder Kunstübung und in jeder Aufnahme von Kunst enthalten. Doch erst in der modernen Welt hat die Kritik zu ihrem Begriff gefunden und ist zu einer Institution geworden. Sie ist ein Produkt des bürgerlichen Zeitalters, ihre Geburtsstunde ist das 18. Jahrhundert. Damals hat sich die Literaturwie alle Kunst weitgehend von ihren religiösen, moralischen und repräsentativen Funktionen befreit, um fortan nur noch ihrem eigenen Gesetz, ihrer Entwicklungslogik zu folgen. Zugleich bildete sich ein anonymes, unabhängiges Lesepublikum aus, dessen Interessen auf ästhetische Erfahrungen - Welt- und Selbsterfahrungen -mehr als auf Belehrung und Besserung gerichtet waren . Und zwischen der autonomen Literatur und dem gleichermaßen autonomen Publikum entwickelte sich die eigene Sphäre des Marktes und der bürgerlichen Ã-ffentlichkeit. Auch die letztere folgte ihrem eigenem Gesetz, der universalen Vernunft, die keine Autorität und keine fremde Kontrolle über sich anerkennt. Dort, im Vernunftreich der Ã-ffentlichkeit, zwischen Publikum und Literatur, liegt der Geburtsort der literarischen Kritik. Sie ist ein Spaltprodukt der neuzeitlichen Strukturgeschichte mit ihren Differenzierungen und der Ausbildung eigener, spezialisierter Lebensbereiche. Historisch-genetisch ging die literarische Ã-ffentlichkeit im 18. Jahrhundert wenigstens in Deutschland sogar der politischen Ã-ffentlichkeit voraus. Im absolutistischen Staat durfte das Bürgertum zunächst eher über die Künste und die Literatur frei und vernünftig reden als über Politik und Religion.
      Wichtig für das Verständnis der Geschichte literarischer Kritik ist nun, daß ihre Position nicht fest geblieben ist, sondern daß sie als freischwebender Himmelskörper zwischen den drei Sternen, unter denen sie geboren wurde, unstet hin- und herwanderte - bis auf den heutigen Tag. Ihre Heimat ist das Vernunftreich der Ã-ffentlichkeit. Doch von dort wandert sie einmal in die Kunst und wird zur Selbstreflexion der immanenten ästhetischen Entwicklung; oder sie schlägt sich auf die Seite des Publikums und macht sich dessen Gewohnheiten, Unterhaltungsbedürfnisse, politische und moralische Vorlieben und Interessen zueigen. Man macht es sich zu leicht, wenn man feststellt, das Wesen der Kritik sei Vermittlung -Vermittlung der immer komplizierter werdenden Kunst ans Publikum oder Vermittlung der Publikumsbedürfnisse an die Kunst (-> Hermeneutik; -> Literatur - Literaturbetrieb - Literatur als >System

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