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ULYSSES



Und falls dieses Buch eine neue Odyssee ist -: ich will mich lieber vor der Odyssee blamieren, als, getreu nach Vaihinger, so tun, als ob... Los.
      Wenn 1585 Seiten auf einen heruntergedonnert kommen, dann darf man wohl zunächst eine Weile verdutzt schweigen. Mit und ist es nicht getan - der verdienstvolle Rhein-Verlag in Basel, der das Werk von James Joyce als Privatdruck herausgebracht hat, stimmt seinen Einführungsprospekt allerdings auf den Ton: aut-aut ab. «Valery Larbaud, ein französischer Kritiker, begrüßt den mit dergleichen Ehrfurcht, wie Boccaccio die 'Dwina Comedia-begrüßte. Er veranstaltete in Paris Diskussionsabende über und suchte den Schlüssel in Homers unsterblichem Werk.» In England sind Exemplare, die sie zu fassen bekommen hatten, verbrannt worden — wie ja überhaupt die geistige Freiheit der verantwortlichen Engländer mitunter enge Grenzen hat; in Amerika haben sie die Blech-schmicde> von Arno Holz ein geniales Kunstwerk sei — man ertrinkt in Staub, weil alles zu Ende gesagt ist. Ganze Partien des sind schlicht langweilig.
      Wenn er von seinen Figuren oder von seinen Straßen spricht; von Hunden oder Kupplerinnen; von Meeresbuchten oder von Kneipen, so habe ich immer den Eindruck, als sei das alles nur fingiert: wie die Säcke Hafer in Rechenaufgaben oder wie die paar anständigen Seiten in einer Pornographie. Ist in den 'Memoiren einer Sängeriw von einem Salon die Rede oder steht da: «Sie begab sich hinaus, um dem Diener einige Befehle zu erteilen ...» so ist der Diener nicht da, und der Salon nicht und gar nichts. Das ist nur gesagt. Was ich vom ersten Band des verstanden habe, scheint mir gesagt. Der Autor teilt mir etwas mit — aber ich glaube es ihm nicht.
      Worauf es James Joyce angekommen ist, weiß ich nicht; das Buchbesteht zu seinem Hauptteil aus etwas, worauf es ihm scheinbar nicht angekommen ist, aus Nebensächlichkeiten; darauf zu achten, ist so, wie wenn man sich in der Physikstunde freut, daß das Versuchspräparat des Lehrers so schön rubjnrot ist. Darauf kommt es aber nicht an. Hier ist ein Versuch gemacht. Was soll bewiesen werden? Was ist das für ein Versuch —?
Das zeigt sich sehr klar im dritten Band. . Das ist, für den ersten Eindruck, eine großartige Vision. Wie da Gestalten aus dem Dunkel auftauchen und verschwinden; wie die Figuren aufgerissen werden, daß Blut, Eingeweide, Mordgedanken und die letzten Wünsche aus ihnen herausquillen; wie Träume, Heniden, Affekte und die ganze türkische Musik Freuds lebendig werden—: dazu ist Ja zu sagen. Und tiefer geht es, in unterirdische Stromgebiete — dergleichen kenne ich bei den Dahingegangenen nur von dem großen Panizza. Wahrscheinlich ist das mehr als Literatur — auf alle Fälle ist es die allerbeste. Die Schlußvision ist zum Greifen nahe. «Auf der dunkeln Mauer erscheint langsam eine Gestalt, ein schöner elfjähriger Knabe, ein Wechselbalg, gestohlen, in der Tracht der Etonboys, mit Glasschuhen und kleinem Bronzehelm; er hält ein Buch in der Hand. Er liest leise, von rechts nach links, lächelt, küßt die Seite. Bloom : Rudy! Rudy sieht, ohne zu sehen, in Blooms Augen und liest weiter, küßt und lächelt. Er hat ein zartes, malvenfarbiges Gesicht. An seinem Anzug hat er diamantene und Rubinknöpfe. In der freien linken Hand hält er einen dünnen Elfenbeinstock mit violetter Schleife. Ein weißes Lämmchen guckt ihm aus der Tasche.» Allerdings geht auch hier die Sprache nicht mit, folgt nicht, bleibt stecken. Die Derbheiten der Huren, die Roheiten der Straße sind in einem erfundenen Dialekt geschrieben. Wobei zu fragen ist, warum sich in aller Welt alle deutschen Ãœbersetzer, die englische Werke bearbeiten, einbilden, sie müßten Cockney-Englisch in einem völlig idiotischen Dialekt wiedergeben. Die Cockney-Leute sprechen in deutschen Ãœbersetzungen meistens so, wie im seligen gesprochen hat — mit verkrempelten, getrübten Vokalen: etwas ganz und gar Unsinniges, das nie ein lebendiger Mensch über die Zunge gebracht hat. Doch stellen diese Visionen im vielleicht Anforderungen an den Ãœbersetzer, denen grade noch der allergrößte Sprachkünstler gewachsen wäre. Und der übersetzt nicht, sondern schreibts selber.
      Der dubliner Tag nähert sich seinem Ende. Und ganz zum Schluß des Buches beginnt jenes eigentümliche Verhör, eine Art Examen, mit

Frage und Antwort.
      «Welche Parallelwege gingen Bloom und Stephan, als sie zurückkehrten? — In normalem Spazierschritt verließen beide den Beresford Place und gingen dann der Reihe nach .. .» Und: «Wurde diese Behauptung von Bloom angenommen? — Nicht wörtlich. Substantiell.» So fragt sich Joyce ab. Bis Bloom nach Hause kommt, sich — immer noch in Frage und Antwort dargestellt - auskleidet, sich neben seine Frau legt, die schon liegt. .. «In welcher Stellung? — Zuhörerin: halb auf der linken Seite liegend, die linke Hand unter dem Kopf, das rechte Bein gradeaus gestreckt, es ruhte auf dem linken gebogenen in der Haltung der Gea-Tellus . . .» Und da fahren sie. Wohin?
Und hier setzt nun der ein, der so viel Aufsehen gemacht hat, über hundert Seiten erstreckt er sich, und es muß gesagt werden, daß dies der stärkste Eindruck von allem ist. Er läuft ohne Interpunktion vorüber.
      «Ja weil er so was noch nie verlangt hatte nämlich ihm sein Frühstück ans Bett zu bringen mit ein paar Eiern seit dem City Arms Hotel wo er öfters liegen blieb und behauptete er wäre erkältet und spielte dann den Vornehmen um sich bei der alten Ziege der Frau Riordan interessant zu machen von der er was zu erben dachte und sie vererbte uns keinen Heller alles für Messen für sich selbst und ihre Seele war der größte Geizhals der je lebte hatte wirklich Angst 4 d für ihren denaturierten Spiritus auszugeben erzählte mir all ihre Krankheiten —» Man schmeckt schon aus der kleinen Teelöffelprobe das Gericht: das leise Asthma, das einen dabei bcschleicht, die tiefe Echtheit; das Springen der Gedanken; die Ãœbersetzung, über die man stolpert — aber dieser innere Monolog ist eine Leistung, eine bewundernswerte Leistung an Könnerschaft, künstlerischem Mut, Seelenkenntnis.
      Mit den winzigen Versuchen Arthur Schnitzlers und Carl Spittelers hat diese Orgelsymphonie der Gedanken nichts zu tun. Hier ist tatsächlich alles, aber auch alles gesagt. Mit viel größerer Kraft als etwa bei dem unappetitlichen Harris, dessen Unterhosenanekdoten mir peinlich erscheinen und von denen ich nichts wissen möchte. Hier rollt und gluckert es; blitzschnell springen die Ideenflöhe hin und her, klammern sich an Wortähnlichkeiten; wundervoll, wenn zum Zeichen des Tadels etwas zweimal gedacht wird — ganz ersten Ranges, wenn die Sprache sinnlos tönt, ein dummes Echo. Denkt man nun so —?
Ich glaube, daß überhaupt nicht wiedergegeben werden kann, wie einer denkt. Man denkt grammatisch nicht folgerichtig; darüber kann es keine Diskussion geben. Schon komplizierte Nebensätze kommen nicht vor — von Bildern, hingewischten Fetzen und Heniden ganz zu schweigen. WieunrichtigdieseTechnik da ist , zeigen die derben Stellen. Ihretwegen ist das Buch wohl verfolgt worden. Natürlich denkt eine Frau, die nicht einschlafen kann, auch an sexuelle Dinge. Ich glaube aber nicht, daß einer von uns dergleichen im Halbschlaf mit groben Worten zu Ende denkt — meist sieht er vielmehr, was er denkt, oder er denkt Begriffe, und die haben in uns keine Namen. Erst war das Ding, dann der Name. Joyce hat hier bewußt die ordinärsten Gassenworte gesetzt, und man hat ihm zu danken, daß er den Mut aufgebracht hat, es zu tun. Die Tagträume der halben Wünsche; der rüde Kitzel; der ins psychische versetzte physiologische Vorgang — das ist ganz einzig getroffen. Ein Arzt, der Joyce einmal war, müßte die jeweilige Pulszahl an den Rand schreiben können. Die narzistische Eigenliebe, mit der der Körper behandelt ist, das Kreiseln um einen Gedanken, der Unflat, der da nachts ausbricht — ecce homo. Am besten die kleinen Seitenlämpchen, die am Wege blitzen.
      «Wenn ich dran denke wie er morgens die Treppe rauffälltdie Tassen rasseln auf dem Brett und dann mit der Katze spielensie reibt sich an einem weils ihr Spaß macht ob die wohl Flöhe hatist genauso schlecht wie eine Frau immer sind sie am lecken aberich hasse ihre Krallen ob die wohl was sehen was wir nicht sehengucken immer so starr wenn sie oben so lange auf der Treppesitzt und horcht —.»
Diese letzten Zeilen sind eine einzige Kostbarkeit: das sind wirklich
Nachtgedanken, und gute dazu, worauf es ja zunächst nicht ankommt.
      Aber so ähnlich denkt man.
      James Joyce hat eine Tür aufgestoßen; ich glaube, daß sie nach Freud nur noch angelehnt war. Auch dem Können dieses Iren sind natürliche Grenzen gesetzt: solche des menschlichen Gehirns und solche des Buchdrucks: man denkt ungeheuerlich schnell, man denkt auch manchmal polyphon — während ein schwerer Gedanke wie ein Glockenton in der Tiefe brummt, hüpfen oben die Affen der Assoziation auf und ab. Das kann man nicht aufschreiben. Was gemacht werden konnte, hat Joyce gemacht. Denn so sieht es in einem menschlichen Gehirn aus.
      Was Vater Shaw da gepredigt hat, ist falsch. Man kann nicht anders — weil man nun einmal so ist. So:
Zersplittert und hundsgemein böse und geil und niederträchtig und gut und gutmütig und rachsüchtig und ohnmächtig-feige und schmutzig und klein und erhaben und lächerlich, o so lächerlich! Nachts kommt das alles herausgekrochen, schlängelt sich in die Schwärze um das Bett, vergiftend und vergiftet, durch alle Poren kommt es heraus. Töte ihn! fressen! ich will ihn haben — er müßte mich... gibt auch zu viel Geld aus — mein dicker Oberschenkel! müßte mal wieder zum Friseur gehen — und . . .
     
«Ja und wie er mich unter der maurischen Mauer küßte und da dachte ich er so gut wie ein andrer und dann sah ich ihn an mit meinen Augen mich wieder zu fragen ja und dann fragte er mich ob ich wollte ja sagen meine Gebirgsblume und dann umschlangen ihn meine Arme ja ich zog ihn herab zu mir und er konnte meinen duftenden Brüste fühlen ja und ganz wild schlug ihm das Herz und ja ich sagte ja ich will. Ja.»
So schließt dieses außergewöhnliche und merkwürdige Buch.
      Liebigs Flcischcxtrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.

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