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SPRECHSTUNDE AM KREUZ



Unter den vielen Biographien, die zur Zeit auf uns herunterprasseln, scheint es mir eine zu geben, die nicht zu schreiben ist: das Leben Jesu. Der Mann ist nicht gewesen, und es ist sehr bezeichnend, daß die guten Bücher, die über ihn handeln, ganz etwas andres zum Thema haben als ihn und seine höchst verschwommen überlieferte Legende — sie befassen sich nämlich alle mit dem, was aus seiner Lehre geworden ist, und nicht nur mit dem, der sie in die Welt gesetzt hat.
      Eine Zeitlang fielen die Oberlehrer über die Historie her, vorher waren es die Priester gewesen, die einen und andern examinierten die armen Helden ja nicht schlecht: wie hältst dus mit der Religion? und es gibt ganze Gebiete, wie zum Beispiel die deutsche Literatur, die nur von den transpirationsduftenden Lehrern mit den erhobenen Zeigefingern überliefert wurde. Daß Hölderlin oder Goethe den Deutschen durch Herrn Eduard Engel vermittelt wird, ist bitter. Goethe hat es vorausgewußt.
      Nach den Paukern kamen die Ärzte, und im Nu verwandelte sich der Olymp in eine kassenärztliche Sprechstunde. Mohammed: ein Epileptiker; Buddha: ein schizophrener Irrer, kaltes Sitzbad, raus; Napoleon: ein wildgewordener Psychopath d. u. — und so fort und so fort. Nach den Ärzten kamen die Soziologen, die das Einkommen Robespierres prüfen, und da halten wir heute noch. So schafft sich jede Zeit die alten Helden zu neuen Männern, nach Maß, wie sie sie grade braucht.
      Unter den ärztlichen Geschichtsdeutern, deren darwinistischer Größenwahn ebenso unerträglich ist wie ihre spießige Kleinheit, die daglaubt, mit einem Fachausdruck ein Leben zu erklären, hebt sich ein seltsamer, heute fast vergessener und bewußt in der Vergessenheit gehaltener Fall hervor. Das ist Oskar Panizza.
      Vor mir liegt die Nummer 5 der 'Zürcher DiskussioneN): 'Christus in psicho-patologischer BeleuchtunG) — der Doktor Panizza, der an einer Paranoia zugrunde gegangen ist, liebte eine private Rechtschreibung, die im folgenden ausgemerzt sein soll. Die kleine Schrift ist ein Unikum, und weil ihr vollendeter Unglaube, hinter dem fast unhörbar ein böses Gewissen klopft, nicht alltäglich ist, scheint sie mir ein gutes Beispiel für Geschichtsbetrachtungen durch einen Spezialisten, denn: «Was», hat einer der Beteiligten gesagt, «was ist Wahrheit!»
«Welcher Leute Kind er gewesen, scheint schwer zu ermitteln. Die Mutter war jedenfalls eine ganz einfache Frau, der das exaltierte Wesen ihres Sohnes, wie das sich gemeiniglich findet, höchst zuwider war, und die alles tat, ihn einem sogenannten bürgerlichen Lebensberuf zuzuweisen.» «Ich bin in der Schule gelernt worn ...» sagt Datterich, und was bei solchen Sätzen zusammenzuckt, ist das Schulkind, dem sie das Gehirn massiert haben. Es gibt ein Sakrileg auf der Welt: es besteht darin, den Helden einer Kategorie mit den Maßstäben einer andern zu messen, was meistens zu Lächerlichkeiten, Karikaturen, Bosheiten führt. Manchmal zur Wahrheit.
      Panizza ordnet die Figur Jesu medizinisch ein; er kommt dabei für kirchliche Begriffe zu bösen Resultaten, zu guten Ergebnissen aber für Leute, die kühl genug sind, in scharfer Beobachtungsgabe noch keinen Mangel an verecundia zu sehn. Es ist nur ein ärztliches Gutachten — nur: denn das, was aus dieser Figur geworden ist, läßt sich auf solche Weise nicht einfangen. Aber es ist wenigstens ein wertvolles Gutachten, mindestens so visionär wie das Objekt des Referats, und da Panizza kein Gerichtsarzt, sondern ein Kenner gewesen ist, so läßt es sich hören.
      Die Legende der Zeugung wird genannt; der Verfasser istnicht gegen seinen Patienten eingenommen — er liebt ihn, auf seine
Weise; es ist da etwas, was er nicht mit seinem Latein auflösenkann, er will es auch gar nicht, und diesen Rest liebt er.

      Zunächst der Arzt:
«Wir haben hier eines jener psychischen Ur-Phänomene vor uns,wie sie zwar nicht selten sind, aber doch selten in so befruchtender
Weise in die Geistesgeschichte von Völkern eingreifen und deren
Gemütslage bestimmen. Dieses Identifizieren der eigenen, heftigenund nicht zu bewältigenden Gefühle mit , oder irgendeinemhochklingenden Symbol — hier, wenn den Evangelien zu glauben,

— ist das Urbild eines geistigen
Prozesses, die psychische Zwangslage eines nach Gründen suchen-den, innerlich heftig bewegten Menschen, der Satz des zureichenden Grundes nach innen gekehrt und anthropomorphisiert, wie wir ihn heute mit fast experimenteller Sicherheit erweisen können.» Der Visionär: «Wie er aber dann das Resultat seines jünglinghaften Empfindens und Denkens, die Frucht jahrelanger Isoliertheit und melancholischer Anwandlungen, die Stimmung einer ganz reinen, von sinnlichen Regungen freien, fast homosexual gearteten, dabei glücklich und heiter veranlagten Seele in seinen lehrhaften Gesängen und Preisungen einer menschenumfassenden, selbstlosen Nächstenliebe aushauchte und ausströmte, das war von einer Innigkeit, Süßigkeit und von einer Neuheit, daß man glaubte, die Nachtigall schlagen zu hören; hier lag der Punkt in seiner Psyche, wo er nicht zu überwältigen war — » das klingt nun gar nicht nach den überheblich dekretierten Krankenberichten monistisch verbildeter Ärzte, die mechanistisch und sonst gar nicht zu denken vermögen.
      Sicherlich ist manches in Panizzas hervorragendem Bericht bestreitbar. War Martin Luther wirklich ein Paranoiker? Ich glaube das nicht; vielleicht aber ist meine Anschauung durch Thomas Münzer und die soziale Betrachtungsweise unsrer Zeit so beeinträchtigt, daß ich vor Abneigung und Verachtung das sanft lebende Fleisch zu Wittenberg nicht richtig sehen kann.
      Was da bei Panizza aufsteigt, ist ein Bild von großer Wahrscheinlichkeit.
      «Ãœberall, wo grade Gelegenheit ist, beim Fischfang, auf der Hochzeit, bei Leichenbegängnissen, an der Zöllner-Schranke, während der Sabbat-Ruhe greift er ein, knüpft an die kleinen Tages-Ereig-nisse an und wirft, wie Sokrates, den harmlos Dahinwandelnden seine scharfen Antithesen in den Weg. Auch die Tricks damaliger Wundertäter — die unvermeidliche Zugabe, um sich das Air eines Ãœbermenschen, eines Geistesgewaltigen, eines Zauberers zu geben — hat er sich alle zu eigen gemacht und beherrscht sie mit großer Bravour und Eleganz. Gar aber, wenn er eine glückliche Korona junger Landmädchen, erschöpfter Arbeitsfrauen, gutmütiger Prostituierten und naiver Taglöhner um sich versammelt hat, und darf sie die ganze zauberische Wirkung seiner innersten Herzensregungen mit einem spüren lassen, und nimmt von diesen geplagten Proletarier-Naturen die Angst und den Schimpf ihres Daseins, und öffnet ihnen den Himmel, der eigens für sie, mit Ausschluß der Reichen, bereit ist — dann hat er sie alle.» Es ist das Urchristentum, das so gepriesen wird, und hier ist nichts von jener faden Bonhommie, die uns dartun will, Rousseau und Luther und Nero und Philipp von Spanien seien ebenso klein gewesen wie die Leute in einem wiener Cafehaus. Es hat Größe gegeben — auch wennman ihre falsche Romantik abzieht, hat es welche gegeben, und es wird immer Größe geben.
      Die Erzählung des Prozesses ist von schärfster Prägnanz; die bekannten Zusammenhänge zwischen den jüdischen Orthodoxen und den Römern.. . das ist brillant dargestellt. Nach dem

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