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RUDOLF HERZOG - EIN DEUTSCHER MANN



Subordination ist das fortgesetzte und mit Erfolg gekrönte Bemühen eines Untergebenen, dümmer zu scheinen, als der Vorgesetzte ist.

      Deutscher Kriegsartikel
Das hat jeder erlebt —: wenn man das erstemal eine Eisenbahnstrecke fährt, paßt man auf jeden Baum am Wege auf. Beim dritten Mal legt sich das, und man weiß schon alles: die Zollplackereien, die Paßrevisionen, das unendliche Stuckern der Räder und die niedrigen Häuser links und rechts der Eisenbahn. Was tut man also in solchem Fall? Man liest. Der letzte Band von Conan Doyle war nicht vorrätig, Spannung ist aber im Coupe in jedem Fall vonnöten, ein bißchen lachen möchte man auch — was kann es da Schöneres geben als: «'Kameraden.'. Roman von Rudolf Herzog. 1.—50. Tausend. Stuttgart und Berlin. J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, 1922.» Cotta, das ist der, der einmal Goethe und Schiller . . . aber das ist schon lange her.
      Nun bin ich gar nicht so ungebildet, wie ein General aussieht. Ich kenne noch zwei Romane von Herzog, die , und einen, dessen Titel ich zwar vergessen habe, aber den ich auswendig, Seite für Seite, nacherzählen kann. Es wird kein Wort stimmen, aber es wird schon stimmen. habe ich nun ganz sorgfältig durchlacht. Hier ist ein Schulfall des deutschen Gemüts.
      Schlechte Romane hat es immer gegeben. Daß Frau Courths-Mahler kein Deutsch und Herr Herzog keine Romane schreiben kann, ist belanglos. Aber seit jeher war diese Gebrauchsliteratur für den Alltag ungemein bezeichnend, weil nämlich von ihnen aus zwar nicht auf den Verfasser, aber ganz genau auf das konsumierende Publikum geschlossen werden kann. Alle erfolgreichen Schmöker der letzten Jahrhunderte und aller Länder haben den Sieger über das Leben zum Thema — die Ritter, die wilden Räuber, die Seehelden, den Detektiv, den großen Verbrecher ... es sind alles Leute, die kühner, größer, ungebärdiger als die Leser sind, solche, die das tun, was er gern tun möchte, aber nicht tun darf. Wer wissen will, welches Ideal sich die kleinen Kaufleute des Biedermeier erträumten, braucht nur Clauren zu lesen und die Ritterromane der Zeit; wer das von heute kennen will, lese Ar-nolt Bronnen, jenen Rudolf Herzog IL; alle Spießer sind verhinderte Napoleons — wir haben ja im Kriege schaudernd erlebt, was herauskommt, wenn sie einmal dürfen . . . Wie sieht nun das Idealbild des gebildeten norddeutschen Mittelstandes von heute aus — ?

Wie ein Reserveoffizier.
      Ein Lieblingswort des Herrn Herzog ist . Es ist gar nicht zu sagen, wie knapp seine Helden alle sind. «. . . erwiderte er knapp»; «Nein, sagte sie kurz»; «Ein tiefer Ernst straffte seine Züge» — so oder ähnlich marschiert es durch alle Bände. Seine Helden sehen folgendermaßen aus, müssen also — nach den Auflageziffern zu schließen — von seinem Leserpublikum so gewünscht werden:
Knapp, kurz und kühl haben sie eine Beamtenstellung oder sind sehr rangierte Kaufleute. Mit der bestehenden Ordnung befinden sie sich auf bestem Fuß: sie bejahen sie . Es sind tapfere Leute, solange sie in der Kollektivität handeln — erledigt, wenn sie allein stehen. Ihr Mut besteht zunächst einmal in grenzenloser Flapsigkeit gegen alle andern, die nicht ihrer Gruppe angehören. «Er schaffte mit einer kurzen Handbewegung für sich und seine Begleiterin Platz.» Die andern gibt es nicht. Denn niemand ist so aristokra-tisch wie Herr Regierungsrat Schulze, wenn er durch das gemeine Volk schreitet. Es sind Aristokraten der Weinabteilung. Trinken aber die andern auch Wein, sinken Schild und Wappen in nichts zusammen.
      Terminologie und Jargon sind dem Kasino, dem Stall und der Jägerei entlehnt. Die feinen Unterschiede zwischen: «Der Mann hieb kräftig ein» und «Die Herren setzten sich zu Tisch» werden stets aufrechterhalten. Das Chinesentum des Kasernenhofs ist noch in den wildesten Situationen ausgedrückt; wenn einer ins Wasser fällt, ruft er sicherlich: «Ich bitte gehorsamst, mich herausholen zu wollen» oder so ähnlich. Das kann Herzog gut.
      Im übrigen durchzieht das Buch jene dumme, süßliche Liebesgeschichte, die eine sehr weit ausgedehnte Frauenwelt nun einmal braucht, und die in allen Couleuren der Literatur vertreten ist: die jüdischen Hysterikerinnen kaufen bei Ewers, die christlichen bei Bonseis, und die normale deutsche Frau hat bei Herrn Herzog ihr Genüge. Wenn aber nicht geliebt wird, dann wird geprügelt.
      «Aber vorher haben Sie der Zugbegleitung doch etwas ins Stammbuch geschrieben? Ich meine, die Zeitgenossen hatten doch einen Hintern, in den sie getreten werden konnten?» Die Zeitgenossen sind Deutsche. « — , knurrte der Jäger, beugte sich weit zurück und zog dem Schimpfenden einen langen Striemen über das Fell.» Der Fellinhaber ist ein Deutscher. Dann ein zweiter, ein tausendster Fall des Gefreiten Lyck , ein Reichswehrsoldat in gleicher Lage: « —

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