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MILITARIA



Wir haben nun genügend Distanz zu den Dingen gewonnen. Der heiße Zorn über die Offizierskaste und ihren Ungeist ist verraucht — wir haben nun Muße gehabt, durch neues Material unser Urteil zu bestärken.
      Das deutsche Offizierkorps hat im Kriege seine Vorgesetzten-Pflichten nicht erfüllt; es hat seinen Untergebenen gegenüber versagt. Das deutsche Offizierkorps hat die Niederlage herbeiführen helfen und bleibt ein Hauptfaktor der deutschen Unkultur.
      Es muß das deshalb hier noch einmal gesagt werden, weil Kräfte in Deutschland am Werk sind, die aus politischen Gründen, aus persönlichem Interesse oder aus Unkenntnis die Sachlage zu verschleiern trachten. Aus vielen Zuschriften an den Herausgeber und mich geht hervor, daß diese völlige Ablehnung des Militärs den Deutschen ins innerste Herz trifft. Es geschieht dann folgendes: Das Resultat meiner Untersuchungen ist ihm gefühlsmäßig unsympathisch, er zuckt zusammen und bemüht sich nunmehr um Gegengründe. Die Gegengründe sind nicht gut, und sein Gefühl ist es auch nicht.
      Der Stabsoffizier, der hier das alte Heer schildert, hat in der Nummer 2 dieses Jahrgangs mein Urteil über das deutsche Offizierkorps für nicht gerechtfertigt erklärt. Die meisten Leser schlagen sich auf seine

Seite, nehmen noch seine schärfste Kritik hin und perhorreszieren mich. Der Grund liegt klar zutage: Jener sagt «Ja — aber», und ich sage «Nein!»
Bevor wir in die eigentliche Erörterung eintreten, halte ich noch für nötig, auszusprechen, daß diese Angelegenheit keine Stammrollenfrage ist. Es ist behauptet worden, ich sei im Kriege von den Offizieren schlecht behandelt worden, und daher rühre mein Urteil. Das Urteil würde dadurch nicht falscher werden. Die Behauptung ist unzutreffend: ich habe beim Militär nichts andres auszustehen gehabt als schließlich jeder Mensch, der diesen Kurzstirnigen in die Hände gefallen ist; ich bin auch zufällig ziemlich rasch und verhältnismäßig weit befördert worden. Also das ist es nicht. Und darum handelt es sich am Ende gar nicht. Es handelt sich nur darum: Ist das Urteil, das ich hier so oft über die deutschen Offiziere fällen durfte, falsch oder richtig?
Jedes Urteil über eine Kollektivität ist, mathematisch genommen, unrichtig. Der Typ, der sich durch Ubereinanderkopierung von Fotografien ergibt, ist in voller Reinheit auf keiner vorhanden. Was der Beurteilung unterliegt, ist der Typ in Reinkultur, wie er von allen Angehörigen einer solchen Gemeinschaft erstrebt wird, ist jener Typ, nach dem sich alle richten, ist der Typ, den viele fast ganz erreicht zu haben sich zum Ruhme anrechnen ließen — ist eben deutsche Offizier.
      Wer wagt heute noch, angesichts einer Millionenschar deutscher Zeugen, zu bestreiten, daß deutsche Offiziere im Kriege -Heeresgut verschleudert, daß- sie ihren Untergebenen Nahrungsmittel entzogen, daß sie besser gelebt haben, als ihnen zukam, daß sie ihre dienstliche Stellung mißbraucht haben? Wer? Die alten Propagandachefs Luden-dorffs. Sie wissen, warum. Aber wir auch.
      Wenn die dienstlichen Vertreter des alten kaiserlichen Offizierkorps mit der juristisch erforderlichen Aktivlegitimation wegen dieser Behauptung heute noch klagten, so wären zunächst einmal fünf Richter das Weltgericht — was ein bißchen abstrus wäre — und zweitens hätten wir die Beweislast. Diese Beweislast ist aber ohne Machtmittel nicht zu tragen. Bei der Verlogenheit der deutschen Armee war nach außen hin immer alles in Ordnung; jedermann war durch einen Befehl, durch einen Bericht, durch eine Verfügung oder durch eine Allerhöchste Kabinettsorder gedeckt. Jeder wälzte die Verantwortung auf einen andern ab, und zuletzt trug sie keiner. Nicht einzelne Fälle, wie sie in jeder Organisation vorkommen, sollen hier festgenagelt werden, sondern die Regel — keine Ausnahmen. Dje ungesühnte Regel — nicht die sofort bemerkte und abgestellte Ausnahme. Das Alltagserlebnis. Das Normale. Die Regel.
      Ich gebe nun zunächst wenige kleine Proben aus der unerschöpflichen Schrift von Doktor Wilhelm Appens — einer Schrift, die ich am liebsten von Anfang bis zu Ende hier abdruckte, und die ich jeden meiner Leser sich zu beschaffen und vollständig zur Kenntnis zu nehmen bitte. Nach ihrer Lektüre begreift man, warum wir den Krieg verloren haben, und warum der Haß der Welt auf Deutschland noch immer in Weißglut steht.
      «Das deutsche Volk hat freudig die größten Opfer auf sich genommen. Im Großen Hauptquartier war es grade das Gegenteil und ist in den spätem Jahren nicht besser, sondern schlimmer geworden. Der kaiserliche Hofstaat verschlang enorme Summen. An der Iloftafel wurde glänzend gelebt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß Wilhelm der Zweite tagtäglich mit dem Großen Generalstab zusammengearbeitet habe. Ich darf wohl behaupten, daß der Kaiser nie in die Präfektur gelassen wurde. Die Generalstäbler kamen zu ihm in seine Villa und hielten ihn durch Vorträge auf dem laufenden. Von Zeit zu Zeit fuhr er an die Front und hielt Ansprachen oder nahm Paraden ab. Das war alles. Im übrigen langweilte er sich, wie ein verwöhntes Kind, das seine Kinderstube nur in Begleitung der Bonne verlassen darf. Das Hofleben erinnerte in seiner ganzen «Aufmachung» an das Leben im alten Rom vor dem Verfall.
      »Es gibt nur eine Feldkost.» Dieser kameradschaftliche Befehl ist im Großen Hauptquartier nicht beachtet worden. Je höher die Mitglieder eines Kasinos im militärischen Rang und in dienstlicher Stellung, je vornehmer die Verpflegung. Der Große Generalstab mit seinen ungefähr hundert Herren überbot alle andern Formationen. Das Beste war für die Offizierskasinos, das Allerbeste für den Generalstab. Den Edelsten der Nation sagte die einfache Bauernbutter nicht mehr zu. Deshalb richtete die Heeresverwaltung in Charleville eine Zentralmolkerei ein, um schmackhaftere Rahmbutter und vollwertigste Sahne zu schaffen Der ganze Bau war in wenigen Wochen hergestellt. An Arbeitskräften fehlte es nicht. Baumaterialien ließen sich schnell herbeischaffen. Gab es keine geeigneten Maschinen im besetzten Gebiete, bedurfte es nur einer telegrafischen Bestellung nach Deutschland. Der Bau kostete achtzigtausend Mark. Der Generalstab glich Moloch, dem Unersättlichen. Es grenzt an das Ungeheuerliche, was an die Kasinoverwaltung der Präfektur geliefert werden mußte. Wie ein Nimmersatt kam mir besonders der General Zöllner, der Adjutant des Generalquartiermeisters v. Frcytag-Loringhoven vor. Ein Leutnant von M. handelte auf Befehl des Generals Zöllner. Wir konnten nicht genug herbeischaffen. Die Ordonnanzen kredenzten alte Südweine als Appetitanreger, edlen Bordeaux zu den Hauptspeisen, Liköre zum Mokka, Sekt und schweren Burgunder bei Beginn der Fidelitas, die nicht selten in wüste Orgien ausartete. Es gibt wohl keine Formation im Großen Hauptquartier, die solch hohe Zahl von Gutscheinen für Getränke mit wahnsinnigen Summen aufzuweisen hatte wie der Große Generalstab. Ein einziger Bon hatte

, einmal die Höhe von fünfunddreißigtausend Francs. In den Kasinos weiter nach unten war die Verpflegung weniger feudal. Doch ' die Tafelfreuden schlugen dieselben Wellen und traten nicht un-. beträchtlich über die Ufer des Anstands. Ein weit bekanntes Offiziersspeisehaus war der sogenannte . Dessen Weinkeller schien unerschöpflich zu sein. Der geflohene französische Besitzer hatte auf Jahre hinaus seine Vergnügungshallen mit Vorräten an Wein und Likören versorgt. Für die Deutschen , reichte es nur auf Monate.
      Der zweite Kommandant war fort. Jetzt brach die Meute los. Keine Formation wollte sich von ihren Zimmer-, Büro- und Kasino-Möbeln trennen. Diplomatenschreibtische, lederne Klub-. sessel, Teppiche, Fenstervorhänge aus schwerem Plüsch — alles schleppten Lastautos öffentlich, am hellen Tage zum Bahnhof. Was alles aus den Quartieren der Offiziere und höhern Beamten gestohlen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Die Wäscheschränke waren schon lange leer. Tische, Stühle, Betten, Eßgeschirre, Bestecke und Uhren wanderten nach. Selbst Bade-Ein-richtungen sind ausgebrochen und mitgenommen worden. Später haben solche Plünderungen immer krassere Formen angenommen. Kunstwerke, seidene Damenkleider, Leibwäsche, alles verschwand schon mit dem Fortgang des Großen Hauptquartiers. Die nachfolgenden Formationen trieben es noch ärger. In den letzten Mo-naten des Krieges habe ich erlebt, daß riesige Eichenmöbel aus alten Patrizierhäusern gestohlen worden sind. Gemälde, Spiegel, Klaviere, Familienandenken — nichts war heilig. Die Präfektur bot ein Bild des Grauens. In den weiten Hallen war nicht ein Stuhl mehr zu finden. Von den prachtvollen Doppeltüren hingen die Leder-' bezüge in Fetzen herab.
      Im letzten halben Kriegsjahre stand das Barometer schon auf
Sturm. Soldaten trieben sich tage-, ja wochenlang in Charlevilleumher, ohne an eine Rückkehr zu ihrem Truppenteil zu denken.
      Mit der Straßendisziplin gings zu Ende. In der Dunkelheit hörteman schon Offizieren nachrufen: Bluthunde! Haut sie! Licht aus!
Messer heraus! Zwei Mann zum Blutempfang! . . . Die Heeresver
waltun griff zu Gegenmaßregeln. Die Ordonnanzen durften nichtmehr mit Morgenkaffee, Butter und Brötchen über die Straße
balancieren. Die ausgemergelten Frontsoldaten wären sonst tätlich
geworden. Offiziere, die, wie in Modebädern, abends in einer Artweißer Phantasie-Uniform gingen, vermieden von jetzt an solcheprovozierende Kleidung. Hohe Offiziere, sogar ein General, schäm
ten sich nicht, jeden Front- oder Etappensoldaten anzuhalten und
zur Bestrafung zu melden, wenn der Gruß nicht kasernenmäßig
. ausgeführt wurde. Sie schämten sich nicht, todmüde, abgehetztefeldmarschmäßig bepackte Landser, die mit gesenktem Kopf ihres
Weges trotteten, auf offener Straße anzubrüllen. Die Erbitterungstieg. Die Arresthäuser füllten sich. Die Soldaten hungerten, und die Offiziere schwelgten weiter.
      In jeder Formation waren es immer nur einige, die ernstlich arbeiteten. Die meisten bummelten. Die bissige Redensart:

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