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Kritik und »criticism«: Vorbemerkungen



Was Literaturkritik sei, das haben die verschiedenen literarischen Kulturen und ihre großen Schriftsteller und Kritiker in ganz unterschiedlicher Weise definiert. In der angelsächsischen Welt versteht man unter »criticism« eine vernünftige und systematische, dem >common sense< verpflichtete Erörterung der Künste, die deren Werke und Techniken erklärt und bewertet. Solcher »criticism« soll sich von subjektiver ästhetischer Erfahrung, Wahrnehmung und Wertschätzung deutlich durch seine Begründungspflichten unterscheiden. »Kritik« ist in diesem Verständnis der alten Philologie und der modernen Literaturwissenschaft nah verwandt. Umgekehrt kultivieren die gelehrten Disziplinen, die sich mit der Literatur und ih'er Geschichte befassen, in der angelsächsischen Welt starke kritische Elemente, die mit einem neutralen szientifischen Verständnis der Literaturwissenschaft nicht zu vereinbaren wären. In Deutschland wird Literaturkritik seit langem anders aufgefaßt. Dort soll die Kritik einem unmittelbaren Reagieren auf literarische Reize entspringen; im Zentrum stehen Urteil und Wertung einer Kritiker-persönlichkeit, deren Empfindlichkeit, Erfahrung und Autorität einen starken Einfluß auf das Lesepublikum anstrebt und die literarische Entwicklung gleichsam strategisch zu lenken versucht. Ort dieses Kampfes ist nicht das elysische Gefilde gelehrter Kennerschaft, sondern die staubige Arena der Presse. »Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen«, lautet eines der Gesetze, die Walter Benjamin für die Kritiker aufstellte. Und: »Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.« Deshalb hat der Kritiker »mit dem Deuter von vergangenen Kunstepochen nichts zu tun«. Dieser agonale Zug und diese strikte Trennung von Kritik und Literaturhistorie wären aber auch in der romanischen Welt kaum vorstellbar. Die humanistische Kommentartradition Italiens hat sich nie vor ästhetischen Urteilen gescheut, und ein Kritiker und Essayist wie der Argentinier Jorge Luis Borges hat die Werke aller Zeiten und Zonen in einen Raum imaginativer Gleichzeitigkeit gezogen, um sie dort zu vergleichen und zu bewerten. Dagegen hat sich umgekehrt die Literaturwissenschaft in Deutschland immer vor allem als gelehrte Disziplin verstanden, während die Kritik sich spätestens seit der
Entstehung des modernen Feuilletons von ihren gelehrten Quellen geradezu programmatisch entfernt hat . Den Typus des Poeten oder Philosophen, der als Professor, Quelleneditor, Kommentator und Übersetzer zugleich die höchste kritische Instanz seines Landes ist, wie in Italien nacheinander Gio-sue Carducci und Benedetto Croce, hat die deutsche Kultur nicht hervorgebracht. Von den beiden deutschen Versuchen in dieser Richtung ist der eine, das Lebenswerk Rudolf Borchardts, in seiner Spannweite erst postum sichtbar geworden und der andere, die großartige Vermittlungsleistung, mit der Ernst Robert Curtius die westeuropäische Moderne in Deutschland bekannt machte, heute praktisch vergessen. Schon ein solcher grober Vergleich der kritischen Kulturen zwingt dazu, Begriffe, Funktionen und Formen der Kritik historisch zu verstehen und auf konkrete Situationen zu beziehen .
     

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