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Kritik der Kritik



Wo liegt die Instanz für die Kritik der Kritik ? Gibt es, jenseits von pädagogischen Funktionszuweisungen, ein inneres, literarisches Kriterium ihrer Selbstkritik ? Man könnte meinen, es sei die Interpretation, der logische Nachvollzug der Texte. Und in der Tat ist richtig, daß noch die rudimentärsten Beschreibungen, Inhaltsanga-ben oder Funktionsanalysen von literarischen Werken, sofern sie über das bloße Protokoll von Sinneseindrücken hinausgehen, zumindest Skizzen von Interpretationen enthalten, die sich vor den allgemeinen, wenn auch geschichtlich umstrittenen Gesetzen philologischer Erkenntnis rechtfertigen müssen . Für die pragmatischen Zwecke, auf die es hier ankommt, sei beispielsweise auf Umberto Ecos Klärungen in seinem Band »Die Grenzen der Interpretation« hingewiesen. Natürlich kann man auch für die Literaturkritik die Möglichkeit eines intersubjektiv nachvollziehbaren Interpretierens grundsätzlich verneinen; nur lohnt sich dann eben auch das Reden über Kritik nicht mehr, und das Reden über Texte mag überhaupt im allgemeinen grauen Strom der undeutbaren Zeichen versinken. Diesseits solcher Extrempositionen aber gilt, daß es für die Kritik keine ermäßigten Standards an interpretativer Kompetenz geben sollte, ja letztlich nicht einmal an philologischem Wissen. Wer, wie beispielsweise Curtius, schon als Zeitgenosse >ge-lehrte< Einsichten in Struktur und Anspielungshorizonte eines radikal neuen Werks wie des »Ulysses« von Joyce hatte, stand eben auch als Kritiker besser da. Logisch kann es etwas anderes als jenes Kon-tinuum von Philologie, Interpretation und Kritik nicht geben, das im angelsächsischen Gebrauch von >criticism< gemeint ist, und das auch die romanische >critica letteraria< unterstellt. Man mag nun glauben, das Resultat der Kritik, die Wertung, ergebe sich am Ende eines verwickelten interpretativen Prozesses gleichsam von selbst, wie das Ergebnis einer komplizierten Gleichung mit mehreren Unbekannten. So wurde beispielsweise in der sogenannten Wertungsdebatte der fünfziger und sechziger Jahre argumentiert; freilich liegt hier ein Konsistenzideal für ästhetisches Gelingen zugrunde, das nicht einfach vorausgesetzt werden darf . Und so sehr die Regeln der Interpretation auch für die Literaturkritik gelten, so sehr gilt eben auch, daß ihre Anwendung und die sich daraus ergebenden Gewichtungen eine Erfahrung und Urteilskraft voraussetzen, die man gemeinhin »Geschmack« nennt. Der Geschmack, so mag man daher meinen, sei die Letztinstanz der Literaturkritik, das gewisse Etwas, das >je ne sais quoi< von Takt und Empfindung, durchaus auch in jenem obersten Sinne, in dem Adorno von »geschichtsphilosophischem Takt« redet. Nun ist aber der Geschmack natürlich nichts Unmittelbares, nicht einfach Ausdruck einer fühlenden Menschennatur, wie etwa das 18. Jahrhundert glaubte, aber auch nicht nur das Sediment vorgängiger Literatur und also ein Resultat von Lesegewohnheiten. In seiner methodischnoch immer anregenden, wenn auch weitgehend vergessenen Studie zur »Soziologie der literarischen Geschmacksbildung« hat Levin Schücking auf Faktoren wie Schule, Gelehrte Welt, Presse, Werbungskraft des Neuen, Zirkelbildung und so fort hingewiesen. Und Pierre Bourdieus Geschmacksoziologie mit ihren Begriffen des »Feinen Unterschieds« und des Habitus läßt sich gewiß auch auf die Geschmacksbildung der exoterischen wie esoterischen Literaturkritik übertragen und -> Wirkungsästhetik mit ihren undeutlichen Lebensweltbegriffen und ihrem äußerlichen Verständnis des Neuen als Durchbrechung des Gewohnten, der »Horizontverschiebung« und »Horizontverschmelzung«. Ist, soziologisch betrachtet, die Kritik und der von ihr jeweils geltend gemachte Geschmack also nur eine Funktion sozialer Konstellationen, positiver formuliert, gruppenspezifischer und lebensweltlicher Bedürfnisse ? Kann, extrem gefragt, nicht ein Stephen-King-Roman einem schlichten Gemüt ähnliche Sensationen vermitteln wie dem anspruchsvollen Leser die »Göttliche Komödie«? Gibt es, jenseits der äußerlichen Textanalyse, die bestenfalls Komplexitätsgrade unterscheiden kann, ein Kriterium für die Rangdifferenz ?
Das ist die Pilatusfrage der Kritik, und wer behauptet, sie beantworten zu können, verdient in der Regel kein Vertrauen. Wer sagt, gut und groß sei das jeweils Neue, die Eroberung unbekannter Kontinente der Sprache und der Seele, der mag recht haben, er muß dann nur zeigen können, wo das Neue ist und wo es früher gewesen ist. Neu kann auch die Wiederkehr eines ganz Alten sein, wie zum Beispiel die Entdeckung des Archaischen in der romantischen Poesie, und etwas scheinbar ganz Neues wie die absolute Metapher in der Lyrik des 20. Jahrhunderts kann sich beim zweiten Blick als Reprise oder Neuerfindung von etwas Altem erweisen, hier der Concetto-Dichtung des Barock. Es gibt vermutlich für die Aufnahme und Kritik von Literatur keine absoluten Werte, sondern nur Zwischenergebnisse von lebenslangen Lektüreerfahrungen, an die freilich höchste Anforderungen an Kanonbeherrschung, Sprachkenntnissen und philologischer Kompetenz zu richten sind. Im fortwäh-renden Lesen um des Lesens willen erzeugt die Literatur gleichsam aus sich heraus die Erfahrungswerte, die im Idealfall soziale Prägungen und ästhetische Gewohnheiten hinter sich lassen. Kanon ist dabei zunächst nur das Mindestmaß des zu Kennenden, nicht eine ausschließende Instanz, sondern die Fülle der Leseerfahrungen. Mindestmaß meint daher eben nicht Alles auf einer Lektüreliste, sondern genügend Verschiedenes. Wer nur realistische Romane gelesen hat, hat keine ausreichenden Kriterien, um überhaupt Literatur beurteilen zu können; wer nur mit einer Nationalliteratur vertraut ist oder nur eine Epoche oder Gattung kennt, weiß zuwenig, und seien seine subjektiven Leseerfahrungen noch so intensiv. Die Automatismen des Geschmacks werden revidiert durch die Erfahrung des Neuen, aber ebenso durch die Neuerfahrung des historisch Fremden, des Wiederzugewinnenden. In diesem Austausch zwischen Alt und Neu stählt sich das Urteil eher als im vollständigen Aufnehmen der saisonalen Produktion. Es gibt nicht das absolute Gedächtnis, das alles bewahrt, aber es gibt die Arbeit der Generationen, die das weitergeben, was ihnen Eindruck gemacht hat, und es gibt das Wiederentdecken des Vergessenen. All das speist sich von der Hoffnung auf das Neue, also darauf, auch den Lebenden werde es gelingen, sich auszusprechen und sogar nach ihrem Tod noch zu sprechen; man kann sich Leser denken, die nur Vergangenes lesen , aber keine Kritik, die nicht auf das Neue hoffte. Das Neue freilich, das sich dem Alten so frei und selbstverständlich zugesellen müßte wie Dante in seiner Vorhölle den Dichtern der Antike. Man mag das Traditionalismus nennen; eher ist es die Einsicht, daß der Literatur und ihrer Kritik ein einziges Leben längst nicht mehr genügen kann.
     

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