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HERR SCHWEJK



Neulich habe ich hier davon erzählt, wie mir in den sechs so sehr zu empfehlenden Bänden des von Roda Roda im letzten Band ein Mann aufgefallen ist, dessen Humor völlig neuartig erscheint: Jaroslav Haäek. Ein pariser Leser der hat uns dann einiges vom Lebenslauf dieses seltsamen Menschen mitgeteilt, der, vierzigjährig, vor drei Jahren gestorben ist, und auch davon, wie populär, ja, berühmt Haäek bei den Tschechen ist. Ich wäre schrecklich stolz auf meine Entdeckung, wenn die eine wäre, und wenn Haäek nicht so groß wäre, daß er sofort auffallen muß.
      Das Kapitel im ist der Anfang von HaSeks Hauptwerk, dessen erster Band jetzt in deutscher Ãœbersetzung vorliegt. , sagte die Bedienerin des Herrn Schwejk, der vor Jahren den Militärdienst verlassen hatte, nachdem er von der militärärztlichen Kommission endgültig für blöd erklärt worden war, und der sich nun durch den Verkauf von Hunden, häßlichen, schlechtrassigen Scheusälern ernährte, deren Stammbäume er fälschte. Neben dieser Beschäftigung war er von Rheumatismus heimgesucht und rieb sich grade die Knie mit Opo-deldok ein. «Was für einen Ferdinand, Frau Müller?> fragte Schwejk, ohne aufzuhören, sich die Knie zu massieren. «Ich kenn zwei Ferdinande. Einen, der is Diener beim Drogisten Pruscha und hat dort mal aus Versehn eine Flasche mit irgendeiner Haartinkrur ausgetrunken, und dann kenn ich noch den Ferdinand Kokoschka, der was den Hundedreck sammelt. Um beide is kein Schad.> — — , schrie Schwejk auf. — Ich weiß, was sich schickt und gehört, wenn irgendwo eine Dame schläft.»
Man sieht: durchaus nicht der Wurstl von Offiziersbursche, diese alte, tausendmal gebrauchte Figur, die dumm war zum Ruhm des so klugen Leutnants, schmutzig vor dem, ach, in allen Wassern gewaschenen General. . . Sondern etwas ganz andres.
      Es ist der kleine Mann, der in das riesige Getriebe des Weltkriegs kommt, wie man eben da so hineinrutscht, schuldlos, ahnungslos, unverhofft, ohne eignes Zutun. Da steht er nun, und die andern schießen. Und nun tritt dieses Stückchen Malheur den großen Mächten der Erde gegenüber und sagt augenzwinkernd leise, schlecht rasiert die Wahrheit. Man stellt alles Mögliche mit ihm an, man gibt ihm Klistiere und Arrest, steckt ihn zu den Verrückten und zu den Offizieren — nichts hilft. Er bleibt ernsthaft dabei, unmöglich zu sein — und hat das Gelächter einer ganzen Welt für sich, weil nur er ausspricht, was alle gefühlt haben. Und es wird doppelt gelacht, weil sich die Würdenträger so anstrengen, ihn hinzumachen, und weil es nicht gelingt, denn er ist aus Gelatine, Gummi und Watte — ein runder Kullerball der Dummheit. Die — oh, Hegel! — so gesteigert ist, daß sie in ihr Gegenteilumkippt.
      Denn so ist dieser Humor beschaffen:
Schwejk, der nicht weiß, wo Gott wohnt, geschweige denn, was er mit ihm anfangen sollte, weil der liebe Gott ja keine Hunde kauft, Schwejk, der von seinem Feldkuraten im Kartenspiel gesetzt und an den Oberleutnant Lukasch verloren wird — Schwejk ist der einzige kleine Kreis unter Millionen Rechtecken. Sie trudelt so dahin, die kleine Kugel — und man muß unbändig lachen, weil in diesem gesalbten Trottel das letzte Restchen heruntergetretenen Menschenverstandes inkarniert ist, der auf den Kasernenhöfen noch übrig war. Er ist der ewige Zivilist unter verkleideten Soldaten; die Uniform macht ihn nur noch ziviler, noch nie in seinem Leben hat er so wenig Paraden mitgemacht wie beim Militär. Er wirkt, wie wenn im feierlichsten Augenblick einer Fürstenbesichtigung der rechte Flügelmann einmal schnell in die Luft spränge — gezogen am Schnürl der Komik. Kasperle hat immer recht; vor ihm sind Stabsärzte, Feldintendanten, Obersten und Feldmarschälle nichts als putzige Figuren. Nur die Betrunkenheit des edeln Feldpredigers, der doppelt sieht, auf Schwejk zeigt und sagt: «Sie haben schon einen erwachsenen Sohn?» kann an Wahnsinn mit ihm wetteifern. Während jener aber nur vom Alkohol angefüllt ist, lebt Schwejk klar dahin, besonnen, ein Teil im See des Militarismus, die letzte Hoffnung der Vernünftigen. Daher seine ungeheure Popularität, daher unsre Freude, und daher die knockout gehauten Vorgesetzten: ihre gereckte Würde wird völlig zuschanden vor diesem kleinen dicken Kerl. Es ist immer schön, wenn der Schwächere der
Stärkere ist.
      Es ist die urgesunde Volkskraft, die gegen die Brillen- und Monokelmenschen revoltiert. Schwejk hat einen entfernten Verwandten in Amerika, einen kleinen Mann mit Hütchen und Stock... Aber er ist verschmitzter als der, von einer bösartigen Harmlosigkeit, die da meldet, die Angorakatze habe den Schuhcreme gefressen. «Und ich habe sie in den Keller geworfen, aber in den von nebenan» ... «aber» — eine der seltsamsten Schuldrechnungen, die jemals aufgemacht worden sind. Dieser Katze übrigens gibt Schwejk die drei Tage Kasernenarrest weiter, die ihm verliehen sind, er hat den Herrn Vorgesetzten so verstanden und führt getreulich einen Befehl aus, der gar keiner war. Die Katze kriecht wieder unter das Kanapee. Schwejk und die österreichische Würde bleiben oben sitzen.
      Könnte der deutsch-nationale Student lesen und läse er dieses Buch, so wäre er schnell bei der Hand, etwa zu sagen: «Solch einen Feld-kuraten hats sicherlich nicht einmal bei den Nazis gegeben.» Vielleicht hats ihn nicht gegeben. Die schwerflüssige Besoffenheit dieser Figur ist himmlisch, wenn auch um eine Kleinigkeit zu gedehnt beschrieben, und im übrigen kommt es gar nicht darauf an, obs das gegeben hat. Was Hasek aber über die Offiziersburschen und die Gefängnisse, in denen ein Zigarrenstummel, sonntags aus einem Spucknapf aufgeklaubt, mehr galt als das ganze Evangelium, was er über die Kasernen sagt und über die Arreste — das klingt verdammt echt und wird schon stimmen. Schwejk sieht demgegenüber sanft darein, ihm ist der eine Vertreter der Militärmacht so viel wie der andre, und wir schließen uns dem vollinhaltlich an. Nur tut er etwas, was nicht allen gegeben ist: er lächelt freundlich, ist noch eine Kleinigkeit gerissener als die andern und nimmt nichts ernst. Und das ist das Klügste, was er tun kann.
      Das Buch ist aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen worden —soweit ich das beurteilen kann, nicht sehr glücklich. Vielleicht ist es gut übersetzt, aber der Eindruck dieses Jargons, den Schwejk spricht, ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert — man ahnt, was einem da alles verloren gegangen sein mag. Ich gebe zu: dergleichen überträgt sich nicht. «Du bist woll mit de Muffe jebufft?» heißt nicht: «Hat Sie jemand unsanft mit einem Pelzmuff angerührt?» — sondern etwas anders. Und das bleibt freilich am Bodensatz des Dialekts kleben, es kommt nicht herauf, und hier steckt die Tragik des Buches.
      Schwejk ist einen halben Millimeter von der Unsterblichkeit entfernt. Er ist nur zu lokal. Er fühlt tschechisch, was ein Vorzug ist—aber er fühlt nur tschechisch, was ein Nachteil ist. Im Vorwort nimmt die Ãœbersetzerin den Mund etwas voll und sagt, was der Leser sagen müßte: Tschechischer Cervantes .. . und dergleichen. Man kennt die Intensität der kleinen Staaten! Ungarn besteht ja nur aus Künstlern — und wenn sie die Landesgrenzen einmal verlassen haben, ist es nachher halb so schlimm. Hasek ist ein großer Satiriker — nur daß er das Unglück hat, in der tschechischen Sprache zu dichten, aus der man ihn erst herausholen muß, ist bitter. Hätte er englisch geschrieben, wäre der Mann eine Weltberühmtheit. Nicht nur, weil ihn Millionen automatisch verstünden — sondern weil Millionen in denselben Formen empfinden wie er. Die Gefühle Schwejks sind universal komisch — ihre Ausdrucksform kaum. Und erklären kann man da nichts. Er ist um den entscheidenden Hauch zu provinziell.
      Noch zwei Bände stehen bevor, und ich freue mich, sie nicht zu kennen, den Genuß noch vor mir zu haben. Hoffentlich werden sie kräftiger übertragen, hoffentlich schreibt man nicht mit beharrlicher Bosheit in der Anrede klein, und hoffentlich ändert sich die Ausstattung. Wenn Schwejk nur bleibt.
     
Schwejk, der unerschütterlich ruhig lächelt, wenn alle andern vor österreichischem Weh aufstöhnen, Schwejk, der keinem Menschen Un-gelegenheiten bereiten will: dem Polizeikommissar nicht, dem er alles, alles unterschreibt, was der nur will, um des lieben Kriegs willen; den Ärzten nicht, denen er schöne und lehrreiche Geschichten erzählt; und seinem lieben Feldkuraten nicht, dem er in den besoffensten Lagen des menschlichen Lebens hilft. Und käme, meinen Namen sollt ihr nie erfahren, der Kaiser Franz Joseph selber: Schwejk empfinge ihn freundlich und erzählte ihm sicherlich, er habe ein kleines Kind gekannt, das habe auch Franz Joseph geheißen, es sei aber unrettbar blödsinnig gewesen, weil seine Aufwärterin es einmal habe vom Tisch fallen lassen... Ja.
      HaSek, du bist jetzt drüben, im Himmel, in dem es keine Prohibition gibt. Eine Frage, guter Haäck:
Wo wäre Schwejk heute —? Die österreichische Militärmonarchie, eines der schuftigsten Gebilde der Welt, malträtierte ihn nicht mehr. Sie ist dahin. Aber fände er um Prag gar keine Soldaten? keine Spitzel? keine Nationaltrottel? Feldkuraten? Oberleutnants? Garnisonarreste? Was meinst du, HaSek?
Du wirst mich richtig verstehen, und in diesem Sinne ruf Schwejk her, hol die Flasche mit dem Nußschnaps und laß uns anstoßen: auf euch beide, Hasek. Auf einen großen Dichter und auf den braven Soldaten Schwejk.

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