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GRIMMS MÄRCHEN



Deutschland, die verfolgende Unschuld. Karl Kraus
Zu den Bibeln des Deutschtums, wo es am knastrigsten ist, gehrt auch ein dicker Wlzer, von Hans Grimm. Der Mann hat in Deutsch-Sdwest gelebt und hat vor dem Kriege einige beachtliche Novellen verffentlicht. Nach dem Kriege aber fuhr es in ihn; wie alle Deutschen ein schlechter Verlierer, kochte er die erlittene Niederlage metaphysisch auf und tat an der vorhandenen Überbevlkerung des deutschen Landes und vermittels eines migen Romans dar, da Deutschland wiederum Kolonien brauche. Stil und Poesie erinnern etwa an den Pastor Frenssen — die gleiche dilettantische Innigkeit, die da glaubt, wenn der Schreiber ergriffen sei, msse es auch der Leser sein, die gleiche protestantische Provinziallyrik mit Hummelgesumm und Waldesrauschen, die zwar Naturverbundenheit aufweist, von der Seele der Natur aber nur so viel wei, wie aus dem burischen Grundbuch hervorgeht. Es ist so recht ein prchtiges Ferienbuch fr unsre Landgerichtsdirektoren.
      Anzumerken, da Hans Grimm ein im tiefsten Kern anstndiger Mann ist; die ble Ausnutzung, die der Roman durch deutsch-nationale Annexions-Politiker erfahren hat, mag ihm selber nicht sehr behaglich sein, wir werden das gleich sehen.

     
Ei. sind die Frucht jeines Nachkriegs-Besuchs, den Grimm der ehemaligen deutschen Colonie, die er immer noch, wie alle seine Freunde, mit ihrem falschen Namen benennt, gemacht hat. Was hat er uns zu vermelden? Deutschland hat seine ehemaligen Kolonien durch den Vertrag von Versailles eingebt, darunter auch Deutsch-Sdwest. Dieses Gebiet fiel an keine einzelne Nation unter den Siegern, sondern es wurde {Mandatsgebiet des Vlkerbundes. Der Vlkerbund vertraute die Verwaltung des Landes der benachbarten Sdafrikanischen Union an, die 1909 aus dem Burenkrieg hervorgegangen ist, die Union stellte den Landpfleger, der seinerseits dem Vlkerbund fr seine Verwaltung Rechenschaft ablegen mu. Der Mandatsverwalter hat auf Grund des Friedensvertrages das Recht, die deutschen ehemaligen Kolonisten des Landes zu verweisen; eine Entschdigung dieser Leute sollte durch Deutschland erfolgen. Im Jahre 1924 wurde durch das londoner Abkommen bestimmt, da alle Deutschen, die vor einem bestimmten Stichtag im Lande waren, die Untertanenschaft der Union erhalten isollten, wenn sie nicht ausdrcklich darauf verzichteten. Nach dem Stichtag erhalten Zugewanderte die vollen politischen Rechte des Landes nur, wenn sie die Verleihung der britischen Untertanenschaft bei Verlust der deutschen beantragten, nach fnf Jahren knnen sie dann volle Brger werden.
      Grimm klagt nun, hier werde ein groer Betrug verbt. Das ehemalige Deutsch-Sdwest sei in Wahrheit gar kein rechtes Mandatsland mehr, sondern durch die gesetzlichen Schiebungen der Union sei es im besten Zuge, von der Union verschluckt und damit englisch zu werden oder doch unter englischen Einflu zu kommen. Im brigen trete man die Rechte der dort ansssigen Deutschen mit Fen und qule sie durch Nichtanerkennung der deutschen Sprache und nicht sehr freundliche Behandlung. Die Deutschen, fgt Grimm hinzu, beugten sich diesem Regime, indem sie unterkrchen, von Hause aus htten sie keine Untersttzung. Dies ist die Lage.
      Unsre erste Frage: was geht das Grimm eigentlich an? Ist das Land noch deutsch?
Darauf antwortet er: Nein, deutsch sei es nicht, aber die Deutschen htten es dem Handel erschlossen, was richtig ist, und es gebe, was noch richtiger ist, einen Eigentumsbegriff, der durch Arbeit und durch Verbesserung des Objekts entsteht. Liebe und Interesse der Deutschen, die so viel Schwei und Blut fr das Land aufgebracht htten, seien also verstndlich.
      Weil hier aber kein Bierfilz-Kolonialpolitiker spricht, sondern ein sauberer, aufrechter Mann, verlohnt es, diese typisch deutsche An- schauung ber das, was Kolonien eigentlich sind und sein sollen, zu betrachten.
      Zunchst ist merkwrdig, zu sehn, wie schlecht diese Teutschen schreiben. Ich will gar nicht von dem wahrhaft Morgensternschen Satz reden: Der Vogel, der im Volksmunde Pfefferfresser und in Wirklichkeit nach seinem Rufe tok, tok, tok Tokan heit — dieses

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