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GEGEN DEN STROM



Ein erschütterndes Zeitdokument liegt vor mir: , Aufsätze aus den Jahren 1914—1916 von N. Lenin und G. Sinowjew
. Die fünfhundert bedeutendsten Seiten, die im Kriege geschrieben worden sind.
      Die Verfasser flüchteten bei Kriegsausbruch aus dem österreichi
sehen Galizien in die Schweiz, dort gaben sie den 'Sozialdemokraten' heraus, dann eine Nummer des 'Kommunisten', dann zwei Hefte des
«Ja, aber doch nicht gegen den russischen —> unterbrach er mich rasch — «sondern den deutschen, den kriegerischen Imperialismus, der alle bedroht. . .>

«Warum also nicht: gegen das preußische Junkertum?>
«Ach, ausgezeichnet! natürlich gegen das Junkertum!>

So wurde das Telegramm abgefaßt. . .»
Und das vertritt heute den Weltfrieden in Genf.
      Der Kampf gegen die falschen Freunde, die schlimmsten Feinde in einem Kriege, der, wie sich heute deutlich zeigt, gegen die Arbeiter geführt worden ist — dieser Kampf tobt durch das ganze Buch. Und doch ist der Zorn dieser beiden so ganz anders als die Wut auf der andern Seite.
      Ich kenne viele deutsche Sozialdemokraten, die gradezu Krämpfe bekommen, wenn von den Leuten, die links von ihnen stehen, die Rede ist. Diese blauroten Köpfe, diese kippenden Falsettstimmen, dieses Gefuchtel mutet sonderbar an. Woher der Eifer -? Die Wut dieser Arri-vierten, dieser kleinen Beamten, die in ihrer «OrganisatioN) nicht gestört werden wollen, dieser Knaben, die in dem Augenblick, wo sie in der Regierung sitzen, alles vergessen, was sie vorher gepredigt haben, um in die Regierung zu kommen — diese Wut ist mit dem Seelen-zustand eines angebundenen Haushundes zu vergleichen, dem sich das Fell sträubt, wenn nachts, in der Ferne, die Stimme des Wolfs ertönt. Es ist nicht der Wolf, der heult. Es ist der Bruder, der ruft, der fast vergessene Bruder, den der Hund verraten hat, als er des Fressens halber zum Menschen ging, um die Herden zu bewachen . . . Der Hund reißtan der Kette und kläfft. In seinem wütenden Gebell ist Haß, Furcht und ganz, ganz zu unterst Reue, Scham, Gewissensbisse und die längst mit Gewalt unterdrückte Sehnsucht nach der Freiheit, die der andre, der hungrige Vagabund, genießen darf. Zurück Sehnsucht! Weg Freiheit! Ich bewache die Hütte meines Herrn! Zweifle ja nicht an meiner satten Treue . . . Kein Haß ist so groß wie der des Haushundes gegen den Wolf.
      Diese beiden haben gehandelt und haben gesiegt. Und sie wußten nicht, daß sie siegen würden — wieviel Lenins, wieviel Sinowjews sind vor 1914 als Emigranten verhungert, ungekannt untergegangen, in Sibirien erfroren! —, aber sie wußten, daß die Idee eines Tages siegen würde. Sie sind glücklich zu preisen: sie haben es erlebt.
      Und weil diese Kommunisten es erlebt haben, weil sie die Ausbreitung ihrer Idee haben wollen — gegen die Sozialchauvinisten, die noch heute, dieselben Männer, die Partei weiter täuschen dürfen, über die Köpfe träumerischer Demokraten hinweg, die in dem Augenblick zurückschrecken, wo es ernst wird, und denen nachzugeben in manchen Gehirnen heißt —: weil sie gesiegt haben und weiter siegen wollen, sollten sie einen, einen einzigen Fehler vermeiden.
      Sie sollten uns besser kennen, wenn sie bei uns arbeiten und arbeiten lassen. Aber darüber ein andres Mal.

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