Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Komparatistik

Index
» Komparatistik
» Literaturkritik
» EUROPÄISCHE KINDERSTUBE

EUROPÄISCHE KINDERSTUBE



rapprochement m. 1. Zusammenrcken n, Wiederannherung f; Vereinigung f. 2. fig. Annherung ^Vershnung f Sachs-Villatte
Die pariser vom 19. Juli enthlt auf der ersten Seite folgenden Artikel:
Das merkwrdige Schamgefhl Thomas Manns wird Paris mit einem skandalsen Buch beschenken.
      Nchstens wird bei Bernard Grasset ein neues Werk Thomas Manns erscheinen.
      Der Inhalt ist allem Anschein nach uerst anstig.
      So anstig, da Thomas Mann unmittelbar nach Erscheinen der deutschen Ausgabe alle bereits ausgedruckten Exemplare aus dem Handel zurckgezogen hat. Das Romanthema ist: Blutschande.
      Dieses Werk ist auch nicht in den Gesammelten Werken Thomas Manns, die zur Zeit erscheinen, aufgenommen.
      Man nimmt wohl in Deutschland an, da Frankreich weniger Schamgefhl hat. Herr Thomas Mann, der befrchtet, seine Landsleute vor den Kopf zu stoen, hat keinerlei Bedenken, dergleichen mit Frankreich zu tun.
      Ist das nun seinerseits ein Zeichen von Hochachtung fr unsre Fhigkeit, uns von allem das Beste auszuwhlen?
Oder mu man in seinem Verhalten nicht im Gegenteil eine fr uns sehr unfreundliche Unverfrorenheit sehen? Dies Buch ist fr Deutschland nicht gut. Aber fr Frankreich, nicht wahr, ist es noch alle Tage gut! Schlielich ist ja fr ein so verdorbenes Volk wie das franzsische nichts zu gewagt. ..
      Immerhin hat aber dieses verdorbene Volk in seinen Cafes, in seinen Restaurants, in seinen Theatern und auch nicht in der Gesellschaft jenen Geschlechterwechsel organisiert, wie er in Berlin blich ist.
      Dieses verdorbene Volk hat die Lehre Freuds weder erfunden noch hat es sie und ihre zahlreichen Abarten theoretisch oder praktisch angewendet.
      Dieses verdorbene Volk hlt keine Kongresse ber sexuelle Seltsamkeiten ab, wie wir noch im vorigen Jahr so einen Kongre im Rheinland erlebt haben. Dieses Volk hat keine Koedukation, weder solche, bei der die Kinder angezogen sind, noch solche mit Nacktkultur, wie das in den groen deutschen Stdten gang und gbe ist, und so wundern wir uns ber die pltzliche Schamhaftig-keit eines deutschen Autors, in demselben Lande, wo man dauernd Stcke spielt, die sich auch nicht eine Viertelstunde auf einer pariser Bhne halten knnten.

     
Wir wollen immerhin einem andern Deutschen, dem Frsten Blow, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der wendet sich im letzten Bande seiner Memoiren energisch gegen die ble Gewohnheit seiner Landsleute, Paris das moderne Babylon zu nennen.

      P. L.
      Es erscheint merkwrdig, da ein groes Blatt wie offenbar nicht die Mittel besitzt, sich Redakteure zu halten, die lesen und schreiben knnen und die ber Europa soviel Bescheid wissen, wie ntig ist, um sich eine Meinung ber fremde Lnder zu bilden. Wo in aller Welt hat die Redaktion diesen Analphabeten aufgegabelt? Das mu nicht leicht gewesen sein — Frankreich hat so gute Schulen.
      Was zunchst die Meinung angeht, Frankreich sei kein unmoralisches Land, so ist das der einzige Lichtblick in diesem traurigen Artikel. Ich habe mich seit Jahren bemht, diese wirklich kindische Vorstellung aus den deutschen Kpfen herauszutrommeln; da aber die heimischen Schriftgelehrten immer viel besser ber das Ausland orientiert zu sein glauben als die Leute, die dort leben, so ist das keine einfache Aufgabe. Der Rest des Artikels aber ...
      Da bemhen sich nun auf beiden Seiten wohlmeinende und gebildete Mnner, ihre Vlker ber einander zu informieren. Die Deutschen sind ber die Franzosen meist falsch, die Franzosen ber die Deutschen meist gar nicht unterrichtet. Da erscheinen nun Übersetzungen: da geben sich franzsische Wochen- und Monatsschriften solche Mhe — und dann kommt einer und trampelt im Porzellanladen herum, da es nur so kracht.
      Zunchst ist das Buch , um das es sich hier handelt, nicht unsittlich. Thomas Mann hat das Werk meines Wissens nicht etwa aus sittlichen Bedenken aus dem Handel zurckgezogen, sondern aus Grnden, die nur ihn allein angehn. Diesem Schriftsteller vorzuwerfen, er schriebe unsittliche Bcher, ist nicht nur eine Niedrigkeit — es ist eine Dummheit, die einen gradezu katastrophalen Mangel an Bildung enthllt. Eine solche Blamage htte nicht ntig gehabt.
      Es ist unrichtig, zu behaupten, Thomas Mann halte Frankreich fr gut genug, dort Bcher abzusetzen, die man in Deutschland aus Grnden der Moral nicht verffentlichen knne. Ganz abgesehen davon, da es von diesem Werk eine begrenzte deutsche Ausgabe gibt: Thomas Mann spricht und schreibt franzsisch, wei von Frankreich viel und hat sich whrend seines pariser Besuchs seiner Aufgabe mit Takt entledigt. Ich sehe die Wirkungen dieses Besuchs ganz anders an als er, aber der Artikel der ist ein Anwurf, der zurckgewiesen werden mu. Nicht der Wert der literarischen Leistung Manns steht hier zur Diskussion — die literarische Sauberkeit steht zur Diskussion. hat die Grundgesetze jeder geistigen Debatte verletzt.
      Wenn die Homosexualitt sich in Deutschland mitunter in den Vor-dergrund drngt, so hat das mancherlei Grnde. Germanische Rassen neigen mehr zur Gleichgeschlechtigkeit als lateinische , und auerdem hat der Deutsche die fatale Neigung, aus allem eine zu machen, als welches Wort sich nicht ins franzsische bersetzen lt. Mit Moral hat dergleichen nichts zu tun.
      Koedukation ist keine Spezialitt von Bordellen. Nacktkultur auch nicht. Der gesunde Versuch der Bevlkerung, die entsetzliche Wohnungsnot durch sportliche Bettigung in frischer Luft auszugleichen, hat Auswchse; es gibt auch trichte Vereine, wo Postsekretre vor entsprechenden Frauenleibern ihre sicherlich sndige Lust zu bekmpfen vorgeben ... was aber Krperpflege angeht, so fasse sich Paris an die eigne Nase: es hat wenig brauchbare Hallenschwimmbder fr das Volk, und was sich an Prderie und Albernheit in franzsischen Seebdern begibt, reicht an das finsterste Bayern heran.
      Auf deutschen Theatern werden Stcke gespielt, die nicht etwa unanstndig sind, sondern die man in Paris deshalb auslachte und mit Recht auslachte, weil diese schwerfllige Art, sich dem Bett zu nhern, in Frankreich auf kein Verstndnis trifft. Dort gleitet man in sanfter Kurve auf die Lagerstatt: der Deutsche sieht es vorher im Lexikon nach, obs auch stimmt. Unmoral? Nein: Privatdozenten der Snde.
      Was hingegen den Angriff gegen die Lehre Freuds angeht, so darf gefragt werden, ob der Verfasser jener Glosse auch nur ein einziges Mal ein Buch Freuds in der Hand gehabt hat. Ich mchte das bezweifeln. Er hlt diese Lehre wahrscheinlich fr einen Freibrief, Embryos zu vergewaltigen, was ja die Deutschen bekanntlich zum Frhstck zu tun pflegen.

      Kurz: Rapprochement.
      Auf welchem Erdteil leben wir!
Man kann sich an den Fingern abzhlen, was nun fr ein Spiel anhebt.
      Die vlkischen Esel werden begeistert I-A schreien, weil der Erbfeind den Juden Thomas Mann verunschimpfiert hat. Und sie werden hinzufgen: Da sieht man, wie diese Pornographen den Ruf des braven deutschen Volkes im Ausland schdigen! Da hat mans wieder! Das Spiel hat schon angehoben. Die 'Deutsche Zeitung> ist schwer begeistert, schumt vor Schadenfreude und wirft mit Bourdet zurck, dessen leichtes Spiel vom sie fr franzsische Selbstentlarvung eines verendeten Zeitalters hlt. So wenig wei sie von Frankreich.
      Und dann werden wieder die Franzosen antworten, die Deutschen seien Heuchler und Ferkel. Wenn sie berhaupt antworten — denn die meisten von ihnen knnen ja nicht deutsch lesen. Und dann werden die vlkischen Esel ihr Gebrll wieder aufnehmen und ber den Rhein rufen, Paris sei viel schlimmer als Babylon, schlimmer schon deshalb, weil es so teuer sei. Und alle Franzosen trnken immerzu Champagner, und woraus, das knne man nur in Herrengesellschaft erzhlen. Und so vergngen wir uns alle Tage.
      Narren. Ein Haufe von Narren, denen das eigne Land zum religisen Begriff geworden ist. Und da jede Religion ihren Teufel ntig hat: der Teufel, das ist allemal der Auslnder.
      Wir brauchen Thomas Mann nicht in Schutz zu nehmen. Die Sauberkeit des literarischen Betriebes gegen Schmierfinken aber wollen wir doch wahren.
      So zum Beispiel werden Kriege vorbereitet.

 Tags:
EUROPÄISCHE  KINDERSTUBE    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com