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DER STREIT UM DEN SERGEANTEN GRISCHA



Wenn die Operettenautoren Haskel und Jablonski einen Schmarren 'Anneliese von Dessau> zusammenschustern und ein fetter Tenor, ein bieriger Baß und zwei kreischende Sopran-Nutten unter Zuhilfenahme von etwas Statisterie, bengalischem Licht und einem Eßlöffel voll Deutschland, Deutschland über alles !> dergleichen in einem Theatersaal hinter der Rampe aufbauen —: dann gehen vierundzwanzig Männer hin und machen Theaterkritik.

     
Ich weiß, daß das Theater ein Massenerlebnis ist, eine lebendige Sache — aber ich vermag nicht einzusehen, warum es gar so wichtig sein soll, wenn Hollaender, denken Sie mal, wieder die Neher verrissen hat, er hat was gegen die Neher, überhaupt das Achtuhrabendblatt. .. «Es wird alles», spricht der Weise, «maßlos überschätzt.» Läßt Kerr die Schreibmaschine aufklappen, so reicht das weit über alles Theater hinaus, über den windigen Zank der Leute vom Bau, diese Talmiaufregungen, die schon erkaltet sind, wenn sie noch heiß serviert werden; weit über Nervenkrisen, Telefonattacken, wild gewordene Telegrammformulare . . . Kunst ist schon kein Selbstzweck — wie sollte Theaterkritik einer sein —!
Dies voraufgeschickt, mag von Zeit zu Zeit versucht werden, bedeutende Bücher mit derselben Sorgfalt und derselben Liebe zu betrachten, mit der sie geschrieben worden sind. Denn es ist nicht einzusehen, warum Werke, denen ein begabter und intelligenter Mensch Jahre seines Lebens gewidmet hat, in der Zeitung nur deshalb mit vierzehn Zeilen wegkommen, weil siekeineThcaterstücke sind. Das Buch, von dem hier die Rede sein soll, kann sich nicht beklagen; es hat auch in der großen Presse die Beachtung gefunden, die es verdient.
      Arnold Zweig, Produccr, beehrt sich vorzuführen: 'Der Streit um den Sergeanten Grischa* Ein Kriegsbuch? Ein Friedensbuch. Dem russischen Kriegsgefangenen Grischa lljitsch Paprotkin glückt ein Fluchtversuch aus dem Lager, er irrt in den weiten Bezirken der Etappe Ober-Ost umher, stößt auf ein Häuflein von Marodeuren und Deserteuren; eine Frau gibt ihm Uniform und Erkennungsmarke eines russischen Soldaten, der in diesem Bezirk beheimatet gewesen ist; wenn Grischa gefaßt wird, soll er angeben, er sei durch die Front gekommen, um seine Eltern wiederzusehen ... Er wird gefaßt. Es ist ein Befehl da, wonach sich alle Russen, die durch die Front kommen, binnen drei Tagen bei einer deutschen Etappenbehörde melden müssen. Grischa hat das nicht getan. Er wird, getreu nach dem Befehl von einem Divisionsgericht, zum Tode verurteilt. Da erst erkennt er seine Lage, schreit, wehrt sich, sagt die Wahrheit: er sei er selbst, er sei Grischa, nicht der andre — er sei gar nicht von vorn gekommen, sondern aus einem Gefangenenlager entwischt. . . Die Akten gehen an den Oberbefehlshaber.
      Der Sergeant Grischa wird, obgleich er doch gar nicht unter jenen Befehl fällt, erschossen, weil Division und Oberkommando sich nicht riechen können, weil die beiden maßgebenden Offiziere sich im Aktengang anstänkern, weil Ressortkämpfe aufflackern, erlöschen, wieder aufbrennen . . . Grischa steht am grasigen Abhang und wird, du deutsches Gemüt, er wird . Da liegt er. Und es ist gar nichts. Ein Russe, du lieber Gott. . .
      Daraus hat Arnold Zweig einen Roman gemacht. Wie er in der Nachbemerkung angibt, ist die zugrunde liegende Geschichte wahr.
      Das wundert keinen, der die Preußen kennt. Was hat nun Zweig aus dieser Sache herausgeholt?
Es ist ein gut Stück Kriegswahrheit in dem Buch, ein Teil des Soldatenlebens der Deutschen im Osten: ihr aufgeplusterter Bürobetrieb, ihre leer laufende Geschäftigkeit, ihr emsiges Nichtstun, ihre faule Betriebsamkeit; ihre Sauberkeit und Fürsorge für sich selbst, und, wenn was abfiel, auch für die Bevölkerung, geheißen; und das Leben der Ostjuden, deren unendliche Ãœberlegenheit über die kriegführenden Parteien, ihre äonenweite Weisheit und ihre tiefe Philosophie. Einzelheiten sind in diesem Roman mit einem gradezu bienenhaften Fleiß zusammengetragen, ein gehobener Naturalismus, die schärfste realistische Beobachtung, sauber stilisiert — man merkt oft, wie der Autor warm geworden ist, nirgends riecht es nach Schweiß. Ãœber die Gesinnung des tapfern Friedenssoldaten Arnold Zweig ist nicht zu reden. Das Buch könnte, bei stärkster pazifistischer Wirkung; schwach sein — es ist sehr stark. Es wird wahrscheinlich mehr Menschen zum Nachdenken über das Wesen des Krieges bringen als alle Propagandaaufsätze der letzten Jahre — es bohrt sehr tief und wendet sich an ganz einfache Empfindungen; es sagt gewissermaßen: «Wir beide wollen uns doch nichts vormachen, wie — ?» Endlich einmal wird der Krieg gar nicht diskutiert, sondern mit einer solchen Selbstverständlichkeit abgelehnt, wie er und seine Schlächter das verdienen. Erst heute —?
Es ist merkwürdig genug: nach neun Jahren stößt den Deutschen der Krieg sauer auf. In Frankreich ist das längst vorüber: ist ein schönes Buch und ein Meilenstein auf dem Wege zum Frieden.

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