Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Komparatistik

Index
» Komparatistik
» Literaturkritik
» DER GINGGANZ

DER GINGGANZ



Morgenstern ist der Busch unsrer Tage. Wie unsre Väter sich an den niederdeutschen Holzschnittzeichnungen des großen Philosophen ver-lustierten — unter uns: in dieser Beziehung bin ich mein eigner Papa —, so kugelt sich ein ganzes junges Geschlecht über Palmström, Korfen und Muhme Kunkel, daß es eine Art hat. Es ist aber auch zu hübsch: man lacht sich krumm, bewundert hinterher, ernster geworden, eine tiefe Lyrik, die nur im letzten Augenblick ins Spaßhafte abgedreht ist — und merkt zum Schluß, daß man einen philosophischen Satz gelernt hat. So kommt es denn, daß es uns gar nicht mehr wundert, in Morgensterns Nachlaß Kantsche Sätze in Gedichtform zu finden; dergleichen verdaut man heute, erzogen

durch Palmströms Galgenlieder, mühelos. Das Bändchen enthält vielerlei: Galgenlieder — das sind die schwäch-sten Seiten; darunter allerdings eine Pallenbergsche Monatstafel , ein famoses Taschentüchergespenst und ein sehr fein pointiertes Gedicht von drei Advokaten. Dann nachdenkliche und fast wissenschaftliche Gedichte, über die Ohnmacht der Sprache, die Relativität aller Dinge, über das Ding als Ding an sich und Vorstellung, und was man sonst so braucht. Die schönsten Dinge stehen in Abschnitt III: Korfens Rat, in allzulauten Welthändeln einfach die Zeitungen von übermorgen zu lesen, ist sehr aktuell — wenn da aber steht:
Korf erfindet eine Zimmerluft, die so korpulent, daß jeder Gegenstand drin stecken bleibt, so muß gesagt werden, daß er eine solche Luft nicht erst zu erfinden braucht. Es gibt sie. Beim Militär. Dann eine herrliche Ode an eine Palmströms Nachtruhe störende Nachtigall, die sich lieber in einen Fisch verwandeln solle — ich möchte die Nachtigall sehen, die sich auf eine solche inbrünstige Bitte hin nicht sofort in eine fliegende Makrele verkleidet. Von den Spatzen ganz zu schweigen, die gegen das Frösteln kleine Pelzchen aus Palmströms Spätzemäntelfabrik m. b. H. anziehen. Und der Herr von Kriegar-Ohs ? Und die herrliche Definition des Bürgers? Lest, lest —!
Und lest vor allem den kleinen Prosa-Anhang, der eine ganz neue Art Humor darstellt.
      Wenn das, was man so leichtsinnigerweise «modernes Leben> zu nennen pflegt, und die Romantik zusammenstoßen, dann gibt es einen guten Klang — und es kommt ganz auf den Zusammenstößer an, obs tragisch oder humoristisch ausläuft. Morgenstern ist von der gradezu lächerlichen Schematisierung ausgegangen, die uns gefressen hat — einmal steht bei O. A. H. Schmitz: Nächstens wird man bei einer Aktiengesellschaft etwas einzahlen, und dafür wird man dann gelebt. Das ist es —und was Morgenstern auf ein paar Seiten aus diesem Thema macht, das ist einfach hinreißend. Da wimmelt es bei Morgenstern von Anzeigen, in denen künstliche Köpfe angepriesen werden ... — oder «Violinspieler, vorzüglicher — zum Vorspielen für meine Eidechse gesucht —>: so in der Art tobt das über die Blätter.
      Und man weiß zum Schluß nicht, was man mehr bewundern soll:die Clownerie oder die tiefe Weisheit; und es bleibt der tiefe Schmerz
übrig, daß dieses reine Herz und dieser Kopf zu früh von uns gegangen
ist. Wer ihn liebt, liebt das beste Teil am Deutschtum, fern, fern allen Ludendörffern.

     

 Tags:
DER  GINGGANZ    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com