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DER DARMSTÄDTER ARMLEUCHTER



I. Als Gottes Atem leiser ging
Als ich noch die Weisheit der Welt in aufgeplatzten Mappen aus der Berliner Staatsbibliothek nach Hause trug, war auch einmal ein kleines Bchlein darunter: 'Schopenhauer als Verbilden von einem Grafen Keyserling, dessen Name keinerlei andre Assoziationen erweckte, als da er nicht der feine und groe Dichter Eduard von Keyserling war. Ich stak damals bis an den Hals in Schopenhauer, las jede Zeile, die ich auftreiben konnte, jeden Brief, jedes aufgezeichnete Gesprch, und befand mich in jenem glckseligen Stadium, um das glubige Katholiken so zu beneiden sind: es konnte mir nichts geschehen, denn ich war im Besitz des Schlssels fr smtliche Rtsel des Lebens. Es war alles so schn einfach. . .
      Da las ich jenen. Ich wei noch genau, da ich das kleine Buch am liebsten zerrissen htte: ein solch fataler Dunst von Überheblichkeit, schludriger Philosophie, Unverstndnis und Ignoranz schlug mir entgegen. Ich a es, spuckte aus und verga. Sein Verfasser aber istinzwischen bei denen, die nicht alle werden, ein berhmter Mann geworden, und der Verlag Niels Kampmann in Heidelberg beehrt sich, vorzufhren: Graf Hermann Keyserling, Das Spektrum Europas, Ein hochkomischer Weltschlager mit dem Verfasser in der Titelrolle. Wie sagten die Soldaten im Quartier? Mensch, du bist doch Schriftsteller — steig mal uffn Tisch und mach mal eenen —! Lasset uns lauschen, lieben Freunde.
      Bei einem Mann, der sich als Philosoph ausgibt, ist der Stil die Visitenkarte. Er braucht nicht zu glitzern, er kann dunkel schreiben, schwerflssig .. . alles sei ihm zugegeben; spricht er aber die Modesprache seiner Zeit, laufen ihm jene fatalen Wendungen glatt aus dem Maul, wie sie von schlechten Journalisten, Klugschnackern und schreibenden Damen gebraucht werden, dann ist ein Verdacht wohl am Platze. Wie schreibt das Spektrum Europas?
Alle Vlker sind natrlich scheulich. — Dieses Buch ist, wie mir scheint, wesensverschieden von allen, die ich bisher schuf. — Doch da sich das Leben niemals wiederholt, so hat die wiederhergestellte Einstellung der Tagebuchzeit. . . Das hat er von mir; wie es berhaupt von und und solchen Bonbons wimmelt: Paris steht und fllt mit seiner rein qualitativen Einstellung; Alle Unterschiede erwiesen sich als letztlich auf Einstellungsunterschieden beruhend; auch sagt der Mann.niemals , sondern immer , die uns erzhlen, mit Sentimentalitt und Pathos knne man keinen Staat aufbauen... es ist nicht leicht im menschlichen Leben. Whrend der Weltrevolution hat der Adel berall seinen Ruin weit besser berstanden als der Brger. Vor allem in Deutschland, das seinen Adel fttert, statt ihn vom Trog zu stoen, und ich kann mir denken, wie die fein empfindenden Philosophen der Schule der Weisheit zusammenzucken, wenn ihnen jemand etwas derartiges einwendet. Ihr Mangel an sozialem Verstand ist vollkommen.
      Dieser lebensferne Plauderer, der eine Handbreit ber dem ordinren Boden schwebt, auf dem Menschen ackern, schwitzen, jammern, sthnen und einander qulen, fllt schiefe Urteile und halbrichtige, die ja gefhrlicher sind als falsche — der Mann hat unendlich viel gelesen, wei sehr vieles und wei nichts, weil er nichts ist. Welch ein Philosoph! Nach dreiig Jahren Freud: Das Primitive bestimmt, doch im Bewutsein herrschen andere Motive vor. Dies ist die wirkliche Ordnung, und die meisten Mibegriffe der Freudschen Psychoanalyse beruhen darauf, da sie diese natrliche Ordnung umzukehren versucht. Kann der Mann nicht lesen? Er kann nur schwtzen: sie mssen ihn mit einer Grammophonnadel geimpft haben. Dieser Plauderer, der sicherlich in seinem Leben noch nicht geschwiegen hat, macht den Eindruck eines unermdlichen Redners, der auf jeden Einwand ein neues endloses Geschwafel loslt, was, von ihm an dem unaufhrlichen und uferlosen Strom von Geschwtz in den amerikanischen Zeitungen exemplifiziert, ein Zeichen lebhaften Temperamentes darstellt.
      Das lebhafte Temperament versteht alles, aber fast alles falsch. Er erzhlt von der modernen Frau und wirft ihr Zerstrung allen Liebreizes durch Wind, Wetter und Sonnenbrand vor, und er hat vor allem die seit Spengler vielgctragene Unart angenommen, Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, um einer Theorie willen gleichzuordnen. Alles groe Deutschtum war denn tatschlich Bekennertum in irgendeinem Sinn . . . Luthers Hier stehe ich, ich kann nicht anders war Bekennertum; so ist es aber auch der Exhibitionismus deutscher Hochzeitsreisender. Abgesehen davon, da die heute in dieser Witzblattform nicht mehr bestehenden schlechten Manieren deutscher Reiseprchen gar kein Bekennertum gewesen sind: Philosophie ist demnach die Lsung der Frage: Wiekommt das zu dem —? und er sagt es uns, und er wei es immer. Vermanscht werden seine Irrtmer stets mit jener verblasenen Terminologie, die jede Ausrede gestattet. Die eigentliche Geschichte des Ostens Westeuropas hat ungefhr um tausend Jahre spter begonnen als die seines Westens. Wollte jemand mit dem Finger aufzeigen, so wrde der Klassenlehrer ein nimmer endendes Gerede ber den Sinn des Wortes loslassen; behalten wir also den Finger lieber unten. Nichts stimmt; alles ist halb; alles ist angelesen, schlecht angelesen, unsorgfltig angelesen. Ist die Psychologie der Massen so viel primitiver als die jedes einzelnen, so ist das sehr einfach daraus zu erklren, da in der Masse nur die empirisch-psychologischen Elemente, also die bloen Ausdrucksmittel des Metaphysischen, das eigentlich Menschliche, zum Ausdruck kommen. Sehr einfach. Nun sagt

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