Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Komparatistik

Index
» Komparatistik
» Literaturkritik
» DAS KLEINE LOGBUCH

DAS KLEINE LOGBUCH



Es ist mir eine Freude, ein kleines neues Buch Otto Flakes anzeigen zu dürfen, den ich neben Heinrich Mann für unsem bedeutendsten Essay- isten halte. Dergleichen geht uns am meisten an.
      «Das kleine Logbuch ist bei S. Fischer erschienen, und es paßt in jede Manteltasche. Ob es auch in jeden Kopf paßt, das ist eine andre Sache.
      Unsre Fragen stehen darin mit neuen Antworten, unsre Sorgen, unsre Zweifel und unsre Verzweiflungen. Der Stil ist schön und geglättet — aber dies Denken ist wild und zerrissen, und man sieht, daß sich da einer gequält hat, dem sein Land zur Last ward. Welches ist sein Land?
Flake ist Elsässer. Als man einmal einen seiner Landsleute fragte,warum er, der im Frieden so auf die Preußen geschimpft habe, .nun
aber auch nicht mit der französischen Besatzung verkehre, und zu
welchem Lager er denn nun eigentlich gehöre, da sagte er: «Wirstehe halt in der Opposition!» Flake steht in einer positiven, in einerhöchst fruchtbaren Opposition.
      Mich hat in den kleinen Aufsätzen, von denen besonders die ersten
brennend aktuell sind, am meisten die Stelle ergriffen, wo von dem
Ausweg die Rede ist, den man nun wählen könne. Da heißt es:
«Nicht nachgeben, nicht sich auf den Individualismus zurückziehen,der Verbannung auf die Südsee-Insel ist, verlogene Robinsonade. Nochstärker um das Tier Mensch wissen, ihm nicht einreden, daß, je mehr
Masse aus der Tiefe komme, Masse umso besser, menschlicher, un
verantwortlicher sei. Die Bestie in ihm, in mir, in uns Bestie nennen,
den Funken Güte hegen, das heilige Feuer erst entzünden, denn seine

Altäre brennen noch nicht.» Das ist die Frage unsrer Zeit.
      Und der dieses schrieb, weiß auch vom Apparat, der Selbstzweck wird, von der unmöglichen Diktatur der Güte, die der Teufel stets den Engeln wieder abluchst, von der Idee und vom Menschen . . . «Er wird der Idee untertänig, von ihr bis zum Ende vorwärtsgepeitscht, nicht mehr er hat die Idee, die Idee hat ihn . . .»
Und fern von allen scharfen Formulierungen des heimischen Jammers auch die Sehnsucht des Städters nach dem Land. Wie unsentimen- tal! «Ein Hahn krähte — neu. Ein Brunnen rauschte — neu. Bäume wiegten sich, Wind kam vom Morgen, neu, neu, noch einmal jung das in ihm Erstorbene.» Manches solcher Diktion könnte bei Wassermann stehen.
      Im ganzen eine erfreuliche Hilfe für alle guten Deutschen, dieschlechte Preußen und schlechte Bayern sind. Flake scheint mir in der
Kulturpolitik das zu sein, was Hellmut v. Gerlach in der praktischenist: ein unbeeinflußter Outsider mit klaren Augen. Gleich weit ent
fernt von den Mathematikern des Gehirns, die sich, erdenweit, Re
formen errechnen und nichts von den Lebensströmen wissen, die hiererbrausen, wie von den lyrischen Schreibern, die, erdenweit, die Welt mit einer Phrase zudecken wollen.
      Wenn man bedenkt, wie groß der Haß dieser Teutschen auf das Neue ist, wenn man die verschobenen Komplexe kennt, die versetzten Angriffe, die an den doorner Deserteur denken und, zum Beispiel, den Künstler Jeßner treffen — wenn man all das weiß: dann ist eine Erscheinung wie Flake eine geistige Wohltat.
      Dies Buch für eure Tasche. Und für euern Kopf.

 Tags:
DAS  KLEINE  LOGBUCH    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com