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BERLINS BESTER



Da drüben an der Wand hängt er, das Bild hat er mir selbst geschenkt, und auf die Rückseite hat er etwas draufgeschrieben. Der Kopf mit der grauen Maurerfreese sieht an Herrn Courteline vorbei. Die Franzosen fragen: «Wer ist das?» — «Heinrich Zille», sage ich. «C'est un peintre allemand.» Aber das ist nicht wahr. Er ist viel mehr.
      Jetzt liegt von ihm das stärkste Buch vor, das über Berlin erschienen ist: 'Berliner Geschichten und Bilder> .
      Paris hat unter den lebenden Inkarnationen seines Stadthumors einen Mann, der unserm Zille als Zeichner manchmal nahekommt: das ist Poulbot, der Kinder-Poulbot, der die frechspitzige, ausverschämte, über alle Pflaster trudelnde, frühreife und auch bemitleidenswerte gezeichnet hat. Wien hat die Verniedlichcr seines Stadthumors, die einem den ganzen Humor verrunjenieren können. Berlin hat beides.
      Es ist so schwer, von berliner Humor zu sprechen, weil eine Unzahl kleinbürgerlicher Schmieranten sich auf diesem Gebiet niedlich machen. Eine mit Glac oder Zwirn behandschuhte Rechte faßt vorsichtig die am Schlafittchen und führt sie dem geschmeichelten Bürgerpublikum vor, immer mit dieser fatalen Attitüde vermeintlicher Echtheit, mit dem falschen Ton von Mitleid, dem falschen Grausen, dem falschen Humor, vor dem Gott erbarm. Es ist derselbe Humor, mit dem sich Kammergerichtsreferendar Lehmann auf dem juryfreien Ball als verkleidet. — Jeder weiß doch, daß er keiner ist, Gottseidank, aber es macht sich so schön romantisch. Es ist der Humor der , der den Konfektionären die Opfer ihrer Zwischenmeister ulkigdreckig, ulkig-schwanger, ulkig-besoffen vorführt — das eigne Badezimmer in der Bayreuther Straße blitzt noch einmal so nett. «Pfui Deibel — wie komisch!» Kommt noch ein Tropfen Schmalz in diese Suppe — von wegen: Grunewald mit seinen abendlichen Föhren — dann ist das Unglück fertig, und der Magen dreht sich einem im Leibe herum, wenn man sieht, wie Berlin diskreditiert wird.
      Heinrich Zille ist vor dem Kriege und im Kriege manchmal das Opfer dieser Auftraggeber geworden. Er hat Sachen zeichnen müssen, die man ihm aufgegeben hat, und die ein andrer ein bißchen schlechter gezeichnet hätte; er hat im Kriege eine gradezu schauerliche Serie vom Stapel lassen müssen, die von Berlin und vom Kriege gleich weit weg lag und mit beiden nur die Gemeinsamkeit hatte, daß sie beiden zum Verkauf angeboten wurde; er hat manchmal ulken müssen, wo er ganz etwas andres tun wollte. Von den Zeichnungen in diesem wundervollen Buche erschiene auch nicht ein Dreißigstel in einer Zeitschrift; alle Zeitungen loben es, keine würde je wagen, auch nur den Schimmer eines Abglanzes davon bei sich aufzunehmen. Warum nicht? Das ist ganz einfach. Ein Buch hat keine Inserate.
      Heinrich Zilles Geheimnis liegt in dem ersten Satz seiner Lebensbeschreibung, die das Werk einleitet: «1 lernte ich Lithograph.» Zille ist ein Handwerker. Er hat etwas gelernt, er hat es gut gelernt, und er hat diese handwerkliche Basis niemals verlassen. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie in dem Buch alle Stadien vorhanden sind: von dem natu-ralistischen Bemühen, «det Ding abzuzeichnen», bis zu der letzten Formulierung, die es nicht mehr nötig hat und souverän fortlassen kann . Zilles Seele ist ganz Berlin: weich, große Schnauze, nach Möglichkeit warme Füße, und: allens halb so schlimm.
      Stammbaum: kleinbürgerlich. ist ein recht charakteristisches Blatt: der alte Mann steht, ernst urtd vertieft in seine Arbeit, am Schraubstock, und draußen grinsen zwei rein, rumstrolchende Kerls, die ein bißchen frech, ein bißchen neidisch, ein bißchen verzweifelt diese kleinbürgerliche Burg von außen anlachen, die der sich da aufgerichtet hat. Schließlich ist ja das die Sehnsucht der obern Schicht, die Zille verarztet: Kleinbürger und solche, die es werden wollen. Hier, in dieser Klein--bürgerschicht wohnt die Idylle, die Zille bald bekannt und beliebt werden ließ:

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