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'klassiker' der gegenwart

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Grenzen und Unendlichkeit der Konstruktion und Rekonstruktion in Marguerite Duras' Le Ravissement de Lol V. Stein



"Ce ne peut etre en effet le meme narrateur qui raconte toute l'histoire." * Dieser Ausspruch Böatrice Didiers kann als repräsentativ erachtet werden für die Verunsicherung, oder zumindest Irritation, die "Le Ravissement de Lol

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Stein" von Marguerite Duras mit seiner eigenwilligen erzählerischen Gestaltung beim Leser auslöst. So verwirren die verschiedenen unvermittelten Wechsel von "je" zu "il", der unkonventionelle Umgang mit den Zeiten, vor allem mit den Zeiten der Vergangenheit, die Tatsache, daß der Erzähler sich erstaunlich oft in einer fragenden, zweifelnden, ja sogar "fabulierenden" Position befindet, oder daß Ã"ußerungen im Text nicht eindeutig einer Romanfigur zugeordnet werden können; schließlich kann auch das Fehlen eines "denouement" irritierend wirken.

      Das Problem der erzählerischen Gestalt dieses Textes liegt demnach nicht darin, daß es keine Erzählinstanz oder keinen Erzähler gibt; die Tücke ergibt sich vielmehr aus der Erwartungshaltung, die durch die Präsenz einer klar erkennbaren Erzählerfigur erzeugt, vom Text aber nicht erfüllt wird. Diese Erwartungshaltung richtet sich auf eine erzählerische Organisation, die von der Kohärenz in Bezug auf die Chronologie der Ereignisse und von einer klaren Unterscheidung der Ebenen der "enonciation" und des "enonce" in der Makrostruktur des Textes ausgeht und für die die Figur des Erzählers als Garant angesehen wird. Diese Kohärenz wird freilich auch durch die Linearität des Textes beim Lektüreprozeß nahegelegt, welche nicht zuletzt durch die Veröffentlichung des Textes als gebundenes Buch bedingt ist. Nach Beatrice Didier fügt sich die erzählerische Gestaltung des 1964 erschienenen Romans ein in das dekonstruktive Verfahren, das diesen Text prägt: neben Raum, Zeit und einer traditionellen Konzeption von Romanfiguren werde die Figur des Erzählers als ein weiteres zentrales Fundament traditioneller Erzähltexte dekonstruiert.
      Yvonne Guers-Vilatte verweist auf eine doppelte zeitliche Organisation, die für die spezifische Struktur des vorliegenden Textes verantwortlich ist: Sie unterscheidet "le temps chronologique du recit" von "le temps psychique"5, der in dem Augenblick im Text faßbar wird, als Jacques Hold die Bekanntschaft Lol

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Steins macht. Diese Unterscheidung legt es nahe, von einer Zweiteilung des Textes zu sprechen, auf der auch die folgenden Ausführungen aufbauen. Der erste Teil umfaßt die ersten sieben der insgesamt achtzehn, nicht durchnumerierten Sequenzen, die in weitere, unterschiedlich lange Abschnitte unterteilt sein können; der zweite die Sequenzen acht bis achtzehn. Die Besonderheit des Erzählers bei seinem Versuch, den Ereignissen der Ballnacht von T. Beach näherzukommen, sieht die Autorin in einem Verfahren, das als Imagination erkennbar wird. Aufgrund dieses Vorgehens des Erzählers wird der Text für Y. Guers-Vilatte "une sorte de metarecit" in Bezug auf eine Poetik Marguerite Duras'.J Wenn im folgenden das jeweils spezifische Erscheinungsbild der beiden Textteile und das Prinzip der Imagination erneut ins Zentrum rücken, so geschieht dies in Bezug auf die Deutungsproblematik, die dieser Erzählerstrategie inhärent ist.
      Dem ersten Teil eignet eine Collagentechnik: Der noch anonyme Ich-Erzähler präsentiert anhand von Ã"ußerungen verschiedener Figuren Informationen über Lol

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Stein. Bisweilen sind die Schilderungen unterbrochen durch kürzere oder längere Kommentare über Lol oder Reflexionen über die Präsentation des Textes, deren Stellenwert bei einem ersten Lektüredurchgang rätselhaft bleibt.
      Bei der Präsentation dieser verschiedenen Informationen verfährt der Text äußerst subtil: In den neutralen, Allgemeingültigkeit beanspruchenden Duktus der knappen biographischen Angaben zur Titelfigur, mit denen der Text beginnt, schleichen sich Bemerkungen ein, die auf den Ich-Erzähler verweisen:

"Elle a un frere plus age qu'elle de neuf ans - je ne Tai jamais vu - [...] Je n'ai rien entendu dire sur l'enfance de Lol

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Stein qui m'ait frappe [...]"
Der Ich-Erzähler gibt sich als "emetteur du recit" zu erkennen, was an der Allgemeingültigkeit der Ã"ußerungen nichts ändert, aber doch die Selektion und Relativität, d.h. die subjektive Eingebundenheit und damit die Grenzen des von ihm Ausgesagten ankündigt. In dem auf die Kurzbiographie zu Lol folgenden Abschnitt wird dann die Komplexität und Nuancierung der Textgestaltung in der Verflechtung von Erzählerstimme und Erzählerbewußtsein mit den von ihm wiedergegebenen Ã"ußerungen anderer vorgeführt:
EUes dansaient toutes les deux, le jeudi, dans le preau vide. Elles ne voulaient pas sortir en rangs avec les autres, elles preferaient rester au College. Elles, on les laissait faire, dit Tatiana, elles ötaient charmantes, elles savaient mieux que les autres demander cette faveur, on la leur accordait. On danse, Tatiana? Une radio dans un immeuble voisin jouait des danses demodees - une 6mission-souvenir -dont elles se contentaient. Les surveillantes envol6es, seules dans le grand preau oü ce jour-lä, entre les danses, on entendait le bruit des rues, allez Tatiana, allez viens, on danse Tatiana, viens. C'est ce que je sais.
Durch die Linearität des Textes im Lesevorgang entsteht beim Leser der Eindruck, es handele sich um eine direkte Rede Tatjanas. Dieser Eindruck erweist sich als falsch in dem Augenblick, in dem deutlich wird, daß "elles" sich auf Tatiana und Lol bezieht - das Personalpronomen müßte hier korrekterweise "nous" heißen. Da zunächst auf Tatiana verwiesen wird, läge es nahe, die Passage als einen "discours indirect libre", der Tatiana zuzuordnen wäre, zu beschreiben. Der letzte kurze Nachsatz des Abschnitts - "C'est ce que je sais." - verweist aber auf den Wissenstand des Erzählers, auf sein Bewußtsein, in dem diese Rede so lebendig erinnert wird, als sei sie gerade gesprochen worden; erst durch den Nachsatz wird deutlich, daß der Ich-Erzähler an dieser Stelle spricht, die Textpassage im Bereich des "discours indirect libre" oder aber, geht man von der grammatikalischen Einbettung aus, in dem eines "monologue inte-rieure" anzusiedeln ist; unkonventionell bleibt allerdings die Tatsache, daß der Hinweis auf den Erzähler relativ spät eingefügt ist, zeichnen sich erlebte Rede oder innerer Monolog doch im allgemeinen durch ihre zunehmende Loslösung von der Inquitformel aus.
      Die Spannung dieses ersten Teils liegt also im Ineinandergreifen von Ã"ußerungen und von Stimmen, in der Präsenz einer Erzählerfigur, die von den ersten Zeilen als "emetteur du recit" erkennbar ist, und der Autonomie der von dieser Figur zusammengestellten - zitierten oder erinnerten - Ã"ußerungen verschiedener Romanfiguren.
      Einerseits besticht die Darstellung durch ein Bemühen um Transparenz. Bei der Wiedergabe von Episoden, die in der Zeit vor seiner Bekanntschaftmit Lol anzusiedeln sind, kennzeichnet der Erzähler gewissenhaft die jeweilige Quelle: die Jugendfreundin Tatiana Karl, die Mutter Lol

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Steins, der Ehemann Jean Bedford, die Gouvernante*der Kinder Lols werden genannt; auch Lol konnte er direkt befragen. Bei der Wahl der die Wiedergabe einleitenden Verben unterscheidet er genau, was von wem gesagt, erzählt, geglaubt oder gedacht wurde8, und: was er gerüchteweise gehört hat. Der Erzähler markiert auch die Stellen, an denen er selbst Ergänzungen vorgenommen hat - diese sind durch ein "j'invente" oder "je vois ceci" gekennzeichnet.
      Andererseits erscheint der Rekurs des Erzählers auf Ã"ußerungen aus zweiter Hand und vor allem die Notwendigkeit, sich auf andere als Informationsquelle berufen zu müssen, auch als Abhängigkeit der Erzählerstimme von anderen Stimmen. Die wiedergegebenen Passagen werden in ihrem Wahrheitsgehalt vom Erzähler nicht überprüft - sei es, daß ihm nun die Möglichkeit dazu fehlt; sei es, daß er es nicht für nötig hält; auch der Leser erhält nur an wenigen Stellen die Möglichkeit zur Verifizierung. Besonders deutlich wird diese Problematik, wenn sich aus dem Rekurs auf die Ã"ußerung anderer eine ganze Reihe von Verweisen ergibt: So beruft sich der Erzähler bei der Darstellung der ersten Begegnung Lols mit Jean Bedford nicht direkt, sondern indirekt - und zwar über Lols Wiedergabe - auf den Ehemann; auch Tatiana stützt sich bisweilen auf das Hörensagen. Jede Vermittlung, jede weitere Stimme, die vom Erzähler zitiert wird, birgt somit die Möglichkeit einer Transformation - oder Deformation. Denn bei aller Gewissenhaftigkeit der jeweiligen Quelle gegenüber bleibt offen, wie getreu der Erzähler diese Aussagen wiedergibt und wie es um den Wahrheitsgehalt der angeführten Aussagen bestellt ist. Die Verschachtelung von Reden und Stimmen entzieht jeder Ebene, die als Garant für eine Ebene der Faktizität gelten könnte, die Grundlage. Die Herausforderung dieser Präsentation zeigt sich besonders, wenn man die Autonomie der wiedergegebenen Reden bedenkt, die sich im obigen Beispiel ankündigte; gerade durch den sparsamen Gebrauch von Verweisen auf die Erzählerfigur oderdie angeführte Quelle erhalten die Aussagen anderer eine Eigenständigkeit, so daß der Leser sich immer wieder vergewissern muß, ob nun eine bestimmte Passage in jedem Fall in der Erinnerung und im Bewußtsein der Erzählerfigur anzusiedeln ist, oder ob vielmehr ein Ãobergang in eine unvermittelte Darstellung erfolgt ist.
      Besonderes Interesse erregen freilich die Passagen, die der Erzähler partiell oder gänzlich als seine "invention" kennzeichnet. Dies ist zum einen der Fall in der Schilderung der Vorbereitungen Lols auf ihren Besuch bei Tatiana Karl, bei dem sie den Ich-Erzähler treffen wird. Hier versteht sich die Darstellung als Wiedergabe der Perspektive Lols - d.h. ihrer Sicht, ihrer Wahrnehmung und ihrer Gedanken. Zum anderen betrifft es die Schilderung der Ballnacht von T. Beach, die der Erzähler signifikanterweise als "ce faux semblant que raconte Tatiana Karl et ce que j'invente" charakterisiert, wobei er aber in der folgenden Nachzeichnung entgegen seiner sonstigen Gewohnheit gerade die von ihm ergänzten Stellen nicht explizit hervorhebt.
      Werfen wir zunächst einen Blick auf den zweiten Teil: Beim Ãobergang von der siebten zur achten Sequenz eignet dem Text eine paradoxe Struktur: Der Text verfährt hier so, daß nach der Preisgabe der Anonymität des Erzählers und seinem Zusammentreffen mit Lol

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Stein ein Wissen entwickelt wird, das für die Darstellung der Vorgeschichte dieses Treffens bereits Voraussetzung ist. Auf der Ebene der Chronologie der Ereignisse läßt sich durchaus eine Kontinuität zwischen den beiden Textteilen herstellen. In der Präsentation der Vorgeschichte und des Verhältnisses, das zwischen dem Erzähler und Lol

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Stein entsteht, wird aber eine Modifizierung im Text faßbar, die einhergeht mit der doppelten Funktion Jacques Holds im zweiten Teil als Ich-Erzähler und Protagonist. Indem nun die vielfältige Eingebundenheit des Erzählers in das von ihm vermittelte Geschehen erkennbar wird, rückt die Wiedergabe seines Bewußtseins und seiner Wahrnehmung stärker ins Zentrum. Dabei überwiegt die szenische Darstellung, Rückblenden werden lediglich an zwei Stellen eingeschoben, so daß "enonciation" und "enonce" hier direkt miteinander verschränkt sind. Die sich entwickelnde Bekanntschaft zwischen Lol

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Stein und Jacques Hold ist somit nicht mehr zu trennen von der Darstellung dieser Bekanntschaft durch den Erzähler Jacques Hold; anders ausgedrückt: Die erzählerische Gestaltung inszeniert die Bekanntschaft der beiden Protagonisten als einen komplexen Prozeß der multidimensionalen Wahrnehmung, der Konstitution von Zeichen, ihrer Lektüre und Deutung, d.h. als einen Prozeß der Konstitution von Bedeutung und der Produktion von Wis-sen, der der steten Reflexion und ständigen Falsifizierung und Verifizierung bedarf; es handelt sich um einen vielfältigen Akt der Kommunikation, der in seiner Intensität einer amourösen Begegnung gleichkommt.
      Voraussetzung und Anlaß hierfür ist ein Moment der Dezentrierung: Beim Wiedersehen zwischen Tatiana und Lol, das zugleich die erste bewußte Begegnung zwischen Lol und dem Erzähler ist, richtet sich die Rede Lol

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Steins an Tatiana, ihr Blick jedoch richtet sich auf Jacques Hold; dieser fängt ihren Blick auf. Da der Blick in einem Verhältnis der Differenz zur Rede steht13, wird er zu einer Deutung herausfordern, die im folgenden in ihren einzelnen Phasen herausgearbeitet werden soll.
      Die Komplexität des angesprochenen Prozesses wird besonders deutlich, wenn man das Vorgehen Jacques Holds im Unterschied zu der Art und Weise sieht, in der Tatiana auf Lol

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Stein zugeht14: Tatiana hatte sich mit dem Verhalten Lols und der einer "folie" gleichenden Reaktion auf die Nacht in T.Beach sehr beschäftigt; sie war zu der Ãoberzeugung gekommen, daß hierfür nicht die Ballnacht von T.Beach die Ursache sei, sondern daß dafür in jedem Fall frühkindliche Erlebnisse verantwortlich sein müssen.

     
   Tatianas Wahrnehmung ist ganz von der vorgefaßten Meinung über Lol geprägt; anders ausgedrückt: Sie ist in ihrer Vorurteilsstruktur gefangen und sie ist dies um so mehr, als sie sich ganz auf die Suche nach Zeichen konzentriert, die ihr Aufschluß darüber geben sollen, ob Lol noch an diese Ballnacht denkt und ob sie noch als "krank" anzusehen ist. Dabei richtet sich ihre Wahrnehmung ausschließlich auf Lol, auf ihre Gestik und Mimik, vor allem aber auf ihre sprachlichen Ã"ußerungen.
      "Ton bonheur? Et ce bonheur?" fragt Tatiana Lol während einer Einladung im Hause Lol

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Steins; der Text fährt folgendermaßen fort:
Lol sourit dans ma direction [la direction de Jacques Hold]. Elle me laisse le tenipsd'approcher encore. Je suis de biais par rapport ä Tatiana qui ne regarde que Lol
[...] Pourtant Lol ne repond pas encore. Elle leve les yeux sur moi dans l'intentiond'informer Tatiana de ma prösence.
      Wenige Sätze weiter kommt die Antwort Lols: "Mon bonheur est lä." Dieser Satz bleibt für Tatiana rätselhaft; sie hat den Blick auf Jacques Hold allein als Zeichen für seine Anwesenheit erkannt und fühlt sich durch diese Anwesenheit in ihrer vertrauten Unterhaltung mit Lol gestört; erst später wird sie die Verbindung ahnen, die zwischen Lol

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Stein und dem Ich-Erzähler entstanden und in diesem Blick als Deutungsmöglichkeit enthaltenist. Bezeichnend für das Vorgehen Tatianas ist die Interpretation des Versprechers, der Lol unterläuft, als sie von einem Blick aufs Meer spricht, der von dem angesprochenen Ort aus nicht möglich ist. Dieser Versprecher wird von der Protagonistin wie eine klassische Freud'sche Fehlleistung ausgewertet, d.h. als expliziter Hinweis auf die versteckte Präsenz der Nacht von T. Beach, der Anlaß gibt, sie weiterhin als "krank" einzustufen; damit ist das Interesse Tatianas an der Jugendfreundin zunächst erloschen. Erst durch das Wissen um die Intimität, die zwischen ihrem Geliebten Jacques Hold und Lol

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Stein entstanden ist, wird Tatiana sich für Lol wieder interessieren.
      Kehren wir zurück zu Jacques Hold. Sein Verhalten zeugt von einer anderen, einer offeneren Vorurteilsstruktur, man könnte auch sagen: er weist eine andere hermeneutische Disposition auf. Zwar hatte er durchaus von Lol

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Stein und der Nacht im Casino von T.Beach gehört, doch zeigt sich von der ersten Begegnung an, daß seine Wahrnehmung multidimen-sional funktioniert: Jacques Hold nimmt mit all seinen Sinnen wahr, Auge, Ohr, Nase, Mund und der Tastsinn sind bei ihm gleichermaßen angesprochen. Und: Er sieht nicht nur Lol, er richtet seine Aufmerksamkeit ebenso auf Tatiana, dann auch auf Jean Bedford oder Pierre Beugner. Für seine exakten Wahrnehmungen wird somit eine Vergleichsbasis geschaffen, die zugleich die Grundlage für ein intellektuelles Erkennen ist: die Fähigkeit, Wahrnehmungen zu differenzieren, bildet die Voraussetzung dafür, daß z.B. der Blick zu einem bedeutungstragenden oder bedeutungsstiftenden Element, d.h. zu einem Zeichen werden kann.
      Jacques Hold nimmt auf vielfältige Weise andere wahr und er registriert und reflektiert permanent seine Selbstwahrnehmung. - "Je la vois. [...] Je les entends." - "C'est fait, la progression m'a echappe, je regar-dais Lol: le regard de Tatiana est dur maintenant. [...]" sind nur wenige Beispiele, die hiervon zeugen. Während Tatiana erst durch das entstehende Gefühl der Eifersucht ihre Wahrnehmung auf Jacques Hold ausweitet und ihre eigene Position zu überdenken beginnt, wird der Erzähler schon sehr früh zur Reflexion seiner eigenen Stellung bewogen:
"Mais qu'est-ce que j'ignore de moi-meme ä ce point et qu'elle [Lol] me met endemeure de connaitre?" .
     
Auch die wiederkehrenden Zweifel "Je me trompe; je me trompe encore." sind zur Verifizierung und Falsifizierung seiner Gedanken nötig.
      Eine weitere wichtige Funktion im Prozeß der Bedeutungskonstituierung kommt dem Verhältnis der verbalen Rede zum jeweiligen situativen Kontext zu: Dabei verhält es sich keineswegs so - und dies ist im Moment der Dezentrierung, der am Beginn der Bekanntschaft des Erzählers mit Lol

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Stein steht, bereits angelegt -, daß die Situation zu einer eindeutigen Determinierung der verbalen Rede führt; Situation und verbale Ã"ußerung können vielmehr in einem konträren Verhältnis zueinander stehen, das eine Sinnentleerung des Gesagten bewirkt: Wenn Lol Jacques Hold berichtet, wie sie vom Roggenfeld aus Tatiana "nue sous les cheveux noirs" am Fenster stehen und gehen sah, so verliert dieser Satz in Bezug auf Tatiana seine Bedeutung. Jacques Hold gibt dies folgendermaßen wieder:
J'entends: 'nue sous les cheveux noirs, nue, nue, cheveux noirs'. [...] L'intensite' de la phrase augmente tout ä coup, l'air a claque autour d'elle, la phrase eclate, eile creve le sens [...] je ne la comprends pas, je ne comprends meme plus qu'elle ne veut den dire. [...] Le vide est statue. Le socle est lä: la phrase. Le vide est Tatiana nue sous ses cheveux noirs, le fait. [...] La voici, Tatiana Karl nue sous ses cheveux, soudain, entre Lol

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Stein et moi. [...] Nous sommes deux, en ce moment, ä voir Tatiana nue sous ses cheveux noirs. [...] Je vais vers Lol

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Stein. Je l'embrasse, je la leche, je la sens, je baise ses dents."
Dieser Kommentar ist für die metatextuelle Ebene, die Frage nach der Unendlichkeit der Deutung eines Textes und seiner Grenzen zentral: Wenn die Leere eine Statue geworden ist, so heißt dies, daß ihr ein eindeutiger "signifie" fehlt; es heißt aber zugleich, daß sie den Raum markiert, in dem sich - ganz im Sinne Ecos - ein unendlicher Prozeß der Semiose vollziehen kann. So tritt zunächst die Funktion der Kommunikation, die zwischen Lol und Jacques Hold in dem sich anschließenden kurzen Dialog über dieses Rendez-vous entsteht und zu einer ersten körperlichen Berührung führt, an die Stelle der Aussage, deren Referenz durch Tatiana repräsentiert würde. Der Satz wird seiner wörtlichen Bedeutung enthoben, er schafft die Basis für eine eigene Kommunikation, einen eigenen Text zwischen Lol und dem Erzähler, dessen spezifische Bedeutung durch eine neue Situation ebenso aufgehoben werden kann. In dieser Passage der unterschiedlichen Valorisierung von sprachlicher Ã"ußerung und situativer Eingebundenheit, die zu einer Unterwanderung der Rede durch den situativen Kontext führt, wird schließlich das Prinzip des dekonstruktiven Verfahrens vorgeführt.
      Ein erstes Resultat dieser vielfältigen Wahrnehmung Jacques Holds zeigt sich in seiner Fähigkeit, die Gedanken und Empfindungen eines anderen Protagonisten wiedergeben, d.h. sie konstruieren zu können. Hierfür sei an die zwölfte Sequenz erinnert: Jacques Hold hat sich der Anwesenheit

Lols im Roggenfeld vor der Ankunft Tatianas im Hotel versichert und wird dies auch während seines Rendez-vous noch einmal tun; Tatiana sieht Lol vom Fenster aus nicht. Während Jacques Hold sich von Tatiana gedanklich, emotional bis zur Impotenz entfernt, wird die Verbindung zu Lol schließlich durch die Wahrnehmung des Duftes vom Roggenfeld bestärkt, in dem sie sich befindet. Diese Indizien sprechen dafür, daß es sich bei den in der dritten Person Singular erzählten Abschnitten um die Konstruktion der Gedanken Lols in der Vorstellung des Erzählers Jacques Hold handeln muß. Aufgrund seiner komplexen Wahrnehmung wird Jacques Hold auch die Perspektive Tatianas, oder Pierre Beugners oder sogar die einer neutralen, in die Handlung nicht einbezogenen Erzählinstanz und -stimme einzunehmen versuchen. Während Jacques Hold im Verlauf der zweiten Einladung ins Haus Lol

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Steins mit Lol tanzt, gibt er - eingeleitet mit einem "j'invente" - mögliche Gedankeninhalte oder Dialoge von Tatiana Karl, Pierre Beugner wieder. Auch in dieser Szene wechselt die Darstellung unvermittelt von "je" zu "ü". Während bei diesem nicht explizit eingeleiteten Wechsel von der ersten zur dritten Person Sg. Jacques Hold selbst Gegenstand der Rede ist - er somit eine Möglichkeit zur Verifizierung dieses Gedankeninhalts einer anderen Person hätte - so fällt in dieser Sequenz auf, daß die Gedankeninhalte, die sich nicht oder zumindest nicht ausschließlich auf seine Person beziehen20, ausdrücklich mit einem "j'invente" eingeleitet sind. In Bezug auf Lol bleiben seine Versuche an diesem Abend jedoch von fraglichem Erfolg gekrönt: Während eines Gesprächs zwischen Tatiana, Lol und Jacques Hold versuchte dieser, eine Antwort Lols vorwegzunehmen, die durch die Reaktion Tatianas bestätigt wird21; kurz danach jedoch bleibt die Frage "Lol desirait-elle que ceci que j'invente se passe entre Pierre Beugner et Tatiana?" unbeantwortet; Jacques Hold vermag sich die Antwort nicht vorzustellen.
      Deutlich wird aus diesem Beispiel, daß der Darstellung der verschiedenen Perspektiven nicht das Konzept der Intuition zugrunde liegt, das im allgemeinen an das Bild des Subjekts gebunden ist als einem mit einem bestimmten, eigentlichen und eigentlich tief im Innern verborgenen Kern ausgestatteten Wesen, der nur von einfühlsam veranlagten Menschen entdeckt und erkannt werden kann; die Figuren Marguerite Duras' verweisen vielmehr auf die Konzeption eines Subjekts, das stets eine Vielzahl von Dispositionen aufweist, die gemäß seiner spezifischen Struktur und seinem Begehren je nach Situation und Kontext ins Spiel gebracht werden. An die

Stelle der Intuition rückt hier die Empathie, die als eine Bewegung erscheint, bei der die beteiligten Figuren, wie die Diskussion von "Tatiana nue sous les cheveux noirs" zeigte, aufeinander zu kommen und sich begegnen.
      Dem Prinzip des hermeneutischen Zirkels folgend werden Passagen, die im ersten Teil rätselhaft bleiben, durch das Geschehen, das im zweiten Teil ins Zentrum rückt, erhellt: Dies gilt für die Bemerkung des Erzählers über die "ecrasante actualite" , die Lol in seinem Leben zukommt, ebenso wie für die Bedeutungserweiterung von "histoire": "mon histoire de Lol

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Stein" meint nicht nur die Darstellung des Ich-Erzählers, sondern auch seine Beziehung zu Lol. Durch den zweiten Teil werden auch die Mechanismen und das Verfahren transparent, die der Wiedergabe der Vorgeschichte aus der Perspektive Lols inhärent sind. Wenn der Erzähler die Darstellung der Vorgeschichte mit "j'invente, je vois" ankündigt, so erweist sich diese als eine Kombination und Bündelung der Mechanismen, die vom Erzähler im zweiten Teil vorgeführt werden: Er bedient sich des unvermittelten Perspektivenwechsels, wenn er Lols Blick auf seine Person wiedergibt, und nimmt das Verfahren der "invention" des zweiten Teils auf, wenn er sich Lols Vorbereitungen auf den Besuch bei Tatiana vorzustellen versucht. Dabei kann Jacques Hold sich auf direkte Aussagen Lols stützen -und gibt damit dem Leser partiell die Möglichkeit zu einer Ãoberprüfung der Darstellung des Erzählers. Gerade im Vergleich der beiden Szenen zeigt sich, wo er eine abweichende Sicht Lols zumindest in Ansätzen aufnimmt: Ihren Eindruck, er schaue allen Frauen nach, den er freilich nicht teilen mag22, nimmt er in seine Darstellung auf, nicht aber ohne dies durch ein "inventait Lol" einzuleiten - und damit zu kommentieren. Deutlich wird aber auch, daß der Erzähler nicht allein auf die verbalen Aussagen Lols rekurriert; die Nachzeichnung speist sich auch nicht nur aus den atmosphärischen Eindrücken, die die Situation ausmachen, in der Lol ihm von ihrem Spaziergang berichtet. Diese Nachzeichnung ist eine Synthese, man könnte auch sagen das Destillat der vielen und vielfältigen Wahrnehmungen und Kenntnisse, die er in den verschiedenen Begegnungen von Lol gewonnen hat.
      Dieser Szene ist die Schilderung der Ballnacht gegenüberzustellen, die ja als Mischung aus einer "invention" des Ich-Erzählers mit dem "faux semblant" Tatjanas charakterisiert wird: auf der Ebene der Chronologie der einzelnen Ereignisse wird durchaus der Eindruck einer kohärenten Darstellung erzielt. Die Problematik der zeitlichen Organisation dieser Passage,der Wechsel zwischen passe simple, passe compose, imparfait und plus-queparfait, d.h. zwischen Zeiten, die den Blick auf das Geschehen freigeben und denjenigen, die im allgemeinen Kommentaren und Reflexionen vorbehalten sind23, verweist jedoch auf die Unmöglichkeit, aus den verschiedenen Eindrücken und Perspektiven, das subjektive Erleben der Protagonistin eindeutig rekonstruieren zu können. Die unauflösbare Spannung liegt in den verschiedenen Positionen begründet, die Tatiana und dem Ich-Erzähler zukommen, und den Widersprüchen, die daraus resultieren können: Den Aussagen Tatianas stehen die Wahrnehmung und die Eindrücke des Ich-Erzählers gegenüber, die sich auf Lols Verhalten richten, sich aber eben auch - dies zeigt die vierzehnte Sequenz - auf Tatiana beziehen können. Die Wiedergabe verschiedener Perspektiven wird hier nicht in einem unvermittelten Wechsel der Personal- oder Possesivpronomina faßbar, da der Erzähler nicht direkter Beobachter der Ballnacht von T. Beach war, überrascht es nicht, daß diese Szene ausschließlich in der dritten Person Singular geschrieben ist. Die verschiedenen möglichen Perspektiven und Ebenen der Darstellung haben vielmehr die Form der engsten Verflechtung in den unvereinbar scheinenden Zeiten gefunden. Während es in Bezug auf die Darstellung der Vorgeschichte zur ersten Begegnung dank der Ã"ußerungen Lols im Gespäch mit dem Erzähler die Möglichkeit zur Verifizierung bis zu einem gewissen Grade gibt und diese auch für den Leser anhand des Textes partiell nachvollziehbar ist, so fehlt die Möglichkeit einer eindeutigen Falsifizierung oder Verifizierung zentraler Elemente im Fall der Nachzeichnung der Ballnacht: Während der Schilderung der Vorgeschichte zum ersten bewußten Treffen Lols mit Jacques Hold der Status einer Rekonstruktion eignet, erfüllt die Nachzeichnung der Ballnacht höchstens die Bedingungen einer Konstruktion. Wie M.-C. Ropars-Wuilleumier ausgehend von der ausschließlich verbalen Evozierung des Balls in "La Femme du Gange" betont: "il [le bal] n'a qu'un Statut verbal"24: es ist eine Möglichkeit, eine Version der Nachzeichnung, aber nicht die einzig mögliche.
      Gerade also in der Darstellung der Vorgeschichte zu dem ersten bewußten Treffen von Lol und dem Ich-Erzähler und der Nachzeichnungder Ballnacht, zeigt sich, daß der zweite Teil die Mechanismen und den komplexen Prozeß vorführt, der zur Konstitution der Elemente nötig ist, die den ersten Teil ausmachen. Dieser läßt sich als das Vorgehen erkennen, das der Erzähler selbst als "inventer" bezeichnet:
Aplanir le terrain, le defoncer, ouvrir des tombeaux oü Lol fait la morte, me parait plus juste, du moment qu'il faut inventer les chalnons qui me manquent dans l'histoire de Lol

V.

Stein, que de fabriquer des montagnes, d'eclifier des obstacles, des accidents. [...] D'ailleurs c'est toujours ä partir d'hypotheses non gratuites et qui ont dejä, ä mon avis, recu un debut de confirmation, que je le fais."
Deutlich wird, daß "inventer" die Imagination in ihrem Unterschied zur Phantasie meint. Während die Imagination ein Vorgang ist, der auf der Basis motivierter Hypothesen beruht, die einer Verifizierung standhalten könnten, bilden sich Phantasien nach freieren, assoziativen Zusammenhängen. Der komplexe Prozeß der Wahrnehmung, der Konstitution von Zeichen, ihrer Lektüre und vor allem ihrer Deutung, die zur Gestaltung des ersten Teils führt, rückt damit in die Nähe der Imagination. Das Prinzip der Imagination erhält dabei in diesem Text eine spezifische Bedeutung: Im Vergleich mit dem Ã-ffnen von Gräbern zeigt sich, daß es hier nicht einfach um ein Schließen von Lücken, sondern um eine Form der Wiedergeburt geht. Nicht die Aufdeckung von Fakten steht im Zentrum, sondern die Integration, oder Reintegration der erstorbenen Erinnerung an die Ballnacht in T. Beach. Die Imagination ist von der Phantasiebildung zu unterscheiden; sie ist auch im Unterschied zur Projektion zu sehen: Das Prinzip der Imagination beinhaltet ein Gegenüber, das es zu erschließen gilt. Im Fall Jacques Holds ist es die Person Lols, deren Erinnerung es zu wecken gilt; und wenn sie es nicht vermag, ihre Erinnerung an jene Nacht verbal zu äußern, so lassen doch die verschiedenen Zeichen, die sie aussendet, ihr Verhalten gegenüber Jacques Hold und Tatiana auf diesen Erinnerungsprozeß schließen, der bei ihr in Gang kommt. Hier zeigt sich, daß das Deuten keine einseitige Aktivität meint, kein einseitiges Diagnostizieren und Klassifizieren von Symptomen, sondern daß es als multipler Prozeß der Wahrnehmung einer Kommunikation gleichkommt, der von der Aktivität der verschiedenen Beteiligten abhängt; es ist ein Prozeß, der nie abgeschlossen, sondern stets zu erneuern ist und der die Grenzen seines Gelingens in sich trägt.
      Durch die Offenlegung der Mechanismen im zweiten Teil des Textes wird der Konstruktcharakter des ersten Teils bewußt. Dies gilt nicht nur für die beiden ausführlich diskutierten Szenen der Vorgeschichte und der Ballnacht, sondern ebenso für die Aussagen, die auf Tatiana, Jean Bedford oder auf die Gouvernante zurückgehen und an denen zahlreiche Verbindungen konkreter und metaphorischer Art zum zweiten Teil sichtbar werden. Erin-nert sei an die wörtliche Rede Tatianas, die einmal im Bewußtsein des Ich-Erzählers und dann im Gespräch im Hause Tatianas zitiert wird . Zu verweisen ist aber auch auf die Ã"hnlichkeit der Situationen, in denen Lol zunächst ihren späteren Ehemann und dann Jacques Hold kennenlernt; die Bekanntschaft ist jeweils an die Spaziergänge Lols geknüpft, wobei Lol zunehmend aktiv wird. Und wenn Lol auf Jean Bedford einen sehr mädchenhaften Eindruck macht , so nimmt auch Jacques Hold sie als "pensionnaire grandie" wahr.
      Eine zentrale Rolle kommt schließlich den verschiedenen Dreieckskonstellationen zu, die die Begegnungen der verschiedenen Figuren im ersten und im zweiten Teil prägen, wobei die einzelnen Protagonisten jeweils unterschiedliche Positionen inne haben: Lol ist in der Ballnacht in die Rolle der Beobachterin gedrängt, sie nimmt diese Position auch ein, wenn sie Tatiana und Jacques Hold auf der Straße und im Hotel des Bois beobachtet; sie verweist im weiteren Verlauf zunächst den Erzähler an diese Stelle, wenn er ihr Gespräch mit Tatiana vom Garten aus beobachtet, dann Tatiana, wenn Lol mit Jacques Hold tanzt. Die Personenkonstellationen, die im ersten Teil und zwar vor allem in der Ballnacht thematisiert sind, hängen also ausschließlich von der Wahrnehmung Jacques Holds im zweiten Teil ab. Daß die Verbindungen unendlich weiterverfolgt werden können, sei am Beispiel der Beschreibung des Casino municipal in T. Beach angedeutet:
Au centre de T. Beach, d'une blancheur de lait, immense oiseau pose, ses deux ailes regulieres bordees de balustrades, sa terrasse surplombante, ses coupoles vertes ses Stores baiss6s sur l'ete, ses rodomontades, ses fleurs, ses anges, ses guir-landes, ses ors, sa blancheur toujours de lait de neige, de sucre, le Casino municipal.
Die verschiedenen Bilder, die der Erzähler zur Beschreibung des Casi-nos wählt, lassen sich durch den gesamten Text verfolgen. Die Vielfalt läßt sich gerade am Vergleich mit einem Vogel besonders deutlich nachvollziehen: Anne-Marie Stetter, so gibt der Erzähler die Erinnerung Tatianas wieder, wird in ihrer Erscheinung mit einem "oiseau mort" verglichen; der Schrei, den Tatiana beim Wiedersehen mit Lol ausstößt, erscheint als "doux cri aux ailes brisees dont la felure n'est perceptible qu'ä Lol

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Stein" ; auch die Reaktion der Mutter, die Lol von T. Beach wegbringt, ist in der Vorstellung Jacques Holds die einer Mutter, die "son petit oiseau" ruft; femer werden die allmählich wiederkehrenden Erinnerungen Lols als "oiseaux sauvages de sa vie" bezeichnet. Die Silhouette eines Vogels kehrt wieder in der Linie der Augenbrauen, die Lol zusammenzieht, dann in der schlagenden Bewegung ihrer Augenlider, die das Schlagen von Hügeln aufnehmen , oder in dem "frisson", das ihre Augen zudurchziehen scheint . Auch die Wirkung, die Lol auf den Erzähler ausübt, veranlaßt ihn, Lol mit einer Person zu vergleichen, die ihn aus seinem Nest nimmt .
      Angesichts dieser zahlreichen Verflechtungen, wie sie in den zitierten Reden, den Personenkonstellationen oder Bildern deutlich werden, wird die Linearität des Textes zunehmend in Frage gestellt; dem Text eignet vielmehr eine räumliche Struktur, in der die Sequenzen des ersten und des zweiten Teils in verschieden enger oder lockerer Verbindung zueinander stehen. Diese Verbindung ist einem Gewebe oder einem Geflecht vergleichbar, in dem die Ballnacht als die Szene erscheint, in der die verschiedenen Fäden zusammenlaufen, sich aber nicht zu einem Strang verbinden; ganz im Gegenteil: in der Darstellung der Ballnacht finden sie ihre dichteste Verflechtung, die in der minimalen Differenz der scheinbar inkompatiblen Zeiten zugleich die Unmöglichkeit ihrer Auflösung markiert.
      Wenn nun durch die Untersuchung der beiden Teile dieses Textes und das Verhältnis, in dem diese zueinander stehen, die spezifischen Mechanismen des Textes transparent werden, so werden gleichzeitig auch die Bedingungen seiner Entstehung enthüllt. Wenn also einerseits die Motiviertheit der Konstruktion klar wurde, der zweite Teil zu einer Klärung zunächst rätselhafter Passagen im ersten Teil beiträgt, so werden aufgrund der Komplexität des geschilderten Entstehungsprozesses aber zugleich die Bedingungen der Möglichkeit seiner eigenen Dekonstruktion vorgeführt. Gerade die Diskussion des Verhältnisses von situativem Kontext und verbaler Ã"ußerung führt dies plastisch vor Augen: Da der Kontext nicht unbedingt zu einer Eindeutigkeit der verbalen Aussage führt, werden somit Fragen in Bezug auf die zitierten Aussagen im ersten Teil des Textes aufgeworfen, die unbeantwortet bleiben. Die Relativität der Informationsauswahl und -Präsentation wird unterstrichen und die Frage nach dem Status der "Quellen" im ersten Teil gestellt: Wann, in welchem Kontext, gegenüber welcher Person wurden die Ã"ußerungen im einzelnen gemacht? Bei der Untersuchung des ersten Teils erwies sich bereits das Prinzip der Ver-schachtelung von Ã"ußerungen als Problem; das Prinzip der Imagination, auf die sich die Konstituierung der einzelnen Texteinheiten gründet und das in der Figur des Erzählers verankert ist, stiftet eine gewisse Kohärenz und schafft eine Verbindung zwischen den beiden Textteilen, Dieses wurde als ein Verfahren der Deutung erkannt, die sich als ein Akt der Kommunikation vollzieht und zur Rekonstruktion von Ereignissen führen will. Konstruktion und Rekonstruktion implizieren Nachvollziehbarkeit. Gerade diese wird in dem, was im Text als Brüche und Risse erfahren wird, pro-blematisiert. In der Verschachtelung von Ã"ußerungen, im unvermittelten

Wechsel von der ersten zur dritten Person und im unkonventionellen Gebrauch der Zeiten der Vergangenheit werden die Bedingungen der Entstehung der einzelnen Texteinheiten augenfällig. Bei aller Motiviertheit von Konstruktion und Rekonstruktion wird hier eine in der Struktur des Textes angelegte Offenheit deutlich, die sich in der Unendlichkeit der möglichen Bezüge und Verflechtungen in der Mikrostruktur des Textes wiederholt. Der Abschluß des Deutungsprozesses von "Le Ravissement de Lol

V.

Stein" wird damit ebenso suspendiert wie der des Erzählers in Bezug auf das Ende seiner Geschichte Lol

V.

Steins. In dieser spezifischen Struktur liegt auch das avantgardistische Moment im Schreiben Duras' und ihre Auseinandersetzung mit traditionellen Erzählstrategien, die diese Entstehungsbedingungen nicht transparent werden lassen.
     

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Grenzen  Unendlichkeit  der  Konstruktion  Rekonstruktion  Marguerite  Duras'  Le  Ravissement  de  Lol  V.  Stein    





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