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Tagebuch



Fortlaufender Bericht über Vorfälle einzelner Tage. Regelmäßigkeit und Kennzeichnung des Datums gehören zum Tagebuch. Wenn es nicht für eine bestimmte Zeitspanne, eine Reise zum Beispiel, geplant ist, bleibt es im Grunde unabgeschlossen. Der einzelne Eintrag unterliegt keinen Regeln; Inhalt, Umfang, äußere Form stehen zur freien Disposition.
      Geschäftsmemoranden der Kaufleute, Logbücher in der Schiffahrt und andere Faktenprotokolle erinnern durch Datierung und Regelmäßigkeit der Eintragungen formal an das Tagebuch, das aber nur Ereignisse aufnimmt, die den Schreiber im Laufe eines Tages innerlich beschäftigt haben. Inhaltlich ergeben sich Verbindungen zur —»Chronik, zum —»Brief, zur —»Autobiographie. Die Regelmäßigkeit der Berichterstattung erinnert an die —»Zeitung. Allerdings bleibt die Tagebucheintragung privat, die Zeitung lebt von der öffentlichen Verbreitung. Die Wandzeitung berichtet meist regelmäßig über lokale Ereignisse undläßt so eine Parallele zum Tagebuch erkennen. -»Homonyme in verschiedenen Sprachen legen eine Verwandtschaft von Tagebuch und Zeitung nahe: das französische , das italienische . Die Chronik zeichnet Ereignis um Ereignis auf, das Tagebuch orientiert sich in seiner Auswahl an einzelnen Tagen. Der —»Brief wendet sich an einen Gesprächspartner, während im Tagebuch der Schreiber in erster Linie mit sich selbst kommuniziert. Tagebuch und Autobiographie sind durch ein hohes Maß an Subjektivität und den Wunsch nach Selbstdarstellung verbunden. Das Tagebuch lebt von einer gewissen Spontaneität: das Erlebte wird im Augenblick festgehalten; die Autobiographie dagegen arbeitet aus der Distanz und sozusagen die Vergangenheit.

      Auf täglichen Umgang mit dem Tagebuch weisen die entsprechend ausgerichteten Bezeichnungen in fast allen Kultursprachen hin. Lateinisch , , gehen auf das Wort zurück. Vom Lateinischen werden die Bezeichnungen im Italienischen und abgeleitet, im Spanischen und , im Französischen und im Englischen . Das «Deutsche Wörterbuch» gibt als ältesten Beleg eine Definition aus dem 1704 erschienenen «Naturlexikon»: «Tagebuch: kaufmännisch ein Buch, worin die laufenden Geschäfte der Zeit nach geordnet eingetragen werden». Wer heute Tagebuch schreibt, steht in einer beeindruckenden Tradition. Sieht man von den schon im 15. Jahrhundert verfaßten Reiseberichten ab, so lassen sichan der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert Tagebücher finden, die sich der Selbsterforschung verschrieben hatten. Ziel dieser Art Gewissenserforschung war, dem Müßiggang entgegenzusteuern. Hatte man sich ihm doch wieder überlassen, war Selbstanklage angesagt. Das Tagebuch ergänzte den Beichtstuhl, die Absolution erteilte man sich selbst. In einigen Gemeinden betrieb man das Tagebuchschreiben zum Zwecke der Gewissenserforschung und der religiösen Rechenschaftsablegung sehr routiniert. Kein Wunder, daß jüngere Zeitgenossen in den Aufzeichnungen der Pietisten einen gut kaschierten religiösen Selbstbetrug zu erkennen glaubten. Ludwig Tieck kritisiert an diesen Tagebüchern, daß es mit ihrer Hilfe so «bequem falle, sich ständig beobachten zu können» .
      Nicht nur der Pietismus, auch die —»Aufklärung übte in ihren moralischen Bestrebungen großen Einfluß auf die Entwicklung des Tagebuchs aus. Regelmäßige Selbstbesinnung praktizierte Albrecht von Haller über 41 Jahre in penibel geführten Tagebüchern. Sein «Sündenregister», wie er selbst seine Aufzeichnungen nannte, stellt seine zahllosen Verfehlungen, Schwächen und Skrupel zusammen, anscheinend ohne eine einzige läßliche Sünde auszulassen.
      In der —»Empfindsamkeit, während der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenden sich die Tagebuchschreiber auch weltlichen Dingen zu. Nicht nur seelische Vorgänge im religiösen und moralischen Bereich werden erörtert, sondern alle Regungen des Herzens finden Eingang in das Tagebuch, und briefliche Bekenntnisse bedeuteten häufig die Fortsetzung eines direkten Gedankenaustausches. Johann Kaspar Lavater legt in seinem «Geheimen Tagebuch von einem Beobachter seiner selbst» alle seine Empfindungen dar. Beispielhaft zu leben ist Lavaters Anspruch, mit allen Gedanken und Taten Vorbild zu sein: «Endlich muß ich doch wieder ans Tagebuch. Diesen ganzen Monat habe ich, einige Copien von Briefen ausgenommen, noch nichts aufgezeichnet, und dennoch hatte ich einige so wichtige Auftritte, die für mich selbst sehr lehrreich waren, und deren Beschreibung vielleicht einst meinen Freunden, oder meinen Kindern, lehrreich werden könnte.»
Dabei wird die psychologische Beschreibung von Gemütszuständen kultiviert, u.a. eine Voraussetzung für die Entwicklung der modernen Psychologie. Johann Christian Gottlieb Schaumann fordert 1791 die Leser seines Buches «Psyche» auf, «ein Tagebuch über die eigene Seele und andere Charaktere anzulegen und solcherart den Fachmännern Stoff zu liefern».
      Gleichzeitig wird dem Wunsch Ausdruck verliehen, sich über die Ereignisse jedes Tages auszulassen. Johann Gottfried Herder bemüht sich zum Beispiel während einer Schiffsreise, im Selbstgespräch seine Gedanken festzuhalten und sich über seine Kenntnisse und Fähigkeiten Rechenschaft abzulegen mit dem Ziel, sich schreibend ein Weltbild zu erarbeiten. Johann Wolfgang Goethe gibt in seinen Tagebüchern die ersten zehn Jahre in Weimar wieder, die einen Eindruck von den Kämpfen eines jungen Mannes um Identi-tät und eigene Wertmaßstäbe vermitteln.
      Im 19. Jahrhundert kommen kaum neue Funktionen hinzu, doch ist ein noch wachsendes Interesse am Tagebuch feststellbar. Einzelne Autoren entdecken für sich die Möglichkeit, das Tagebuch als literarisches Reservoir zu nutzen. Als literarisches Medium erfreut sich das Tagebuch schon seit Georg Forsters «Ansichten vom Niederrhein» , Goethes «Italienische Reise» und dem großen Publikumserfolg der «Briefe eines Verstorbenen» des Fürsten Pückler-Muskau großer Beliebtheit.
      —»Romane fügen zur Auflockerung fiktive Tagebucheintragungen bei, und der —»-Realismus arbeitet mit Vorliebe mit tagebuchartigen Erlebnisberichten.
      Gottfried Keller geht so weit, das Tagebuch als unerläßliches männliches Requisit zu beschreiben. Nicht gerade frauenfreundlich liest sich folgendes: «Ein Mann ohne Tagebuch ist, was ein Weib ohne Spiegel. Dieses hört auf, Weib zu sein, wenn es nicht mehr zu gefallen strebt und seine Anmut vernachlässigt ; es wird seiner Bestimmung gegenüber dem Manne untreu. Jener hört auf, ein Mann zu sein, wenn er sich selbst nicht mehr beobachtet und Erholung und Nahrung immer außer sich sucht. Er verliert seine Haltung, seine Festigkeit, seinen Charakter, und wenn er seine geistige Selbstän-digkeitdahingibt,sowirdereinTropf. Diese Selbständigkeit kann aber nur bewahrt werden durch stetes Nachdenken übersieh selbst, und geschieht am besten durch ein Tagebuch...»


Das Tagebuch wird in die literarische Produktion einbezogen und erfährt eine gewisse Popularisierung. Am Ende des Jahrhunderts ist die Lektüre älterer Tagebücher kulturgeschichtlichen und biographischen Inhalts sehr beliebt. Viel gelesen werden Reiseprotokolle aus der Entwicklungszeit der Eisenbahnen und aus den Gründerjahren erhaltene Journale höherer Töchter, Nachfolger der empfindsamen Seelentagebücher. Die nichtautorisierte Veröffentlichung einiger Notizhefte Kaiser Friedrichs I

II.

führte 1888 fast zum Sturz Bismarcks, was ein Schlaglicht auf die Bedeutung des Tagebuchs wirft. Um die Jahrhundertwende werden in die Lesebücher der gymnasialen Oberklassen Auszüge aus Friedrich Hebbels «Jour-naux intimes» aufgenommen . Hebbels Vorsatz, ein «Notizbuch meines Herzens» anzulegen, um «diejenigen Töne, welche mein Herz angibt, getreu, zu meiner Erbauung in künftigen Zeiten, aufzubewahren», wird von den Schulmeistern aufgegriffen und ihren Zöglingen als Beispiel hingestellt. Dies führt zu einer Inflation von Bekenntnisbüchern in Schüler- und Studentenkreisen, die zum Zeitpunkt über-standener Reifekrisen meist abschließen.
      Ein gewisser Skeptizismus dem Tagebuch gegenüber erscheint daher durchaus angebracht. Nicht erst in unseren Tagen wird das Tagebuch der Verführung zum Egotrip gezie-hen. Bereits Goethe spottet in den «Zahmen Xenien» über Tagebuchschreiber: «Es schnurrt mein Tagebuch/Am Bratenwender:/Nichts schreibt sich leichter voll/Als ein Kalender.» Wolfgang Koeppen hält das Tagebuch für «eine Fälschung, einen unlauteren Geschäftsbericht». Arno Schmidt zieht gegen das Vorurteil zu Felde, das Tagebuch sei ehrlich: «Nahezu alle Menschen sind gewohnt, aus Gründen der Selbsterhaltung also zeitlebens, mit sich im Ton innig-ausführlicher Verlogenheit zu verkehren. Hübsch unbewußt natürlich, wie sich s geziemt; aber dennoch ... ist 1 unter 10.000, ... und Keiner von Diesen wird, vorsichtshalber, ein TB führen.» Ganz gleich, wie das Tagebuch beurteilt wird, seiner Beliebtheit tut dies keinen Abbruch. Für fast alle modernen Autoren ist es unerläßlicher Begleiter und wird gerne als Werkstatt benutzt. Die Funktionen der Selbstbeobachtung und -beurteilung sind bis auf den heutigen Tag die gleichen geblieben, hinzu kommt eine gewisse Kultivierung von Selbsterfahrung, der ein eigener Wert beigemessen wird. Luise Rinser etwa läßt in einer Passage der Erzählung aus «Septembertag» Einblicke in ihren Tagesablauf zu: «Mein Tag beginnt früh, er beginnt still und gesammelt, er verspricht viel, er verspricht Stille und Sammlung für die Zeit seiner Dauer; ich weiß, daß er sein Versprechen nicht halten kann, nicht halten will, und doch vertraue ich ihm, weil ich vertrauen will. Während ich auf die Terrasse laufe, fühle ich unter mir noch die Traum-Tag-Brücke schwanken, noch ist das feste Ufer des Tages nicht erreicht... Ein wenig beschämt beim Anblick der unerledigten Arbeit, doch gleich darauf gelassen getröstet, gehe ich zu Bett, es ist spät, immer wird es spät, ich lege mich nieder, lege mich in unsichtbare offene Arme, es sind jene, die mich erwarten im Tod.»
Die Möglichkeiten der Selbstreflexion unterstreicht Virginia Woolf, indem sie das reflektierende Ich des Tagebuchs dem Ich aus Fleisch und Blut gegenüberstellt. Sie nimmt Bezug auf Samuel Pepys Tagebücher aus den Jahren 1660 bis 1669: «... es ist leicht zu erkennen, welche Verlockung ihn zu seinem Tagebuch zog. Sie bestand nicht so sehr in seinem Beichtstuhlcharakter, noch weniger in der Aufzählung von Dingen, an die später zu erinnern sich unnütz erweisen könnte, sondern in der Tatsache, daß das Tagebuch ein Lagerhaus seines privaten Selbst war, das Echo der lieblichsten Töne des Lebens, ohne die das Leben dünner und prosaischer werden würde. Wenn er zu diesem Zweck hinauf in sein Arbeitszimmer ging, dann folgte für ihn dort keine mechanische Schreibübung, sondern er hielt Zwiesprache mit dem geheimnisvollen Begleiter, der in jedem Menschen lebt, dessen Gegenwart so wirklich, dessen Meinung so wertvoll ist und dessen Fehler, Vergehen und Eitelkeiten so liebenswert sind, daß sein Verlust beinahe bedeutete, . Für diesen anderen Pepys, seinen Geist, den die Menschen achten, schrieb er dieses Tagebuch, und aus diesem Grunde wird es in künftigen Zeiten immer Menschen geben, die es gerne lesen.»


Robert walser: »jakob von gunten. ein tagebuch« (i909) - bericht eines künftigen dieners

Von Vorschriften umstellt Den literarischen Rang des 1878 im schweizerischen Biel geborenen Robert Walser haben Autoren wie Robert Musil, Hermann Hesse, Walter Benjamin und vor allem Franz Kafka früh erkannt. Doch läßt sich Walser, bei seinem ständigen Rollenwechsel, in seinem Werk und im Wandel .....
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