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Nachkriegsliteratur I945-50



Die bedingungslose Kapitulation der deutschen WehrmachtamS. Mai 1945 setzte einen Schlußstrich unter den Zweiten Weltkrieg und die zwölfjährige Nazi-Herrschaft. Damit war eine Phase zu Ende, in der das Geistesleben in Deutschland dem Diktat einer Partei, der NSDAP, unterworfen und in weiten Bereichen praktisch zum Erliegen gekommen war. Der Einschnitt schien so groß, daß er als «Stunde Null» mit der Möglichkeit eines völligen Neubeginns bezeichnet wurde. Diese Auffassung stellte sich allerdings als Irrtum heraus, zum einen weil die äußeren Bedingungen von den Maßnahmen der Besatzungsmächte erheblich fremdbestimmt waren, zum anderen weil die Autoren, die ins Exil gegangen waren , für den Fortbestand der literarischen Kultur Deutschlands gesorgt hatten. Die Siegermächte hatten Deutschland besetzt und in drei, später vier Besatzungszonen aufgeteilt. Eine großangelegte Entnazifizierungskampagne sollte dafür sorgen, daß Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen und ehemalige Nazi-Parteigänger aus öffentlichen Ämtern entfernt wurden. Außerdem sollte nationalsozialistisches Gedankengut ausgemerzt werden. Für die Literatur bedeutete das z. B., daß von den Besatzungsmächten zwischen 1945 und 1949 «Listen auszusondernden Schrifttums» erstellt wurden, mit deren Hilfe die Bestände der —»Bibliotheken, Buchhandlungen und —»Verlage durchforstet wurden. Das bedeutete auch, daß in dieser Zeit alle Veröffentlichungen einer Lizenz durch die Behörden der Besatzungsmächte bedurften.

      Das Bedürfnis zu schreiben war nach den zwölf Jahren der Knebelung riesengroß, und so wurde in den ersten Nachkriegsjahren trotz der allgemeinen Not eine unglaubliche Fülle an Wichtigem, aber auch an Unbedeutendem veröffentlicht. Viele fühlten sich dazu berufen, mit der jüngsten Vergangenheit abzurechnen und einen vollkommen neuen Aufbau in geistiger und moralischer Hinsicht zu geloben. Man erwartete, daß sich jetzt die Schreibtischschubladen derehemals verfemten Autoren öffnen und eine Menge zurückgehaltenes Material veröffentlicht würde. Diese Erwartung wurde gründlich enttäuscht. Nicht die Autoren des stillen Widerstandes waren es, die dem literarischen Leben neue Impulse gaben, sondern einerseits Heimkehrer aus dem Exil und andererseits junge Autoren der Generation der Zwanzig-und Dreißigjährigen, die die Kriegserfahrungen verarbeiten mußten. Den Heimkehrern stellte sich zunächst die Frage, in welche der Besatzungszonen sie gehen sollten . Denn schon bald nach Kriegsende waren die Spannungen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion offen ausgebrochen. Es ging um die Frage des Neuaufbaus. Jede der Besatzungsmächte wollte dem von ihr verwalteten Teil Deutschlands das Gesicht der eigenen politischen Verfassung verleihen. So mußten sich die Heimkehrer entscheiden, ob sie am Aufbau Deutschlands nach dem Muster einer westlichen Demokratie oder nach sozialistischem Vorbild mitarbeiten wollten.
      Das lesebegierige Publikum fühlte sich zunächst von anderen Autoren angesprochen. Als symptomatisch für die «Trümmerliteratur», wie die Veröffentlichtungen der jungen Nachkriegsautoren genannt wurden, kann das Werk Wolfgang Borcherts angesehen werden. In den Jahren 1940 bis 1947, die er fast ausschließ- lieh als Soldat und in Kriegsgefan- genschaft miterlebte, verfaßte er zahlreiche Gedichte, kurze Prosa- stücke und das ursprünglich als »Hörspiel geschriebene Drama «Draußen vor der Tür» , dem er den Untertitel gab: «Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will». 1946, knapp ein Jahr vor seinem Tod, schreibt der Schriftsteller und spätere Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks ; Ernst Schnabel über Borchert: «Wolfgang Borchert gehört zu de- nen, die 1933 in Quinta saßen, 1939 in Prima, die dann von der Schul- bank ins Feld zogen und bis zum Kriegsende an der Front standen .Sie sind heute um die Fünfundzwanzig herum - oder wären es, wenn sie noch lebten. Die Glücklichen unter ihnen, die den Krieg überstanden ha- ben, sind in Gefangenschaft, die Glücklichsten leben unter uns. Sie gehen unter uns einher, in dunkel eingefärbten Soldatenmänteln, blaß, mager. Ia ihren Augen brennt kein Feuer. Es gab Zeiten, die derglei- chen in den Augen junger Menschen voraussetzen konnten, doch diese Zeiten sind ganz vorbei.»
In «Draußen vor der Tür» erzählt Borchert vom Rußlandheimkehrer Beckmann, der nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft heimkehrt und seine Frau in den Armen eines anderen findet. Mit eindringlichen Bildern und einer an den —»Expressionismus erinnernden Sprache trifft Borchert den Nerv der Zeit, indem er über Beckmann sagen läßt, er sei «einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße. Das ist ihr Deutschland.» Während für die Uraufführung des Stückes geprobt wurde, starb Borchert im November 1947 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen. Zwei Monate zuvor, im September 1947, trafen sich zum erstenmal auf Einladung des Erzählers und Publizisten Hans Werner Richter mehrere Schriftsteller zum Meinungsaustausch. Diesem Treffen folgten weitere, die dann in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von einem bis zwei Jahren stattfanden. Der Name war schnell gefunden, die —»Gruppe 47 wurde ein bedeutender Bestandteil des literarischen Lebens in der Bundesrepublik. Nicht als feste Gruppe, sondern eher als Interessengemeinschaft geplant, verfolgte sie das Ziel, mit wachem Auge die politische und kulturelle Entwicklung Nachkriegsdeutschlands zu beobachten. Darüber hinaus stand der gegenseitig anregende Gedankenaustausch im Vordergrund. Fast alle bekannten Namen der Nachkriegsliteratur tauchen in der Liste der Teilnehmer dieser Treffen auf, wie Heinrich Böll, Günter Grass, Siegfried Lenz, Martin Walser und Peter Weiss.
     


Situation der nachkriegsliteratur

Bei stetiger geschichtlicher Entwicklung liefert eine Genera= tion, wenn sie in die zwanziger oder dreißiger Jahre ge= kommen ist, die ersten Proben ihres Könnens, schließt sich zu Gruppen zusammen, bildet einen Stil aus und setzt sich mit der Vorläufergeneration auseinander. Überblicken wir die heu .....
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Der provisorische charakter des begriffs nachkriegsliteratur

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