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Märchen



Das Märchen ist eine kurze, nicht an die Bedingungen der Wirklichkeit und die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gebundene phantastische Erzählung . Es ist wohl die bekannteste und weltweit ver-breitetste -»Gattung der Erzählprosa, denn es gibt kaum ein Volk, das nicht über Märchen oder märchenhafte Mythen in seinem Kulturschatz verfügt. Unsere Vorstellung vom Volksmärchen ist wesentlich von den deutschen Märchensammlungen des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts geprägt. Das zauberische Element, d. h. Wunder, Eingriffe übernatürlicher Wesen, Verwandlungen, ist hier überall anzutreffen und von großer Bedeutung. Auch sonst stimmen Märchen, so verschieden sie thematisch auch sind, in einigen Grundzügen fast immer überein. Die Personen werden nicht individuell gezeichnet, sondern stellen —»Typen dar, die in vielfältigen Variationen immer wieder auftauchen. Bei der Zeichnung von Figuren ist eine scharfe Unterscheidung von gut und böse, schön und häßlich, faul und fleißig, arm und reich charakteristisch. Der —»Held der Geschichte gehört immer zu den Guten . Er muß in der Regel ein oder mehrere Abenteuer bestehen, bei dem ihm nicht selten von übernatürlichen Mächten Hilfe zukommt. Am Schluß ist er immer der Glückliche, der triumphiert und als Lohn z. B. die Hand der Prinzessin nebst einem Teil des Königreichs erhält. In jedem Fall hat das Märchen einen guten Ausgang. Der Philosoph Ernst Bloch schreibt in seinem zwischen 1938 und 1947 entstandenen Hauptwerk «Das Prinzip Hoffnung»: «Das Märchen wird zuletzt immer golden, genug Glück ist da. Gerade die kleinen Helden und Armen gelangen dorthin, wo das Leben gut geworden ist ... So phantastisch das Märchen ist, so ist es doch, in der Ãœberwindung der Schwierigkeiten, immer klug.»

Diese rundum positive Bewertung des Märchens blieb nicht unumstritten. Während Bloch den utopischen, d.h. auch den zur Ãœberwindung von Schwierigkeiten und Benachteiligungen auffordernden Charakter des Märchens in den Vordergrund rückt , sehen andere Autoren im Märchen ein Medium, den Benachteiligten eine glückliche Welt vorzugaukeln, indem es die Lösung von Schwierigkeiten übernatürlichen Mächten überläßt und damit das Bewußtsein der eigenen Ohnmacht verstärkt.
      Ebenso umstritten ist die Frage, ob Märchen für kindliche Ohren geeignet sind. Neben den phantastischen Elementen und dem guten Ende beinhaltet das Märchen oft auch die Schilderung von Grausamkeiten und elementaren Ängsten. Ob Märchen Angstphantasien bei Kindern verstärken oder helfen, ohnehin vorhandene Ängste zu vergegenständlichen und dadurch zu bewältigen, ist eine Frage, die man letztlich sicher nicht entscheiden kann. Ursprünglich waren Märchen nicht für Kinder gedacht. Sie waren Teil , des mündlich überlieferten Volks-i guts, das man sich zu verschiedenen Gelegenheiten, durchweg aber zur Unterhaltung erzählte. So phantastisch das Geschehen im Märchen auch sein mag, so deutlich sind die Wirklichkeitsbezüge. «Das Märchen tut alles, um die Wirklichkeit nicht zu weit zu verlassen», schreibt der Mär-i. chenforscher Lutz Röhrich. Die handelnden Menschen sind von dieser Welt, eindeutig zuzuordnen innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges und mit ganz alltäglichen Nöten belastet. So sagen Märchen auch viel über die Lebensbedingungen der Menschen aus.
      Der Impuls, Märchen zu sammeln und aufzuschreiben, ging von der Vorstellung aus, hier unverfälschte Volksdichtung vorzufinden. Besonders die -»Romantik bemühte sich, auf diese Weise Volksgut ans Tageslicht zu bringen. Neben Märchen galt die Sammelbegeisterung —»Sagen, —»Legenden und Volksliedern . In diesem Zusammenhang muß man auch die gesammelten «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sehen. In mehreren, immer wieder ergänzten Ausgaben brachten sie ihre Märchensammlung heraus, die sie zum größten Teil in ihrer hessischen Heimat zusammen-i getragen hatten. Heute gehören die «Kinder- und Hausmärchen» nebender -* Bibel zu den meistübersetzten Büchern und werden in der ganzen Welt gelesen. Andere bedeutende deutsche Märchensammler waren Johann Carl August Musäus und Ludwig Bechstein . Märchenmotive und Themen von Volksmärchen wurden auch gern in der Literatur verarbeitet. Schon William Shakespeare ließ sich von Märchen für seine Dramen anregen . Die Ãœbertragung der «Erzählungen aus 1001 Nacht» von An-toine Galland ins Französische hatte einen gewaltigen Einfluß auf die europäische Literatur des 18. Jahrhunderts. Bei diesen Erzählungen handelt es sich nur z. T. um Märchen . Doch wurde durch diese Sammlung, die bald zumindest in Teilen zum festen Bestandteil des literarischen Fundus gehörte , einerseits das Interesse für orientalische Märchen geweckt, andererseits regte sie europäische Dichter zu orientalischen Erzählungen an.
      Es wurde jetzt gang und gäbe, Märchen zu schreiben. Das Kunstmärchen ist im Gegensatz zum Volksmärchen ein rein literarisches Werk. Zahlreiche namhafte Dichter haben Märchen verfaßt; auch hier ist die Zeit der Romantik am reichsten. Zwar wurde schon im 18. Jahrhundert eine Vielzahl von Märchen geschrieben , zur Mode wurde es in der deutschen Literatur aber erst richtig im Anschluß an die Veröffentlichung der Grimmschen Märchensammlung. Es gibt kaum einen romantischen Dichter, der nicht Märchen geschrieben hat, da dieses Genre am ehesten von den Fesseln der rationalen Darstellungsweise befreite. Bis heute hat das Märchen auf Schriftsteller immer einen be sonderen Reiz ausgeübt.


Spiegel, das kätzchen. ein märchen

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