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Lesen



Ein Ãœberblick über die Lesegewohnheiten seit der Erfindung des Buchdrucks vermittelt den Eindruck, daß Leselust erst heute wirklich befriedigt werden kann. Die Verfügbarkeit von Lektüre, ein hoher Alphabetisierungsgrad und eine nicht durch —♦Zensur eingeschränkte Buchproduktion treffen zusammen und stellen optimale Bedingungen zum Lesen dar. Johannes Gutenberg und seine Kollegen druckten schöne, aber teure Prachtwerke , die für die interessierte, aber arme Bevölkerung nicht erschwinglich waren. Der Buchdruck erschloß nicht unmittelbar breitere Leserkreise, noch viel weniger arme Bevölkerungsgruppen, weil Büchersehr aufwendig und kunstvoll gestaltet waren. Die Produktion von Büchern wuchs zwar an, Leser mußten ihre Lektüreinteressen aber nach wie vor in althergebrachter Manier befriedigen, nämlich durch Abschreiben und Vorlesen lassen. An den Höfen Deutschlands wurde die Lektüre gedruckter Erzeugnisse wenig geschätzt und dem Theater oder dem mündlichen Vortrag der Vorzug gegeben. Im 17. Jahrhundert fanden Bücher aus Frankreich an deutschen Höfen ein wenig mehr Interesse, da sie Bildung verhießen und Material für standesgemäße Unterhaltung bereitzustellen versprachen. Ein großer Teil der Bücher, insbesondere der wissenschaftlichen Bücher, war in Latein verfaßt und klammerte damit die Mehrzahl der Menschen als potentielle Leser aus. Die Fruchtbringende Gesellschaft , die sich die Pflege deutscher Sprache und Kultur zum Ziel gesetzt hatte, hatte darauf kaum einen Einfluß. Das eigentliche Lesepublikum stellte somit die kleine Gruppe der Gebildeten, die wir heute als Intellektuelle bezeichnen würden, also Professoren, wissenschaftlich gebildete Hofbeamte, Autoren. Inwieweit andere Gruppen lasen oder lesen konnten, welchen Interessen sie bei ihrer Lektüre folgten, ist lange Zeit nicht erforscht worden. Diese Lücke haben zwei Autoren auf so interessante wie lesbare Art und Weise geschlossen, nämlich: Rolf Engelsing, «Zur Sozialgeschichte deutscher Mittel- und Unterschichten» , «Der Bürger als Leser.


Potentielle Leser der Unterschicht sahen sich diesen Anfechtungen erst gar nicht ausgesetzt, sie hatten auch nicht darüber zu entscheiden, was sie lesen oder wie oft sie bestimmte Bücher lesen wollten, sie hielten das Lesenlernen für eine schwierige und kaum zu bewältigende Aufgabe. «Die Legende für den gemeinen Mann» versuchte mit diesem Vorurteil aufzuräumen: «In wenig Stunden lesen lernen! soll das möglich seyn ohne Hexerey? So sprach ein schon mannbarer Knecht... Einen Finger wollte ich aus der Hand geben, wenn ich lesen konnte! Pfarrer: Zeitungen sagten, daß zu Affing, in Baiern, Kinder des Landmannes in etlich 20 Stunden lesen lernten. Zu München sollten Kinder, die nie einen Buchstaben gekannt haben, nach der Hofmannischen Methode aus den elend gedruckten Moyischen Augsburgerzei-tungen auch ausländische Wörter sehr deutlich und akkurat nach einem 30 Stunden lang dauernden Unterricht gelesen haben. Und wer die Moyischen Zeitungen kennt, muß immer gestehen, daß das schwer sey, denn keine Zeitungen in der Welt, glaube ich, sind auf abscheulichere Lumpen, und schlechter gedruckt als diese.
      Gallus: Was ihr da sagt! So könnte ich etwa noch lesen lernen? Pfarrer: Und zwar sehr leicht.» Das Zeitalter der —♦Aufklärung machte der - unterschiedlich zu erklärenden - Zurückhaltung beim Le-sen ein Ende. Es war jedoch nicht das Buch, das dem neuen Leseverhalten zum Durchbruch verhalf, sondern die —»Zeitung, bzw. —»Zeitschrift - wiewohl sich auch in der Buchproduktion in bestimmtem Umfang ein Anwachsen von Titeln nachweisen läßt. 1700 erschienen in Deutschland unter 1000Titel, 1750 waren es 1300 und 1800 4000. Auch erbauliche und religiöse Lektüre blieb nach wie vor beliebt. Als nämlich die erste erschwingliche Ausgabe der Bibel zum Preis von 6 Gulden vorlag, wurden 550000 Exemplare abgesetzt. Nicht vergleichbar war aber der Absatz von Zeitschriften, die auch schon um die Jahrhundertwende zum 17. Jahrhundert ein gewisses Interesse fanden. Das Bürgertum hatte sich im Rahmen der Aufklärung emanzipiert und wollte seinen Verstand gebrauchen. Vielversprechend erschienen zu diesem Zweck offenbar die Zeitschriften. Die -»Moralischen Wochenschriften setzten Maßstäbe für die —»Rezeption von Geschriebenem und schulten den —»Geschmack wie auch den Verstand. Eine neue Lesergemeinde wuchs heran, die sich nun auch in —»Lesegesellschaften, Lesekabinetten und Leihbüchereien mit Lesestoff versorgen konnte. Dieses neu erwachte Bedürfnis wurde von Zeitgenossen häufig mit anderen Suchterscheinungen wie denen von Nikotin oder Alkohol verglichen. Suchtleser brauchen schnellen Nachschub, so daß August Wilhelm Schlegel kommentieren muß: «Unter zahlreichen Romanen, welche mit jeder Messe unsre Bücherverzeichnisse anschwellen, vollenden die meisten, ja fast alle den Kreißlauf ihres unbedeutenden Daseins so schnell, umsich dann in die Vergessenheit und den Schmutz alter Bücher in den Lesebibliotheken zurück zu ziehen, daß der Kunstrichter ihnen ungesäumt auf der Ferse sein muß, wenn er nicht den Verdruß haben will, sein Unheil auf eine Schrift zu verwenden, die eigentlich gar nicht mehr existiert.» Christoph Martin Wieland beschreibt das Ausmaß der Sucht; er bemerkt 1791 in seinem «Teutschen Merkur», das Lesen sei «auch unter der Mittelklasse und bis nahe an diejenigen, die gar nicht lesen gelernt haben, allgemeines Bedürfnis geworden».
      Therese Hubers Empfehlung, «man lese nicht, was soeben das größte Publikum beschäftigt», weist darauf hin, daß die Gunst des Publikums nicht etwa bei Goethes «Die Leiden des jungen Werthers» oder Wielands «Geschichte des Agathon» lag, sondern vielmehr Johann Martin Millers «Siegwart» den Vorzug gab und den Ritter-, Räuber- und Geisterromanen oder-*Familienromanen im Stil von August Heinrich Julius Lafontaine zugeneigt war . Vor einer euphorischen Vorstellung von der Ausbreitung der Lesebewegung im Hinblick auf die Zugänglichkeit von Büchern und besseren Produktionsverfahren sei gewarnt. Die Zensurprobleme des —»Jungen Deutschland sprechen Bände. Zwischen 1850 und 1880 wuchs das Lesepublikum unaufhaltsam. Die Städte wurden größer, die Massenproduktion von Tageszeitungen, Abenteuerheftchen wie den «Reut-linger Volksbüchern», Illustrierten wie der «Gartenlaube», Sonntagsblättern und Romanen belieferte Millionen von Lesern. Neben den


Holzschnitt aus dar ersten Ausgabe von Sebastian Brants «Narrenschiff» aus dem Jahr 1494, Albrecht Dürer zugeschrieben
—»Bibliotheken und Volksbüchereien entstanden die ersten -»Buchgemeinschaften. Die Entwicklung des Buches versetzt heutige Leser in die Qual der Wahl angesichts der zahllosen Neuerscheinungen, so daß sie möglicherweise der Wiederholungslektüre vergangener Jahrhunderte einigen Reiz abgewinnen können.
     


Wolfgang iser: phänomenologie des lesens

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Der Titel dieses Beitrags soll auf den zentralen Zusammenhang von Lesen und Dekonstruktion in der Lektüre Derridas hinweisen: „Derrida lesen", dieses Postulat, das S. Kofman zum Titel ihrer Darstellung macht, ist das des textuellen Charakters der Texte selbst, die hier zu lesen sind, ist die Frage n .....
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Manfred naumann - gesellschaft — literatur - lesen. literaturrezeption in theoretischer sicht

[•••] Man kann sich die Beziehungen zwischen literarischer Produktion und Rezeption, zwischen den Autoren, den Werken und den Lesern so vorstellen: Die Autoren schaffen Werke, diese durchlaufen in der Gestalt des Buches eine Sphäre der Zirkulation und des Austauschs, um dann in der Rezeption .....
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