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Klassik



Der Begriff Klassik wird dreifachverwendet: 1. meint er die klassische Kunst der Griechen, 2. die Epoche

Johann Joachim Winckelmanns, Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers, 3. eine zeitlose Kunstrichtung, die am Ideal des Harmonischen orientiert ist. Grundlegend für die -» Ästhetik der Klassik sind Winckelmanns «Ge-dancken über die Nachahmung griechischer Wercke in der Malerei und Bildhauer-Kunst» und seine «Geschichte der Kunst des Alter-thums» . Die antike Kunst wird von ihm als harmonischer Ausdruck von Lebensgefühl und Welterfahrung erfaßt. Harmonie von Geist und Körper, Zusammentreffen innerer und äußerer Schönheit sind für Winckelmann die Kriterien antiker Kunstbetrachtung. In der griechischen Polis habe eine nie erreichte und vorbildhafte harmonische Einheit zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft bestanden. Die idealistische Schönheit des Winckelmannschen Griechenbildes bestimmt das klassische Ideal von Humanität. Hinzu kommen die Ãœberlegungen Immanuel Kants. Die Ehrfurcht vor dem «ewigen moralischen Gesetz in uns» führt zur Formulierung des kategorischen Imperativs: «Handle so, als ob die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.» Goethe und Schiller haben als teilnehmende Beobachter der politischen Veränderungen in Frankreich nach 1789 Gelegenheit, die Revolution in ihre künstlerische Arbeit ein-zubeziehen. Offensichtlich wird dabei ihre Ablehnung des revolutionären Wegs zur Veränderung der Gesellschaft. Das Ziel, nämlich den Feudalismus zu überwinden und eine bürgerliche Gesellschaftsordnungdurchzusetzen, wird von Goethe und Schiller gebilligt. Die Veränderung der Gesellschaft soll jedoch durch die Erziehung aller Schichten der Nation, vor allem des Bürgertums, erreicht und auf diese Weise eine errichtet werden. Allerdings besaß das einfache Volk kaum die Möglichkeit, sich zu bilden. Bildung war dem Bürgertum vorbehalten, auf das sich auch das Lesepublikum der Weimarer Klassik beschränkte. Andererseits war das Bürgertum als kulturtragende Schicht nicht in der Lage, Kulturzentren zu bilden, so daß den Höfen, zum Beispiel Weimar, Initiativfunktion zukam.


      Zunächst treffen Goethe, Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder, später Schiller in Weimar zusammen. Schließlich folgen Wilhelm und Alexander von Humboldt, Carl Friedrich Zelter. Ausdruck dtfr Ideen dieses Kreises geben die «Hören» und die «Propyläen» . Beide Zeitschriften haben keine lange Lebensdauer, beide weisen volkserzieherische Tendenzen auf. Herder entwickelt in seinen «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit» die Grundvorstellung «Humanität ist der Zweck der Menschennatur». Alexander von Humboldt arrangiert seine geographische Weltsicht nach den Vorstellungen der Klassik. Vor seiner Abreise nach Südamerika legt er seine Forschungsabsichten dar: «Der Mensch muß das Gute und Große wollen. Das übrige hängt vom Schicksal ab... Ich werde Pflanzen und Fossilien sammeln, mit vortrefflichen Instrumenten astronomische Beobachtungen machen können.
     

Das alles ist aber nicht Hauptzweck meiner Reise. Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Einfluß der unbelebten Schöpfung auf die belebte Thier- und Pflanzenwelt, auf diese

Harmonie sollen stets meine Gedan-
ken gerichtet sein.»
Äußerst produktiv ist der Ideenaustausch zwischen Goethe und Schiller. Ihre Gespräche und Briefe sind dokumentiert in «Ãœber epische und dramatische Dichtung» . Schiller konzentriert sich zu diesem Zeitpunkt auf Philosophie, literari- sehe Kritik und Geschichtswissenschaft, während Goethe sich der Na- turwissenschaft und der bildenden Kunst zuwendet. In den «Xenien»
stellen beide Gedichte über Kunst zusammen, in «Wilhelm Meisters Lehrjahre» finden Goethes Ãœberlegungen zum Theater ihre Darstellung. Goethes Abhandlungen «Ãœber Laokoon» , «Der Sammler und die Seinigen» und «Winckelmann und sein Jahrhundert» dokumentieren verbindlich sein Ideal der klassischen antiken Kunst. Diese will er nicht nur theoretisch herausarbeiten, sondern sie praktisch als Erzieher einsetzen.
      Wenig Resonanz beim Publikum findet Goethes lyrische Produktion in diesem Zeitraum, während das -♦Epos «Hermann und Dorothea»
große Erfolge feiert und als typisches deutsches Werk aufgenommen wird. Das einfache, natürliche, arbeitsame - mit einem Wort bürgerliche - Leben wird hier in idealisierten Bildern dargestellt und als Gegensatz zu Unordnung und Chaos der Französischen Revolution gesetzt. Vergleichbar ist Schillers «Lied von der Glocke» , das ebenfalls nicht den revolutionären Um-sturz preist, sondern die bürgerlichen Tugenden. So beliebt werden in der klassischen Lyrik nur noch Goethes Balladen «Der Schatzgräber», «Der Zauberlehrling», «Die Müllerin-Romanzen», vor allem aber Schillers Balladen «Der Ring des Polykrates», «Der Taucher», «Die Bürgschaft», «Die Kraniche des Ibykus» u.a. .
      Schillers Dramen profitieren von seiner intensiven Lektüre der Dramen des Euripides, William Shakespeares und auch Goethes. Im Weimarer Hoftheater erproben Goethe als Intendant und Schiller als sein Mitarbeiter einen neuen Aufführungsstil: Schiller versucht im «Wallenstein» ungeheure Stoffmassen zu verarbeiten und große Volksszenen umzusetzen. In dem Trauerspiel «Maria Stuart» , der-»Tragödie «Die Jungfrau von Orleans» und der Schicksalstragödie «Die Braut von Messina» gelingt ihm die Gestaltung gegensätzlicher Frauentypen. Durchaus an der Wirklichkeit orientiert erscheint «Wilhelm Teil» . Vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege ersteht im «Wilhelm Teil» ein Held, der die Ideale der Revolution durch Vernunft und Sittlichkeit, nicht aber durch Gewalt erreichen möchte.
      Goethe hatte vorher den Weimarer Hof mit seinen Regierungsgeschäften und wegen seines gespannten Liebesverhältnisses zu Charlotte von Stein verlassen, um eine Italien-Reise anzutreten. Voller Erlebnishunger verwirklicht er seinen Wunsch, Natur und Kultur, Vergangenheit und Gegenwart harmonisch zu verbin-den. Die Reise erweist sich als Erfolg: Nachdem er Weimar mit dem Gefühl verlassen hatte, als Mensch und Dichter gescheitert zu sein, gelingt ihm in Italien die endgültige Fassung seines -* Dramas «Iphigenie auf Tauris» . Es folgt in seinem Aufbau den -»drei Einheiten . Auch das historische Trauerspiel «Egmont» findet 1788 in Italien seinen Abschluß. Iphigenie wird zum Symbol antik-christlicher Humanität. Im «Tasso» ist die tragische Existenz des Künstlers Gegenstand des Dramas, der Künstler Held der Handlung. Schiller unterstützt Goethe in seiner Arbeit an «Faust», der 1808 erscheint . Mit seinem nie befriedigten Streben entspricht er nicht mehr ganz dem Rahmen klassischen Denkens. Auch Jean Paul, Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist besuchen Weimar, finden dort aber wenig Resonanz von seiten Goethes und Schillers. Jean Paul hat große Publikumserfolge und kann vom Honorar seiner Bücher leben, was nicht einmal Goethe und Schiller gelingt. Er schafft ein vielseitiges Werk, das phantastisch und skurril mit den Waffen der -»Satire die Verhältnisse in Deutschland anprangert. Rückschrittlichkeit und soziale Unordnung werden von ihm thematisiert: «Unordnung der Darstellung ist vielleicht Darstellung der Unordnung, muß ich hoffen.» Weder zu Goethe noch zu Schiller läßt sich ein produktiver Kontakt herstellen. Wenig schmeichelhaft urteilt er über Goethe: «Goethe ist Gott gleich... der eine Welt und einen Sperrung mit gleichem Gemüt fallen sieht... Seine
Apathie gegen fremde Leiden nimmt er schmeichelnd für eine gegen die seinigen.» Ãœber Schiller: «Er ist ein Gletscher im Sonnenstrahl mit göttlichem Farbenspiel... Sie finden weder Glut noch Leben.» In Fragen der Bildung und Erziehung zum klassischen Ideal der Humanität für alle Menschen setzt Jean Paul weit radikalere Maßstäbe als seine Zeitgenossen. Er bezweifelt die «Brauchbarkeit bürgerlicher Erziehung» und formuliert in den «Flegeljahren» recht antiautoritär: «Der Kindheit werfe ich nichts vor als zuweilen - Eltern.» Auch patriarchalische Erziehungsziele nimmt er aufs Korn: «Man versündigt sich an den Töchtern, wenn man das, was Wert an sich hat, ihnen als Jagdzeug zum Gattenfang anempfiehlt.» Die «Levana oder Erziehungslehre» ist ein großer Publikumserfolg. Bei der Beerdigung Jean Pauls führen Grundschüler das Buch mit. Auch Hölderlin versucht in seinem —> Briefroman «Hyperion oder Der Eremit in Griechenland» einen Entwurf für die richtige Erziehung des Volkes. Hyperion leidet an der Unzulänglichkeit der Menschen, bei denen er Gewalttätigkeit und Egoismus findet. Analog zu Hölderlins Einschätzung der menschlichen Qualitäten seiner eigenen Landsleute: «Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre als die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen.. .»
Wie schwer Heinrich von Kleist in diesem Zusammenhang einzuordnen ist, geben zwei Monographien aus dem Jahre 1908 bzw. 1958 wieder: «Kleist ist kein moderner Künstler... Er gehört einer Kunstwelt an, die jetzt, wie es scheint, abgeschlossen hinter uns liegt. Nicht als Bahnbrecher des modernen, sondern als Vollender des klassizistischen Dramas hat Kleist seine Stellung in der Weltgeschichte der Literatur.» -«Heinrich von Kleist ist der Dichter der Wende vom Weltbild der deutschen Klassik zur Gegenwart.» Goethe schätzt ihn, drückt jedoch in seiner Kritik der «Penthesilea» auch Ablehnung aus. Goethes Ideal vom Menschen, zum Beispiel in der «Winckelmann-Schrift» von 1805 vorgestellt, entspricht Kleist in keiner Weise:
«Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als einem großen, schönen, würdigen Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein eigenes Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» Der innerlich zerrissene Kleist beschreibt in einem Brief an seine Schwester seine Problematik: «Ich passe mich nicht unter die Menschen; es ist eine traurige Wahrheit ... sie gefallen mir nicht... indessen, wenn ich mich in Gesellschaften nicht wohl befinde, so geschieht dies weniger, weil andere, als vielmehr weil ich mich selbst nicht zeige, wie ich es wünsche... die Notwendigkeit, eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwillen dagegenmachen mir jede Gesellschaft lästig.»
Kleist widerspricht dem Menschen-und Bildungsideal der Klassik und ihrem Ziel der harmonisch ausgebildeten Persönlichkeit. In seiner Auseinandersetzung mit den Ideen der —►Aufklärung entwickelt er einen privaten Rousseauismus. Als Bauer will er in der Schweiz ein «Leben ganz nach dem Willen der Natur führen». Dieser Plan wird nie realisiert. Für Kleist ist die von Goethe und Schiller vollzogene Trennung von Kunst und Leben nicht nachvollziehbar. Wie später Heinrich Heine und Georg Büchner strebt er ihre Einheit an, scheitert jedoch an diesem Anspruch und begeht Selbstmord. Das -»Junge Deutschland greift das Menschen- und Bildungsideal der Klassik, das für die Repräsentanten dieser Bewegung vor allem durch Goethe ausgedrückt wird, scharf an und fordert eine Dichtkunst, die nicht im Bereich des Idealen angesiedelt ist, sondern in Bezug zum politischen und sozialen Leben steht.
     


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