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Hermeneutik




Kunst und Lehre der Auslegung z.B. von Schriften, Dokumenten und Kunstwerken. Der Hermeneutik kommt es daraufan, nicht nur die Worte, sondern den Sinn eines Textes zu verstehen. Friedrich Schleiermacher formuliert die Maxime: «Man muß so gut verstehen und besser verstehen als der Schriftsteller.» Hermeneutik ist demnach ein in bezug auf die literarischen Werke nachträgliches Unternehmen ; der —> Autor ist für die her-meneutische —»Interpretation der Gegenwart keine bedeutsame Größe. Dazu Paul Valery: «Es gibt keinen wirklichen Sinn eines Textes. Der Autor hat hier keine Autorität. Was immer er hat sagen wollen: er hat geschrieben, was er geschrieben hat... Wenn er im übrigen sehr wohl weiß, was er machen wollte, so trübt doch gerade diese Kenntnis in ihm die Wahrnehmung dessen, was er wirklich geschaffen hat.» In der —»Antike hat Sokrates diesen Sinn von den Wörtern unterschieden und ihn mit der des Autors identifiziert. Diese Anschauung nennt man hermeneutischen Essen-tialismus. Valöry dagegen, der an diesen Sinn nicht mehr glaubt, steht für die Position des hermeneutischen Nihilismus.


      Zwischen diesen Extremen läßt sich ein Bogen vom Anfang bis zur Gegenwart der Hermeneutik spannen. Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen hermeneutischen , die sich zwischen diesen beiden Positionen historisch entwickelten, ist die Suche nach dem Sinn. Die grammatisch-rhetorische Auslegung wird im —> Mittelalter zur sogenannten Lehre vom vierfachen Schriftsinn ausgebaut, unterscheiden läßt sich so zwischen einem wörtlichen, einem allegorischen , einem moralischen und einem anagogischen Sinn. Dieser Aufteilung steht eine entsprechende Anzahl von Interpretationen gegenüber. Dante Alighieri weist ausdrücklich darauf hin, daß seine «Göttliche Komödie» in vierfachem Sinn geschrieben und nur so zu verstehen sei.
      Die Hermeneutiken des 18. und 19. Jahrhunderts setzen dagegen eine Einheit des Sinns voraus. In schematischer Weise verkehrt sich die Frage nach der Pluralität des Sinns in die nach der Pluralität der Auslegungsarten. Der Romantiker Friedrich Ast unterscheidet drei Auslegungsarten: Das historische Verstehen soll für den Inhalt der Werke zuständig sein, das grammatische für die Form, das geistige für den Geist des Autors. Nach Wilhelm Dilthey ist die Hermeneutik eine «Kunstlehre des Verstehens schriftlich fixierter Lebensäußerungen». August Boeckh bemerkt eine Schwierigkeit, die alle diese Systeme betrifft: «Wir haben sie zwar dem Begriffe nach bestimmt gesondert, bei der Ausübung selbst aber gehen sie beständig ineinander über.» Nach Boeckh führt die Praxis in einen «Cirkel»: Die Auslegungen gehen nicht nur ineinander über, sie setzen sich auch wechselweise voraus. Schleiermacher formuliert: «Jedes Verstehen des einzelnen ist bedingt durch ein Verstehen des Ganzen»; hiermit ist der hermeneutische Zirkel geschlossen.
      Martin Heidegger nimmt das Motiv des Zirkels auf und erklärt ihn zur Grundstruktur des Daseins. Hans-Georg Gadamer erscheint im Anschluß an Heideggers Auslegung des hermeneutischen Zirkels an unserem Tun nur das wichtig, was wir immer schon tun. Für die Auslegung von
Texten bedeutet das: Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was da steht. Entsprechend kommt es in seiner philosophischen Hermeneutik nur darauf an, «was über unser Wollen und Tun hinaus mit uns geschieht». Für die Textauslegung heißt das: « läuft die Bewegung des Verstehens stets vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen. Die Aufgabe ist, in konzentrischen Kreisen die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern.»


Des kaisers neue kleider - zur binnendeutschen hermeneutik einer 'extraterritorialen banatdeutschen literatur

1. Problemdarstellung Drei literarische Räume auf dem Gebiet des heutigen Rumänien haben die deutschsprachige Literatur in dieser Region zwar selbständig, doch auch immer in Beziehung zu den habsburgisch-österreichischen Ländern und zum deutschen Kulturraum entwickelt: das Banat, die Bukowina und S .....
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Von gadamer zu jauß: hermeneutik und Ästhetik

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Jauß rezeptionsästhetik als literarische hermeneutik

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Für eine geläuterte hermeneutik

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Zur geschichte der hermeneutik von luther bis schleiermacher

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Index » Grundfragen der Textanalyse » Hermeneutische Modelle

Schleiermachers hermeneutik - medium der vermittlung zwischen den traditionen, ferment neuer konzepte

Mit Schleiermachers Hermeneutik beginne in jeder Hinsicht etwas grundsätzlich Neues, das Verstehen als solches werde zum Problem gemacht, und so stelle die psychologische Interpretation »sein Eigenstes« dar: lange ist diese Meinung die vorherrschende gewesen - angefangen mit Wilhelm Dilthey, gestütz .....
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Die schwierigkeit des gesprächs zwischen hermeneutik und >anti-hermeneutik

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Fremdkulturelle literarische hermeneutik

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Aus der geschichte der hermeneutik

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Verfahrensweisen der hermeneutik

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Index » Analyse literarischer Texte

Die moderne hermeneutik

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Hermeneutik und semiotik

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Index » Beispiele der Texthermeneutik

Hermeneutik

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