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Gespenstergeschichte



Das Wort Gespenst kommt vom althochdeutschen gispensti, was soviel wie Verlockung, Trugbild oder Geistererscheinung bedeutet. Die Vorstellung, daß Geister unter den Lebenden weilen, hat die Menschen, seit sie denken können, gleichermaßen fasziniert wie geäng-stigt. Als Teil des Totenkultes ist sie in alle Religionen mit eingeflossen, und so nimmt es nicht wunder, w

enn sogar die —» Bibel im Alten Testament, freilich indem sie sich gegen diesen Aberglauben wendet, davon berichtet. Auch im griechischen und römischen Altertum gibt es Erzählungen vom Besuch aus dem Jenseits, so daß die Gespenstergeschichte eine lange Tradition vorweisen kann. Die eigentliche Gespenstergeschichte indes ist ein Produkt des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der —»Aufklärung also, das gerade mit dem Aberglauben in seinen unterschiedlichsten Formen aufräumen wollte. Ihr Thema ist das leibhaftige Auftreten von Geistern und Gespenstern in der Welt der Menschen. Daß dieser Gegenstand ganz und gar nicht aus der Welt war, sondern durch Berichte vom Auftreten von Vampiren und Werwölfen höchst aktuell, ist in Vergessenheit geraten. So hält es die «k. k. Repräsentation» von Troppau für nötig, am 26. Mai 1755 folgende Verfügung zu erlassen: «wie und auf was Weis wider die vermeintlichen Wampirs und sonst angebliche Erscheinung derer Gespenster und die dabei abergläubisch durch betrügerische Leute unternehmende Hilfsmittel, auch Teufelsbannereien die gerichtliche Inquisition mit Zuziehung verständiger Doctorum medicinae zu veranlassen sei». Selbst von einem bekannten Vertreter der Aufklärung, Jean-Jacques Rousseau, ist bekannt, daß er aufgrund der vielen Berichte anfangs von der Existenz von Vampiren überzeugt war. So wundert es nicht, wenn die Gespenstergeschichte im 18. Jahrhundert auf eine neugierige Leserschaft stößt und die Erzählung von Geister-erscheinungen bis in die Hochliteratur hinein ein beliebtes Motiv wird. Zum Prototyp wird Horace Walpoles Roman «Schloß Otranto» , mit dem die Gattung des Schauerromans eingeleitet wird. Hier ist schon alles vorhanden, was später in tausendfach abgewandelter Form in der Gespensterliteratur wieder auftaucht: die Burg mit den finsteren Verliesen, die schreckliche Prophezeiung, der der Schloßherr zu entgehen versucht, indem er sie gegen seinen Willen erfüllt, die Erscheinung des Ahnherrn, die schöne Tochter, die versehentlich vom eigenen Vater getötet wird. Bekannte Titel des Schauerromans sind außerdem: «Die Geheimnisse von Udol-pho» von Ann Radcliffe und »Der Mönch» von Matthew Gregory Lewis. Diese Romanform wird in vielfältiger Weise plagiiert , trivialisiert und gegen Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts vom Lesepublikum verschlungen. In Deutschland begründet Friedrich Schiller mit seinem Romanfragment «Der Geisterseher» die Tradition der Gespenstergeschichte, die in der —»Romantik reiche Nachfolge findet. Auch Johann Wolfgang Goethe befaßt sich mit diesem Thema. In den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» wird novellenartig von übersinnlichen Erscheinungen berichtet und von den Teilnehmern der Gesprächsrunde erörtert. Jean Paul, Ludwig Tieck, Novalis, Heinrich von Kleist, besonders aber E. T. A. Hoffmann greifen die Thematik auf und verarbeiten sie in ihren Werken, wobei man allerdings nur in den seltensten Fällen von Gespenstergeschich-ten im eigentlichen Sinne sprechen kann. Die florieren im Bereich der Trivialliteratur, wo die Bücher hohe Auflagen verzeichnen. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wird die Gespenstergeschichte vor allem in den angelsächsischen Ländern weiterentwickelt. Gepaart mit der Kriminalgeschichte gibt ihr Edgar Allan Poe neue Impulse. Ausgesprochene Gespenstergeschichten schreiben außerdem Ambrose Bierce und Philippe-Auguste Villiers de l Isle-Adam, bei anderen Autoren tritt das Motiv eher beiläufig auf, wie bei Nikolaj Gogol, Theodor Storm , Guy de Maupassant oder Oscar Wilde. Im 20. Jahrhundert werden die Mythen der Gespenstergeschichte dankbar vom —»Film aufgegriffen, und auch der —»Comic hat sich ihrer angenommen. Heutzutage kann der Buchkäufer über ein riesiges Angebot von Gespensterliteratur verfügen , die mehrere große —> Verlage im Rahmen von Sonderreihen anbieten.


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