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Germanistik



Auch deutsche oder germanische Philologie, Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur. Die Germanistik war immer eine politische Wissenschaft. Für ihre Begründer war sie Ausdruck des «deutschen Volksgeistes», der besonders deshalb beschworen wurde, weil es bis zur Reichsgründung im Jahre 1871 keinen vereinigten deutschen Nationalstaat gab. Anstelle eines vom Wirtschaftsbürgertum gewünschten deutschen Staates, der einen von Zollschranken freien Binnenmarkt geboten hätte, trat oftmals die Projektion einer großen deutschen Vergangenheit, die vor allem an Sprache und Literatur festgemacht wurde. Die Germanistik war von Anfang an damit belastet, außer wissenschaftlichen Zielen ideologi- sehen Zwecken zu dienen. Als Universitätsdisziplin wurde die Germanistik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sowie Karl Lachmann und Georg Gottfried Gervinus eingeführt. So bahnbrechend die Arbeiten etwa der Brüder Grimm waren , so deutlich traten auch bei ihnen die Tendenzen hervor, die Germanistik in den Dienst des Nationalstaates zu stellen. 1869 sagte Rudolf Hilde- brand, ein bedeutender Mitarbeiter ; am «Deutschen Wörterbuch» der Brüder Grimm, in einer Vorlesung über dieses Wörterbuch: «Denn wenn eine Zeit, wenn ein

Volk krank ist, so ist die Erkenntnis der Heilung in seiner Geschichte zu holen, nicht bloß in der politischen, auch, ja mehr noch in der eigentlichen Volksgeschichte, wie sie in Literatur und Sprache sich am klarsten spiegelt. So ist denn die deutsche Philologie im engeren Sinne nicht bloß eine Wissenschaft, sie ist zugleich eine Arbeiterin für das Heil der Nation, wie freilich jede Wissenschaft im höheren Sinne; aber die deutsche Philologie ist das näher und unmittelbarer als jede andere.» Dem entsprach auch, daß die Germanistik die deutsche Literatur als -♦Nationalliteratur feierte und sie damit aus dem Rahmen der von Johann Wolfgang Goethe als—> Weltliteratur bezeichneten Kommunikation zwischen den Literaturen herauslöste. Das führte dazu, daß die meisten Schriftsteller zu ihren Werken und zur Literatur ein ganz anderes Verhältnis hatten als die Germanistik, die das Schaffen der Schriftsteller in ihren engen Rastern interpretierte . Außerdem beschränkte sich die Germanistik auf die Untersuchung der Schönen Literatur, Sach- und Gebrauchstexte blieben unberücksichtigt. Während sich die Brüder Grimm mit ihren Arbeiten zur Sprachwissenschaft, zur deutschen Rechtsgeschichte und ihren Forschungen zu —>Sagen und -»Märchen profilierten, schuf Karl Lachmann mustergültige textkritische Ausgaben deutscher Dichtungen des —»Mittelalters , die er nach dem Vorbild der Klassischen -h> Philologie einrichtete. Die erste von einem Germanisten verfaßte Literaturgeschichte stammt von Wilhelm Wackernagel . Georg Gottfried Gervi-nus, der unter den Begründern der Germanistik durch eine demokratisch-liberale Haltung hervortrat, war einer derwenigen.diediedeutsche Literatur im europäischen Zusammenhang erforschten. Seine «Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen» erinnert vor allemandieeuropäischeTraditionder —»Aufklärung.
      Während die Germanistik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark vom Kulturverständnis der —»Romantik beeinflußt war, überwogen seit der Jahrhundertmitte positivistische Methoden, die an die seinerzeit dominierenden Naturwissenschaften angelehnt waren. Positivistisch bedeutete, daß man Sprache und Literatur auf Gesetzmäßigkeiten hin untersuchte und sich darauf beschränkte, das empirisch Gegebene - wie etwa die Biographie des —»Autors - zu beschreiben. So entstand z. B. ein «Deutscher Sprachatlas», der eine umfassende Beschreibung aller vorhandenen deutschen Mundarten lieferte. Wilhelm Scherer, der Begründer der positivistischen Methode für die Literaturwissenschaft, stellte in seiner «Geschichte der deutschen Literatur» einen Wechsel von Blüte- und Verfallszeiten der Literatur fest, den er zum unumstößlichen Gesetz der literarischen Entwicklung erhob. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge zunehmender wissenschaftlicher Spezialisierung einzelne Disziplinen wie die Volkskunde und die Religions- und Rechtsgeschichte aus der Germani-stik ausgegliedert. Das gleiche geschah mit einzelsprachlichen Philologien wie der Nordistik oder der Anglistik. Positivistische Methoden der Literaturwissenschaft wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend durch geisteswissenschaftliche Ansätze in Frage gestellt. In Anlehnung an die Philosophie Wilhelm Diltheys, der in seinem 1906 erschienenen Buch «Das Erlebnis und die Dichtung» eine auf dem Erlebnis der Ganzheit einer Dichtung beruhende Theorie der literarischen —»Wirkung formulierte, wurde nun nach dem Einfluß von Geistes- und Ideengeschichte auf die Literatur gefragt. Im Nationalsozialismus funktionierte die Germanistik als Ideologie von deutschem Geist und Wesen .Mit wenigen Ausnahmen waren die Professoren der Germanistik nur allzu gerne bereit, die deutsche Sprache und Literatur in den Dienst der faschistischen Ideologie von der Ãœberlegenheit der germanischen Rasse zu stellen.
      Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich, um nicht mehr für sachfremde Ideologien und staatliche Zubringerdienste anfällig zu sein, ganz auf die Analyse des einzelnen Werkes. Unabhängig von allen gesellschaftlichen, historischen oder biographischen Bezügen wurde mit der sogenannten textimmanenten Methode Form und Gehalt des sprachlichen Kunstwerks erforscht. Die Studentenbewegung der späten sechziger und der frühen siebziger Jahre führte marxistische und materialistische Methoden in die Germanistik ein. Literatur galt nun als einevon den Produktionsverhältnissen mit bestimmte geistige Praxis. Insbesondere die sogenannte Widerspiegelungstheorie, die Literatur als Reflex der gesellschaftlichen Verhältnisse begreift, wurde propagiert. Heute herrscht in der Germanistik ein sogenannter Methodenpluralismus. Keine Teildisziplin beansprucht mehr für sich selbst, über die alleingültige Methode zu verfügen.
     


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