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Exilliteratur



Mit der Machtergreifung der Nazis begann auch ein neues Kapitel deutscher Literaturgeschichte. Die meisten Schriftsteller und Schriftstel-lerinnen verließen Deutschland auf Grund des politischen Drucks, dem sie ausgesetzt waren. Die Ursachen für diese Entwicklung sind schon in der —♦ Weimarer Republik zu suchen. Die Weimarer Verfassung war die denkbar fortschrittlichste und demokratischste, wurde aber vom Staatsapparat nicht getragen. Justiz und Armee, Beamte, Universitäten und Schulen standen weder hinter der Verfassung noch hinter der Republik. Fortschrittliche Haltungen im Bereich von Literatur und Kunst wurden verfolgt und häufig verboten, egal, ob es sich um das Bauhaus, den Jazz, ein kubistisches Bild oder die Psychoanalyse handelte. Als symptomatisches Beispiel für das Klima kann die Aufnahme der Verfilmung von Erich Maria Remarques «Im Westen nichts Neues» gelten. Sein Buch hatte 1929 schon nach ein paar Monaten Millionenauflagen erreicht. Der als pazifistisch geltende Film wurde 1930 gezeigt - die Nazis waren nach den Septemberwahlen im gleichen Jahr zweitgrößte Partei im Reichstag geworden und verhinderten die Uraufführung des Films. Auch an den Universitäten war ein Zurückweichen vor dem Druck von rechts zu beobachten. Der Reichstag erörterte schon 1926 ein «Schund- und Schmutzgesetz» mit dem angeblich die —»Pornographie bekämpft werden sollte, das aber faktisch ermöglichte, alle Arten von Literatur zu verbieten. Thomas Mann sprach von einem «fadenscheinenden Vorwand..., um sich durchschlagende Machtmittel gegen den Geist selbst und seine Freiheit zu sichern». Die Situation verschlechterte sich zusehends für Schriftsteller in Deutsch- land. 1931 wurde per Notverordnung die Polizei bevollmächtigt, Presseerzeugnisse zu verbieten. Einziges Kriterium des Verbots: «alles, was die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet». Der «Angriff», von Joseph Goebbels herausgegeben, bezeichnete ungestraft Arnold Zweig und Emil Ludwig als «schreibendes Gesindel» und warf Thomas Mann «glattweg Landesverrat» vor. Die Staatsgewalt schritt selbst dann nicht gegen den «Angriff» ein, als offen Mordandrohungen gegen politische Gegner wie Alfred Kerr, Heinrich Mann und Arnold Zweig erhoben wurden. Dennoch wurde die Dynamik der NS-Bewegung von den meisten Intellektuellen weit unterschätzt. Noch 1932 äußerte sich Friedrich Wolf trotz des ungeheuren Erfolgs der NSDAP bei den Juli-Wahlen optimistisch: «Millionen wehren sich doch schon heute... gegen den öden und blöden Kulturfaschismus! Es bedarf da vielleicht bloß eines Anrufs..., eines Funkens ...» Ludwig Marcuse sprach im nachhinein von der mangelnden Phantasie für das «Noch-Nicht-Da-gewesene».

      Diese Phantasie entwickelte sich aber doch angesichts des Reichstagsbrandes am 27.2.1933. «Ein Massenexodus der Dichter setzte ein; noch nie zuvor in der Geschichte hat eine Nation innerhalb weniger Monate so viele seiner literarischen Repräsentanten eingebüßt», schrieb Heinrich Mann. Als die Reichsschrifttumskammer errichtet wurde, waren kaum mehr Autoren im Land. Schon bei der Machtergreifung am 30.1.1933 hatten viele Flüchtlinge das Land verlassen - im allgemeinen wird dieser Personenkreis zusammenmit der Gruppe der Intellektuellen als «deutsche Emigration» bezeichnet. Recht unterschiedliche Gruppen werden darunter zusammengefaßt. Schon die Nazis hatten «rassische» und politische Flüchtlinge unterschieden. Die «rassischen» Flüchtlinge, vor allem Juden, hatten Pogrome zu befürchten. Als politische Flüchtlinge definierten die Nationalsozialisten Personen, «die sich an irgendeiner Stelle des weltanschaulichen und politischen Chaos des Deutschen Reiches vor 1933 aktiv politisch und kulturpolitisch dem Nationalsozialismus gegenüber exponiert hatten.» Hierunter fielen auch Kulturschaffende, die vom Nationalsozialismus nichts wissen wollten.
      Nach einer anfänglichen Sympathiewelle wurde die Asylpraxis der einzelnen Aufnahmeländer zunehmend restriktiv. Die Weltwirtschaftskrise war in den Gastländern längst nicht überwunden, in allen europäischen Ländern und den USA erhielten die Exilanten keine Arbeitserlaubnis, Ãœbertretungen wurden in der Regel mit Ausweisung bestraft. Hinzu kam in den Gastländern versteckter oder offener Antisemitismus, so daß Thomas Mann Ende 1937 schrieb: «Die Epoche ist dem Regime nun einmal günstig, mehr oder weniger gibt sich die Welt der faschistischen Auskunft aus ihren Schwierigkeiten anheim, und es sieht so aus, als ob es für unsereins bald keinen Fleck mehr auf der Erde geben wird, seinen Fuß hinzusetzen, so daß man sich unter ihr wird bergen müssen.»
In Maßen unterstützt wurden die Emigranten nur von Ländern, die eine antifaschistische Politik betrie-

ben, nämlich der Tschechoslowakei , Frankreich , den Niederlanden. Großbritannien mit seiner Beschwichtigungspolitik gegen Hitler-Deutschland nahm nur eine
sehr geringe Zahl von Emigranten auf und diese nur unter dem Druck der Öffentlichkeit. Die Sowjetunion nahm prozentual die wenigsten Asylanten auf und orientierte sich ausschließlich an deren Parteizugehörigkeit und Engagement. Die Notlage der Betroffenen spielte bei der Auswahl überhaupt keine Rolle. Angesichts der Massenverhaftungen während der Moskauer Prozesse, in denen auch viele Exilierte verfolgt und hingerichtet wurden, ist dieser Umstand allerdings nicht zu bedauern. Falsche Hoffnungen weckte Präsident Franklin Delano Roose-velt, als er im März 1938 die internationale Flüchtlingskonferenz von Evian einberief. Den Flüchtlingen
wurde suggeriert, in den USA großzügige Aufnahme zu finden. Der amerikanische Historiker David S.
      Wymon deckt die wahren Motive der neuen Flüchtlingspolitik auf: «Aus einem Memorandum des State Department über die Flüchtlingspolitik des Jahres 1938 geht hervor, daß die Haltung der Regierung weniger
positiv war, als es nach außen den Anschein hatte. Das Memorandum stellt fest, daß die Regierung seit Anfang des Jahres unter wachsendem Druck gestanden hatte, bei den weltweiten Bemühungen zur Lösung der Emigrantenfrage die Führung zu
übernehmen... Nach der Annexion
Österreichs wuchs dieser Druck... Dem Memorandum zufolge berieten Außenminister Cardell Hüll... und andere hohe Beamte des State De-partment über eine Strategie. Sie kamen zu dem Ergebnis, daß eine Hinhaltetaktik unangebracht sei. Man könne diesen Pressionen am besten entgehen, wenn man sich an ihre Spitze stelle und sie zu lenken versuche, dies vor allem, um Forderungen nach liberalen Einwanderungsgesetzen zuvorzukommen.» Kurt Tucholsky beschreibt schon 1933 symptomatisch die Situation im Exil: «...unsere Verträge sind offiziell gebrochen, Geld darf nicht mehr heraus, meine Bücher werden, wie ich hier erfahre, nicht mehr ins Ausland geliefert - es ist auf Vernichtung abgesehen.»
Trotz der desolaten Situation waren dieSchriftstellerim Exil produktiv. In Aufrufen, Analysen und Dokumentationen wurde zur Entwicklung in Nazi-Deutschland Stellung genommen, z. B. Thomas Mann mit seinen Aufsätzen «Achtung Europa» und den Sendungen «Deutsche Hörer. 25 Radiosendungen nach Deutschland» . —»Autobiographien gaben über die lebensgeschichtlichen Hintergründe der Autoren Auskunft^. B. die Titel von Ernst Toller, «Eine Jugend in Deutschland» , Thomas Wolff, «Der Marsch durch zwei Jahrzehnte» , Carl Sternheim, «Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens» , Heinrich Mann, «Ein Zeitalter wird besichtigt» .
      In lyrischen Arbeiten und in Romanen wurde der traumatischen Erfahrung mit dem historischen Geschehen Ausdruck gegeben: Klaus Mann, «Mephisto» , Friedrich Wolf, «Zwei an der Grenze» , Lion Feuchtwan-ger, «Exil» . Im Drama wurde ebenfalls das Zeitgeschehen bearbeitet, u. a. von Brecht, «Furcht und Elend des Dritten Reiches» , Carl Zuckmayer, «Des Teufels General» . Gleichzeitig entstanden viele Romane ohne direkten aktuellen Bezug, z.B. von Thomas Mann, «Joseph und seine Brüder» .
      In —»historischen Romanen wurde die Vergangenheit bearbeitet, z. B. von Ludwig Marcuse, «Ignatius von Loyola» , Heinrich Mann, «Henri Quatre» , Bruno Frank, «Cervantes» . Trotz dieser Produktivität waren die Schwierigkeiten groß, wie Lion Feuchtwanger in seinem Vortrag «Arbeitsprobleme des Schriftstellers im Exil» erörtert:
«Sehr viele Schriftsteller, die im eigenen Lande marktfähig waren, sind trotz höchster Begabung im Ausland nicht verkaufbar, sei es, weil ihr Wert vor allem im Sprachlichen liegt und dieses Sprachliche nicht übertragbar ist, sei es, weil ihre Stoffe den ausländischen Leser nicht interessieren.»
Oskar Maria Graf lebte zum Beispiel von 1938 bis zu seinem Tod in New York und konnte mit seinen bayerischen Stoffen das amerikanische Publikum nicht interessieren. Wer versuchte, auf andere Weise Geld zu verdienen, wurde zumindest in den europäischen Ländern unerbittlich ausgewiesen. In vielen Fällen kamen die Ehefrauen der
Schriftsteller für den Lebensunterhalt auf, indem sie die unterschiedlichsten Tätigkeiten ausübten. In bescheidenem Rahmen und unter großen finanziellen Schwierigkeiten war eine Exilpresse entstanden. Der Zsolnay Verlag in Wien konnte sich noch wirtschaftlich mit faschistischen deutschen Verlagen messen; alle anderen waren auf Unterstützung des lesenden Publikums angewiesen: Emanuel Querido, Allert de Lang, Malik, Editions du Carrefour, Verlagsanstalt Graphia. Einige ausländische Verlage publizierten zusätzlich zum laufenden Programm Exilliteratur: die Oprecht Verlage, Julius Kittl, einige sowjetische Verlage.
      Im Amsterdamer Querido Verlag erschienen bis 1940 104 Titel der Exilliteratur. Emanuel Querido hatte vor einem deutschen Ãœberfall nicht mehr fliehen können, er wurde 1943 deportiert und ermordet. Der Oprecht Verlag in Zürich verlegte bis 1946 etwa 145 Titel der Exilliteratur.
      Allert de Lang in Holland veröffentlichte den «Dreigroschenroman» von Bertolt Brecht und die Reportagen Egon Erwin Kischs. Die Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der Sowjetunion sollte ursprünglich deutsche Facharbeiter und Ingenieure versorgen, die sich mit Zeitverträgen in der Sowjetunion aufhielten, um den industriellen Aufbau mit zu tragen. Von 1933 bis 1938 waren 113 Publikationen von Exilierten erschienen. Die Editions du Carrefour in Paris wurden von Willi Münzenberg gegründet und von der Komintern finanziell getragen. Die Komintern wollte auf diese Weise über den Faschismus aufklären und ihm mit Büchern entgegenwirken.
     


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