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Empfindsamkeit



Das Wort wurde von dem Adjektivempfindsam abgeleitet, das erst

durch die Ãœbersetzung des Titels von
Laurence Sternes Roman «A senti-
mental Journey through Franceand Italy» gebildet wurde
.
      Am Beispiel der literarischen Strömung der Empfindsamkeit kann man sehen, wie fragwürdig es ist, literarische Epochen zu konstruieren, die in klar eingegrenzten Zeiträumen aufeinanderfolgen. Obwohl das Wort Empfindsamkeit erst seit 1768 existiert, finden die meisten Literaturgeschichten innerhalb der Aufklärung schon ab etwa 1740. Gemeint sind mei- stens gefühlsbetonte, schwärmeri- sehe Werke, die der moralisch-philosophischen Bevormundung der Literatur sinnliche Lebensfreude und dasbis dahin verdrängte Gefühlsleben entgegenhalten, ohne auf bürgerliche Tugenden zu verzichten. Stets wird die religiöse Innerlichkeit des —»Pietismus als Voraussetzung der Empfindsamkeit genannt. In den Texten der zwischen etwa 1775 und 1790 zu einer nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche berührenden, Mode gewordenen Empfindsamkeit ist aber von Pietismus keine Rede. Die gesamte Geschichte der bürgerlichen Gefühlskultur im 18. Jahrhundert sollte man allerdings nicht unter dem Etikett Empfindsamkeit vereinheitlichen.

      Bis, mitausgelöst durch das sogenannte Werther-Fieber , die Empfindsamkeit zu einem grassierenden Phänomen zwischen Mode, Kult und Krankheit wurde, bis sich die Gefühle in Tränen, purer Melancholie oder bodenloser Schwärmerei auflösten, waren sie fest eingebunden in den bürgerlichen Wunsch, die intrigante Welt des Adels durch Tugend und wahre Gefühle zu besiegen. Hatte der Adel die Gefühle berechenbar gemacht, um sie strategisch in das Hofleben und den politisch-diplomatischen Verkehr einzubauen, so will der Bürger seine Empfindungen, seine Freude und Erschütterung offen und ehrlich zeigen; gerade im Innern, im Besitz reiner und tugendsamer Gefühle soll der korrupt-verkommene Adel vom Bürger geschlagen werden.
      Gefühle zu reicht nicht aus. Man muß sie auch äußern und mitteilen können. Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich der Briefverkehr zu einer wichtigen Form der persönlichen Kommunikation. Neben dem Gespräch wurde der —»Brief zum bedeutendsten Medium, um Privatangelegenheiten und subjektive Empfindungen mitzuteilen. Vorher hatten —»Briefsteller für jeden Anlaß des Lebens genaue Anweisungen über Form und Inhalt des Briefes erteilt. Christian Fürchtegott Geliert wandte sich gegen diese Schreibvorschriften, die «mit aller Gewalt gekünstelt schreiben lehren». Er fordert Natürlichkeit, Briefe sollen «eine freie Nachahmung des guten Gesprächs» sein. Im —»Briefroman schien sich eine bürgerliche Gegenkultur zur höfischen am besten artikulieren zu können. Hier kamen intimste Gefühlsregungen mit moralischen Verhaltensforderungen zusammen. Für die deutsche Literatur sind die Briefromane von Samuel Richardson und Jean-Jacques Rousseau die wichtigsten Vorbilder .
      1747 erschien Gellerts «Leben der schwedischen Gräfin von G...». Es war der erste deutsche Roman, der mehrfach ins Englische, Französische und Holländische und sogar ins Ungarische und Italienische übersetzt wurde. Die Heldin wird in dem damals sehr populären Roman, in den viele Briefe und Gespräche eingestreut sind, vielfach auf die Probe gestellt. Ihre Tugend bewährt sich als festes Bollwerk in ihrem aufregenden Leben. An abenteuerlichen Verwicklungen fehlt es nicht. Mord und Rufmord, Geschwisterehe und Reisen in alle Welt sind von der -»Tri-vialliteratur entliehene Spannungselemente. Gellerts Absicht war es, durch vorbildliche Handlungen und herausragende —»Charaktere Rührung zu erzeugen, damit die Herzen für das moralisch Richtige empfänglich werden.
      Für Geliert, dessen «Fabeln und Erzählungen» zum vielgelesenen Hausbuch wurden, der nach dem Vorbild der französischen Komödie larmoyanto tränenreiche, viel besuchte Komödien schrieb, sind die Gefühlsregungen fest zwischen Anstand und Natürlichkeit eingebaut:
«Oh, was ist das Vergnügen der Freundschaft für eine Wollust, und wie wallen empfindliche Herzen einander in so glücklichen Augenblicken entgegen! Man sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter als bei einem solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Blicke, einem Kusse ganze Reihen von Empfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren.»
Unverwirrte, reine Gefühle, Tränen des Mitleids sollen das emotionale Innenleben des Bürgers zum Schutz-und Trutzreich gegen die vom Adel beherrschte politische Öffentlichkeit machen. Dem aristokratischen Geburtsadel wird der bürgerliche Gefühlsadel entgegengestellt, der sein Recht immer mit selbst auferlegten Pflichten verbindet. Neben Gellerts Schriften und Sophie von La Roches Roman «Geschichte des Fräuleins von Sternheim» muß hier der im Deutschland des 18. Jahrhunderts wohl meistgelesene Roman «Sophiens Reise von Memel nach Sachsen» von Johann Timotheus Hermes erwähnt werden. In dem rund 4000 Seiten langen, für heutige Leser eher
langweiligen Roman reiht sich Brief an Brief, Episode an Episode. Obwohl hier in konkreten Schilderungen Realität wiedergegeben wird, überblenden die endlosen Gefühle und Gedanken der Romanheldin jede Handlung. Kleine Abenteuer, Reisen, privates Familienglück und zwischenmenschliche Konflikte geben der Heldin auf einer schwärmerisch-gefühlvollen Grundlage vielfältig Gelegenheit, ihre Tugend und ihre schöne Seele zu bewahren.
      In der Lyrik entsteht ausdrücklich gegen die strenge Regelpoetik von Johann Christoph Gottsched eine
neue, selbständig-subjektive For-i; mensprache.i Salomon Geßners «Idyllen» beschwören in rhythmisch stilisierter Prosa eine gezügelte Liebesschwärmerei tugendsamer Mädchen und empfindungsreicher Jünglinge. Abgeschieden im zeitlosen Arkadien,
J wird die friedliche Natur einbezogen in eine rührende Geselligkeit aufrichtig-gefühlsstarker Individuen. Diese sentimentale Harmlosigkeit wird von Friedrich Gottlieb Klop-stock aufgestört. Er stilisiert sich zum Dichter aus Berufung, zum Künder poetischer Wahrheiten, die begeistert und mit würdevollen Zeremonien von Lesern und anderen Dichtern aufgenommen werden. Als erster deutscher Dichter muß Klopstock nicht mehr selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Der dänische Hof kommt für ihn auf. Klopstock wollte nach dem Vorbild von John Miltons «Paradise Lost» ein deutsches -»Epos, ein Heldengedicht schaffen, das hoch über der zeitgenössischen
Literatur stehen sollte. Tatsächlich war die literarische Öffentlichkeit von den ersten drei Gesängen seines religiösen Epos «Der Messias» sehr begeistert. Klopstock schrieb nicht mehr in starren, romanischen -*Alexandrinern, sondern in —»Hexametern, die ihm die Möglichkeit freier, rhythmischer Betonung ließen:
«Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen? Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis! Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Stimme: Mich dürstet! Ruft s, trank, dürstete! bebte! ward bleicher! blutete! rufte: Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!»
Diese freie Form ließ genügend Raum, um die seelischen Zustände der Gestalten im «Messias» auszudrücken. Klopstocks Sprache hebt die alltäglichen Gefühle und Empfindungen in einen bis dahin nicht gehörten schwärmerisch-lyrischen Ton. Zudem ließ Klopstock keinen Zweifel daran, daß er mit dem Opfertod von Christus für die Erlösung der Menschen die Erlösung des Bürgertums von den Zwängen der Tyrannei ansprechen wollte. In einer seiner Oden schrieb er zum Absolutismus:
«Königen gab der Olympier Stolz, undsklavischen Pöbel Um den gefürchteten Thron: Weisheit gab er den Königen nicht,sonst hielten sie Menschen Nicht für würgbares Vieh.»
Johann Wolfgang Goethe, der sich mit «Die Leiden des jungen Werthers» vom «kranken jugendlichen Wahn» seiner empfindsamen Elemente hatte freischreiben wollen, hat mit diesem Briefroman wider Willen der eigentlichen Empfindsamkeit Tor und Tür geöffnet. Ein anonymer Autor schreibt im Jahre

1782,
«daß das seit einigen Jahren sich in Deutschland, gleich einem dahin reissenden Strome, so sehr ausgebreitete, und nun recht herrschend gewordene, auch beynahe alle Stände, so wie alle Alter und beyderley Geschlechte ansteckende Uebel der sogenannten Empfindsamkeit, ... eine wahre Krankheit der Seele sey ..., solches könne wohl nicht geleugnet werden.»
In zwei solcher Romane wird in der Werther-Nachfolge die Empfindsamkeit als gefährlich wuchernde Krankheit dargestellt. In Friedrich Heinrich Jacobis Roman «Eduard Allwills Briefsammlung» wird der —> Protagonist von seinen Gefühlen regelrecht überschwemmt. Johann Martin Millers «Siegwart. Eine Klostergeschichte» , Bestseller wie Jacobis Roman, schlachtet den Werther aus und reiht mehr oder weniger willkürlich Situationen aneinander, die vor herzerweichenden Empfindungen strotzen. In einem parodistischen Gedicht auf das traurige Ende des «Siegwart» von Friedrich Bernritter heißt es zum Schluß über den Helden:
«Seyd Jünglinge gerühret Von dieser Kloster Mähr, Doch, daß ihr nicht erfrieret, So folget meiner Lehr,
Legt lieber euch ins Bette In eures Mädgens Arm, als auf die Grabesstädte, dort ligt sichs noch so warm.»
In diesen Jahren wurde es in Gedichten, Romanen, Theaterstücken, in pädagogischen —»Traktaten und populärphilosophischen Abhandlungen üblich, diemeist entsetzlich traurigen, jedenfalls immer tiefgreifenden Gefühle von den betroffenen Subjekten ganz und gar Besitz ergreifen zu lassen. Es hat fast den Anschein, als würde die gesellschaftliche Ordnung, die trotz manch rebellisch-literarischer Attacke noch immer von Absolutismus und Kleinstaaterei bestimmt ist, in einem Meer von Tränen und Traurigkeit versinken.
      Benedikte Naubert schrieb in ihrem Roman «Heerfort und Klärchen. Etwas für empfindsame Seelen» :
«Sie weinten noch eine Zeitlang, dann stand Mariechen auf, gieng ans Klavier, spielte ein trauriges Adagio in weinenden Tönen, wischte sich die Augen und schien munter zu werden. Nicht lange nachher kam Heerfort. Er erschrak über Mariechens blasse Gestalt, beklagte es, daß sie unpäßlich wäre, und ließ, ohne es verwehren zu können, aus jedem Auge eine Thränc über seine Wangen rollen.»
Es ist also nicht richtig, lediglich von einer «empfindsamen StrömunG) in der Literatur der —»Aufklärung von 1740 bis etwa 1800 zu sprechen. Das Phänomen reichte von der versuchten Balance zwischen Moral und Tugend über Klopstocks die Leser begeisternde Seelen-Lyrik bis zum Tränenozean der eigentlichen Empfindsamkeit, die als Mode weit über die Literatur hinausging.


Aufklärung (i720-i785) und empfindsamkeit (i740-i790)

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