Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Jugendlexikon literatur

Index
» Jugendlexikon literatur
» Drama

Drama



Als Begriff in der Literatur bezeichnet es neben —» Lyrik und —> Epik eine der drei Grundgattungen dichterischer Ausdrucksmöglichkeiten. Das Drama zeigt den handelnden Men-schen in seiner unmittelbaren Gegenwart. Im Unterschied zu den beiden anderen Grundformen tritt das Drama aus dem Bereich des rein Literarischen heraus, indem es sich vollständig erst in der Aufführung realisiert. So stellt der—»Text lediglich die Vorlage zum szenischen Spiel dar, ist also ein Element unter mehreren, aus denen sich das Drama zusammensetzt. Das Geschehen, das sich vor den Augen des —> Zuschauers abspielt, bedarf der Darstellung und —»Interpretation durch Schauspieler. Zum Problem der Darbietung des Textes kommt also sowohl das des mimisch-gestischen Spiels als auch das der szenischen Gestaltung hinzu. Es ist unmöglich, die vielfältigen Formen des Dramasauf einen Nenner zu bringen, soviel läßt sich jedoch sagen, daß in den meisten Fällen dem Geschehen ein dramatischer Konflikt zugrunde liegt, der entweder durch zwei oder mehrere Personen des Stücks verkörpert wird oder als innerer Konflikt die Zerrissenheit des —»Helden zeigt. Auf sprachlicher Ebene entspricht dem die Form des —»Dialogs oder —»Monologs. So vielfältig die Formen des Dramas sind, so unterschiedlich sind die Auffassungen von dessen Bedeutung und Zweck. Es hat immer wieder Versuche zur Erklärung des Dramas gegeben, verbunden mit der Absicht, Regeln aufzustellen, die für die Dramatiker verbindlich sein sollen. In größerem Maße als die anderen literarischen Gattungen ist das Drama Gegenstand weltanschaulicher Auseinandersetzungen gewesen, bietet sich doch die Möglichkeit, einem versammelten Publikum eine bestimmte Sicht der Welt und des Lebens vorzuführen oder die —> Bühne zur Plattform für religiöse, politische oder anderweitige Anliegen zu machen. Den Ursprung des abendländischen Dramas - denn nur davon soll hier die Rede sein - finden wir im religiösen Kult des antiken Griechenlands , und zwar gleichermaßen in der —»Tragödie wie in der —»Komödie. Aus den Feiern zu Ehren des Gottes Dionysos , dem als Fruchtbarkeitsgott gehuldigt wurde, entwickelt sich jenes Spiel, in dem ein einzelner sich dem —►Chor der als Böcke verkleideten Sänger gegenüberstellt und einen Dialog aufnimmt. Im 6. Jahrhundert v. Chr. soll es Thespis, der mit einem Chor und dem sprichwörtlich gewordenen Thespis-Karren umhergezogen ist, gewesen sein, der diese für die Entwicklung des Dramas revolutionäre Tat vollbracht hat. Die Voraussetzung für den dramatischen Konflikt und für eine —»Handlung sind damit gegeben. Mit dem Herausstellen des zweiten und später dritten Schauspielers, wie es bei Aischylos bzw. bei Sophokles geschehen ist, sind vollends die Bedingungen eines dramatischen Spiels gegeben. Meisterhaft schon sehen wir die uns erhaltenen Stücke und —»Fragmente des ältesten der drei großen griechischen Tragiker Aischylos ausgeführt. Das Tragische wurzelt noch ganz im Religiösen, dessen Allgegenwart durch die ständige Anwesenheit des Chores auf der Bühne symbolisch verkörpert ist. Zwar tritt dessen Bedeutung bei Sophokles und Euripides zurück, und der tragische Konflikt wird individualisiert und psychologisiert, doch verzichtet keiner der Genannten auf den Chor. Die Stoffe entstammen nach wie vorzum größten Teil der lebendigen Mythologie der Griechen, doch erhalten die Helden der Stücke menschlichere Züge. Die Handlung wird belebt und tritt immer mehr in den Vordergrund, indem die Konfliktsituationen der Personen untereinander dargestellt werden. Auch das öffentliche Leben der jungen und kraftvollen Demokratie Athens spiegelt sich in der Gestaltung wider. Die Szenen sind den öffentlichen Gerichtsverhandlungen nachgebildet, die ebenso unter freiem Himmel und mit großer Anteilnahme des Publikums stattfanden wie die Theateraufführungen. Hier wie dort sollten Urteilsvermögen und sittliches Empfinden geweckt, im Falle des Dramas durch das beispielhafte Spiel eine Läuterung der Leidenschaften durch die Darstellung der Schicksalhaftigkeit des menschlichen Handelns bewirkt werden.

      Der Philosoph Aristoteles hat in seiner «Poetik» Wesen und Aufgabe der Tragödie untersucht und Regeln aufgestellt, die für die weitere Entwicklung des Dramas größte Bedeutung gewinnen sollten. Der Teil über die Komödie, auf den Aristoteles in seiner Schrift selbst verweist, ist leider nicht erhalten. Orientiert an den Tragödien des Euripides, erhebt Aristoteles die Forderung nach einem strengen Bau der Tragödie: «Wie in den anderen nachahmenden Künsten die dargestellte Handlung Einheitlichkeit hat, so muß auch die Fabel der Tragödie, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, eine Nachahmung einer einheitlichen und in sich vollständigen Begebenheit bieten. Ihre Teile müssen einen derartig geschlossenen Zusammenhanghaben, daß bei Umsetzen oder Wegnehmen eines ihrer Teile das Ganze in Unordnung gerät.» Aus dieser Forderung nach der Einheit der Handlung folgt die nach der Einheit der Zeit, denn die Handlung müsse in einer überschaubaren, der Wahrscheinlichkeit entsprechenden Frist ablaufen. Spätere Interpreten der Theorie des Aristoteles, namentlich die des französischen —»Klassizismus, fügen noch die Forderung nach der Einheit des Ortes hinzu. Wie grundlegend die Dramentheorie des Aristoteles war, zeigt die bis heute nicht geklärte und wohl auch in Zukunft nicht zu klärende Frage, was Aristoteles unter den Begriffen , und —» genau versteht, mit denen er die Wirkung der Tragödie beschreibt und die gemeinhin dem Vorschlag Lessings folgend mit Furcht, Mitleid und Läuterung übersetzt werden. Alle nennenswerten Dramentheorien der Neuzeit haben in zustimmender oder ablehnender Weise die Regeln des Aristoteles verarbeitet, und Bertolt Brecht bestätigt auf seine Weise deren Bedeutung, indem er die traditionelle, auf Illusionstheater abzielende Dramenform, von der er sich abgrenzt, als oristotelisches Drama> bezeichnet . Auch die Komödie hat ihren Ursprung im Dionysos-Kult. Anfänglich als feierlicher Umzug mit improvisierten Theatereinlagen zur Belustigung des Publikums durchgeführt, wird sie ab 486 v. Chr. als ein eigener Wettbewerb innerhalb der Dionysien zugelassen und entwickelt sich schnell zu einer eigenständigen und hochentwickelten Kunstform. Die —»Satire, sowohl menschlicher
Verhaltensweisen als auch gesellschaftlicher Mißstände, wird zu ihrem Feld, und sie entzieht sich durch ihren lockeren, oft die Logik geradezu auf den Kopf stellenden Verlauf völlig den Maßstäben, die für die Tragödie aufgestellt worden sind. So stehen auch nicht Helden im Mittelpunkt der Stücke, sondern das vielgestaltige Spiel, der Wortwitz , die bissige Verlachung von Schwächen bekannter Persönlichkeiten. Aristophanes, von dem elf Komödien überliefert sind, stellt den Höhepunkt der antiken Komödie dar.
      Das römische Drama bringt im Vergleich zum griechischen keine wesentlichen Neuerungen hervor und ist stark an diesem Vorbild orientiert. Lediglich die Komödie bietet neues. Mit den Stücken von Plautus und Terenz sind die ersten Typenkomödien überliefert, in der Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten dem Gelächter preisgegeben werden. Diese Form findet bei Moliere und im deutschen —»Sturm und Drang ihre Fortsetzung. Die Tragödie entwickelt sich in Richtung zum Schaurigen und Gekünstelten, und lediglich Seneca ist als Tragödiendichter von Bedeutung überliefert.
      Das Drama des —»Mittelalters steht ganz im Zeichen des Christentums. So werden zunächst ausschließlich Stoffe aus der —»Bibel im Rahmen des Kirchenjahres oder Märtyrerlegenden dramatisiert und teilweise als Bestandteil des Gottesdienstes aufgeführt. Marktoder Kirchvorplatz fungierten nicisi als Bühne; das luinl /iisiuiiiiipiigiwürfelte Volk war das Publikum, das andächtige Belehrung, aber auch unterhaltende Kurzweil erwartete. Daß dabei der Sinn fürs Humoreske nicht zu kurz kam, zeigen u. a. die Stücke der Stiftsdame Hrotsvit von Gandersheim, in denen —»Komik und Märtyrerverehrung bisweilen eng beieinanderliegen. Auch die Lust am Sinnlichen kam auf ihre Kosten, wie es von den gelegentlich ins Derbe übergehenden Darstellungen der Lebensgeschichte Jesu bezeugt ist. Als vorwiegend weltliche Form des Dramas bildet sich in den spätmittelalterlichen Städten des 15. und 16. Jahrhunderts das —»Fastnachtsspiel heraus. Für das erstarkende Bürgertum, besonders aber für die in Zünften organisierten Handwerker, bot sich hier die Gelegenheit, das einfache Volk wie z. B. die Bauern, aber auch gesellschaftliche Außenseiter wie Juden oder Raubritter, auf derb-komische, oft ins Obszöne gehende Weise zu verspotten. Hans Sachs, von dem 85 Stücke erhalten sind, gelang es, das Fastnachtsspiel auf eine gewisse literarische Höhe zu heben und ihm eine pädagogische und sozialkritische Aufgabe abzugewinnen. Das Volkstheater entwickelte auch im Italien des 16. Jahrhunderts neue Formen. Die —»Comme-dia dell arte räumte mit ihrem festen und allseits wiedererkennbaren Stamm von Rollentypen dem Stegreifspiel großen Raum ein. Durch umherziehende Theatertruppen in ganz Europa bekannt gemacht, hielten diese Typen auf vielfältige Weise Einzug in das Repertoire nicht nur des italienischen Dramas. In Spanien bildet sich im frühen 17. Jahrhundert, in der Zeit also, die als das Goldene Zeitalter Spaniens be-zeichnet wird, eine hochentwickelte Dramenkunst heraus. Die Stücke Lope de Vegas und Calderöns wurzeln noch in der Tradition des christlichen Mysterienspiels, bilden aber, indem Diesseitiges und Jenseitiges miteinander vermischt wird, eine Art von Welttheater , das sich der herkömmlichen Klassifikation von Tragödie oder Komödie entzieht. Das Elisabethanische Zeitalter, in dem England seine nationale Größe und Handelsmacht voll entfaltet, wird auch für das Theater zu einer Blütezeit. Im dramatischen Werk William Shakespeares besonders, das nicht zuletzt durch seine Vielfältigkeit erstaunt, scheinen sich die unterschiedlichsten Tendenzen des europäischen Dramas zu einem unübertroffenen Höhepunkt vereinigt zu haben. Sowohl seine Tragödien wie auch seine Komödien, seine Königsdramen wie seine Traumspiele sind geprägt von einem Formengemisch, das alle dramentheoretischen Ãœberlegungen in den Wind schlägt und doch in seiner inneren Wahrhaftigkeit seinesgleichen sucht. Gerade die Gegensätzlichkeit macht die Dramen Shakespeares so lebendig. Da sind Tragisches und Komödiantisches unmittelbar miteinander verschränkt, feinsinnig ausgeformte Charaktere treffen auf die reinsten Vertreter der Typenkomödie, Schauplatzwechsel beanspruchen die Phantasie des Publikums. Das Drama Shakespeares ist antiklassisch und damit der Gegenpol zur Dramentheorie des Aristoteles und seiner Nachfolger.
      Ganz andere Wege gehen die Dramatiker im Frankreich des 17. Jahr-hunderts. Sie sehen im antiken Drama ihre Ideale von Natürlichkeit und Erhabenheit in der Darstellung des Menschen in größter Vollendung verwirklicht, und so zielt ihr Bemühen auf Wiederbelebung der klassischen antiken Dramenform. Die Dramentheorie des Aristoteles gilt ihnen als maßgeblich, die Stücke der antiken Tragiker als Vorbild. Dieser französische —»Klassizismus hat seine Hauptvertreter in Pierre Corneille und Jean Racine, die in ihren Stücken auch stofflich oft auf die Antike zurückgreifen. In ihren Heldentragödien treten nur Personen hohen Standes auf, die sich einer äußerst gekünstelten Sprache bedienen, was ihre Bedeutung und die Erhabenheit ihrer Motive unterstreichen soll. Damit erfüllen die Autoren einerseits die Forderung des Aristoteles, daß in den Tragödien die Handlungen edler Personen vorgeführt werden, die sich dabei einer gewählten Rede zu bedienen haben, andererseits entsprechen sie den Erwartungen des adligen Publikums am Hofe Ludwig X

I

V.

, für das sie vornehmlich schreiben. Auch in einer anderen Hinsicht kommen sie dessen Bedürfnissen entgegen, was eine Abwandlung des aristotelischen Konzepts erfordert. * Obwohl als Tragödie angelegt, enden die Dramen zumeist optimistisch, indem die Seite, die die aufgeklärte Vernunft vertritt, siegt. Denn das Theater soll auch eine erzieherische Funktion haben. Erzieherisch auf ganz andere Weise, nämlich durch Gelächter, wirken zur gleichen Zeit die Komödien Molieres, der den Menschen und insbesondere der höfischen Gesellschaft den Narrenspiegel vorhält. Selbst Schauspieler, verfügt er über das ganze Repertoire derzeitgenössischen Komödie. Dem Unterhaltungsbedürfnis seines Publikums trägt Moliere z.B. durch Stegreifkomik und Ballettszenen Rechnung, ihm gelingt es aber auch, als scharfzüngiger Satiriker mitleidlos die Schwächen der Zeitgenossen bloßzustellen.
      Deutschland kann zur gleichen Zeit auf dem Gebiet des Dramas nichts von ähnlichem literarischem Rang vorweisen. Erst das 18. Jahrhundert bringt eine nennenswerte eigenständige Dramenkultur, doch an ihrem Beginn steht kein Dramatiker, sondern der Professor für Philosophie und Literatur Johann Christoph Gottsched. Dem Schwulst der damals beliebten tränen- und bluttriefenden Tragödien, die englische und französische Theatergruppen nach Deutschland bringen, und der harmlosen Schäferspiele überdrüssig, stellt er die Frage, wie ein Drama beschaffen sein müsse, das sowohl schön als auch lehrreich ist. In seinem «Versuch einer critischen Dichtkunst» greift er auf verschiedene Vorbilder zurück. Der Dichter sei verpflichtet, «als ein redlicher Bürger, die Tugendhaften, auf eine vernünftige Art zu loben, ihr Ge-* dächtnis zu verewigen und durch die Beschreibung ihrer ruhmwürdigen Exempel teils die zu ihrer Zeit Lebenden, teils auch die Nachkommen zu löblichen Taten aufzumuntern». Diese Ãœbertragung der französischen Regeln auf das deutsche Theater stößt aber bald auf Widerstand, und es ist Gotthold Ephraim Lessing, der sowohl als Theoretiker wie auch als Dichter den Schatten der französischen Schule abwirft. In den «Briefen die neueste Literatur betreffend» , vor allem aber in den Bei-trägen, die er unter dem Titel «Hamburgische Dramaturgie» veröffentlicht, wendet er sich entschieden gegen die starren Regeln Gottscheds und tritt für die Öffnung des Theaters für die bürgerliche Lebenssphäre ein: Nicht mehr ideale Heroen sollen auftreten, sondern «Menschen aus Fleisch und Blut». Er lehnt die höfische Tragödie ab und beruft sich auf die griechischen Klassiker, auf Shakespeare und auf Denis Diderot, dessen Dramen er z.T. übersetzt. Auch in seinen Stücken hält aufgeklärtes bürgerliches Gedankengut Einzug auf der Bühne. Das Theater soll dem Menschen den Weg zu Toleranz und menschlichem Mitgefühl zeigen. Seine Stücke werden begeistert aufgenommen. Mit der Gründung stehender Bühnen, besonders in den Handelszentren wie Hamburg und Leipzig, geht eine Literarisierung des Dramas einher. Die Willkür von Schauspielern und Dramaturgen, die die Stücke auf Effekte hin verändert hatten, weicht allmählich der Autorität des Dichters. Der Text wird maßgeblich, was einerseits zur Folge hat, daß die Dramen ein höheres literarisches Niveau erhalten, und andererseits die Menge an Stücken, die für das Theater geschrieben werden, enorm anschwillt.
      Die Tragödien Shakespeares waren, wenn auch in stark verstümmelter, nur auf die Sensationslust des Publikums abzielender Form, im Laufe des 18. Jahrhunderts in Deutschland durch umherziehende -♦Wanderbühnen weithin bekannt geworden. Nun werden sie in Kreisen von Dichtern und Liebhabern, die ihre Viel-schichtigkeit und literarische Qualität erkennen, zum Gegenstand intensiver Auseinandersetzung. Seine Werke werden in größerem Umfange übersetzt , und Anfang der siebziger Jahre zeugen drei für die Dramatik des —> Sturm und Drang grundlegende Schriften vom nicht zu überschätzenden Einfluß Shakespeares auf die junge Generation . Shakespeare wird zum Stammvater des Geniekultes des Sturm und Drang, seine um Entscheidung ringenden Helden werden den schicksalhaft verstrickten der antiken Tragiker und der französischen Klassizisten entgegengestellt. Die Betonung des Individuums wird zum herausragenden Kennzeichen des Sturm und Drang, zu dem auch der junge Goethe und der junge Friedrich Schiller zu rechnen sind. Ein zweites Merkmal ist, wie schon bei Lessing, die des Dramas. Für Goethe und Schiller ist die Phase des Sturm und Drang nur eine vorübergehende, allerdings tief prägende Stufe in ihrer Entwicklung. Beide lösen sich bald von dieser eher lockeren Gruppierung und suchen auf unterschiedlichen Wegen nach, wie sie meinen, wirkungsvolleren Ausdrucksmöglichkeiten für ihr Schaffen, bei dem das Drama nur eine, wenngleich bedeutende Form ist. Beide gehen den Weg der ästhetischen Vervollkommnung, sehen in


% der Kunst die Möglichkeit, vorbildliches Handeln und Denken vorzuführen, was qua Anschauung das sittliche Empfinden des Betrachters verfeinern soll. Die Bühne wird zu einer ästhetischen Schule, das Dra-. ma erhält die Aufgabe, den Menschen in Richtung auf ein ideales Menschentum hin zu erziehen. Die-ses Programm einer so verstandenen Klassik wird am deutlichsten in Goethes Drama «Iphigenie auf Tau-ris» . Auf den entpolitisierenden Charakter einer solchen Kunstauffassung im Zeitalter der Französischen Revolu- tion ist oft hingewiesen worden. Ein Theater, das nur Kunst sein will, oh- ne auch auf die unmittelbaren Be- dürfnisse der Menschen und ihre so- ziale Lebenssituation einzugehen, kann nur für kurze Zeit Autoren und Publikum fesseln, und Goethe selbst wendet sich in seinem Spätwerk einer veränderten Auffassung zu, in- dem er vom klassischen Erziehungs- ideal abrückt.
      Während das Drama als Gattung in der Klassik eine herausragende Stel- lung einnimmt, spielt es in der eher lyrik- und epikbetonten —> Romantik keine besonders wichtige Rolle. Ab- gesehen vom schwer einzuordnen- den dramatischen Schaffen Heinrich von Kleists tritt das Drama in Deutschland erst wieder mit Christian Dietrich Grabbe und Georg Büchner in den Vordergrund. Beide, Büchner wie Grabbe, der, am Vor-. bild Shakespeares orientiert, ein gro- ßes deutsches Nationaldrama schaf- fen will, gestalten in ihren Stücken die Ohnmacht und das tragische Scheitern des autonomen Individuums angesichts der Allmacht der geschichtlichen Ereignisse. Damit ent-ziehen sie der Idealfigur der bürgerlichen Literatur, die das autonome Individuum gewesen ist, den Boden. Bei beiden fällt auf, daß das Dramengeschehen in eine Reihe unver-bundener Szenen aufgelöst wird. Die klassische Dramenform, die nach Spannungsbögen oder Entwicklungsstadien organisiert ist, wird hier über Bord geworfen, was in der weiteren Entwicklung des Dramas Schule macht.
      Mit der Auflösung der klassischen Struktur des Dramas geht die relative Einheitlichkeit der Gestaltungsmittel verloren. Schon das 19. Jahrhundert bietet eine Fülle von ganz unterschiedlichen Konzeptionen von Funktion und ästhetischer Gestaltung des Dramas. Das Stoffliche tritt in den Vordergrund. Neben dem historischen Drama hat das Ideendrama seine große Zeit. Gegen Ende des Jahrhunderts sind es die Einflüsse ausländischer Dramatiker, die für das deutsche Drama bedeutsam werden. Henrik Ibsen beeinflußt mit seinen sozialkritischen Stücken das Drama des —»Naturalismus genauso nachhaltig wie August Strindberg mit seinen psychologischen Tragödien und Traumspielen das des —> Expressionismus. Das Drama wird zum Medium für Weltanschauungen, ist jedoch formal zunächst am Vorbild des geschlossenen Dramas orientiert.
      Formal Neues bietet das Drama des Expressionismus, das bewußt auf die traditionellen Gestaltungsmittel verzichtet. Die Personen werden zu Fi-guren, die nicht individuell gezeichnet, deren Handlungen nicht psychologisch motiviert sind. In aneinandergereihten Szenen wird ein symbolisch verdichtetes Geschehen gezeigt, das die Figuren in Extremsituationen, in «Ekstasen» des Willens und des Empfindens zeigt. Bertolt Brecht, dessen dramatisches Schaffen im Expressionismus seine Wurzeln hat, entwickelt aus der Kritik am herkömmlichen Drama eine neue Form, die nicht mehr das Leben abbildet, sondern die Aufgabe hat, die Veränderbarkeit der Welt zu zeigen. Das epische Drama ist gekennzeichnet durch die offene Form und die Durchbrechung der szenischen Handlung durch das Einfügen von Kommentaren und —>Songs, was beim Zuschauer eine kritische Distanz zum Geschehen bewirken soll. Im Rückgriff auf das Theater der —»Aufklärung und in Weiterentwicklung des Konzepts des —* sozialistischen Realismus steht das belehrende Element im Vordergrund, das zu politischem Handeln anleiten soll. Nachfolger findet Brecht während der siebziger Jahre besonders in Peter Weiss und Heiner Müller. In der Nachkriegszeit kommen die dramatischen Anregungen aus Frankreich und den angelsächsischen Ländern. Das existentialisti-sche Drama als philosophisches Theater trägt stark individualistische Züge und stellt die Sinnfrage nach dem Menschen . Ganz anders das —» Absurde Theater Samuel Beckettsund Eugene lonescos, das als AntiTheater philosophisches Räsonieren und politisches Handeln ad absurdum führt und die Ausweglosigkeit des Menschen unmittelbar auf der Bühne sichtbar machen will.
     


Vom schultheater zum kunstdrama

Stärker noch als andere Gattungen ist das Schauspiel der Aufklärung geprägt durch die literarische Entwicklung des 17. Jahrhunderts. Zum wesentlichen Faktor der theoretischen Selbstverständigung avanciert dabei das Prinzip der Kritik: das deutsche Drama, das im Gefolge Gottscheds nach annähernd 50jä .....
[ mehr ]
Index » DRAMA UND THEATER » Drama zwischen Barock und Aufklärung

Verfall des dramas um i700

Auf sehr einprägsame Weise spiegelte sich die Krise der voraufklärerischen Dramatik in der zeitgenössischen Theaterszenerie. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein blieben im deutschen Sprachbereich die Wandertruppen dominierend, die sich nach dem Vorbild der englischen Komödianten formiert hatten. Ihr .....
[ mehr ]
Index » DRAMA UND THEATER » Drama zwischen Barock und Aufklärung

Trauerspieltheorie der hamburgischen dramaturgie

Der allmählich sich vollziehende Wertwandel, der zur Abkehr von der heroischen Tragödie führte, trat zuerst im Bereich der Ãœbersetzungen zutage, wo seit der Mitte der 50er Jahre die französischen Autoren - mit Ausnahme Voltaires - ihre Spitzenstellung den Engländern überlassen mußten. Nicht mehr Co .....
[ mehr ]
Index » DRAMA UND THEATER » Das bürgerliche Trauerspiel

Spielarten des dramas

In einem etwas heftigen Hiatus setzt nach der Analyse lyrischer Texte die Interpretation von Dramen ein; auf die Kleinform folgt die Großform, sogar, da der Roman nicht behandelt wird, die ,größte im vorliegenden Band. Sprachlich und konzeptionell weniger konzentriert als die Lyrik, mag das Drama .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Lyrisches drama: der tod des tizian

Die Gattung des lyrischen Dramas wird dem Leser nicht eben häufig begegnen, ist sie doch auf die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert beschränkt . Daraus kann, wer mag, folgern, dass die Methodik zur Analyse dieser kurzlebigen Gattung verzichtbar sei. Das lyrische Drama bietet aber, als eine Zwitterga .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Stellenwert, thematik und struktur der dramatischen literatur

Die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1849—90, die sich auf die politische Situation der Sachsen in Siebenbürgen nachhaltig auswirkten, verwiesen die Dichtung auf das Gebiet des historischen Schauspiels. Die dramatische Behandlung geschichtlicher Stoffe mit unverkennbarer Zeitbezogenheit erweis .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Traugott teutsch - das dramatische werk

Das dramatische Werk von Traugott Teutsch umfaßt zwei historische Stücke: Sachs von Harteneck und Johannes Honterus . Teutsch hat auch ein Lustspiel, Hannibal Heimchen, geschrieben1, das er aber später vernichtete2; es soll zum Teil Dichtung, zum Teil Wahrheit enthalten haben 3. Bei den geschichtli .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Michael albert - das dramatische werk

Die Hinwendung Michael Alberts zur Dramatik ist gleichermaßen auf persönliche und geschichtliche Beweggründe zurückzuführen. Zunächst war es der Erfolg, den sein Dichterfreund Traugott Teutsch mit der Schwarzburg gehabt hatte, der Albert dazu bewog, selbst heimische Stoffe aufzugreifen und dramatis .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Thematik, problemstellung und spielarten der dramatischen dichtung

Ein- und Zuordnung der dramatischen Werke der Epoche 1890—1918 zu einem Gesamtbild werden durch die Vielzahl der vorliegenden Stücke und durch deren mangelnde künstlerische Reife erschwert. Trotzdem sei hier der Versuch gewagt, bemerkenswerte Leistungen im Bereich des dramatischen Schaffens za ver .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Johann leonhardt - dramatik

Der Bildungsweg und auch die literarischen Arbeiten Johann Leonhardts stehen im Zeichen des 19. Jh., es läßt sich vor allem der Einfluß M. Alberts, T. Teutschs und Fr. W. Schusters feststellen. Leonhardt schrieb seine Dramen in einer Zeit, in der Vertreter jüngerer Generationen ihre Zweifel an den e .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Michael königes - dramatik

Michael Königes wurde 1871 in Zeiden als Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren. Der Vater untersagte dem überdurchschnittlich Begabten nach Abschluß der Volksschule eine weitere Ausbildung und bestimmte ihn zum Bauernberuf. So verbrachte Michael Königes sein Leben auf dem Grundbesitz an der Burzen .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Anna schuller-schullerus - dramatik

Wenn man dokumentarisch untermauerte Werturteile zum Publikumserfolg des dramatischen Erstlings der Anna Schuller-Schullerus Am zwin Krezer diachronisch vergleicht, so wird die Behauptung Karl Kurt Kleins belegt, sie habe 'nicht nur die besten mundartlichen Erzählungen geschrieben, sondern auch das .....
[ mehr ]
Index » Sonstige

Stationendrama

Unter die bedeutsamsten literarischen Innovationen der Epoche ist die Entwicklung des Stationendramas als eine gänzlich neuartige Form des Theaterstücks zu rechnen . Vorbereitet durch einige Szenen August Strindbergs und bereits angelegt in der episodisch-fragmentarischen Struktur der frühen Einakte .....
[ mehr ]
Index » Literatur des Expressionismus » Aspekte und Geschichte der Literatur

Verkündigungs-, wandlungs-und aktivistisches drama

Zur Kategorisierung der expressionistischen Dramatik hält die For- schung noch eine Reihe weiterer Begriffe bereit, die jeweils auf wichtige inhaltliche Aspekte abheben . Viele Texte prägt ein starker appellativer Gestus. Unter Einsatz der verschiedensten bühnentechnischen Mittel zeigen sie .....
[ mehr ]
Index » Literatur des Expressionismus » Aspekte und Geschichte der Literatur

Fiktion in lyrischen und dramatischen texten

Vor dem Hintergrund der Präzisierung des Fiktionsbegriffs im Hinblick auf narrative Texte stellt sich die Frage nach Auswirkungen dieser Präzisierung auf die Rede von Fiktion in bezug auf Lyrik und Drama. Fiktion und Lyrik Die Diskussion über die Fiktionalität von lyrischen Texten gehört zu .....
[ mehr ]
Index » Analysen zur Fiktion in der Literatur » Literatur und Fiktion

Fiktion und drama - das drama: text, partitur, bühnenrealisation

Die Großgattung Drama wird häufig ganz selbstverständlich zusammen mit der Fpik als liktionale Gattung bezeichnet: man spricht von epischer und dramatischer Fiktion oder unterscheidet zwischen Drama als pragmatischer Fiktion und Epik als semantischer Fiktion. So wird der Eindruck erweckt, als ha .....
[ mehr ]
Index » Analysen zur Fiktion in der Literatur » Literatur und Fiktion

Das drama als direktive sprachhandlung

Eine literaturwissenschaftliche Betrachtung des Dramas sollte sich m. E. vor allem mit den strukturellen Merkmalen des dramatischen Textes, verstanden als rein schrift-sprachlichem Text, befassen. Das auffalligste Merkmal von Dramentexten ist ohne Zweifel, daß sie in der Regel aus zwei verschiedene .....
[ mehr ]
Index » Analysen zur Fiktion in der Literatur » Literatur und Fiktion

Das drama als lesetext

Texte, deren Struktur eine gewisse lllokution indiziert, können unabhängig von dieser lllokution auch anders rezipiert werden. So können Dramen-Texte - auch wenn sie als potentiell auf der Bühne realisierbar und nicht von vornherein als Lesedramen geschrieben worden sind - nicht nur im Hinblick auf .....
[ mehr ]
Index » Analysen zur Fiktion in der Literatur » Literatur und Fiktion

Die anfänge des deutschen dramas

Das deutsche Drama erwuchs aus religiösen Feiern. Seine Keimzelle war die Feier der Auferstehung in der Kirche. In der Erzählung des Osterevangeliums von den drei Marien, die das heilige Grab am Ostermorgen besuchten, durch einen Engel die Auferstehung des Heilandes erfuhren und im Auftrage des Eng .....
[ mehr ]
Index » DIE DICHTUNG DER RITTERLICHEN WELT

Drama 'die familie schroffenstein

In der Tragödie 'Die Familie Schroffenstein" gestaltet er den Kampf zweier feindlicher Adelsgeschlechter, der zum Schluß auch noch die Kinder der beiden Familien durch Haß, Trug und Sinnenverwirrung vernichtet. Der 'Robert Guiscard" ist Fragment geblieben. Die Tragödie sollte die letzten Augenbli .....
[ mehr ]
Index » ZWISCHEN KLASSIK UND ROMANTIK

Drama der zeit

Wie die Dichter des Vormärz , so griffen auch zwischen den beiden Weltkriegen manche Dichter bewußt und direkt in das politische Tagesgeschehen ein. Im Naturalismus hatte sich die soziale Frage die Bühne erobert. Audi jetzt ist das Drama das wirksamste Sprachrohr für jene Dichter, welche die politi .....
[ mehr ]
Index » DAS ZWANZIGSTE JAHRHUNDERT » Drama der Zeit

Hans fallada: »wolf unter wölfen« (i937) - dramatisierende erzählung

Die Weimarer Republik in der Zerreißprobe »Es ist Berlin, Georgenkirchstraße, dritter Hinterhof, vier Treppen, Juli 1923, der Dollar steht jetzt - um 6 Uhr morgens - vorläufig noch auf 414 Tausend Mark.« Dieser Satz, mit dem der Erzähler nach kurzem Anlauf unmittelbar in die Situation springt, re .....
[ mehr ]
Index » Roman Chronik

Das gelehrte drama

Die katholische Reformbewegung in Deutschland ging von Bayern aus. Ihre Stütze waren die Jesuiten, die seit 1542 in Ingolstadt lehrten. Mit ihrer Hilfe versuchten die bayerischen Herzöge, eine straffe zentralisti-sche Neuordnung in Staat und Kirche durchzusetzen. Der Staat überwachte die Erziehung z .....
[ mehr ]
Index » Barock (17. Jahrhundert)

Das drama - gesellschaftskritik im rahmen überlieferter formen

Kaum ein anderer Dramatiker hat sein literarisches Schaffen in Tagebüchern, Briefen und Aufsätzen so ausführlich kommentiert wie Friedrich Hebbel . Anknüpfend an die Grundopposition zwischen Notwendigkeit und Freiheit, wie sie von Schiller aus Kants Philosophie entwickelt wurde, und in Verbindung .....
[ mehr ]
Index » Poetischer Realismus (1850-1890)

Der erfolgreichste dramatiker des naturalismus: gerhart hauptmann

Der erfolgreichste Dramatiker des Naturalismus war Gerhart Hauptmann . Er stammte aus Schlesien. Ursprünglich wollte er Bildhauer werden; er studierte auch einige Jahre an der Kunsthochschule in Breslau. Mitte der achtziger Jahre wechselte er aber nach Berlin und schrieb sich an der Universität für .....
[ mehr ]
Index » Naturalismus (ca. 1880-1900)

Drama

August Strindberg, der schon das naturalistische Drama beeinflußt hatte, wirkte auch auf die Entwicklung des expressionistischen Dramas ein. Seine Trilogie Nach Damaskus gilt als das Vorbild für das expressionistische Stationendrama. Für Strindberg war dieses Werk eine szenische Selbstsuche, ein Ve .....
[ mehr ]
Index » Expressionismus (ca. 1910-1925)

 Tags:
Drama    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com