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Dekadenz




Der Begriff Dekadenz bezeichnet nicht eigentlich eine Epoche der —»Literaturgeschichte, sondern eine literarische und geistesgeschichtliche Strömung, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innerhalb der Intelligenz und bei verschiedenen Autoren mehrerer europäischer Nationen, besonders aber in Frankreich, ausbreitete und als Grundhaltung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirksam blieb.

     
Dem Bewußtsein, in einer Endzeitepoche zu leben , liegt eine Geschichtsauffassung des fortschreitenden Niedergangs zugrunde, in dem die menschlichen Werte dem Verfall preisgegeben sind. Philosophisch fand dieser Kulturpessimismus Niederschlag im Werk Friedrich Nietzsches, der mit seiner Formel von der «Umwertung aller Werte» die herkömmlichen, gesellschaftlich anerkannten Anschauungen als «Lüge» einstufte und dem über den Massen stehenden Genie das Recht zu schrankenloser Selbstbestimmung zuerkannte. Diese Haltung Nietzsches war nicht im luftleeren Raum geboren, sondern entsprach den Anschauungen einer Generation von Intellektuellen und Dichtern, die sich weigerte, die zusehends auf materielle Werte ausgerichteten Maßstäbe der Gesellschaft zu übernehmen. Dieses Aufbegehren, die Verweigerung gegenüber allen Nützlichkeitserwägungen, schlägt sich auch in der Dichtung nieder. Kunst dürfe nicht im Dienst politischer oder weltanschaulicher Programme stehen, das sei —»Journalismus. Sie müsse frei sein und rein, nur so könne sie ihre Schönheit und damit ihr Wesen und ihre Aufgabe entfalten. Schon im Jahre 1834 formulierte Thdophile Gautier dieses Konzept des —»l art pour l art, das von allen Autoren der Dekadenzdichtung übernommen wurde. Das Chaos des Alltags hatte in dieser Literatur nichts zu suchen. Hier wurde ein künstlicher Raum geschaffen, in dem es auffallend oft um das Verhältnis von Schönheit und Verfall ging, wie z. B. in Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Do-rian Gray» , in dem nichtder Held, sondern ein Bildnis von ihm, das er aus Selbstliebe hat anfertigen lassen, altert. Während er selbst schön bleibt und sich einem ausschweifenden Leben hingibt, sind die Spuren seiner Ausschweifungen auf dem Porträt zu erkennen, gegen das Dorian einen solch starken Haß entwickelt, daß er es durch Messerstiche zerstört. Damit tötet er aber sich selbst. Als seine Diener das Zimmer betreten, finden sie ein herrliches Porträt vor, so «wie sie ihn zuletzt gesehen hatten, in all seiner wunderbaren, erlesenen Jugend und Schönheit. Auf dem Fußboden lag ein Toter, im Abendanzug, ein Messer im Herzen. Er war verwelkt, voller Runzeln und von abstoßendem Aussehen.»
In diesem Roman spielt ebenso wie in vielen anderen Werken der literarischen Dekadenz Rauschgift eine Rolle. Von vielen Künstlern und Autoren ist der regelmäßige oder gelegentliche Gebrauch von Opiaten bekannt, was ihrer Ablehnung der Realität und ihren Fluchttendenzen, aber auch ihrer Suche nach neuen, bis dahin unbekannten künstlerischen Gestaltungsformen entspricht. Eine der vielen kurzlebigen Zeitschriften, «Le D6cadent», sieht im Jahre 1886 sogar Anhaltspunkte für eine allgemeine soziale Umwälzung: «Es wäre Unsinn, den Stand der Dekadenz, den wir erreicht haben, nicht zuzugeben. Religion, Moral und Gerechtigkeit sind im Verfall begriffen... Verfeinerung des Verlangens, des Gefühls, des Geschmacks, des Luxus, der Vergnügungen - Neurose, Hysterie, Hypnotismus, Morphinismus, wissenschaftliche Scharlatanerie, Schopenhauertum bis zum äußersten, das alles sind Symptome einersozialen Umwälzung. Die ersten Anzeichen manifestieren sich in der Sprache. Neue, unendlich feine und verschiedenartige Ideen korrespondieren mit neuen Bedürfnissen. Das führt zu der Notwendigkeit, nie gehörte Worte zu schaffen, um diese Vielfalt körperlicher und seelischer Empfindungen auszudrücken.» In einem der Hauptwerke der Dekadenz, dem Roman «Gegen den Strich» des Franzosen niederländischer Herkunft Joris-Karl Huysmans verschließt sich der Held Jean Des Es-seintes in seinem Landhaus in der Nähe von Paris ganz bewußt vor der Realität. Er baut sich seine eigene Welt, in der er seinen Traum von der Wirklichkeit an die Stelle der Wirklichkeit selbst setzen will, wobei auch hier Rauschgift eine wichtige Rolle spielt.
      Die bedeutendste literarische —►Gattung der Dekadenz ist jedoch die -»Lyrik. Die Gedichte der Symbolisten mit ihrer ausgefeilten Bildsprache und ihrer Thematik müssen dieser Epoche zugerechnet werden. Die wichtigsten Vertreter sind Charles Baudelaire, dessen Gedichtzyklus «Die Blumen des Bösen» nachhaltigen Einfluß auf die Autoren der Dekadenz hatte, Stephane Mallarm6, Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. Im deutschsprachigen Raum ist eine eigene Literatur der Dekadenz nicht anzutreffen. Nur bei einzelnen österreichischen Autoren lassen sich dekadente Züge feststellen, so z. B. bei Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke.
     


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