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DDR-Literatur



Der Nationalsozialismus zwang viele Schriftsteller dazu, ins Exil zu gehen . Zu den Emigranten gehörten fast alle wichtigen Autoren der —»Weimarer Republik. Sie fanden Asyl in verschiedenen europäischen Ländern, in der Sowjetunion und in den USA. Einige wenige schlössen Kompromisse mit Hitler-Deutschland und konnten nur unter Beschränkungen veröffentlichen .
      Nach Kriegsende hofften viele Exilanten, nach Deutschland zurückkehren zu können. Die Arbeitssituation war sehr schlecht: Die meisten deutschen Städte waren vollkommen zerstört; das Land wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt, von denen jede ihre eigene Kulturpolitik verfolgte.

      Trotz dieser Bedingungen kamen einige Schriftsteller noch im gleichen Jahr zurück. Einige dieser Heimkehrer gehörten in der Weimarer Republik dem —* Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an und hatten die Zeit ihres Exils in der Sowjetunion verbracht: Johannes R. Becher, Friedrich Wolf, Willi Bredel, Erich Weinert, Theodor Plivier u. a. Sie gingen in die Sowjetische Besatzungszone zurück. Zu ihnen trafen 1947 und 1948 Anna Seghers und Ludwig Renn aus Mexi-ko, Arnold Zweig aus Palästina. Sie alle versammelten sich in Berlin, auch Bertolt Brecht. Brecht erhielt bald mit Helene Weigel zusammen ein eigenes Theater, das spätere Berliner Ensemble. In der SBZ wurden schon kurz nach dem Zusammenbruch Einrichtungen zur Förderung von Schriftstellern geschaffen. Der Aufbau-Verlag wurde gegründet; schon 1947 hatten 225 Verlage ihre Arbeit begonnen.
      Der Aufbau-Verlag edierte eine Monatsschrift «Aufbau», die Artikel über Marcel Proust, Paul Val6ry, Franz Kafka, Hermann Broch, Seghers und Becher brachte - im Dritten Reich unterdrückte Autoren. Schon 1945 wurde der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Berlin gegründet. In seinem Manifest sagte der Bund von sich, daß er «von dem Willen beseelt war, die Freiheit zu wahren und zu festigen».
      Sehr liberal wurden die Publikationsangebote von Emigranten gehandhabt, die in der SBZ lebten oder dort leben wollten. 1945 erschien Pli-viers Roman «Stalingrad», 1946 Seghers KZ-Roman «Das siebte Kreuz», die im Exil entstandenen Gedichte von Becher, Bredels KZ-Roman «Die Prüfung». In den Theatern waren die Stücke von Friedrich Wolf zu sehen, «Professor Mamlock» , «Doktor Wanner» und «Die Illegalen» von Günther Weisenborn. 1947 erschien Falladas letzter Roman «Jeder stirbt für sich allein», in dem der Widerstand thematisiert wird, 1948 Bernhard Kellermanns «Totentanz», ein Roman über das Dritte Reich. Der 1. Schriftstellerkongreß tagte in allen vier Besatzungszonen.

     
{Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus - Elisabeth Langgässer hielt ein Referat über «Schriftsteller unter der Hitler-Diktatur» - war ebenso ein Thema wie ,die Diskussion verschiedener Welt-ianschauungen. Dieser Zustand poli- tischer Offenheit sollte nicht lange Jandauern.
      Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik nahm die Kulturpolitik eine eindeutige Richtung. Kulturbund, Verlage und Zeitschriften verloren ihre Liberalität. Der Nationalpreis für Schriftsteller und andere Künstler wurde in den ersten Jahren allerdings nicht ausschließlich an DDR-Autoren verliehen, sondern zum Beispiel auch an Heinrich Mann, Leonard Frank, Lion Feuchtwanger; ihre Werke erschienen daraufhin in Gesamtausgaben.
      Der 2. Schriftstellerkongreß sah die Aufgabe der Schriftsteller nun im Bearbeiten und Aufgreifen der sowjetischen Erfahrungen. Der -♦sozialistische Realismus, von A. Shdanov und anderen 1934 auf dem sowjetischen Schriftstellerkongreß eingeführt, galt einzig und umfassend als stilistische Orientierung. Der positive Held hat im Mittelpunkt zu stehen und die rückständigen Einflüsse, denen er natürlich ausgesetzt ist, abzuschütteln. Dem guten Helden stehen die gegenüber, die Schilderung seiner Umgebung und vor allen Dingen der Arbeitswelt stehen im Mittelpunkt. Die etwas langweiligen Reportagen aus der Arbeitswelt von Bredel, Stephan Hermlin und anderen entstanden 1950 in getreuer Anlehnung an die Gebote des sozialistischen Realismus. Ein Leitartikel des «Neuen
Deutschland» aus dieser Zeit verdeutlicht den Kurs: «Für uns muß im Sektor Kultur die Hebung des kulturellen Niveaus als die zentrale Aufgabe angesehen werden. Das bedeutet für das Gebiet der Kunst, daß rückständige, bürgerliche und kleinbürgerliche Vorstellungen und Anschauungen beseitigt werden ... Die Produktivität, die Wirksamkeit der Kunstwerke steigern, heißt also Kunstwerke schaffen, deren Inhalt dem Leben des Volkes entspricht und Fragen, die die Menschen bewegen, in einer positiven, vorwärtsweisenden und mitreißenden Weise beantworten.» Das neue Literaturverständnis beherzigt nur allzu treu das Wort Josef Stalins vom «Schriftsteller als Ingenieur der Seele». Aufbau der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft waren literarisch zu gestalten, und zwar nach exakten Vorgaben an die Autoren. Shdanov umreißt die Kriterien, nämlich «Wahrheitstreue», «Gestaltung des Typischen». Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus konnten, so gesehen, als untypisch gelten und waren nicht weiter zu berücksichtigen. James Joyce, Marcel Proust, Franz Kafka, Robert Musil galten inzwischen als «entartet und zersetzend». Der weiche, tolerante Kurs, der von Becher u.a. vertreten worden war, verlor vollständig an Einfluß. Sämtliche Werke, die nicht in das Muster des sozialistischen Realismus einzuordnen waren, waren der «direkte^) Unterstützung der Kriegspolitik des amerikanischen Imperialismus» verdächtig. Brecht wurde der «Bruch mit dem klassischen Kulturerbe» vorgeworfen.
      Propaganda, die einseitige Bevorzugung realistischer Schriftsteller, die Gründung des Amts für Literatur und Verlagswesen sowie eines selbständigen Schriftstellerverbandes, der seinen Mitgliedern «das literarische Können und jenes gesellschaftliche Wesen vermitteln , das sie befähigt, eine unserer Zeit, unseren Aufgaben und unseren Ideen würdige und nützliche Literatur zu schaffen», halfen bei der Durchsetzung der kulturpolitischen Ziele. Der Typ des Industrieromans, in dem der Arbeiter, sein Betrieb, seine Kollegen dargestellt werden, wird realisiert von Eduard Claudius, «Menschen an unserer Seite» , Hans Marchwitza, «Roheisen» , Anna Seghers, «Die Entscheidung» . Erwin Strittmatter bringt mit seinem «Ochsenkutscher» noch am ehesten etwas Originelles zustande. Bertolt Brecht schreibt in den fünfziger Jahren keine Stücke mehr, er beschränkt sich auf die Inszenierung seiner eigenen Schauspiele mit dem Berliner Ensemble. Die Kritik an der von der Partei erlassenen literarischen Schmalspurigkeit blieb nicht aus. Hans Mayer: «Der Tisch unserer Literatur ist kärglich gedeckt. Wir durchleben magere Jahre. ... Eine moderne Literatur ist nicht möglich ohne Kenntnis der modernen Literatur.» Kritik an Brecht und die Unterdrückung moderner Autoren wie Joyce und Kafka führten nach Mayers Meinung zu «Stagnation und Sterilität». Die Partei gestand daraufhin Fehler ein. «Ein Tauwetter, das keines war», kommentierte Hans Mayer, denn im Zuge des Ungarn-Aufstan-des wurden einmal gemachte Konzessionen zurückgenommen, Mayer und Ernst Bloch in öffentlichen Kampagnen denunziert, Publizisten und Schriftsteller verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
      Zwischen 1957 und 1962 hatte die Partei sich einem kulturpolitisch äußerst harten Kurs verschrieben, wie ihn der Bitterfelder Weg dokumentiert. Heute unter dem Begriff «zeitweilige Verengung» oder «Fehlorientierung» von der Partei veranschlagt, sorgte die neu ausgegebene Richtung für Aufregung. Schriftsteller sollten nun im Betrieb, also vor Ort, die «Brennpunkte des sozialen Aufbaus» kennenlernen, «das Neue erkennen, aufspüren und schöpferisch darstellen». Die Arbeiter selbst wurden mit der Losung «Greif zur Feder, Kumpel» zum Schreiben motiviert, eine Devise, die allerdings gegen die Initiatoren selbst zurückschlug. Die literarischen Ergebnisse von über dreihundert Zirkeln ließ die Partei um ihren selbst beschworenen «klassischen Standard» fürchten, und selbst parteitreue Autoren unterzogen sich dieser Funktionalisie-rung nur widerwillig, so daß die Partei schließlich vom Bitterfelder Weg abrückte.
      Allerdings hatten einige der Gänge-lung überdrüssige Schriftsteller die DDR zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen: Gerhard Zwerenz, Martin Gregor-Dellin, Heinar Kipphardt, Uwe Johnson und viele andere. Andere waren nicht länger bereit, den Parteidirektiven zu entsprechen, und riskierten eine grundsätzliche Kritik: so Peter Hacks: «Kollegen, Kommunismus, wenn ihr euch/den vorstellen wollt, dann richtet eure


Augen/auf was jetzt ist, und nehmt das Gegenteil.»
Und Fritz Rudolf Fries: «Viel wichtiger wird es sein, einmal Ideale gehabt zu haben..., jung gewesen zu sein und sein Leben dann bei der Beobachtung des dialektischen Umwandlungsprozesses zu verbringen, bei dem aus Idealen Enttäuschung wird, Anpassung, ich weiß nicht was.»
Auch Christa Wolf klingt etwa in «Nachdenken über Christa T.» wenig optimistisch: «Mir steht alles fremd wie eine Mauer entgegen. Ich taste die Steine ab, keine Lücke.»
Viele Bücher wanderten auf den —»Index oder wurden in der DDR nicht publiziert und kamen in westdeutschen —»Verlagen heraus. Wolf Biermann und viele andere wurden in der Ulbricht-Ära offen angegriffen:
«Herr Biermann weigert sich also, den schönen und hohen gesellschaftlichen Auftrag des Schriftstellers in unserer Republik zu erfüllen, den Aufbau der neuen, gerechten Gesellschaftsordnung literarisch darzustellen.»
1971 übernahm Erich Honecker die Führung der SED. Er weckt hohe Erwartungen, denn nach seiner Meinung «kann es auf dem Gebiet der Kunst und Literatur keine Tabus geben». Tatsächlich gewinnt die DDR-Literatur in dieser Zeit internationale Bedeutung. Christa Wolfs «Nachdenken über Christa T.» erscheint in hoher Auflage; Hermann Kant, «Das Impressum» , Ulrich Plenzdorf, «Die neuen Leiden des jungen W.» durften erscheinen, etwas später Christa Wolfs «Kindheitsmuster» , «Unterden Linden» , Jurek Becker, «Irreführung der Behörden» , «Der Boxer» , Gedichtsammlungen von Reiner Kunze und Sarah Kirsch. Wolf Biermann mit seinen treffsicheren Spottliedern blieb weiterhin tabu, Skepsis bestand gegenüber Reiner Kunze, Erich Fried. Mehr und mehr Ausreiseanträge wurden gestellt, die Partei machte wieder einmal eine kulturpolitische Wende, die in der Ausweisung Kunzes und Biermanns einen Höhepunkt fand. Ãœber hundert Künstler und Schriftsteller solidarisierten sich mit Biermann und Kunze: eine Rückkehr zu den Maßstäben der Ulbricht-Ära war nur für einige parteikonforme Schriftsteller erstrebenswert. Der 10. Schriftstellerkongreß im November 1987 veranlaßte Christa Wolf zu einer kritischen Bilanz der repressiven Kulturpolitik und zum Aufruf an ihre Kollegen, «mehr Mut» zu beweisen. Gorbatschows Reformkurs läßt Hoffnung auf Liberalisierung zu. Allerdings durfte der DDR-Schriftsteller Erich Loest als Mitglied einer BRD-Delegation nicht einreisen.
     


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