Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Jugendlexikon literatur

Index
» Jugendlexikon literatur
» Dadaismus

Dadaismus



Avantgardistische Kunst- und Literaturbewegung, entstanden unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs nach 1918.
      «Das Wort Dada wurde von Hugo Ball und mir zufällig in einem deutsch-französischen Diktionär entdeckt... Dada bedeutet im Französischen Holzpferdchen. Es imponiert durch seine Kürze und seine Suggestivität. Dada wurde nach kurzer Zeit das Aushängeschild für alles, was wir im Cabaret Voltaire an Kunst lancierten» . Die Geburt eines Begriffs kann selten so eindeutig belegt werden. Doch was bedeutet Dada? «Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch offenbaren kann. ... Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven, Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt. ... Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben mehr ästhetisch gegenüber.» Diese Äußerungen finden sich im «Dadaistischen Manifest» von 1918, das von allen bedeutenden Dadaisten der Zeit unterzeichnet ist. Nach der auf dem Gebiet der Kunst vollzogenen Revolution des —»Expressionismus will Dada noch weitergehen: Es stellt Kunst schlechthin in Frage und feiert das Chaos des Lebens. Dada ist die Anarchie des Schöpferischen; es ist clownesk und radikal zugleich. Der Dadaist versteht sich nicht als Künstler im herkömmlichen Sinne, er läßt sich von allen Äußerungen des Lebens anregen. «Ein Dadaist ist ein Mensch, der das Leben in allen seinen unübersehbaren Gestalten liebt und der weiß und sagt: nicht allein hier, sondern auch da, da, da ist das Leben!» . So sprengt Dada die Grenzen des üblichen Kunstwerks; die —> Collage wird zur charakteristischen Form im Dadaismus. Verschiedene Materialien werden zu ungewohnten, oft grotesken Gebilden zusammengefügt. Bilder sind aus Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs wie Fahrkarten, Stoffet-zen, Zeitungsschnipseln usw. komponiert; Gedichte werden zu optischen oder akustischen Ereignissen;in die Musik werden Alltagsgeräusche wie Klingeln, der Lärm von Preßlufthämmern usw. einbezogen. Diese Provokation hatte zum Ziel, die üblichen Normen und Regeln ihrer Sinnhaftigkeit zu berauben, die Ernsthaftigkeit der herrschenden Werte und Anschauungen in Frage zu stellen. In der Literatur beschränken sich die Dadaisten auf Kleinformen, d.h. auf Gedichte und Kurztexte, die entweder durch die graphische Gestaltung oder durch den mündlichen Vortrag Bedeutung gewinnen. Häufig ist ganz oder teilweise das syntaktische Gefüge aufgelöst, oder die Texte leben nur von ihrer lautlichen Gestalt wie Hugo Balls Gedicht «Karawane» :

«jolifanto bambla o l alli bamblagroßgiga m pfa habla horemegiga goramenhigo bloiko russula hujuhollaka hollalaanlogo bungblago bung blago bungbosso fataka
üüüüschampa wulla wussa olobohej tatta goremeschige zunbadawulubu ssubudu uluwu ssubudutumba ba-umfkusa gaumaba - umf».
      Keimzelle der dadaistischen Bewegung war das Cabaret Voltaire in Zürich, ein Sammelpunkt für Emigranten aus allen Teilen Europas. «Wir waren alle durch den Krieg über die Grenzen unserer Vaterländer geworfen worden» . Hier trafen sich, übrigens unweit von Lenins Exilwohnung, u. a. die Deutschen Hugo Ball und Richard Hueisenbeck, der Elsässer Hans Arp und der Rumäne

Tristan Tzara, und bildeten jene des Dadaismus, die ab 1

  
   Lesungen und kabarettistische Sze- nen zur Aufführung bringt und dabei Merkmale des —»Happenings vorwegnahm. Nach dem Ende des Krieges zerstreute sich die Gruppe, und es entstanden an verschiedenen Orten einzelne dadaistische Zirkel, insbesondere in Paris und in einigen Städten Deutschlands wie Berlin , Köln und Hannover . Dada verbreitet sich und regt eine große Anzahl von Künstlern zu fruchtbarer Kreati- vität an. In Paris wird Tzara schnell zur zentralen Figur einer Gruppe junger Intellektueller, die zwischen 1919 und 1921 eine Reihe von Soi-r6en veranstaltet und für das Jahr 1922 einen Dada-Kongreß «Zur Festlegung der Direktiven und zur Verteidigung des modernen Geistes» plant. Das Scheitern dieses Plans markiert, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, praktisch das Ende der dadaistischen Bewegung in Paris. Einige ihrer Vertreter entwik-kelten den —»Surrealismus als neue Kunstrichtung. Die Blütezeit des Dadaismus war nur von kurzer Dauer. Spätestens ab 1924 wandten sich die meisten Dadaisten anderen Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst und Kultur zu. Die Berliner Dadaisten George Grosz und John Heartfield beispielsweise stellten ihr Schaffen in den Dienst der Arbeiterbewegung. Der Kölner Max Ernst siedelte 1922 nach Paris über und schloß sich dort der Gruppe der Surrealisten an.
      Dem Hannoveraner Kurt Schwitters, der sich selbst weniger als Dadaisten, sondern als MERZkünstler bezeichnet , gelang es wohl am ehesten, aus Dada eine konstruktive Kunstform zu entwickeln. Seine Bild- und Textcollagen, seine Gedichte, sein teilweise realisiertes Projekt einer MERZarchitektur räumen einerseits dem Zufall als Gestaltungsmittel breiten Raum ein, andererseits ist Schwitters strenger Formwille deutlich sichtbar.
      Der Dadaismus stellt keine historisch abgeschlossene Kunstepoche dar. Elemente durchziehen, mal mehr, mal weniger sichtbar, verschiedene Strömungen in Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts.
     


Konturen des dadaismus

In eine Geschichte der Lyrik eine avantgardistische Bewegung einzubezie-hen, die sich selbst, wie Richard Huelsenbeck in der Einleitung seines Dada-Almanachs von 1920 schrieb, als eine Art Anti-Kultur-Propaganda bezeichnete und den vielgedruckten Geistschmusern den Kampf erklärt hatte, bedarf gewiss .....
[ mehr ]
Index » Lyrik des 20. Jahrhunderts (1900-1945) » Dada-Avantgarde zwischen Weltkrieg und Revolution. 1916-1920

 Tags:
Dadaismus    




Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com