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Briefroman



Im 18. Jahrhundert erlebte der Briefroman seine Konjunktur . In Reinform besteht er aus Briefen, meist von einem fiktiven Herausgeber mit Einleitung, Nachwort, Anmerkungen versehen. Parallelen zum—»Tagebuch ergeben sich, wenn die Briefe als Produkte eines einzi-
gen Schreibers vorgestellt werden. Wenn zwei Schreiber in einen Dialog treten, entsteht ein Gespräch, Briefsammlungen dann, wenn mehrere Schreiber in Korrespondenz treten. Eine Auseinandersetzung um den Briefroman gab es schon zur Zeit seiner Hochform. Christian Fürchtegott Geliert, von dem einer der be-

kanntesten deutschen Briefromane stammt, setzte sich mit ihm auseinander, wie auch J. C. Stockhausen in «Grundsätze wohleingerichteter Briefe» . Einflußreich waren die Romane Samuel Richardsons und Jean-Jacques Rous-seaus «Briefe zweier Liebender aus einer kleinen Stadt am Fuß der Alpen» .
      In jedem Fall braucht ein Briefroman einen Herausgeber. Seiner Aufgabe, die Briefe als wahr und au-thetisch auszuweisen, kommt er im Vorwort nach und behauptet meist, unter seltsamen Umständen an sie herangekommen zu sein. Fehlen noch Informationen, werden sie im Nachwort geliefert. Johann Karl August Musäus «Grandison der Zweite oder Geschichte des Herrn von N...» - verfügt über einen «Vorbericht» und «Avertisse-ment An das Publicum»; Sophie von La Roche stellt die «Geschichte des Fräuleins von Sternheim, von einer Freundin derselben aus Original-Papieren und anderen zuverlässigen Quellen gezogen», herausgegeben von Christoph Martin Wieland vor . In Johann Wolfgang Goethes «Die Leiden des jungen Werthers» wendet sich im Vorspann zum zweiten Buch «Der Herausgeber an den Leser» mit einem vermittelnden Wort. Darüber hinaus hat der Herausgeber die Möglichkeit, durch Anmerkungen, Fußnoten, Verweise und Kommentare zum Leser zu sprechen, was besonders Johann Timotheus Hermes in «Sophiens Reise von Memel nach Sachsen» ausgiebig nutzt. In diesem Briefroman schaltet sich auch noch ein fiktiver Setzer ein und wendet sich, ähnlich wie die Setzer der aktuellen Alternativpresse, mit eigenen Ãœberlegungen an das Publikum. Der selbsternannte Herausgeber zeichnet auch verantwortlich für Auswahl, Anordnung und hypothetische Kürzungen der Briefe. Allerdings kommen Beispiele auch vereinzelt ohne Herausgeber aus, wie Ludwig Tiecks «Geschichte des Herrn William Lovell» und Friedrich Hölderlins «Hyperion oder der Eremit in Griechenland» unter Beweis stellen. Als Idealtypus des Briefromans wird von seinen Autoren die fiktive Korrespondenz zwischen zwei oder mehreren Schreibern herausgestellt. In «Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit» verrät Goethe das erfolgversprechende Verfahren des Briefromans: «Die Werther-schen Briefe haben nun wohl deshalb einen so mannigfachen Reiz, weil ihr verschiedener Inhalt erst in solchen ideellen Dialogen mit mehreren Individuen durchgesprochen worden, sie sodann aber, in der Komposition selbst nur an einen Freund und Teilnehmer gerichtet erscheinen.» Auch Jean Paul ist sich der Vorteile des Briefromans bewußt. In seiner «Vorschule der Ästhetik» bemerkt er: «Der Roman verliert an reiner Bildung unendlich durch die Weite seiner Form, in welcher fast alle Formen liegen und klappern können. Ursprünglich ist er episch; aber zuweilen erzählt statt des Autors der Held, zuweilen alle Mitspieler. Der Roman in Briefen, welche nur entweder längere Monologen oder längere Dialogen sind, gränzet an die dramatische Form hinein, ja, wie in Werthers Leiden, in die lyrische.» Besonders gefordert sind die Leser des Briefromans, was sicherlich zu seiner außerordentlichen Beliebtheit beigetragen hat. Sie können sich sowohl mit dem Briefschreiber identifizieren als auch sich als Adressaten verstehen. Dazu bietet ihnen der
Herausgeber die Möglichkeit der Distanzierung an durch zusätzliche Ãœberlegungen, die er anstellt. Auf diese Weise beförderte der Briefroman die Entdeckung der Subjektivität und die Diskussion der bürgerlichen Moral.


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