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Brief



1. Für einen abwesenden Empfänger geschriebener Text, der durch Anrede und Schlußformel von anderenschriftlichen Mitteilungsformen unterschieden ist. Als in einem Umschlag verschlossenes privates Schriftstück genießt der Brief das Briefgeheimnis: niemand außer dem Adressaten darf ihn öffnen und lesen.
      Es wird oft behauptet, durch die modernen Kommunikationsmedien, besonders durch das Telefon, würde die Briefkultur aussterben. Das wird durch statistische Erhebungen keineswegs bestätigt; im Gegenteil zeigen die nach wie vor hohen Auflagen der —»Briefsteller , daß nach wie vor reges Interesse am Briefeschreiben besteht.

      Briefe gibt es, seit die Schrift in Gebrauch kam. Sie wurden zuerst auf Ton- oder Wachstafeln geritzt, später auf Papyrus geschrieben. Im Alten Testament kommen schon mehrere Briefe zur Sprache. Das bekannteste Beispiel findet sich im 2. Buch Samuel, der Brief König Davids an den Heerführer Joab.
      2. Seit überhaupt eine schriftlich überlieferte Literatur existiert, gibt es den Brief oder Briefsammlungen als literarische Form. In der —» Antike wurden bereits Briefe zu Büchern zusammengestellt, durch die ihre Verfasser auf ein größeres Publikum wirken wollten. Marcus Tullius Cicero veröffentlichte 900 Briefe in 37 Büchern, die zwar an bestimmte Adressaten gerichtet waren, darüber hinaus aber nach Ci-ceros Meinung von allgemeinem Interesse waren. Im Unterschied dazu benutzte etwa der römische Philosoph Seneca die Briefform, um in den «Epistulae morales ad lucilium»
seine philosophischen Anschauungen wirksam verkleiden zu können. Die «Epistulae» des lateinischen Dichters Horaz enthielten in Versform die «Ars poetica» , die bis zur französischen Klassik des 17. Jahrhunderts als ein poetologi-sches Grundbuch galten. Fingierte oder literarische Briefe wurden später oft irrtümlich als tatsächliche Dokumente gelesen. So hielt man die erfundenen Briefe in den Geschichtsbüchern desThukydi-des für historische Zeugnisse von dokumentarischem Wert. Auch offene Briefe sind schon in der Antike bezeugt. Der griechische Rhetor Isokrates schrieb an den mazedonischen König Philipp

II.

einen offenen Brief, in dem er zum Krieg gegen Persien riet. «Heroiden» nannte man fingierte Briefe eines mythologischen oder historischen Helden an seine Geliebte bzw. der Geliebten an den Helden. An die Stelle der Helden und Berühmtheiten konnten auch kleine Leute, z. B. Hetären, treten. Im Christentum spielten Briefe zunächst eine große Rolle bei der Ermahnung und Belehrung der Gemeinde durch den abwesenden Seelsorger oder Missionar. Das bekannteste Beispiel sind die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament. Die Kirchenväter setzten diese Tradition fort. Im Mittelalter wurde die Kunst des Briefeschreibens meist an den Höfen und in den Klöstern gepflegt. Bis zu den wissenschaftlichen Korrespondenten der Humanisten herrschte im gehobenen Briefverkehr die lateinische Sprache vor. Martin Luther schrieb seine vielen Briefe auf deutsch, auch damit trug er zur Weiterentwicklung der —»Schriftsprache bei. Großen Wert legte man im 17. Jahrhundert in Frankreich auf eine elegant-geistreiche Kunst der Korrepondenz. Im Deutschland des -»Barock bedienten sich die gehobenen Schichten des französischen Briefstils, die deutsche Sprache erschien den vornehmen Briefverfassern als zu grob und volksnah. Wie galante Briefe nach französischem Vorbild auch auf deutsch zu verfassen seien, teilt der Barockautor Benjamin Neukirch mit: «Eigentlich solten alle galante briefe verliebt seyn. Denn ein galant homme ist bey denen Frantzosen nichts anders/als ein munterer und aufgeweckter kopf/welcher durch seine artige einfalle dem frauenzim-mer zu gefallen suchet: durch galan-terie aber verstehen sie die schertz-liebe/oder diejenigen Süßigkeiten/ welche ein galan seiner maitresse zu sagen pfleget.»
Im Zuge der —»Aufklärung und besonders der —» Empfindsamkeit wurde an dem verspielt-unpersönlichen französischen Briefstil Kritik geübt. Christian Fürchtegott Geliert schrieb ein Buch über die Briefkunst: «Sammlung vorbildlicher Briefe nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmack in Briefen» . Nun werden Natürlichkeit und ein persönlicher Briefstil bevorzugt. Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als sich mit der —»Klassik, der Aufklärung oder dem —»Sturm und Drang und der Frühromantik unterschiedliche Stile und Schreibweisen herausgebildet hatten, die sich zum Teil überlagerten und vermischten, existierten auch mehrere Briefsprachennebeneinander, die je nach Verfasser, Adressat und Inhalt des Briefes zu unterscheiden sind. Seit der Empfindsamkeit gibt es schwärmerischgefühlsbetonte Briefe; vorher war mit der Aufklärung ein erzieherischrationaler Briefstil entstanden. Immer wieder kleideten Autoren ihre philosophischen oder literaturkritischen Traktate in Briefform, weil sie glaubten, damit größerer Aufmerksamkeit sicher sein zu können. Johann Gottfried Herders «Briefe zur Beförderung der Humanität» und Friedrich Schillers «Ãœber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen» sind bekannte Beispiele. Aus den Privatkorrespondenzen der um diese Zeit schreibenden Autoren ist ersichtlich, daß sie gerade in ihren Briefen unterschiedliche Schreibweisen miteinander verbinden. So finden sich in den Briefen des weitgereisten Aufklärers Georg Forster ausgesprochen schwärmerische neben beschreibend sachlichen, aufklärerische neben dunkel-irrationalen Schreibweisen. Vielleicht haben sich viele Autoren in ihren Briefen vom starren Schreiben in Stilen und Moden ausgeruht. Bemüht wurde Johann Wolfgang Goethes Briefwechsel mit Schiller, in dem u.a. die ästhetischen Grundsätze der deutschen Klassik entwickelt wurden. Um 1800 treten unter den leidenschaftlichen Briefschreibern der Romantik besonders Frauen hervor. Caroline Schelling-Schlegel, Bettina von Arnim oder Rahel Varnhagen wären hier zu nennen. Bettina von Arnim gab 1835 ihren Briefwechsel mit Goethe unter dem Titel «Goethes Briefwechsel mit einem Kinde» heraus.
     

In Ludwig Börnes «Briefen aus Paris» und in den vielen Briefsammlungen Heinrich Heines wird eine kritisch-politische Briefkunst fortgesetzt, wie sie unter dem Eindruck der Französischen Revolution von politisch wachen Reisenden geschrieben worden war. Im 19. und 20. Jahrhundert gibt es eine Fülle bedeutender literarischer Briefschreiber, u. a. Friedrich Hebbel, Theodor Storm, Gottfried Keller, Paul Heyse, Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Thomas Mann .
     


Der ästhetische maßstab - eopold andrians garten der erkenntnis und hugo von hofmannsthals ein brief

I. Die Priorität der Kunst vor dem Leben führt in der Prosa des Asthetizismus zu einer Gestaltung von Personen, an denen ästhetisches Verhalten als reales inszeniert wird. Die handelnden Personen verhalten sich in der Fiktion gegenüber ihrer Umwelt ästhetisch, sie tun dies jedenfalls entschiedener .....
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Index » Kontextualisierung und Analyse -Zur Literatur der Goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts

Handke: ,der kurze brief zum langen abschied

Um einen Versuch der Selbsterkundung, der Identitätsfindung geht es auch in Peter Handkes autobiographisch gefärbtem Roman Der kurze Brief zum langen Abschied , der sich inhaltlich wie strukturell deutlich auf verschiedene traditionelle Erzählmodelle, etwa auf das der Kriminalgeschichte, des psychol .....
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Im trubel der geschichte - heinrich zillichs briefe an alfred margul-sperber

In einem ausführlichen, dreiteiligen Ãœberblick über Die deutsche Dichtung Siebenbürgens in unserer Zeit hat Harald Krasser schon sehr früh eines der charakteristischen Merkmale der Tätigkeit Heinrich Zillichs treffend erfaßt: 'In Zillich durchdringen sich Dichter und publizistischer Kämpfer." Als H .....
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Die voyant-briefe (leere transzendenz, erstrebte abnormität, dissonantische )

1871 schrieb Rimbaud zwei Briefe, in denen er das Programm künftigen Dichtens entwarf. Das Programm deckt sich mit der zweiten Phase seines eigenen Dichtens. Da die Briefe um den Begriff des Sehers kreisen, hat man sich daran gewöhnt, sie die Voyant-Briefe zu nennen . Sie bestätigen auch für Rimbau .....
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Poe: der entwendete brief

Im Artikel Lituraterrc bestimmt Lacan die Literatur als Leltera-tur , als Brief, d.h. als Zeichen-Botschaft mit Ausradicrungcn, Auslassungen, Anspielungen, Metonymien und Metaphern, - als doppelten Diskurs, dessen Signifikanten nicht zuletzt wieder auf das verlorene 'Objekt klein a" bzw. den 'Ph .....
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Peter handke: »der kurze brief zum langen abschied« (i972) - faszination des films

Neue Wahrnehmung der Mitwelt Mit zwei spektakulären Ereignissen sprang der vierundzwanzigjährige österreichische Schriftsteller Peter Handke im Jahre 1966 auf die Bühne der literarischen Öffentlichkeit, mit Schmähreden gegen eine Autorenvereinigung und gegen die zeitgenössischen Zuschauer im Th .....
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Brief

Je nach der Intention des Briefschreibers nimmt ein Brief in der Hauptsache eine der vier oben angeführten dominanten Funktionen der Sprache wahr; meist jedoch übernimmt er mehr als eine. Nicht zuletzt dieser >Fähigkeit< des Briefes ist es zuzuschreiben, daß sich Literaten seiner öfter und auf v .....
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Index » Grundlagen der Textgestaltung » Der Brief und andere Textsorten im Grenzbereich der Literatur

Ein eigenes territorium von der größe einer briefmarke

Ein bisschen ähnlich arbeitete der Amerikaner William Faulkner, der freilich nicht die ganzen USA als Gegenstand wählte, sondern sein kleines Herkunftsgebiet, das er in veränderter Form neu und doch getreu erschuf: »Angefangen mit >Sartoris< [so heißt sein dritter Roman] entdeckte ich, dass es sich .....
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Oskar loerke (i884-i94i): brief-wilhelm lehmann (i882-i968): auf sommerlichem friedhof (i944)

Zwei Gränchen Staub im Wind Oskar Loerke, Träger des Kleist-Preises von 1913, war als Cheflektor des S. Fischer Verlags eine der Schaltstellen des literarischen Lebens in den zwanziger Jahren. In seinen Dichtungen bleiben Landschaftserlebnisse einer Kindheit im Osten prägend. Seine Naturlyrik str .....
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Die entdeckung der naturpoesie johann gottfried herder: auszug aus einem briefwechsel über oßian und die i jeder alter völker

Herder wurde 1 764 mit den Gesängen Ossians bekannt, als in Deutschland die ersten Übersetzungen erschienen. Es waren Gesänge in rhythmisierter Prosa: die F.pen Vingal und Tetnora sowie einundzwanzig kürzere Prosagedichte. Teils waren es Funde altgälischer Volksdichtungen aus dem schottischen Hoch .....
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Briefe über don karlos

Die Ausführungen zeigen, daß Schiller mit der literarischen Verarbeitung der Geheimbund- und Verschwörungsthematik im Geisterseher einen Trend der Zeit aufgriff und - knapp drei Jahre vor der Erstürmung der Bastille - im politischen Kontext popularisierte. Aber nicht nur in seinem Fortsetzungsroman, .....
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Index » Friedrich Schiller: Der Geisterseher » Despotismus der Aufklärung: Marquis von Posa, Illuminaten und Jesuiten

Bilderbuch: amal und der brief des königs (gajadin/ong l996)

Zunächst nehmen die Illustrationen gefangen. Farbkräftig gestaltet, öffnen sie den Blick für die fremde Welt Indiens - mit Fenstermotiven, realistisch oder phantastisch angelegt. Die Geschichte macht die Zusammenhänge klar: Der kranke Amal erlebt die Welt nur von seinem Fenster aus, sucht das Gesprä .....
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Dantes brief über den vierfachen schriftsinn

Die einschlägigen Passagen aus Dantes oben genanntem Brief an Cangrande della Scala seien hier in extenso zitiert. Es geht Dante um die sachgerechte Deutung der Göttlichen Komödie, die er selbst La Commedia nannte. Wo es im Folgenden >Werk< heißt, ist immer diese gemeint. § 7. Um einzusehen, worum .....
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Quintus horatius flaccus - brief an die pisonen über die dichtkunst

Weder kürzer noch länger als fünf Akte [1] muß ein Stück sein, dessen Wiederaufführung verlangt werden soll, und es darf kein Gott eingreifen, wenn nicht ein Knoten in der Handlung auftritt, der verdient, daß ihn ein Gott entwirre. Auch soll sich kein vierter Schauspieler [2] abmühen zu sprechen. De .....
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Gotthold ephraim lessing - briefe, die neueste literatur betreffend

Siebzehnter Brief 'Niemand", sagen die Verfasser der 'Bibliothek", wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe." Ich bin dieser Niemand; ich leugne es gerade zu. Es wäre zu wünschen, daß sich Herr Gottsched niem .....
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Johann gottfried herder - auszug aus einem briefwechsel über ossian und die lieder alter völker

Je wilder, d. i. je lebendiger, je freiwürkender ein Volk ist, desto wilder, d. i. desto lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder sein. Je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Letternart [1] das Volk ist, desto w .....
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Friedrich schlegel - brief über den roman

Ich habe ein bestimmtes Merkmal des Gegensatzes zwischen dem Antiken und dem Romantischen aufgestellt. Indessen bitte ich Sie doch, nun nicht sogleich anzunehmen, daß mir das Romantische und das Moderne völlig gleich gelte. [...] Wollen Sie sich den Unterschied völlig klar machen, so lesen Sie gefäl .....
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Johann wolfgang goethe - winckelmann und sein jahrhundert in briefen und aufsätzen

Antikes Der Mensch vermag gar manches durch zweckmäßigen Gebrauch einzelner Kräfte, er vermag das Außerordentliche durch Verbindung mehrerer Fähigkeiten; aber das Einzige, ganz Unerwartete leistet er nur, wenn sich die sämtlichen Eigenschaften gleichmäßig in ihm vereinigen. Das letzte war das glück .....
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Georg bÃœchner - briefe

An Gutzkow Lieber Freund! War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe, Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld h .....
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