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Übersetzung



Im allgemeinen Sprachgebrauch lassen sich folgende Grundbedeutungen unterscheiden: 1. Umsetzung von Lauten in Schrift und von einer Schrift in die andere , z. B. Griechisch in Lateinisch, in Braille oder Morsezeichen. 2. Übertragung in eine andere Gattung oder ein anderes Medium, z. B. Verfilmung von Texten, Umschreiben von Gedichten in Prosa. 3. Intralinguales Übersetzen: Wiedergabe von Texten aus einer lteren Sprachstufe in einer anderen historischen Sprachstufe derselben Sprache. 4. Interlinguales Übersetzen: Wiedergabe von Äuerungen einer natrlichen Sprache in einer anderen natrlichen Sprache. Seit es Menschen gibt, ist ein Interesse an Übersetzungen verschiedener Beschaffenheit festzustellen. Dabei waren Übersetzungen nie bloe Nachbildungen des Originals, sie brachten immer etwas Neues in die Geschichte der Literatur und Sprache. Aus der Geschichte der neuhochdeutschen Sprache und auch der Literatur ist der Einflu bestimmter Übersetzungen nicht wegzudenken. Fr den deutschen Sprachraum erffnet Martin Luthers Bibelbersetzung eine bestimmte Tradition der Übersetzung , nmlich dergleichzeitigen Arbeit an einem bestimmten Werk und an der Sprache selbst. In seinem Sendbrief vom Dolmetschen gibt er Auskunft ber seine Arbeitsmethode. Ihm ist daran gelegen, die Sprache seiner Zeit einer grundlegenden Prfung zu unterziehen. Dabei verfolgt er das Ziel, dem Volk in gutem und klarem Deutsch einen revidierten Zugang zu Glaubensinhalten zu verschaffen. In seinem Sendbrief macht er sein Vorgehen deutlich, nach dem man nicht die lateinischen Buchstaben nach dem Deutschen fragen, sondern dem Volke auf das Maul sehen soll. Gleichzeitig unterschtzt er nicht die agitatorischen Mglichkeiten seiner Bibelbersetzung, wenn er, ebenfalls im Sendbrief, dem Effekt des bedeutenden Wortes den Vorrang gegenber dem deutschen Sprachgebrauch einrumt. Er gibt zu, lieber wolle er der deutschen Sprache Abbruch tun, denn vor dem Wort weichen. Mit dieser Methode forciert Luther die Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache. Ausgehend von der damaligen Sprachwirklichkeit zeigt er gleichzeitig ungenutzte Ausdrucksmglichkeiten auf. Im darauffolgenden Jahrhundert ist keine Weiterentwicklung der Übersetzung zu verzeichnen. Latein bleibt bis ins 17. Jahrhundert Bildungssprache. Martin Opitz erkennt die Bedeutung der Übersetzung fr die Ausbildung der Sprache. Er mit ihr jedoch keine eigene Bedeutung bei, sondern wertet sie kurzerhand als Spezialform der Nachahmung. Wie wenig ihm die Schwierigkeit des Übersetzens bewut ist, beweist er, indem er die Arcadia von Philip Sidney nicht aus der Original-sprche, sondern vom Franzsischen ins Deutsche bertrgt. Auch im Kreis um Johann Christoph Gottsched ndert sich die Situation kaum. Herr und Frau Gottsched waren zwar fleiige Übersetzer, ihre Übersetzungstheorie orientierte sich jedoch ausschlielich an zwei Überlegungen: eine Interpretation des Textes ist nicht erlaubt, und die Regeln der deutschen bzw. der Zielsprache sind bindend. Hintergrund dieser Regeln bildet die aufklrerische Auffassung von Sprache: Worte sind die Zeichen der Gedanken und nehmen daher im Sprechen wie im Schreiben ihre Stelle ein. Da die Gedanken universell, d. h. in aller Welt die gleichen und alle Menschen gleich organisiert sind, gibt es eine feste Ordnung der Gedanken. Einzelne Sprachen sind verschiedene Ausdrucksformen dieser gleichen Ordnung. Übersetzen ist demnach nur ein technisches Problem, Genauigkeit, Deutlichkeit, Klarheit stehen im Vordergrund.

      Johann Jakob Breitinger und Johann Jakob Bodmer gehen ber diese Auffassung hinaus. Sie sammeln praktische Erfahrung mit Bodmers Übersetzung von John Miltons Pa-radise Lost und machen sich die Tatsache nationaler Unterschiede bewut. Der Übersetzer sieht sich vor den Anspruch gestellt, diese Unterschiede durch die Sprache zu objektivieren, um sie fr ein Lesepublikum rezipierbar zu machen . Bodmers Übersetzung sucht die Nhe zum Text und lt sich auf die Bilder des Originals ein, so da fr seine Zeit Unerhrtes bei der Übersetzung herauskommt. Breitinger geht zwarimmer noch von der Verpflichtung des Übersetzers aus, er habe eine Identitt der Gedanken mit anderen Zeichen herzustellen: Von einem Übersetzer wird erfordert, da er ebendieselben Begriffe und Gedanken, die er in einem trefflichen Muster vor sich findet... mit anderen gleichgltigen bei einem Volke angenommenen, gebruchlichen und bekannten Zeichen ausdrcke, so da die Vorstellung der Gedanken unter beiderlei Zeichen einen gleichen Eindruck auf das Gemte des Lesers mache. Das Gemt des Lesers ist jedoch die Instanz des gleichen Eindrucks. Miltons Bilder bringen Breitinger darber hinaus die Einsicht, da ein Groteil des Sprachmaterials nicht aus gleichbedeutenden Zeichen bestehen kann, z. B. Redensarten, —♦Metaphern. Das Neue und das Wunderbare, das die Milton-Über-setzung bringt, kann die Auffassung vom Schnen verndern . Ebenso ndern sich Rezeptionsbedingungen, wenn nicht auf Seiten des Menschen die betubende Gewohnheit diesen Wirkungen allen Zugang und Einflu in das Gemte versperrete.
      Christoph Martin Wielands Übersetzung der Werke William Shakespeares wird zum hnlich spektakulren Ereignis wie die deutsche Version von Miltons Paradise Lost. Auch hier lt sich das Zusammenwirken von -Literaturgeschichte und Übersetzungen nachvollziehen. Wieland nimmt sich vor, Shakespeares Gesamtwerk zu bersetzen, bewltigt allerdings nur 22 Dramen . Er arbeitet mit einer fehlerhaften Originalausgabe und ausschlielich mit einem englisch-franzsischen Lexikon. Kritische Stellen finden also immer ber den Umweg des Franzsischen ihre Übersetzung. Englisch spielt zu dieser Zeit als Sprache berhaupt keine Rolle, so da Wielands Übersetzung deutschsprachigen Lesern den ersten und einzigen Zugang zu Shakespeare erffnet. Unbercksichtigt bleiben hierbei die —Adaptionen der englischen —Wanderbhnen. Diese gaben die Handlungsstruktur kaum korrekt wieder, sondern beschrnkten sich auf saftige, blutrnstige und publikumswirksame Szenen. Wieland entschliet sich zu einer Übersetzungsstrategie durchgngiger Prosa. Dem entstehenden Shakespeare-Bild ist damit der Rahmen gesteckt. Der Vorwurf der Kunstlosigkeit trifft hufig nicht den -Autor, sondern den Übersetzer. Trotz der Abstriche, die der Übersetzung geschuldet sind, findet Shakespeare groe Resonanz, den Dichtern des —> Sturm und Drang war er eine regelrechte Offenbarung. Johann Wolfgang Goethe kommentiert, Wieland habe den Deutschen durch die Reprsentativi-tt seines Geschmacks und seines Sprachgebrauchs Shakespeare berhaupt erst geniebar gemacht. Darber hinaus gibt Wieland der Übersetzungstheorie neue Impulse und eine konkrete Grundlage. Johann Gottfried Herder nimmt in seinem Shakespeare-Aufsatz Wielands Übersetzung zum Ausgangspunkt, die Erneuerung der dichterischen Ausdrucksform in der deutschen Sprache zu fordern. Gotthold Ephraim Lessing diskutiert in seinen Briefen, die neueste Literatur betreffend ebenfalls die Praxis des Übersetzens. Die Verschiedenheit der Sprache fhrt er je-doch nach aufklrerischer Einsicht auf eine universale Gedankenordnungzurck.
      In der Frhromantik nimmt das Übersetzungsproblem eine nie gekannte Bedeutung an. Nicht nur fr Clemens Brentano sind die Begriffe Romantik und Übersetzung deckungsgleich. Friedrich Schlegel begreift Dichtung und Sprache vor allem historisch. Er grenzt aus, Übersetzung sei durchaus keine Nachbildung. Sie kann das Original nicht ersetzen. In der Übersetzung lebt jeweils das Original fort, ist zugleich selbst neues Werk und damit Moment der werdenden Kunstform. In der Übersetzung wird die romantische Idee vom Kontinuum der Formen sichtbar. Novalis hebt den Unterschied zwischen Dichtung und Übersetzung auf, mehr noch -der Übersetzer mu der Dichter des Dichters sein, ihn also nach seiner und des Dichters eigener Idee zugleich reden lassen knnen. August Wilhelm Schlegels Überlegungen sind naturgem stark mit seiner eigenen Shakespeare-Übersetzungverbunden. Er bemht sich, die Kompositionsregeln Shakespeares zu erschlieen und dem zu bersetzenden Text keine Regeln von auen aufzuzwingen. Der Dichter erscheint als unbewut schaffendes Genie, als Gedankenknstler. Ihm gelingt es nach Auffassung Schlegels, Natur, Phantasie und Verstand zu vereinigen. Seine Sprache ist demnach alltglich, poetisch, natrlich und knstlerisch zugleich. In seiner Arbeitsweise habe Shakespeare alle Mglichkeiten damaliger Sprache bis an die Grenzen und ber sie hinaus erschpft. So versucht Schlegel, allen Kritikern, die die angebliche Regel-losigkeit Shakespeares anprangern, zu entgegnen.
      Friedrich Schleiermacher fordert in seinen Vorlesungen Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens den Übersetzer auf, Verstndnis fr das Original zu wecken und zu vermitteln. Er soll sich in einer Sprachform uern, der die Spuren der Mhe aufgedrckt sind und das Gefhl der fremden beigemischt bleibt. Diesen Anspruch versucht er in seiner Plato-Übersetzung umzusetzen . Er legt Wert auf Wiedergabe der Originalstrukturen und lt die Fremdheit der deutschen Sprachform erkennen. Damals als knstlich verlacht, wird sie noch heute aufgelegt und gelesen.
      Mit dem Scheitern der Revolution von 1848 ist eine Abkehr der -Philologie von Fragen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der Sprachentwicklung zu verzeichnen. Ulrich Wi-lamowitz-Moellendorf kehrt in Theorie und Praxis zu einem Übersetzungsbegriff zurck, der alle bisherigen Einsichten vllig ignoriert. Friedrich Gundolf und Stefan George hingegen greifen auf die Diskussion der Frhromantiker zurck. Interessant und weiterfhrend sind im 20. Jahrhundert die Äuerungen Rudolf Borchardts und Walter Benjamins. In bewuter Auseinandersetzung mit Wilamowitz nimmt Bor-chardt fr sich in Anspruch: Ich bin so hochmtig, Äschylos eben nicht klarer zu wollen, als er sich selber gewollt hat, auch Pindar nicht, auch Swinburne und George nicht. Ich bin zu blde, dem ungeheuren Gesicht eine falsche scheinhafte Deutlichkeit anzuwnschen..., es kommt auf den nicht an; es kommt nicht an auf das, was bleibt, wenn die Formen zer-brochen sind. Die Formen als freie Erscheinung wollen als das, was sie sind, nicht als das, wozu sie angeblich dienen, ergriffen sein, und wer berhaupt reich genug ist, sie zu erleben, wird sie so erleben, wie kein anderer vor ihm und nach ihm es kann.
Übersetzen wird fr ihn ein Programm der Sprachschpfung; historische Versteinerungen in der Sprache knnen so aufgehoben werden und Krfte politischer Vernderung sich in der Sprache entfalten. Benjamin entwickelt seine Übersetzungstheorie in dem Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers . Er begreift Übersetzen als Sehnsucht nach Sprachergnzung. Der Nationalsozialismus und die linientreue Philologie zeigten, wie sich von selbst versteht, kein Interesse am Thema erscheint erst seit 1964. Die Zahl der in der Welt publizierten Übersetzungen stieg von 9000 im Jahre 1948 auf 50430 im Jahre 1977. Unter den wichtigen Übersetzerlndern ist die Bundesrepublik Deutschland nach wie vor an der Spitze. Die UNESCO gibt jhrlich eine internationale —> Bibliographie, den Index Translationum, heraus; danach entfallen von den 1977 publizierten Übersetzungen auf die Sowjetunion 6937; auf die Bundesrepublik 6558 und auf die USA 1604. Mit zunehmender Bedeutung der Übersetzung wchst auch das Interesse an der Ttigkeit. Die Bundesrepublik
weist gute Ausbildungsmglichkeiten auf . In Dsseldorf wurde neuerdings der Studiengang fr literarisches Übersetzen eingerichtet. Auer den privaten Fremdspracheninstituten entlt auch die philologische Fakultt ihre Studenten u. a. auf den Übersetzermarkt. Bis auf wenige Ausnahmen bietet das Übersetzen allein keine ausreichende Existenzgrundlage: Die meisten der fast 3000 literarischen Übersetzer in Krschners Literatur-Kalender von 1981 sind gleichzeitig unter der Rubrik Schriftsteller zu finden.
     


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