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Autobiographie



Autobiographie nennt man die literarische Darstellung des eigenen Lebens.
      Schon die «Bekenntnisse» des Augustinus zeigen die Merkmale der Autobiographie. Hier werden Erkenntnisse dargelegt, die Augustinus im Laufe seines Lebens über sich gewonnen hat. Das Resultat bildet die Beschreibung seiner Persönlichkeit. Er läßt sich bei seiner Schilderung nicht von außen leiten, sondern leuchtet sein Inneres aus, ganz gleich, ob ihm dieses Vorgehen psychisch schwerfällt, ob es schmerzlich ist oder vielleicht auch Negatives hervorbringt. An der Idealisierung seiner Person wie seiner Geschichte ist ihm nicht gelegen, er präsentiert sich, wie er ist, das heißt, wie er sich selbst sieht. Allerdings bleibt seine Selbstdarstellung auf seinen religiösen Werdegang beschränkt. Was die Autobiographie zur beliebten Lektüre werden läßt, nämlich die «Gestaltung der Persönlichkeit», «die ethische Energie der Selbsterkenntnis» fehlt den Autobiographen des —»Mittelalters noch ziemlich stark. So konzentriert sich Petrus Abaelardus in seiner «Historia calamitatum Abaelar-di» ganz auf die Wiedergabe seiner Mißgeschicke, während die Heilige Theresa sich in «El libro de su vida» der Darstellung ihres Weges zum Glauben widmet. Unter dem Motto religiöser Besinnung und Innerlichkeit steht auch die Lebensgeschichte des Götz von Berlichingen und das zur Autobiographie umgearbeitete Reisetagebuch Felix Platters . Einzelheiten über ihre Reisen und Pilgerfahrten reihen sich aneinander und bieten heutigen Lesern eine Chronik, die weder als verlockende noch ergiebige Lektüre erscheint. Erst die -»Renaissance bildet ein heraus, das selbstbewußt genug ist, um sich als Bestandteil einer komplexen Welt zu verorten. Ent-sprechend lohnend ist nun die Arbeit des Autobiographen und entsprechend interessant die Lektüre dieser frühen Autobiographien. «Du wirst wissen wollen, was für ein Mensch ich war», schreibt Francesco Petrarca. In seiner Autobiographie «Posterität!» löst er dieses Angebot an die Leserein. Benvenuto Cellinis Autobiographie «Vita» gibt ein buntes und vielfältiges Leben wieder, an dem er seine Leser teilnehmen läßt, ganz gleich, ob es sich um Höhen oder Tiefen, Erfolge oder Mißerfolge handelt. In England erscheinen die ersten Autobiographien, z. B. John Bunyan, «Grace Abounding to the Chief of Sinners» , auf die ähnliche Lebensberichte in Deutschland folgen . Die selbstquälerische Beobachtungsarbeit in diesen Autobiographien ist sehr auffällig, es steht hier die minutiöse Beschäftigung mit Glauben, Sünden und kleinen Verfehlungen im Vordergrund; demgegenüber wird der Blick auf die Umwelt, in der diese Glaubenskämpfe stattfinden, eher vernachlässigt.

      Immerhin entwickelt sich aus diesen etwas bornierten Formen der Beichte eine Sensibilität für das historische Umfeld, in dem ein Mensch lebt und zu dem er sich verhalten muß, ob er will oder nicht. Die Erkenntnis der Selbstverantwortung für das eigene Leben macht Stil und Inhalt für heutige Leser interessanter, da die Darstellung komplexer und ehrlicher wird.
      Das 1.8. und beginnende 19. Jahrhundert bringen Lebensbeschreibungenhervor, in denen sich Souveränität und der Wunsch ausdrücken, größtmögliche Autonomie zu erreichen. Pathetisch formuliert: Das Ja zum Individuum setzt sich in der Autobiographie durch. Um einige interessante und lesenswerte Beispiele zu nennen: Vittorio Alfieri, «Lebensbeschreibung» ; «Lebenserinnerungen Benjamin Franklins» ; Jean-Jacques Rousseau, «Die Bekenntnisse» . Weniger spektakulär sind die Autobiographien von nicht so berühmten Persönlichkeiten wie z.B.: Ulrich Bräker, «Lebensgeschichte und natürliche Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg» , Karl Philipp Moritz, «Anton Reiser» , Johann Gottfried Seu-me, «Mein Leben» , Heinrich Jung-Stilling «Henrich Stillings Jugend» .
      Johann Wolfgang Goethe fächert seine Lebensgeschichte thematisch auf: «Die Campagne in Frankreich» , «Die Belagerung von Maynz» , «Italienische Reise» und natürlich die berühmte und umfassende Darstellung seines Lebens «Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit» . «Dichtung und Wahrheit» stellt der erzählerischen Entwicklung der Lebensgeschichte eine Definition von Autobiographie voran, die an Präzision bis heute nicht übertroffen wurde und die gleichzeitig ihre Problematik umreißt: «... dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, in wiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht dar-aus gebildet, und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter und Schriftsteller ist, wieder nach außen abspiegelt. Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, daß nämlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den willigen als unwilligen mit sich fortreißt, bestimmt und bildet, dergestalt daß man wohl sagen kann, ein Jeder nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.»
Das Individuelle und Eigentümliche des eigenen Ich und der bestimmende Charakter der geschichtlichen und gesellschaftlichen Umstände für die eigene Autobiographie sind damit benannt und werden von den nun folgenden Autobiographien zum Maßstab genommen. Dieses läßt eine große Variationsbreite in der Gestaltung zu, da das eigene Leben und die spezifische Umwelt eines jeden Autors grundverschieden sind. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden zahllose Autobiographien aus allen gesellschaftlichen Schichten verfaßt. Ganz gleich, ob sie von bekannten Persönlichkeiten, von Gefängnisinsassen oder Prostituierten geschrieben wurden und werden, fanden und finden sie immer Interesse beim Publikum.
      Einige Autoren von Autobiographien aus diesem Zeitraum: Hans Christian Andersen, Johann Jakob Bachofen, Charles Darwin, Theodor Fontane, Sigmund Freud, Gerhart Hauptmann, August Strind-berg, Ernst Toller, Mark Twain, Stefan Zweig.
     


Nouveau roman und autobiographie

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