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Arbeiterliteratur



Mit dem in der Forschung umstrittenen Begriff bezeichnet man zumeist Texte, die sich thematisch mit der Arbeitswelt auseinandersetzen, sich an ein proletarisches Publikum wenden und - in manchen Fällen - von Arbeitern geschrieben sind. Im Jahre 1900 erschien eine Gedichtsammlung mit dem Titel «Stimmen der Freiheit». Die dort abgedruckten Lieder und Gedichte wenden sich an die in der Arbeiterbewegung Organisierten. Die meisten Texte aber handeln nicht von Fabriken, sie beschreiben nicht die sozialen Probleme und individuellen Nöte der Arbeiter, vielmehr vermitteln sie vor allem eine optimistische Grundstimmung. könnte das Motto heißen. Versuchsweise wird die gesamte Lebenswelt der Proletarier auf diese bessere Zukunft hin interpretiert. Dabei liefert die Natur die —»Allegorien für die politische Perspektive . Sogar die christlichen Feste werden in einen sozialistischen Jahreslauf eingeordnet: Weihnachten wird zur Geburtsstunde des Sozialismus, Ostern symbolisiert die Auferstehung des Proletariats, Pfingsten wird zum Fest der Solidarität. Auch germanische und griechische Mythen werden für den politischen Kampf umgedichtet; die Errungenschaften der Technik sollen dem Proletariat der Zukunft zugute kommen. Zweifellos handelt es sich hier um Arbeiterliteratur. Doch nur 24 der 68 Autoren dieser —»Anthologie sind Arbeiterdichter, die Mehrzahl der für den Kampf der Arbeiterklasse eintretenden Autoren ist bürgerlicher Herkunft. Das trifft etwa auf die in der Gedichtsammlung vertretenen Schriftsteller Georg Weerth, Georg Herwegh oder Ferdinand Freiligrath zu. Hier treten Widersprüche des Begriffs Arbeiterliteratur zutage, die niemals gänzlich aufgelöst werden konnten; denn stets blieb unklar, ob es sich um Literatur für Arbeiter oder von Arbeitern handeln sollte. Auch wenn man sich in theoretischen Kontroversen darauf einigte, unter Arbeiterliteratur alles zu verstehen, was zur Bewußtwer-dung der Proletarier beiträgt und hilft, die sozialistische Zukunft zu erkämpfen, herrschte über Formen und Inhalte von Arbeiterliteratur immer noch keine Klarheit. Minna Kautsky zum Beispiel schrieb für das 1876 von der Sozialdemokratie gegründete illustrierte Unterhaltungsblatt «Die neue Welt» eine Art proletarische Trivialliteratur, die von der bürgerlichen Massenliteratur nicht weit entfernt war. Ihr Roman «Die Alten und die Neuen» spielt im Milieu des Hochadels, der als verkommen und machtgierig dargestellt wird. Das - allerdings kaum vorkommende -Proletariat hingegen wird in bunten Farben geschildert. Die Zielsetzung der «Neuen Welt» war vielleicht auch etwas zu allgemein. Das Blatt wollte «durch Wahrheit und Dichtung anregen, belehren, begeistern, den Vorkämpfern der Menschheit im Herzen des Volkes ein Denkmal setzen, das Schöne, Edle, Gute verfechten, die deutsche Jugend erziehen, das deutsche Volk geistig mündig und frei machen helfen».

      So ergab sich die paradoxe Lage, daß die Autoren aus dem Umkreis der Arbeiterbewegung die bessere Zukunft und schönere Träume propagierten, während im—»Naturalismus bürgerliche Schriftsteller das Elend der Arbeiter zum Thema machten. Die Stärke der Arbeiterliteratur bis zum Ersten Weltkrieg lag allerdings nicht im Verfassen von —»Romanen. Hervorzuheben ist neben der Arbeiterlyrik und agitatorischen Kurztexten in der Presse der Arbeiterbewegung vor allem das Arbeitertheater. Man setzt den Beginn der proletarischen Lyrik in Deutschland mit dem anonym verfaßten Weberlied «Das Blutgericht» an. Der schlesi-sche Weberaufstand von 1844 wird in vielen Weberliedern u. a. von Heinrich Heine und Georg Weerth zum Thema gemacht. Die Kultur der Arbeiterbewegung mit ihren Streiks und Demonstrationen, mit dem ausgeprägten Vereinsleben und einem eigenen Bildungswesen bildete den Rahmen vieler agitatorischer Lieder und Gedichte. Für die proletarische Selbstdarstellung und die Agitation boten sich aber vor allem die vielfäl-
tigen Möglichkeiten des Theaters an. Zunächst entstand eine vom bür- gerlichen Theaterbetrieb unabhän- gige proletarische Theaterbewegung. Während der Zeit der Sozialisten- gesetze von 1878 bis 1890 war das Arbeitertheater gezwungen, Kompromisse einzugehen. In meist allegorisch verkleideter Form - oft wählte man große Ge stalten aus der Geschichte - konnten die politischen Ziele des Sozialismus nur verschlüsselt ausgedrückt wer- den.
      Nach der Ära der Sozialistengesetze
entwickelten sich das agitatorische

Kampfdrama und das Maifestspiel.
      Friedrich Bosses Streikdrama «Im

Kampf» schildert die Ausein-
andersetzung zwischen Industriear-

beitern und dem Unternehmer. Der
Streik im Stück ist erfolgreich, die

Arbeiter können ihr Recht auf politi-
sehe Betätigung durchsetzen. In den

Maifestspielen drückt sich die Ge-
wißheit aus, eine neue, sozialistische

Gesellschaft herbeiführen zu kön-
nen. Heute wirken solche Texte

etwas hochtrabend und im Verhält-
nis zu den Erfahrungen und Bedürf-

nissen der Arbeiter abstrakt. Eine
literaturkritische Lektüre kann die-

sen Texten allerdings nur schwer ge-
recht werden. Wichtiger als ihre lite-

rarische Qualität war meist die Auf-
,, führung selbst in der konkreten poli-

tischen Situation.
      Unter dem Eindruck des naturalisti-

sehen Dramas versuchten dann viele
Autoren des Arbeitertheaters, , auch von der bürgerlichen Kritik anerkannte Stücke zu schreiben. Die Laienbewegung des proletarischen Theaters kam zum Stillstand.

     
Auch die um die Jahrhundertwende veröffentlichten Arbeiterautobiographien konnten in ihrer Wirkung nicht dem Ziel einer kämpferisch-politischen Literatur entsprechen. So wurden z.B. Karl Fischers «Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters» 1903 von Paul Göhre in einem bürgerlichen Verlag herausgegeben und mit kostbarem Buchschmuck versehen. Diese und andere Arbeiterautobiographien galten Göhre nicht als kämpferische Dokumente, sondern als «Material für die Volkskunde unserer Zeit».
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Verallgemeinernd läßt sich feststellen, daß sich nicht wenige sozialdemokratische Arbeiterschriftsteller in ihren Schriften vom Alltagsleben und von den konkreten Auseinandersetzungen der Arbeiter entfernten.
      Das trifft auch für die Arbeiterdichtung im engeren Sinne zu. Arbeiterdichter nannten sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Autoren, die, selbst aus den Reihen der Arbeiter stammend, Themen aus dem Produktionsbereich und dem Leben der Arbeiter aufgriffen. Zu dieser Gruppe gehören Alfons Petzold, Heinrich Lersch, Gerrit Engelke, Max Bar-thel, Karl Bröger sowie die sogenannte Nylandgruppe mit Josef Winckler, Jakob Kneip und Wilhelm Versho-fen.
      Diese Arbeiterdichter versuchten die Erfahrung des Ersten Weltkrieges und die literarische Epoche des-* Expressionismus für ihre Gedichte und Lieder fruchtbar zu machen. Allerdings griffen sie dabei häufig auf formale Klischees zurück und neigten dazu, zugunsten großer Ideen und Gefühle die Öffentlichkeit der Arbeiterkultur zu überspringen .
     


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