Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


19. jahrhundert

Index
» 19. jahrhundert
» Zur Problematik des Bildungsbegriffs

Zur Problematik des Bildungsbegriffs



Die tiefgreifende Problematik des Bildungsbegriffs im 19. Jahrhundert steht in engem Zusammenhang mit den soeben skizzierten Entwicklungen. Denn Bildung meint, soweit sie nicht im engeren Sinne pädagogisch zu vermittelnder Lerninhalte, sondern im weiteren der Bildungsroman-Tradition definiert wird, gerade jenes Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen und damit den Prozeß des individuellen Hineinwachsens in einen wie auch immer bestimmten umfassenderen gesellschaftlichen Zusammenhang. Die lebhafte Diskussion um Zielsetzung und Methoden wahrer Bildung im 19. Jahrhundert spiegelte demgemäß das sich verstärkende Bewußtsein von der Fragwürdigkeit überkommener Ordnungen und Vorstellungen, die der Anpassung an die veränderten Verhältnisse zu bedürfen schienen.
      Im Hinblick auf das Problem individueller Bildung lassen sich im 19. Jahrhundert zwei Hauptströmungen unterscheiden: Einerseits wirkte ein neuhumanistischer Bildungsbegriff in der Nachfolge Humboldts fort, der das Ideal der harmonischen, allseitig gebildeten Persönlichkeit über das Nützlichkeitsdenken der bürgerlichen Welt stellte, aber auch in der höchsten individuellen Bildung den größten Nutzen für Staat und Gesellschaft sah. Diese Auffassung findet sich nicht nur ganz explizit bei Stifter , sondern in abgewandelter Form auch in anderen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts.
      Hiermit konkurrierte zum anderen eine pragmatische, Utilitätsgesichtspunkte betonende Auffassung von Bildung, der es um Kenntnisse und praktische Fertigkeiten ging, die in der arbeitsteiligen Gesellschaft verwertbar waren. Dieses Konzept konnte für den Bildungsroman allerdings schon deshalb nicht relevant werden, weil es diesem in der Wilhelm-Meister-Nachtolge weniger um die Darstellung der Vermittlung und Aufnahme speziellen Wissensstoffes als um die Ausbildung des ,ganzen Menschen' ging. Generell läßt sich festhalten, daß im Lauf des Jahrhunderts die moderne, auf konkrete Verwertbarkeit orientierte Bildungsvorstellung an Bedeutung gewann. Allerdings sind genaue Grenzlinien kaum zu ziehen, da die beiden eigentlich konträren Bildungsvorstellungen vielfach aufeinander bezogen waren.
      Vor allem nach den Ereignissen von 1848/49 lief die Entwicklung, selbst soweit sie nach außen hin von neuhumanistischen Ideen beeinflußt blieb, auf ein materielles und zweckhaftes Bildungsdenken hinaus. Zunehmend wurde die durch staatliche Institutionen vermittelte und durch Diplome beglaubigte ,Bildüng' zum Statussymbol, das berufliche Chancen, besondere Rechte und soziales Prestige verschaffte. Damit wurde der Besitz oder Nicht-Besitz von Bildung in dieser Phase der bürgerlichen Gesellschaft zu einem der entscheidenden Kriterien für die Abgrenzung der sozialen Schichten .
      Diese Verdinglichung und Veräußerlichung der Bildungskonzeption wurde zum Hauptangriffsziel der Kulturkritik bei Autoren wie Arnold Rüge, Paul de Lagarde und — bis heute besonders wirkungsmächtig — bei Friedrich Nietzsche. Für letzteren war der bürgerliche 'Bildungsphilister", der glaubte, Bildung besitzen' zu können, der Inbegriff aller kulturellen Unzulänglichkeiten. In ihm erkannte er mit beißendem Spott
'das Hinderniss aller Kräftigen und Schaffenden, das Labyrinth aller Zweifelnden und Verirrten [...], die Fussfessel aller nach hohen Zielen Laufenden [...], die ausdorrende Sandwüste des suchenden und nach neuem Leben lechzenden deutschen Geistes" .
      Zweifellos lief der individualistisch-neuhumanistische Bildungsgedanke gerade im politisch restaurativen Klima nach 1848 Gefahr, die Bildung des Einzelnen nur als widerspruchslos ablaufende, formalisierte Sozialisation und damit als Anpassung an die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft aufzufassen und ihr so jedes emanzipatorische, nicht nur das Subjekt, sondern auch die objektiven Verhältnisse auf die Probe stellende Moment zu nehmen. Im Hinblick auf diese Gefahr hat man die Wiederbelebung des deutschen Bildungsromans nach 1848 interpretiert als 'unzeitgemäße, das heißt nicht auf der Höhe der Geschichte stehende, unter Umständen radikal oppositionelle Kritik an der Verdinglichung und Formalisierung jener Bildungsidee, die die Wilhelm-Meister-Tradhion bezeichnete" . Allerdings verweisen gerade die bedeutenderen Beispiele der Gattungsgeschichte auf die zunehmende Fragwürdigkeit des traditionellen Bildungskonzepts. Die großen Bildungsromane Kellers, Stifters und Raabes, aber auch schon Immermanns Epigonen machen deutlich, daß unter den komplexen Bedingungen der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft die individuelle Verwirklichung der idealistisch-neuhumanistischen Bildungsidee mit ihrem Ideal der Synthese von Ich und Welt grundsätzlich problematisch wurde: Die Schwierigkeiten der geschilderten Bildungsprozesse und mehr noch die Brüche in der Gestaltung der Romanschlüsse legen davon Zeugnis ab.
     

 Tags:
Zur  Problematik  Bildungsbegriffs    



Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com