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Stifters Bildungsideal - Rettung in heilloser Zeit



Adalbert Stifters 1857 erschienener und im Untertitel schlicht als „Erzählung" bezeichneter Roman Der Nachsommer kann als ein Sonderfall nicht nur in der zeitgenössischen Literatur, sondern auch in der Geschichte des Bildungsromans gelten. Denn die durchgängige Asthetisierung der dargestellten Welt und der in ihr agierenden Charaktere entspricht weder den auf wahrheitsgetreue Wiedergabe der Realität drängenden literarischen Tendenzen nach 1848 noch dem den Bildungsroman als Gattung kennzeichnenden Postulat, den Helden in seinen -grundsätzlich problematischen - Beziehungen zur äußeren Wirklichkeit seiner Zeit zu zeigen.
      Dieser Versuch der harmonisierenden Reduzierung gesellschaftlicher, aber auch psychologischer Komplexität wird verständlich nur vor dem Hintergrund der Revolutionsereignisse der Jahre 1848/49: Stifter hatte sich unter dem Eindruck der revolutionären Turbulenzen, die gerade auch den Vielvölkerstaat der Donaumonarchie erschüttert hatten und schließlich gewaltsam niedergeschlagen worden waren, vom gemäßigten Liberalen zum Verteidiger der hergebrachten monarchisch-ständischen Ordnung gewandelt. In diesem Kontext ist der Nachsommer als literarische Verarbeitung politischer Erfahrungen zweifellos, wie Max Rychner hervorgehoben hat, „eine Gegengründung zur Revolution, seine Starre das Gegenstück zu ihrer Bewegtheit, seine Zartheit zu ihrer Roheit, seine Beherrschung zu ihrer Entfesselung" .
      Die kompromißlose Ablehnung jeder radikalen politischen Veränderung bedeutete nun allerdings nicht, daß Stifter - wie etwa die Theoretiker der Grenzboten - die Gesellschaft seiner Zeit vorbehaltlos bejaht und die fraglose Integration in dieselbe propagiert hätte. Seine Diagnose der nachrevolutionären Verhältnisse war ganz im Gegenteil geprägt von tiefer Skepsis: „Die Verschlechterung und das Zerfallen der menschlichen Gesellschaft halte ich für das erste und größte Übel unserer Zeit, und dem muß abgeholfen werden, wenn wir zu retten sein sollen" .
      Abhilfe konnte aber, wie Stifter immer wieder betonte, nicht von politischen und schon gar nicht von revolutionären Bestrebungen erhofft werden, sondern allein - analog der im Grunde genommen moralischen Kritik an den realen Mißständen - von der Rückbesinnung auf die sittlich-ethischen Möglichkeiten des Menschen:
„Das Ideal der Freiheit ist auf lange Zeit vernichtet, wer sittlich frei ist, kann es staatlich sein, ja ist es immer; den andern können alle Mächte der Erde nicht dazu machen. Es gibt nur eine Macht, die es kann: Bildung" .
      In dieser hohen Wertschätzung der Bildung ging das Erbe der idealistischen Philosophie und der klassischen deutschen Literatur eine enge Verbindung ein mit Traditionen der josephinischen Aufklärung, so etwa wenn Stifter immer wieder die positive Funktion der menschlichen Vernunft hervorhob, die da fordere, „daß ein jeder seine Affekte dahin zu bändigen hat, daß alle gleichmäßig, als vernünftige Wesen, ihrem Vernunftzwecke: größter menschlicher Vervollkommnung, nachgehen können" .
      In diesem Prozeß sowohl der individuellen Bildung als auch der sukzessiven Fortentwicklung des menschlichen Geschlechts war der Literatur eine produktive Rolle zugewiesen; Stifter selbst betrachtete die eigenen Werke demgemäß nicht als „Dichtungen allein [...], sondern als sittliche Offenbarungen", die gerade als solche einen besonderen Wert beanspruchten, „der bei unserer elenden, frivolen Litteratur länger bleiben wird, als der poetische" .
      Im Nachsommer fanden diese Auffassungen von Aufgabe und Würde des Schriftstellers ihre unmittelbare literarische Konkretion - im geschlossenen Kosmos der Romanwelt ,lebte' ein Ideal, das in der historischen Realität nicht mehr auffindbar schien, das aber in der literarischen Darstellung noch einmal als Gegenbild zum schlechten Tatsächlichen aufscheinen, den Leser in seinen Bann ziehen und so sittlich-produktive Wirkungen entfalten sollte:
„Ich habe wahrscheinlich das Werk der Schlechtigkeit willen gemacht, die im Allgemeinen mit einigen Ausnahmen in den Staatsverhältnissen der Welt, in dem sittlichen Leben derselben und in der Dichtkunst herrscht. Ich habe eine große einfache sittliche Kraft der elenden Verkommenheit gegenüber stellen wollen" .
      Die didaktischen Absichten hatten nun allerdings Folgen für das, was an Welt, an äußerer Realität im Nachsommer erscheint. Denn Stifter konnte sich unter den angedeuteten Voraussetzungen weder mit der bloßen Wiedergabe der zeitgenössischen Wirklichkeit noch mit der psychologisch stimmigen Beschreibung einer durchschnittlichen Bildungsgeschichte begnügen. Statt dessen thematisiert der Roman bewußt den Dualismus von „tieferem", „vollendetem Leben" -repräsentiert vor allem durch die Sphäre des Rosenhauses - und „gewöhnlichem", „mechanischem Leben", das sich auf prosaische Geschäfte, politische Fragen u. ä. beschränkt:
„Ich habe ein tieferes und reicheres Leben, als es gewöhnlich vorkömmt, in dem Werke zeichnen wollen und zwar in seiner Vollendung und zum Überblike entfaltet da liegend in Risach und Mathilden, [...] in seiner Entwiklung begriffen und an jenem vollendeten Leben reifend in dem jungen Naturforscher an Natalie Roland Klotilde Gustav" .
      Die Bildungsgeschichte Heinrich Drendorfs ist also durchaus als exemplarische Entfaltung des skizzierten Ideals menschlicher Existenz aufzufassen und an ihm zu messen. Deutlich wird, daß und wie Stifter den „vorbildhaften Bildungsprozeß eines Individuums zum letzten Ordnungsfaktor einer verwirrten Epoche" zu erheben versucht .
     

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