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19. jahrhundert

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Die Ordnung der Dinge — epische Totalität



Strebt der Bildungsroman als Gattung idealiter eine Balance zwischen Individuum und Welt an, so ist dieses Verhältnis im Nachsommer von vornherein zuungunsten des Protagonisten verschoben. Denn Bildung wird hier verstanden als fraglose Integration in das Gefüge der geschilderten Welt, deren Harmonie immer wieder beschworen wird, so daß es gerechtfertigt erscheint, sich mit der im Ganzen des Romans repräsentierten ,Ordnung der Dinge' zu beschäftigen, bevor der Bildungsgang des Protagonisten in seinen wesentlichen Zügen nachgezeichnet wird.
      Die Feststellung des den eigenen Bildungsweg rekapitulierenden Erzählers, er sei schon im Kindesalter 'ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge" gewesen, verweist ebenso wie etwa Risachs Forderung nach 'Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an sich sind" , auf das Bestreben des Romans, die fiktive Realität, in der sich Heinrichs Bildungsprozeß vollzieht, primär als ein Ordnungssystem aufzufassen, das sich als a priori gegebenes der Kritik und dem Einfluß des Menschen entzieht. Das Zusammenspiel der Dinge, seien sie nun natürlicher oder auch künstlich-künstlerischer Provenienz, umschreibt den Lebenszusammenhang, in den der Mensch sich einzuordnen hat: Denn das, was ist, ist grundsätzlich 'heilig", da von der göttlichen Vernunft durchwaltet; der Einzelne muß also - und zwar bezeichnenderweise nicht nur in den Naturwissenschaften - bestrebt sein, 'auf die Merkmale der Dinge zu achten, diese Merkmale zu lieben, und die Wesenheit der Dinge zu verehren" .
      Für die Bildungskonzeption des Nachsommer ist entscheidend, daß die Bedürfnisse und Wünsche des Einzelnen kein selbständiges Recht gegenüber der vernünftigen Ordnung der Natur beanspruchen können. Denn diese Ordnung fundiert die sittlichen Normen und die Muster des sozialen Lebens, in die hineinzufinden einzige Aufgabe des Individuums ist. In Erziehung, Familie, Freundschaft, Liebe, sozialem Zusammenleben gelten für den Einzelnen die Gesetze einer prästabilierten Harmonie, vor deren allumfassender Geltung sich alle Auseinandersetzungen und tiefgreifenden Konflikte von vornherein als nicht nur sinnlos, sondern auch als unberechtigt erweisen. Da Heinrichs Werdegang sich innerhalb dieser unumstößlichen Setzungen der Natur und der Vernunft vollzieht, erscheint jeder antagonistische Zwiespalt zwischen ihm und den objektiven Verhältnissen eo ipso unmöglich: Der Prozeß seiner ,Bildung' reduziert sich auf das organische Hineinwachsen in eine vorgegebene Ordnung, deren Legitimation nicht anzufechten ist.
      Stifters Versuch, unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts noch einmal epische Totalität so zu gestalten, daß Gültigkeit wie Praktizierbarkeit der propagierten Normen verbürgt zu sein schienen, wurde allerdings, wie nicht nur Arno Schmidt kritisch vermerkte, erkauft mit einem hohen Maß an 'Sekretieren und Unterdrücken unangenehmer Fakten", das heißt mit dem Verzicht auf die realistische Darstellung der tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit . Bezeichnenderweise verzichtete der Autor selbst auf den ursprünglich geplanten Untertitel 'eine Erzählung aus unseren Tagen" zugunsten der neutralen Bezeichnung 'Erzählung": 'Die Zeit muß der Leser finden" .
      Wie bereits die zeitgenössische Kritik beiläufig konstatierte , kann die Nachsommer-Welt kaum beanspruchen, die tatsächliche Wirklichkeit des Jahrhunderts in all ihrer Widersprüchlichkeit zu repräsentieren, zumal bedeutende Aspekte der modernen gesellschaftlichen Existenz gar nicht oder nur am Rande thematisiert werden. Wesentliche Voraussetzung des Nachsommer-Modells ist also die Idealisierung der Realität, die sich in der Stilisierung oder Ausblendung komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse manifestiert und den Rückzug in die konfliktfreie Sphäre des Rosenhauses und der wesensverwandten väterlichen Familie begründet. Diese weltflüchtig-idealisierende Tendenz speist sich, wie bereits angedeutet, kontrastiv aus der ursprünglichen Erfahrung der Zerrissenheit der Welt und versucht, dieser einen konkreten Gegenentwurf entgegenzusetzen, in dem sowohl die Ãœberschaubarkeit als auch die Sinnhaftigkeit aller Lebensbereiche realisiert erscheinen.
      Es ist allerdings bezeichnend für die im literarischen Kunstwerk nicht einfach zu negierende Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, daß diese sich im Zusammenhang mit der ökonomischen Absicherung der Hauptfiguren trotz allem im idealen Kosmos des Rosenhauses bemerkbar machen . Denn die Vermögensverhältnisse eines wohlsituierten Bürgertums sind notwendige Voraussetzung für die idealen Bestrebungen Risachs, Heinrichs und seines Vaters. Gerade die Tatsache, daß die autonome Existenz so offensichtlich von materiellem Wohlstand abhängt, verweist auf die Partikularität der in Stifters Roman propagierten Vorstellungen von persönlicher Autonomie und Identität.
      Aus der Tendenz zu einer idealisierten Darstellung der Wirklichkeit resultiert auch eben jene Stillstellung von Zeit und Geschichte, die man dem Roman und seinem Autor häufig zum Vorwurf gemacht hat . Dieser doppelten Entzeitlichung des Geschehens - in bezug auf den individuellen Entwicklungsprozeß wie auf dessen historische Rahmenbedingungen - entsprechen drei von Stifter bewußt eingesetzte Kunstmittel der literarischen Gestaltung, nämlich 'die Verräumlichung von menschlichen Verhältnissen, die Ritualisierung zwischenmenschlicher Aktionen und die Wiederholung von Zeitabläufen, so daß das Gleiche wiederkehrt" .
      In den vom Roman beschriebenen Räumen, seien es nun einzelne Zimmer, ganze Häuser oder Gärten und ländliche Anwesen, manifestiert sich der Wille ihrer jeweiligen Bewohner zu bewußter Anerkennung und Aufrechterhaltung bestimmter Ordnungen. Vor allem der Landsitz Risachs legt Zeugnis ab von dieser Anstrengung, die disparaten Elemente natürlich-menschlichen Lebens in eine einheitliche, harmonische Form zu integrieren. Jedem Menschen und jedem Ding wird der ihm zustehende Platz zugewiesen .
      Ähnlich wie die Raumdarstellung haben im Gefüge des Romans die Prinzipien der Wiederholung und der Ritualisierung die Aufgabe, Ordnung sinnfällig zu machen. Sie tragen wesentlich dazu bei, den zeitlichen Ablauf des Geschehens einer rigiden Strukturierung zu unterwerfen, so daß er über weite Strecken als Wiederkehr des bereits Bekannten und Vertrauten erscheint. Dabei werden jedoch die jeweiligen Themen und Motive, die zumeist gleichzeitig Faktoren der Bildung des Helden sind, nicht bloß schematisch repetiert, sondern auf einer höheren Stufe des Bewußtseins in neue Zusammenhänge gestellt, die sich Heinrich - und dem Leser - erst allmählich erschließen. Was bei vordergründiger Lektüre als ermüdende Fülle von Redundanzen erscheinen mag, erweist sich unter diesem Aspekt als absichtsvolle didaktische Präsentation der entscheidenden Bildungselemente, und zwar nicht nur in bezug auf den Protagonisten selbst, sondern auch auf den Leser .
      Auch diese heute eher befremdlich wirkende Interpretation der Welt und der Erfahrungsmöglichkeiten des Subjekts kann als Indiz gelten für Stifters Versuch, im bewußten Gegensatz zu den Aporien der Zeit epische Totalität literarisch zu gestalten und am Beispiel eines individuellen Bildungsgeschicks dem Leser anschaulich zu vermitteln.
     

 Tags:
Die  Ordnung  der  Dinge  â€”  epische  Totalität    



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