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19. jahrhundert

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Die Bildungsgeschichte Heinrich Drendorfs



Maximen der Bildung
'[...] Wenn ich mir einige Kenntnisse und eine bestimmte Empfindung des Schönen erworben habe, so danke ich alles dem Besitzer dieses Hauses, der mich so gütig aufgenommen, und manches in mir hervor gezogen hat, das wohl sonst nie zu irgend einer Bedeutung gekommen wäre" .
      Mit dieser bescheidenen Bemerkung macht Heinrich im Gespräch mit Mathilde darauf aufmerksam, daß er die zentrale Bedeutung des Rosenhauses und seines Besitzers für den eigenen Bildungsgang durchaus erkannt hat. Vor allem in der Begegnung mit Risach und der nach dessen Maximen gestalteten, abgeschlossenen Welt des Asperhofes vollzieht sich die harmonische Entfaltung der inneren Kräfte und Anlagen des Helden, die allerdings bereits im Elternhaus zu einer solchen Entwicklung vorbereitet und angeregt worden sind.
      Diese Vorbildfunktion Risachs und des Vaters, in geringerem Maße auch Mathildes oder Eustachs, ist um so wichtiger, als sich individuelle Bildung im Nachsommer so gut wie ausschließlich im ständigen Umgang mit bereits gebildeten Menschen vollzieht und nicht in konfliktreicher Auseinandersetzung mit einer äußeren, widerständigen Realität. So kann Risach anläßlich der Hochzeit des Helden zufrieden den positiven Abschluß eines Bildungsprozesses proklamieren, für dessen Gelingen alle Menschen guten Willens, und nicht zuletzt er selbst, sich verantwortlich gefühlt haben: '[...] Sein Selbst hat sich entwickelt, und aller Umgang, der ihm zu Teil geworden [...], hat geholfen" .
      Damit ist eine Vorstellung von Bildung umrissen, die den Zögling nicht einer rigiden Erziehung und Indoktrination unterwerfen will, bei der ihm nur eine passive Rolle zufiele. Statt dessen wird Bildung, ganz im klassisch-humanistischen Sinne, als Entwicklung verstanden, die sich mit innerer Notwendigkeit aus den subjektiven Voraussetzungen des Individuums ergibt und zu ihrer Erfüllung höchstens der behutsamen Lenkung bedarf. Wie für die Kunst, so gelten auch für die Bildung die grundlegenden Maximen von 'Ergebung Vertrauen Warten" .
      Ein solches Vertrauen sowohl auf die sittlichen Kräfte des Einzelnen als auch auf den fördernden Einfluß der Mitmenschen gründet in dem festen Glauben an die prinzipiell sinnvolle Einrichtung der Welt und an die Vernunft des Menschen. Nur weil alle Beteiligten sich von vornherein als Glied dieser vernünftigen Ganzheit verstehen, die ihren objektiven Ausdruck in der apriorischen Ordnung der Dinge findet , ist ein so harmonischer Bildungsgang wie derjenige Heinrich Drendorfs überhaupt möglich. Unter diesen Voraussetzungen kann aber Freiheit stets nur die Freiheit im Rahmen des Gesetzes sein, und die tätige Inanspruchnahme persönlicher Freiheit muß sich auf die 'verständige", das heißt freiwillige Unterordnung unter das Gesetz beschränken . Maß und Beschränkung sollen also nicht als von außen auferlegt erscheinen, sondern als Resultat der freien Entscheidung des Individuums.
      Damit sind alle jene Konflikte ausgeschlossen, die ansonsten im Bildungsroman thematisiert werden . Im Nachsommer ist beispielsweise kein Raum für den produktiven Irrtum, der auch Umwege und Enttäuschungen zu wichtigen Bildungserfahrungen macht. Vor allem aber fehlt der offen ausgetragene Widerspruch zwischen den Bedürfnissen des Ich und den objektiven Anforderungen der Welt, da der Einzelne gegen die Ordnung der Dinge keine eigenen Rechte geltend machen kann.
      Solche Pflicht zur Integration in vorgegebene Sinnzusammenhänge bedeutet nun aber keineswegs, daß die individuelle Natur des einzelnen Menschen zurückgedrängt oder gar ausgelöscht werden sollte. Vielmehr sieht auch Stifter in der umfassenden Ausbildung aller Kräfte das höchste Ziel der Bildung, vor dem die Ansprüche von Staat und Gesellschaft zurückzutreten haben. Heinrichs Vater und Risach meinen übereinstimmend,
'[...] der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft" .
      Diese Betonung des klassischen Individualitätsgedankens ist zu verstehen als Reaktion auf die Erfahrungen, die dem Einzelnen unter den Bedingungen der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft durch den Zwang zur Spezialisierung und Funktionalisierung drohen. Da ist es nur natürlich, daß Heinrichs Vater seinen Sohn nicht etwa zum Kaufmann oder zum Beamten, sondern zum 'Wissenschafter im allgemeinen" bestimmt. Auf diese Weise will er ihm die Schwierigkeiten auf dem Weg zu , wahrer' Bildung ersparen, die ihn selbst - als typischen bürgerlichen Aufsteiger - ein Leben lang geprägt haben. Wie der Vater warnt auch Risach eindringlich vor allen vorschnellen und einseitigen Festlegungen:
'Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind, so wird der Mensch, eben weil alle Kräfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. [...] Später, wenn der Grund gelegt ist, muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen" .
      Der Freiherr von Risach vermag allein deshalb so großen Einfluß als Heinrichs Mentor und väterlicher Freund zu gewinnen, weil er selbst — einen friedlichen ,Nachsommer' durchlebend, frei von ökonomischen, beruflichen und anderen gesellschaftlichen Abhängigkeiten - das dem Roman inhärente Menschen- und Bildungsideal wie kein anderer verkörpert: Seine Gelehrsamkeit und tiefe Menschlichkeit, die Vielfalt und Pracht seiner Kunstsammlungen, sein wohlgeordnetes, Schönheit und Nutzen verbindendes ländliches Besitztum - all diese Elemente eines bewußt und planvoll geführten Daseins gewinnen Vorbildfunktion für Heinrichs Bildungsgang. Hier zeigt sich ihm eine vollendete menschliche Existenz in der Synthese von Natur, Kunst und praktischer Lebensführung.
      Die Naturwissenschaft, die Kunst und die Liebe
Die Natur , die Kunst und das menschliche Leben gelten im Nachsommer nicht als isolierte, sondern als miteinander untrennbar verbundene Bereiche. Das höchste Streben muß deshalb dahin zielen, die lebendige Ganzheit der Schöpfung angemessen zu erfassen und darüber hinaus die eigene Existenz dieser Ganzheit entsprechend zu gestalten. Die Summe singulärer Kenntnisse und Erkenntnisse kann niemals wahre Bildung ergeben, realisiert sich diese doch allein im Nach Vollzug der 'innern Schönheit [der Welt], die man auf ein Mal fassen soll, nicht zerstückt" .
      Dieser ganzheitlichen Zielsetzung, die Heinrich fortschreitend zu seiner eigenen macht, widerspricht durchaus nicht, daß sein Bildungsgang hierarchisch strukturiert ist: nämlich als sukzessive Erweiterung seines Horizonts in der Beschäftigung zuerst mit den verschiedenen Bereichen der Natur, später auch mit den Problemen des Kunstgewerbes, der Malerei, der Plastik und schließlich der Dichtung. Dieses Interesse für die Kunst, das sowohl durch Risach und das Rosenhaus als auch durch die eigenen zeichnerischen Bemühungen angeregt worden ist, ergänzt die naturwissenschaftlichen Studien, ersetzt sie aber nicht. Im Erlebnis der Liebe gewinnt es dann eine neue, tiefere Dimension.
      Wenn Heinrich die Naturwissenschaften zu seinem Hauptarbeitsgebiet macht, so geschieht dies nicht mit dem Ziel moderner technischer Naturbeherrschung und -ausbeutung, sondern stets im Hinblick auf die postulierte Universalität der Natur, da zumindest sie noch den inneren Zusammenhang alles Getrennten und Widersprüchlichen zu gewährleisten scheint.
      '[...] Gerade die Naturwissenschaft ist das für Stifters Wirklichkeitserfahrung bedeutsamste Hilfsmittel, die Negativität dieser Erfahrung [der Heterogenität der Erscheinungen] zu entschärfen. [...] Das Naturgesetz ist hier das letzte [...] Vorstellungsschema, das dem Bewußtsein erlaubt, die in der primären - wir dürfen auch sagen: in der konkreten, erlebten - Wirklichkeit disparaten Erscheinungen in folgerichtigem Zusammenhang zu sehen" .
      So nimmt es nicht wunder, daß nicht zuletzt die Naturwissenschaften dazu ausersehen sind, die Negativität der Gegenwart zu überwinden und die Menschheit in eine 'Zeit der Größe" zu führen, 'die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist" . Die Aufgabe eines exemplarisch gebildeten Individuums, wie Heinrich es zweifellos vorstellen soll, kann unter diesen Umständen nur darin liegen, die Welt auf diesem Wege ein kleines Stück weiterzubringen.
      Als Maßstab für den historischen Zustand der Menschheit und für den Grad individueller Bildung fungiert im Nachsommer das Verhältnis zur Kunst: Wo das wahre Verständnis für die Kunst fehlt, da mangelt es auch an moralischethischen Qualitäten. In dieser engen Korrespondenz zwischen dem Schönen und dem Sittlichen, der Stifter nicht nur im Nachsommer Ausdruck gegeben hat , ist der Kunst in bezug auf die menschliche Existenz die Funktion zugewiesen, 'als Spiegel, Echo, Erinnerung, Anruf, Gestalt" dazu beizutragen, 'das Gesetz jenseits aller Willkür und Leidenschaft auszusprechen und es als schönes Bild beispielhaft zu erheben" .
      Insofern sie die Ganzheit der Schöpfung ästhetisch reproduziert, hat daher auch die Kunst Anrecht darauf, als 'Zweig der Religion" geachtet zu werden, ebenso wie die Künstler gar als 'Götter", die Kunstkenner und -liebha-ber als 'Priester dieser Götter" und die Dichter als 'Priester des Schönen" Würdigung finden, da sie 'das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende" vermitteln. In diesem Sinne ist die Kunst - und hier vor allem die der Antike - nicht ein beiläufiges Akzidenz des Lebens, sondern dessen beste Lehrmeisterin. Das ist der Grund, warum in der Welt des Rosenhauses die Restauration exemplarischer Kunstwerke und die Nachahmung des Alten, aus der erst allmählich Neues in organischer Entwicklung entstehen soll , eine so wesentliche Rolle spielen: Erst das vollständig restituierte Werk ist in der Lage, als ästhetisches Ganzes die ihm immanente didaktisch-sittliche Wirkung auszuüben.
      Der Bildungsprozeß des Helden ist unter diesen Prämissen gekennzeichnet durch die 'stufenweise Entfaltung der Erkenntnismöglichkeit von Schönheit" . In dem schönen, da in sich stimmigen und die Ordnung der Natur ästhetisch verdoppelnden Kunstwerk tritt die lebendige Ganzheit ans Licht, die der Betrachter in der eigenen Existenz als Versöhnung von Allgemeinem und Besonderem, von Gesellschaft und Individuum zu realisieren strebt.
      Die Nachsommer-Forschung der jüngstvergangenen Jahre hat in diesem Zusammenhang allerdings zu Recht die Frage gestellt, ob nicht eine solche Identi-tätsfindung am Leitfaden der Kunsterfahrung nur unter der Bedingung einer im wesentlichen ästhetisch strukturierten Wirklichkeit konzipierbar war. Damit ist der Einwand erhoben, daß die intendierte Versöhnung in Stifters Roman nur als Resultat einer ausschließlich ästhetischen Bildung erscheint, die als 'der wechselseitige Prozeß der Ästhetisierung von Mensch und Wirklichkeit" zu umreißen wäre: 'Damit der Mensch zu schöner Vollkommenheit gelange, muß er die Welt ästhetisch umformen" . Eben solche Anstrengungen beschreibt der Nachsommer am Beispiel des Rosenhauses in extenso. Die ästhetische Ãœberformung der Wirklichkeit aber kann, wie der Roman indirekt und entgegen der Intention des Autors offenbart, nur einen abgegrenzten Bereich der Realität im Sinne des Ideals verwandeln; daß wichtige Elemente der erfahrbaren Wirklichkeit von vornherein ausgespart werden, nährt den Zweifel an der Allgemeingültigkeit des idealen Weltentwurfs.
      Die Beschäftigung mit Natur und Kunst reicht jedoch nicht aus, den Bildungsgang des Helden zum glücklichen Ende zu führen. Heinrichs zweifelnde Frage, 'ob die Kunst die Dichtung die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende, oder ob es noch ein Ferneres gäbe, das es umschließe, und es mit weit größerem Glück erfülle" , wird in der Begegnung mit Natalie klar beantwortet : Erst das Erlebnis der Liebe erschloß, wie Risach resümierend hervorhebt, Heinrichs 'Herz zu einer früheren Blüte der Kunst und zu einem Eingehen in die tieferen Schätze der Wissenschaft" und ermöglichte ihm so die endgültige Erkenntnis der Ganzheit des Seins. In der Person Natalies, die Heinrich selbst nicht ohne Grund immer wieder in Beziehung zu der antiken Marmorstatue als dem zentralen Symbol seiner Bildung setzt , tritt das Schöne unmittelbar ins Leben, die Verbindung mit ihr symbolisiert den Abschluß seines Bildungsganges.
      Diese enge Wechselwirkung zwischen ästhetischer Erkenntnis und Erfüllung in der Liebe entspricht zudem den Gesetzen der Natur, da die Natur wie die Liebe weder Zerrissenheit noch Leidenschaft kennt. Letztere kann überhaupt in die ideale Sphäre des Nachsommer keinen Eingang finden, müßte sie doch als 'ein die andern Seelenkräfte überragendes Streben nach einem Sinnlichen" die harmonische Ordnung der Lebensverhältnisse verwirren. Diese zerstörerische Wirkung ist in der Geschichte Risachs und Mathildes demonstriert, die als ein Gegenbeispiel zum Verhältnis zwischen Heinrich und Natalie angelegt ist.
      Eine an modernen, individualpsychologischen Kriterien orientierte Interpretation wird zwar diesem grundsätzlich idealistisch-ästhetischen Aspekt der geschilderten Liebesbeziehung kaum gerecht, sie trifft aber mit ihrer Kritik solcher Auffassungen die ideologischen Grundlagen des Romans insgesamt. Das wird etwa in dem Einwand deutlich, Liebe entfalte sich im Nachsommer nur 'gebunden innerhalb starrer Konventionen, die ihre Manifestation versagen" . Denn gerade darin, daß 'Innerlichkeit [...] Äußerlichkeit des Geschehens geworden" ist , spiegelt sich die prinzipielle Dominanz alles Äußeren, der Gesetzmäßigkeit der Dinge, aus der die unabdingbare Eingliederung des Subjekts in die Ordnung der menschlichen Verhältnisse abgeleitet ist .
      Im idealen Raum des Romans erscheinen diese gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichnenderweise vor allem als familiäre. Heinrichs Liebe zu Natalie wird zum Kristallisationspunkt einer bürgerlichen Familie, über die der Einzelne in produktive Beziehung zur Gesellschaft zu treten versucht:
'Die Familie ist es, die unsern Zeiten not tut, sie tut mehr not als Kunst und Wissenschaft als Verkehr Handel Aufschwung Fortschritt, oder wie alles heißt, was begehrungs-wert erscheint. Auf der Familie ruht die Kunst die Wissenschaft der menschliche Fortschritt der Staat" .
      So ermöglicht in erster Linie die Familie als naturwüchsige Form sozialen Lebens die Selbstverwirklichung des Individuums, und zwar in einem überschaubaren, auf Harmonie ausgerichteten Bereich fern von allen gesellschaftlichen Zwängen.
     

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