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19. jahrhundert

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Die Bildung des Helden - ein individueller Entwicklungsprozeß?



Hinter der Formulierung dieser Frage verbergen sich gleich zwei Probleme, die eng aufeinander bezogen und für die Interpretation des Nachsommer als Bildungsroman wesentlich sind: Ist Heinrich Drendorf ein unverwechselbarer, psychologisch glaubwürdiger Charakter oder ist er eher ein exemplarisch gemeinter Idealtypus? Und zweitens: Weist sein Werdegang nicht Besonderheiten auf, die zu der Vermutung Anlaß geben, hier könne eigentlich gar nicht mehr von einer individuellen Entwicklung im herkömmlichen Sinne des Wortes die Rede sein?
Daß der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans merkwürdig blaß bleibt und als Person den Leser kaum zu fesseln vermag, ist bereits der zeitgenössischen Kritik aufgefallen . So rügte etwa, von seinen literarischen Prämissen her nicht gerade überraschend, Julian Schmidt in den Grenzboten, Stifter sei offensichtlich 'nicht im Stande, eine ganze Individualität in lebendige Gegenwart umzusetzen"; und der Rezensent der Wiener Zeitung bemängelte, der Held des Buches sei 'nichts weniger als ein Charakter" .
      Dieses Zurückdrängen individueller Züge hat verschiedene Ursachen. Zum einen ist Heinrich, wie im folgenden Kapitel näher zu erläutern sein wird, als Erzähler seiner Lebensgeschichte wichtiger denn als derjenige, der sie erlebt — er ist, pointiert ausgedrückt, 'nicht der Gegenstand, sondern das Mittel des Erzählens" . Zum anderen ist die Art und Weise wie er erzählt, kaum dazu angetan, unmittelbare Teilnahme an seiner Person zu wecken. Das verhindert schon die überwiegend indirekte, verschlüsselte Form aller Gefühlsäußerungen, die beispielsweise dazu führt, daß Heinrichs Neigung zu Natalie zunächst nur aus seinem Verhalten gegenüber Natur und Kunst zu erschließen ist . Wichtiger noch dürfte allerdings sein, daß der Held als Individuum gegenüber der prinzipiell gerechtfertigten Ordnung der Dinge und der menschlichen Verhältnisse kaum subjektive Ansprüche erheben darf. Das Ziel der Bildung ist also letztlich nicht die Entfaltung einer kräftig ausgeprägten Individualität, sondern die Integration in das übergreifende Ganze. Diese aber kann so reibungslos und harmonisch, wie im Nachsommer vorgeführt, nur gelingen, weil der Protagonist ein mittlerer Charakter, ein Mann ohne Eigenschaften ist: '[...] Vorzüge von was immer für einer Art sind gar nicht an mir" .
      Nur weil er von einem ganz und gar durchschnittlichen Helden erzählt, kann der Roman den Anspruch erheben, Modell zu sein für wahre Bildung und wahres Leben. Gerade gemäß dieser didaktischen Intention ist Heinrich, wie die meisten Personen in seiner Umgebung, eben nicht ein unverwechselbarer Charakter, sondern - als zu Bildender wie als Gebildeter — ein ,,vorbildliche[r] Typus", das heißt der 'wünschbare Mensch" . Daß er so wenig individuelle Züge, so wenig subjektives Temperament aufweist, ist Voraussetzung dafür, daß an seinem Beispiel ein vorbildlicher Bildungsprozeß vorgeführt werden kann, dessen einzelne Stufen und dessen Ziel exemplarischen Wert beanspruchen.
      Verglichen mit Heinrich wirken der Vater und besonders Risach als sehr viel ausgeprägtere Charaktere. Dies hängt wohl in erster Linie damit zusammen, daß sie bewegtere Lebensgeschichten hinter sich gebracht haben, die — auch aus ökonomischen Gründen — nicht von Kindesbeinen an im Bannkreis des Ideals verliefen, sondern sich über weite Strecken auf die tätige Auseinandersetzung mit der Prosa der Welt konzentrierten. Daß dies speziell für die vormals durchaus konfliktreiche Biographie des Freiherrn von Risach gilt, mag der Hauptgrund dafür sein, daß seine vorbildliche Existenz wie sein Lebensrückblick — S. 693 ff., 706 ff. - immer wieder als der eigentliche Kern des Romans angesehen worden sind .
      Als idealer, vor allen möglichen Anfechtungen gefeiter Bildungsprozeß kann Heinrichs Werdegang mit modernen individualpsychologischen Maßstäben kaum angemessen erfaßt werden. Diesem Dilemma versuchte vor allem die ältere Forschung häufig dadurch zu entgehen, daß sie seine Entwicklung biologischorganisch deutete statt psychologisch, so etwa als 'pflanzenhaftes Wachstum" . Noch Herbert Kaiser geht davon aus, daß 'die Teleologie seiner Entwicklung f...] sich nicht von der einer Pflanze [unterscheide]", da Heinrich von Anfang an in der Ordnung der Natur stehe und seine Bildung 'lediglich der Prozeß ihrer Bewußtwerdung" sei . Die Pflanzenwelt aber, so ließe sich entgegnen, kennt kein Bewußtsein, während doch Stifter zufolge die bewußte Erkenntnis der Vernünftigkeit der Dinge die Bedingung wahrer Bildung sein soll.
      Insofern Heinrich Drendorf von Beginn an in seiner Individualität unbestimmt bleibt, fehlt die wichtigste Voraussetzung für eine eigenständige psychische Entwicklung der Figur. Gleichwohl erfaßt der Roman die Geschichte seines Helden in der Kategorie fortschreitender Entwicklung, indem er sie nämlich als Weg zu einer immer umfassenderen Erkenntnis des Seins-Ganzen, als allmähliche Erweiterung des Bewußtseins also vorführt. Abzulesen ist das Fortschreiten Heinrichs beispielsweise an seiner sich wandelnden Haltung gegenüber der Literatur, gegenüber der Kunst im allgemeinen und der antiken Marmorstatue im besonderen .
      Als Erzähler versteht Heinrich sein Leben sicherlich als einen - ihm selbst zuweilen gar 'abenteuerlich" vorkommenden - Bildungsprozeß, der sich zum guten Schluß einem Zustand nähert, in dem 'jedes [,] selbst das wissenschaftliche Bestreben [...] Einfachheit Halt und Bedeutung" hat . Es läßt sich allerdings nicht übersehen, daß Stifter mit dieser Lösung eine betont einseitige Antwort auf die Grundfrage des Bildungsromans gegeben hat. Denn die im Nachsommer dargestellte Synthese von Ich und Welt wird mit der Selbstaufgabe des Individuums bezahlt, das in eine prinzipiell 'subjektunabhängige Wahrheit eingeweiht wird", so daß sich die dargestellte Bildung weniger im Prozeß als 'in der zeitlosen Sicherheit des Resultats" vollzieht . Wo das Subjekt sich so widerstandslos an die vorgegebene Ordnung entäußert, tendiert die Dynamik individueller Entwicklung zur demütigen Unterordnung unter statisch gedachte Normen und Gesetze.

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